Verbrecher- und Ganovennamen: Der grausame Wüterich

Namenforscher Jürgen Udolph hat reihenweise Namen von berühmten Menschen entschlüsselt - darunter auch die Familiennamen von Nazi-Massenmördern, von großen Ganoven und kleinen Gaunern.

Jürgen Udolph, 62, ist Professor für Onomastik an der Universität Leipzig. Der Namenforscher hat alle Hände voll zu tun: Täglich erreichen ihn Dutzende, mitunter Hunderte von Mails von Menschen, die über die Herkunft ihres Namens rätseln. Vielen SPIEGEL-ONLINE-Lesern konnte er bereits helfen und verfolgte ihre familiären Wurzeln kreuz und quer durch Europa.

Nun hat der Wissenschaftler seine Nachforschungen mit seinem Co-Autor Sebastian Fitzek als Buch* herausgebracht: "Professor Udolphs Buch der Namen - woher sie kommen, was sie bedeuten". Mit detektivischer Akribie beschreibt er darin die Herkunft von Hunderten von Namen, darunter viele Prominente von Günther Jauch bis Bastian Schweinsteiger, von Heidi Klum bis Franziska van Almsick. Ein Kapitel widmet Udolph dabei berühmten Gaunern und Ganoven, ein anderes den bekanntesten Gesichtern des Nazi-Regimes. SPIEGEL ONLINE stellt einige Auszüge vor.

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Namenforschung: Die Namen von Gaunern und Massenmördern
Einen seinen Untaten angemessenen Namen trägt beispielsweise der Präsident des NS-Volksgerichtshofes, Roland Freisler. Freisler heißt so viel wie "grausamer Wüterich". Einen ursprünglich positiven Klang hatten dagegen die Namen Himmler und Goebbels. Dem Namen Hitler hat sich Forscher Udolph besonders ausführlich gewidmet:

Adolf Hitler

"Unter heutigen Gesichtspunkten behandelte Adolf Hitler seinen Nachnamen wie einen Markenartikel. Er machte ihn von Anfang an bekannt und sorgte dafür, dass er Bestandteil der deutschen Begrüßung wurde. Ein perfider, aber genialer Schachzug, der maßgeblich dazu beitrug, dass die Person im deutschen Alltag allgegenwärtig war. Die Alliteration, also das zweimalige H- von "Heil Hitler" verstärkte diese omnipräsente Wirkung nochmals.

Adolf Hitler: Unterirdischer Wasserquell oder Fluss
DER SPIEGEL

Adolf Hitler: Unterirdischer Wasserquell oder Fluss

Vereinzelt wurde in Fachkreisen und später in der Bevölkerung sogar die Frage gestellt, ob es eine Naziherrschaft in diesen Ausprägungen überhaupt gegeben hätte, wenn Hitler anders geheißen hätte. Genährt wurden diese Überlegungen zusätzlich von dem Gerücht, Hitler hätte in Wahrheit einen anderen Familiennamen gehabt, und zwar Schickelgruber. Tatsächlich hat die Vorstellung eines militärisch zackig herausgeschmetterten "Heil Schickelgruber" etwas Lächerliches an sich. Bei diesem Namen handelt es sich um eine Zusammensetzung aus dem Dialektwort schickeln "handeln, mit etwas Handel treiben, Vieh einkaufen und wieder verkaufen" und -gruber. Letzterer ist auch als eigenständiger Familienname Gruber bekannt, wobei dieser sich natürlich von der Grube ableitet, also einer "tief, niedrig gelegenen Stelle". Der Schickelgruber war folglich ein Händler aus dem Ort Grube.

Ein Blick auf Hitlers Stammbaum allerdings entlarvt die Schickelgruber-Saga als modernes Märchen: Der größte Massenmörder aller Zeiten wurde am 20. April 1889 abends halb sieben im "Gasthof zum Pommer" in der österreichischen Kleinstadt Braunau am Inn geboren. Und zwar als Adolf Hitler. Der Name Schickelgruber indes ist nicht völlig frei erfunden. Der vermutliche Großvater Hitlers, der Vagabund Johann Georg Hiedler, heiratete 1842 eine Bauerntochter namens Maria Anna Schickelgruber. Schon fünf Jahre vor der Ehe hatte er mit ihr ein Kind gezeugt und es Alois genannt. Auch nach der Hochzeit wollte Johann Georg - aus welchen Gründen auch immer - es nicht anerkennen. Alois behielt den Namen Schickelgruber, bis er vierzig war. Dann ging einer von Johann Georgs Brüdern, Johann Nepomuk, im Jahr 1876 zum Gemeindepfarrer in Döllersheim und veranlasste die Streichung des Eintrags "unehelich". Aus Schickelgruber wurde qua Amtsverfügung Hitler und Alois lernte mit diesem Namen seine Frau Klara Pölz kennen. Er hatte mit ihr einen Sohn, den späteren Reichskanzler Adolf Hitler.

Ungeklärt ist bis heute, ob Johann Georg Hiedler wirklich Hitlers Großvater war. Deshalb gibt es nach wie vor das Gerücht, Hitler könne auch jüdische Vorfahren gehabt haben. Den Mädchennamen seiner Großmutter hat Hitler jedoch nie besessen.

Diese Namenentwicklung ist wieder einmal in mehrfacher Hinsicht interessant. Einmal ist sie ein Spiegel der damaligen Sittengeschichte. Andererseits gibt sie einen ersten Hinweis auf die Entstehung des Wortes Hitler und damit auf dessen Bedeutung. Die bisherigen Forschungen über den Namen Hitler haben die älteren Formen mit -d- wie Hidler und vor allem Hiedler kaum beachtet. Sie gingen von einer Verbindung zu Hütte aus, was jedoch nach Hitlers Stammbaum nicht überzeugend ist. Hinzu kommt, dass die Familiennamen Hütler und Hüttler in Deutschland nur wenig bezeugt sind: Hütler findet sich viermal, Hüttler 74-mal. Die normale Ableitung von Hütte ist aber nicht Hitler, sondern der Familienname Hüttner und den gibt es hierzulande ungefähr 3500 Mal.

Hitler leitet sich von Hiedler ab. Darin enthalten ist das bairische und österreichische Dialektwort "Hiedl". Ein "Hiedl" ist ein unterirdischer Wasserquell oder Fluss, der besonders in Kellern und Vertiefungen periodisch für Überschwemmungen sorgt. Eine Naturplage also, die die Bevölkerung vorwiegend in den Gegenden der Sand- und Moorauen um München heimsuchte. Der Name Adolf Hitlers hat also eine ärgerliche, aber dennoch harmlose Bedeutung. Hitler war der Nachfahre von Menschen, die an einem zeitweise versiegenden Fluss- oder Wasserlauf gelebt haben. Bemerkenswert: Noch 1998 gab es im deutschen Telefonverzeichnis einen Hitler im Schwarzwald und einen Hiedler im bayrischen Brannenburg.


* Jürgen Udolph, Sebastian Fitzek: "Professor Udolphs Buch der Namen. Woher sie kommen. Was sie bedeuten." C. Bertelsmann, München, 2005; 320 Seiten; 18 Euro.

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