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Vokabelkurs für Briten: Das Eckige muss ins Runde

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Der Engländer spricht ungern Ausländisch, schon gar nicht die Sprache der "Krauts". Eine Deutschlern-Kampagne packt die Insulaner bei ihrer größten Leidenschaft: Elf Postkarten versammeln das wichtigste Fußball-Vokabular - damit lässt sich im WM-Jahr prima fachsimpeln.

Diese elf grünen Postkarten wirken garantiert animierender als jedes Wörterbuch: Sie sollen dafür sorgen, dass deutsches Sprachgut in britischen Köpfen verankert wird. In seiner Kampagne zum Deutschlernen lässt der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) die nebensächlichen Verrichtungen des Alltags erst einmal aus. Stattdessen steht hier der Spracherwerb für die wirklich wichtigen Dinge des Lebens im Vordergrund - Blutgrätsche und Doppelpass, Befreiungsschlag und Flugkopfball. Vergessen hat der DAAD allerdings eine phonetische Erläuterung, damit der englische Fußballfan auch erfährt, wie er all die schwierigen Begriffe auf Deutsch ausspricht (etwa "up-sights" für "Abseits").

Die Karten benennen die Stammelf, die England voraussichtlich zur Weltmeisterschaft nach Deutschland schicken wird. Neben den Namen der Fußballstars zeigen sie typische Spielsituationen: David Beckham etwa lässt sich zuerst umtreten und zirkelt dann einen Freistoß ins Tor. Wayne Rooney trifft mit einem seiner gefürchteten Flatterbälle. Dazu die gewagte These: "Weltmeister 2006 England".

Die Unterzeile ironisiert den frommen Wunsch: "Easier said than done", leichter gesagt als getan, was sich auf das Sprachenlernen ebenso gut beziehen lässt wie auf die Chancen, im WM-Turnier tatsächlich solche perfekten Spielzüge zu landen. Eine Studie der EU zeigte kürzlich, dass die Europäer sprachlich insgesamt recht gut zu Fuß sind: Immerhin 56 Prozent sprechen mindestens eine, 28 Prozent zwei oder mehr Fremdsprachen. An der Spitze stehen die Luxemburger mit 92 Prozent dreisprachigen Bürgern, gefolgt von den Holländern (75 Prozent) und Slowenen (71 Prozent). Abgeschlagen dagegen die Briten - 62 Prozent können sich ausschließlich auf Englisch verständigen, das übertreffen nur noch die Iren mit 66 Prozent.

"Oliver Kahn - let it all in"

Erste Hilfe für Fußballfans bietet derzeit auch das Goethe-Institut in London. Dort läuft seit Februar und noch bis Mitte Mai ein "Deutschkurs für Fußballfans", die so "das Beste aus der Fußballweltmeisterschaft 2006 rausholen" sollen. Bei den Workshops gibt es zunächst Erste Hilfe mit Grundbegriffen wie "Schiedsrichter" oder "Schwalbe". Allmählich tasten sich die Teilnehmer an Stadion-Liedgut und an Zungenbrecher wie "Lieblingsmannschaft" oder "Schienbeinschoner" heran, um am Ende dann formvollendete Beleidigungen wie "Schiri, wir wissen, wo dein Auto steht" einzustudieren.

Der DAAD setzt mit den Fußballmotiven jetzt seine erfolgreiche "Learn German"-Kampagne fort, in der die Organisation gemeinsam mit dem Goethe-Institut und dem britisch-irischen Germanistenverband seit Jahren für die deutsche Sprache wirbt. Die Plakat- und Postkartenaktion soll 13- bis 14-jährige Schüler dafür gewinnen, in der Schule die Fremdsprache Deutsch weiterzuführen. Aus dieser Gruppe rekrutieren sich die späteren Deutschstudenten, und die Zahl der Deutschlerner auf der Insel ist seit Jahren rückläufig.

Auf den Pfad zur deutschen Sprache gelockt werden sollen die Jugendlichen mit witzigen, selbstironischen Schlagzeilen - was man den als humorlos verschrieenen Deutschen auf der Insel gemeinhin nicht zutraut. Die erste Kampagne im Jahr 2002 war mit einem Wettbewerb verbunden; dabei sollten Schüler ihre schönsten Deutschland-Stereotypen einschicken. Heraus kamen preisgekrönte Kalauer, darunter "Einstein. Learn German - it's relatively easy" oder "Oliver Kahn. Learn German - and let it all in" (in Anspielung auf das von den Deutschen verlorene WM-Endspiel von 2002).

Die diesjährige Werbetour, umgesetzt von der Agentur "Brighten the Corners", setzt wieder ganz auf König Fußball. Die Resonanz sei groß, berichtet Nina Lemmens, Leiterin der Londoner DAAD-Büros. Schulen verwenden den Kartensatz im Deutschunterricht.

Die englischen Kicker können jedenfalls die Autosuggestion gut gebrauchen: Das Land wartet seit 1966, als das Team um Bobby Charlton im Finale mit dem legendären "Wembley-Tor" 4:2 gegen Deutschland gewann, auf einen WM-Titel. Danach schied England immer wieder aus - häufig im Elfmeterschießen, wie 1990 gegen den späteren Weltmeister Deutschland.

Die ewigen Schlappen per Elfmeter wurden fast zu einem nationalen Trauma. Robbie Williams zum Beispiel hat seine nächste Tournee rund um das WM-Endspiel in Berlin herum geplant, wie er in einem MTV-Interview verriet. Aber ihm schwant nichts Gutes: "England wird im Elfmeterschießen verlieren. Wie immer."

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