Vielschreiber Walter Krämer: Ein Sprachwächter und seine Mission

Von Johannes Eberhorn

Er kann "Denglisch" nicht ausstehen, streitet für das Reinheitsgebot der deutschen Sprache und veröffentlicht Bücher meterweise: Walter Krämer ist alles andere als ein typischer Wissenschaftler. Aber mit seinem Hang zur Rechthaberei eckt der Dortmunder Statistikprofessor häufig an.

 Sprachschützer Krämer: "Wir haben die Nase voll"
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Sprachschützer Krämer: "Wir haben die Nase voll"

Für einen Wissenschaftler kommt Walter Krämer reichlich unwissenschaftlich daher. Er steht gern und oft im Rampenlicht, drückt sich selbst in seinem Fachgebiet verständlich aus und kennt in Interviews keine Scheu vor Kraftausdrücken wie "Arschkriecherei" oder "Schleimer". In Akademikerkreisen ist der Dortmunder Statistikprofessor deshalb nicht so angesehen, wie er es vielleicht sein könnte. "Natürlich stört mich das. Es zeugt doch nur vom mangelnden Selbstbewusstsein meiner Kollegen, dass sie es als anrüchig empfinden, wenn man als Wissenschaftler für eine Zeitung schreibt", sagt Krämer.

Trotz gelegentlicher Kollegenschelte ist der 55-Jährige als Wirtschafts- und Sozialstatistiker eine anerkannte Größe, was sich unter anderem an seiner Mitgliedschaft in zahlreichen Fachgremien ablesen lässt. Und Krämers Erfolg als Autor können selbst seine Gegner nicht leugnen: Über 30 populärwissenschaftliche Bücher hat er bislang veröffentlicht, darunter auch Bestseller.

Mit Aufklebern gegen Amerikanisierung

Selbst der schreibwütigste Statistiker hat es schwer, sich einen Namen über die Fachkreise der Zahlenhuber hinaus zu machen. Richtig bekannt wurde Krämer erst, als er sich auch noch selbst zum Retter der deutschen Sprache ernannte. 1997 gründete er mit sechs Gleichgesinnten den "Verein zur Wahrung der deutschen Sprache", um gegen den zunehmenden englischen Einfluss auf die Sprache Goethes zu kämpfen. Die damals kleine Bewegung heißt inzwischen nur noch "Verein Deutsche Sprache" (VDS) und steuert hart auf die 20.000-Mitglieder-Marke zu.

Mit Aufklebern gegen die "Amerikanisierung unserer Kultur", Wettbewerben wie "Deutschland sucht den Superdichter" oder der Wahl zum "Sprachpanscher des Jahres" will der VDS englischen Wendungen den Garaus machen, die nach Überzeugung des Vorsitzenden Krämer unnötigerweise das Deutsche "vermanschen". Im Internet führt der Verein dazu eine schier endlose Liste und streitet unermüdlich zum Beispiel gegen "Denglisch" in der Werbung, von "Drive alive" bis "Come in and find out".

Jüngstes Projekt der Sprachschützer ist ein internationaler Musikpreis. Mitmachen dürfen nur Künstler, die außerhalb des deutschen Sprachraums leben, ihre Texte aber trotzdem in der Sprache der Dichter und Denker verfassen. Als Schirmherr hat sich Reinhard Mey gefunden - der Liedermacher verzichtet in seinen Werken auf englische Floskeln wie "baby" oder "cool". Zu den prominenten VDS-Mitgliedern zählen neben Mey zum Beispiel auch Komiker Dieter Hallervorden und Moderatorin Nina Ruge.

Provokant am Ziel vorbei

Dass ihm wegen seiner Abneigung gegen die deutsch-englische Sprachvermengung Kollegen und Medien schon einmal Purismus oder Xenophobie vorwerfen, hält Krämer nicht auf. "Diese Anglizismen verschwinden nicht wieder von alleine. Es muss jemand laut und deutlich sagen 'Wir haben die Nase voll!'." Genau das tut der VDS-Vorsitzende. Und schießt dabei manchmal über das Ziel hinaus oder komplett daran vorbei. Dann etwa, wenn er den Amerikanern "Bombenterror auf Dresden" vorwirft, um zu verdeutlichen, dass die in seinen Augen bedingungslose Verehrung der Deutschen für den "American Way of Life" unberechtigt ist. "Für viele Deutsche", sagt Krämer, "ist Englisch die Sprache der guten Leute, die in den Himmel kommen." Deshalb will er mit solchen Aussagen zeigen, "dass auch die Amerikaner Dreck am Stecken haben".

Krämer-Bestseller: Bonus für Raucher

Krämer-Bestseller: Bonus für Raucher

Solche seltsamen Sachen sagt der Herr Krämer bisweilen. Und Herr Krämer meint sie wirklich ernst.

Doch seine provokanten Ausfälle verschaffen dem Dortmunder Professor eine Menge Aufmerksamkeit. Wird eine Stellungnahme zum Verfall der deutschen Sprache benötigt, ist es nicht selten Krämer, der einen markigen Spruch zum Besten geben darf. Auch sonst hat er ein gutes Gespür dafür, was beim Volk ankommt.

Allein sein 1996 erschienenes "Lexikon der populären Irrtümer" stand 78 Wochen auf der SPIEGEL-Bestsellerliste und wurde weltweit mehr als eine Million Mal verkauft. In dem launigen Nachschlagewerk räumt Krämer mit seiner Einschätzung nach gängigen Fehlurteilen auf - dass etwa Bio-Essen gesünder sei als Fast Food oder dass Raucher das Gesundheitswesen belasteten. Bereits 1983 fragte der Statistiker im SPIEGEL nach einem "Bonus für Raucher", weil diese im Schnitt früher sterben und so die Sozialkassen sogar entlasten würden.

Weniger Besserwisserei wäre manchmal mehr

An dieser These, die ihm viele empörte Leserbriefe einbrachte, hält Krämer weiter fest: "Wenn Leute im Bundestag immer noch fordern, Raucher zu bestrafen, dann halte ich das für kriminell doof." So ist der Professor eben. Wenn er etwas entdeckt, was er für falsch hält, muss er es einfach sagen: "Da kann ich nicht an mich halten." "Die Zeit" verpasste ihm deshalb einmal den Titel "Professor Besserwisser".

Autor Krämer: "Da kann ich nicht an mich halten"
Jürgen Huhn

Autor Krämer: "Da kann ich nicht an mich halten"

Im vergangenen Jahr schnitt sich Krämer mit seinem Hang zum Rechthaben ins eigene Fleisch und begegnete Plagiatsvorwürfen der "taz" mit einer Klage. Die Zeitung hatte behauptet, der umtriebige Professor habe in seinem "Lexikon der Städtebeschimpfungen" kräftig von einem anderen Werk abgeschrieben, ohne dies deutlich zu machen. Krämer hatte die Zitate im Text zwar samt Autor gekennzeichnet, aber ohne das dazu gehörige Buch "Öde Orte" ins Literaturverzeichnis aufzunehmen. Sein Verlag einigte sich außergerichtlich und zahlte Honorare nach, doch der erboste Akademiker hielt an seiner Klage gegen die "taz" fest. Und verlor. Der "taz"-Autor habe den Begriff "astreines Plagiat" nicht im juristischen Sinn gebraucht, es handele sich um eine journalistisch zulässige Bewertung, hieß es im Urteil des Berliner Landgerichts. Und wenn man in Betracht zieht, dass das "Lexikon der Städtebeschimpfungen" - abgesehen vom Vorwort - im Wesentlichen ohnehin nur eine Zitatensammlung ist, wäre ein bisschen weniger krämersche Empörung wohl klüger gewesen.

Ärger über die masochistische Tendenz der Deutschen

Wirklich geschadet habe ihm diese Niederlage aber nicht, meint Krämer. Die Einladungen für Vorträge hätten danach sogar noch zugenommen. Denn reden kann Walter Krämer. So überzeugt er sein Publikum davon, wie sehr unser Leben von falschen Statistiken und "Desinformationskampagnen" bestimmt wird.

Auch diesen Stoff hat er schon in einem populärwissenschaftlichen Buch verarbeitet. In "Die Panikmacher" (2002) zeigt Krämer, wie harmlos seiner Meinung nach Atomtransporte, BSE und Amalgam sind. Warum diese Themen trotzdem stets für gewaltiges Rauschen im heimischen Blätterwald sorgen? Natürlich hat Krämer auch darauf die passende Antwort: "Schlechte Nachrichten werden von uns Deutschen mit unserer masochistischen Tendenz eher beachtet als gute." Der sprichwörtliche Pessimismus der Deutschen missfällt dem Professor.

Dabei beschäftigt er sich selbst bisweilen mit Desastern und ihren Folgen. Zurzeit arbeitet der Statistiker an einem Aufsatz zu den Effekten der zehn größten Katastrophen auf die weltweiten Aktienmärkte. "Das beginnt beim Hurrikan Andrew 1992 und geht bis zur Attacke auf das Welthandelszentrum 2001", erklärt Krämer.

Natürlich sagt er "Welthandelszentrum", nicht "World Trade Center". Wenn es zu einem englischen Wort eine deutsche Alternative gibt, dann benutzt er sie auch konsequent.

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