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Medizin-Studentinnen auf Werbetour: Die Landärztinnen

Werbetour für Medizinstudenten: So geht Landarzt, meine Damen Fotos
DPA

Junge Mediziner, heiß begehrt: Auf einer Werbetour durch Baden-Württemberg sollen drei Studentinnen davon überzeugt werden, später als Hausärztinnen auf dem Land zu arbeiten. Lockt man so den Nachwuchs raus aus der Stadt?

"Schon zauberhaft hier", sagt Sarah Fennell. Sie sitzt im Wartezimmer einer Arztpraxis in Ehingen und schwärmt: In der Gegend gäbe es viele Freizeitangebote, und auch der Bodensee sei ja nicht weit, meint die 23 Jahre alte Medizinstudentin aus Tübingen.

Fennell und zwei Kommilitoninnen haben sich aufgemacht auf eine Reise durch Baden-Württemberg, von Konstanz nach Stuttgart. Sie waren auf Schloss Lichtenstein, im Klettergarten und bei Ritter Sport in Waldenbuch. Das Essen, die Unterkunft im Hotel und eine Cabrio-Fahrt inklusive Chauffeur wurden ihnen bezahlt - vom Hausarztverband und einer großen Krankenkasse.

Denn Anika Beck, Sarah Fennell und Katharina Kromer sind, obwohl sie noch studieren, schon sehr begehrt: Als Hausärztinnen auf dem Land. Die werden nämlich dringend gesucht. Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung sind in Baden-Württemberg rund 7100 Hausärzte tätig. Rein rechnerisch stehen damit für jeden Landkreis 161 Ärzte bereit.

Mehr als 500 Praxen werden bald unbesetzt bleiben

In der Realität sind die Mediziner jedoch sehr ungleich verteilt: Viele in der Stadt, wenige auf dem Land. So kommen in Stuttgart 448 Einwohner auf einen Arzt, im Hohenlohekreis dagegen 800 Einwohner, teilt das Statistische Bundesamt mit. Und während in Mannheim ein Arzt für 416 Einwohner zuständig ist, sind es im Neckar-Odenwald-Kreis 801.

Hinzu kommt: Fast ein Viertel der Hausärzte in dem Bundesland ist älter als 60 Jahre. Vor allem in den ländlichen Regionen stehen viele Ärzte kurz vor dem Rentenalter. "In den nächsten Jahren werden über 500 Praxen unbesetzt bleiben", sagt Urs Kargl. Er ist beim Hausärzteverband zuständig für das Projekt "Perspektive Hausarzt".

Mit der Werbetour wolle man das "Hausarztleben nachspielen", sagt Kargl. Außerdem wolle man den jungen Medizinern ein paar Tipps geben, wo sie sich später als Hausarzt niederlassen können. Knapp 70 Studenten aus ganz Deutschland hätten sich beworben. Sechs Studenten wurden ausgewählt und in zwei Etappen unter dem Motto "Raus aufs Land, rein ins Leben" durch den Südwesten kutschiert.

Wie finanziert man eine Praxis?

Einblicke in den Arbeitsalltag erhalten die drei angehenden Medizinerinnen in der Praxis von Roland Schenzle in Ehingen. Der 55-Jährige Allgemeinmediziner ist dort seit 22 Jahren Chef. Auch er ist sich sicher: "Der Mangel an Hausärzten steht vor der Tür." Das Gehalt der Ärzte sei in den vergangenen 15 Jahren stetig gesunken. Das schrecke den Nachwuchs ab. Außerdem gelte der Hausarztberuf als stressig und zeitintensiv, sagt Schenzle.

Um Geldfragen zu klären, konnten die Studentinnen mit Fachleuten von der Bank einen möglichen Finanzierungsplan für eine eigene Praxis anschauen. "Da haben wir gesehen, so eine Praxis könnten wir auch finanzieren und auch wieder abbezahlen", sagt Studentin Kromer, 23, aus Heidelberg.

Nach der Tour sagen die Studentinnen, sie könnten sich den Beruf als Landarzt durchaus vorstellen. "Wenn ich eine Stadt wie Ravensburg in der Nähe habe, dann kann ich mir gut vorstellen, aufs Land zu ziehen", sagt Beck, 24, aus Düsseldorf. "Ein 300-Seelen Dorf käme für mich aber nicht infrage."

In der Stadt leben, auf dem Land arbeiten

Der Vorteil: Heute gilt nicht mehr die Residenzpflicht für Landärzte, sagt Kargl vom Hausarztverband. Früher mussten Mediziner in dem Ort wohnen, in dem ihre Praxis steht. Heute ist es möglich, eine Praxis auf dem Land zu betreiben und in der nächsten Stadt zu leben.

Auch Kromer kann sich vorstellen, irgendwann mal als Hausärztin auf dem Land zu arbeiten. Man müsse zwar als selbstständiger Arzt viel Bürokratie ertragen. Aber dafür sei man auch sein eigener Chef.

In Stuttgart endet die Tour. Der Verband hat den Frauen noch eine Nacht in einem Hotel in der Innenstadt spendiert. Die drei wollen am Abend etwas unternehmen. Ins Kino soll es gehen oder ins angesagte Heusteigviertel. Die vielen Möglichkeiten in der Stadt sind verlockend.

  • DPA
    Stifte raus, Medizinertest! Jahr für Jahr quälen sich Tausende Abiturienten durch eine Extraprüfung, um ihre Chance auf einen Medizinstudienplatz zu erhöhen. Geprüft werden Logik und räumliches Denken sowie Grundkenntnisse der Naturwissenschaften. Wie viel hätten sie gewusst?

Bendix Wulfgramm/dpa/lgr

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1. Lösung in der Marktwirtschaft
MünchenerKommentar 10.08.2014
Letztlich werden solche Werbemaßnahmen nicht helfen, wenn der gefühlte Standortnachteil auf dem Land nicht durch einen finanziellen Vorteil für den Arzt und seine Familie ausgeglichen wird. Schließlich muss nicht nur der Arzt bzw. die Ärztin auf dem Land arbeiten, sondern auch der Partner. Die Krankenkassen bzw. die Kassenärztlichen Vereinigungen sollen einfach einen "Pampa-Zuschlag" von 10% und einen "Großstadt-Abschlag" von 10% einführen, der für die ärztlichen Leistungen gezahlt wird. Und wenn das noch nicht reicht, werden aus den 10% eben 20%.
2. intelligent! wenn sich 70 Studenten dafür...
crimesceneunit 10.08.2014
beworben haben und künftig hunderte Praxen leer stehen, warum können nur 6 die Tour machen und nicht alle 70??? die paar Euronen sollten doch die entsprechenden Verbände und Kassen locker machen können. oder wurden 64 Nieten aussortiert? ;)
3.
großwolke 10.08.2014
Das Problem liegt, glaube ich, vor allem in diesem Selbständigkeitsmodell für die Ärzte. Von wegen "sein eigener Chef sein". Wieviel unternehmerische Freiheit steckt in einem Dienstleistungsberuf, gerade in dem des Arztes? Mir gefällt, rein vom Prinzip her, das britische Modell viel besser: eine nationale Behörde plant und regelt den Ärztebedarf durch die Schaffung entsprechender Einrichtungen und Stellen. Auf die Art kann man Schwergewichte schaffen, die wichtig genug sind, um untereinander sinnvoll zu verhandeln: der Gesundheitsdienst mit dem Staat über die Mediziner-Ausbildung (so wir denn den dämlichen Bildungsföderalismus irgendwann mal in den Griff bekommen), die Ärztegewerkschaft mit dem Gesundheitsdienst über Arbeitsbedingungen und Gehälter, die Lokalpolitik mit dem Gesundheitsdienst über Qualität und Verfügbarkeit des Angebotes, der Gesundheitsdienst mit allerlei Herstellern über die Preise notwendiger Praxiseinrichtungen. Das hätte unter anderem den Vorteil, dass sich angestellte Ärzte ihre Jobs je nach aktueller Wohnvorliebe immer mal wieder neu aussuchen könnten, statt von einer sechsstelligen Investition auf unüberschaubare Zeit an einen Ort gefesselt zu werden. Aber nein, nein, in Deutschland halst man lieber das Existenzgründungsrisiko jungen Leuten auf und wundert sich dann, dass die ihre Prioritäten vor allem in dieser Anfangsphase ihres Berufslebens nicht so setzen, wie sich Vater Staat das gern wünschen täte. Ursache und Wirkung.
4. Es kann nicht sein,
goethestrasse 10.08.2014
dass der Hausarzt als Grundversorger ein so schlechtes Image hat. Bevor man Facharzt werden kann, sollte man mindestens 3 Jahre in einer Allgemeinpraxis, ausserhalb eines Krankenhauses gearbeitet haben. Mit Bonus - zeitlich ? - für Absolvierung ausserhalb von Grosstädten.
5. Taumzahlen
Bengali_de 10.08.2014
1 Arzt auf 416 Patienten in der Stadt und "nur" 1 Arzt auf 800 Einwohner auf dem Lande - wo gibt es noch derartige Traumzahlen. Nur mal so nebenbei: rein rechnerisch bedeuten diese Zahlen, dass Ihr auf dem Lande doppelt so häufig KV-Notdienst schieben müsst wie in der Stadt. Bitte, liebe Studentinnen, kommt nach Kleve! Dort in Kran(k)enburg liegt das Verhältnis 1 Hausarzt auf 5000 Einwohner. Und we jetzt rechnen kann, der rechne. Hat man Euch schon aufgeklärt, dass Ihr den Notdients selber finanzieren dürft (ca. 200 Euro pro Monat bei der Kassenärztlichen Vereinigung Westphalen-Lippe)? Und die Sache mit der Residenzpflicht - wie wollt Ihr den KV-Notdienst ableisten, wenn Ihr in der nächst-größeren Stadt wohnt - Eure Praxis aber 50 km entfernt liegt? Okay - war auch nur eine Frage ... Aber bevor Ihr Euch endgültig entscheidet ein kleiner Tipp: Begleitet den Euch betreuenden Arzt einmal zu einem der netten Mittwochnachmittags-Kollegengespräche ohne Kaffee und Kuchen bei der lieben KV im Rahmen eines Regress-Verfahrens. Danach seht Ihr viele Dinge anders und viel klarer ...
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