Abrechnungsaffäre: Der Spesen-Professor

Von Steffen Winter, Dresden

Prof. Bernhard Weller (2010): Was darf ein Professor abrechnen? Und über welches Konto? Zur Großansicht
Ulrich van Stipriaan /TU Dresden

Prof. Bernhard Weller (2010): Was darf ein Professor abrechnen? Und über welches Konto?

Restaurantbesuche, Bücher, Reisen: Ein Dresdner Professor hat seine Spesen jahrelang über eine schwarze Kasse beglichen. Sein privates "Viertmittelkonto" wurde mit Software-Gebühren von Studenten gefüllt.

Das "Kap am Südkai" ist eine gute Adresse, um sich von den Pflichten des professoralen Alltags zu erholen. Vom Dachgarten des Restaurants in Köln schweift der Blick weit über den Rhein, der Küchenchef hat sein Handwerk bei Sterneköchen gelernt. Der Sekt - Hausmarke "Sekt Kap" - floss reichlich.

Bernhard Weller war häufig hier zu Gast. Der Chef des Instituts für Baukonstruktion der Technischen Universität Dresden mochte das Holunder-Dessert und das Blanquette vom Huhn. Die kulinarischen Streifzüge nach Köln, aber auch nach Berlin, Weimar, Nürnberg und ins niederländische Kasteel Vaalsbroek waren für den Professor nicht allzu teuer. Die Rechnungen legte er seiner Sekretärin in Dresden vor. Die Erstattung der Kosten erfolgte über ein Sonderkonto des Instituts, das Weller bei der HypoVereinsbank eröffnet hatte.

Die Buchhaltung der Universität prüft Bewirtungsbelege genau; der Professor ging wohl davon aus, dass die Kosten auf dem Dienstweg nicht erstattet würden. So entstand die schwarze Kasse, über deren Existenz die Universität bis vor wenigen Wochen nichts wusste. Nun prüft die Innenrevision den Fall.

Woher stammt das Geld auf dem umstrittenen Konto?

Vermutlich hätte das Konto - an der Uni angeblich als "Viertmittelkonto" bezeichnet - gar nicht existieren dürfen: Sonderkassen verstoßen, so die Uni, grundsätzlich gegen die sächsische Haushaltsordnung. Und die Einzahlungen auf dieses Konto wirken nicht minder fragwürdig. Es ist vor allem Geld von Dresdner Bauingenieursstudenten. Denen wurde im Fachbereich die Konstruktions-Software "Nemetschek Allplan" empfohlen. Für 100 Euro Leihgebühr plus 15 Euro für ein zugehöriges Handbuch - zu entrichten bar im Sekretariat. Mehrere hundert Studienanfänger jährlich kamen als Kunden in Frage.

Weller macht keine Angaben darüber, wie viele zahlten. Er beteuert, Ende 2007 die kostenpflichtige Ausleihe eingestellt zu haben. Doch auch danach sollen Studenten zur Kasse gebeten worden sein. Dem SPIEGEL liegen mehrere Verträge aus dem Jahr 2008 vor. Und noch im November 2011 sind für das Konto 6400 Euro Bareinzahlungen vermerkt - Herkunft unbekannt.

"Aufwendungen nur mit erheblichem Aufwand abrechenbar"

In welcher Höhe Weller selbst wiederum Lizenzgebühren für die Programme zahlen musste, ist unklar. Jedenfalls ab 2005 gab es offenbar auch eine kostenlose Version. Sicher ist, dass von dem Konto zahlreiche Überweisungen an Wellers Privatkonto bei der Sparkasse Aachen gingen, oft vierstellige Summen. Belege zeigen, dass damit Restaurantrechnungen, Tankfüllungen, Handykosten für zwei E-Plus-Rufnummern, Museumsbesuche und Buchkäufe beglichen wurden.

Weller sagt, er habe das Konto eingerichtet, um Verwaltungsabläufe bei der Ausleihe des Programms zu beschleunigen und um Barauslagen erstatten zu können. Die Bewirtungen und Ähnliches hätten in unmittelbaren Zusammenhang mit einer Tätigkeit an der Uni gestanden.

Nur warum rechnet er dann nicht über die Hochschule ab? Weller: "Nach meiner bisherigen Kenntnis waren diese Aufwendungen nicht oder nur mit erheblichem Begründungsaufwand unmittelbar über die TU Dresden abrechenbar."

Die Uni-Revision untersucht auch das Konto eines privaten Fördervereins, der das Institut unterstützt. Dort landeten Gelder von Unternehmen und Gewinne von Tagungen, die das Institut organisiert hatte. Über das Konto des gemeinnützigen Vereins soll Weller zahlreiche Bücher bezahlt haben, deren Zusammenhang mit seiner Professur sich nicht direkt erschließt: "Von Puschkin bis Gorki", "In einem stillen Land" oder "Sunset". Weller bestreitet einen privaten Hintergrund dieser Anschaffungen; es seien Geschenke für Referenten gewesen. Dies wird nun intern überprüft.

Mitte Juni wurde das Guthaben des Kontos der Uni übertragen, so hatte es die Innenrevision empfohlen. Die Hochschule hat "eine umfassende Untersuchung der Vorgänge eingeleitet". Die Revision wird sich auch für die Tätigkeit eines wissenschaftlichen Mitarbeiters interessieren. Der Professor hatte für die Tragwerksplanung seines Privathauses in Aachen die Hilfe eines Institutsmitarbeiters beansprucht. Derartige Planungen können leicht mehrere tausend Euro kosten. E-Mails lassen vermuten, dass der Mitarbeiter die Planungen auch während seiner Arbeitszeit am Institut erstellte, ohne dafür gesondert bezahlt worden zu sein. Weller spricht von einem Freundschaftsdienst. Die Universität hat dem Helfer mittlerweile die Doktorwürde verliehen. Erstgutachter im Promotionsverfahren war Bernhard Weller. Die Arbeit wurde "mit Auszeichnung" bewertet.

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insgesamt 99 Beiträge
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1. Aufregenswert?
adam68161 08.07.2013
Die "freundschaftliche" Unterstützung beim Hausbau, das Abzweigen/Generieren von Geld für eine schwarze Kasse an Lehrstühlen und Instituten ist doch nichts Neues. Es ist ständige Übung an vielen Unis. Allerdings lassen sich (leider) nur die wenigsten sog. "Hochschullehrer" dabei erwischen. Und die disziplinarischen Folgen für den Meister dürften sehr gering sein.
2. Elfenbein
Ratzbär 08.07.2013
Ja, so ein Leben im Elfenbeinturm kann einem manchmal den Blick für die Realität stark trüben! - Wenn jetzt noch VroniPlag über die Doktorarbeit herfällt und ein Plagiat feststellt, wird die Sache rund! Glückwunsch, ihr "Erhabenen"
3. Und wo ist der Skandal?
polarity 08.07.2013
Wenn die Softwaregebühren gerechtfertigt waren, ist das Vorgehen ok. Die Verwaltungsbürokratie ist derart auswuchernd und weltfremd, dass ein solches Konto Sinn macht.
4. ist doch prima
___wegwerfaccount___ 08.07.2013
Wir leben in einer Gesellschaft, in der auch solch vermeintliche "Kleinigkeiten" das Zeug haben, bundesweit in die Nachrichten zu kommen. Da möchte ich doch auch mal sagen: Das finde ich gut! Wir sind offensichtlich doch nicht durch und durch korrupt. Ciao Tina
5. Die BRD ist ein von Korruption durchfressenes
harald441 08.07.2013
staatsähnliches Gebilde unter Besatzungsrecht stehend, welches bei jeder ernsten Krise - vom Krieg wollen wir mal vorsichtshalber gar nicht erst sprechen - zusammenbrechen wird wie ein Kartenhaus. Und das ist systemimmanent und durch keine Wahl heilbar, ebensowenig wie in der DDR ja faktisch der Sozialismus in seinem Irrsinn abgewählt werden konnte.
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