WG-Lexikon: "Ihr wollt doch nur die Mädels haben!"

4. Teil: C wie Casting: Ihr wollt natürlich ein Mädel haben!


Die Suche nach neuen Mitbewohnern ist zu Beginn superspannend: Unter den 200 Zuschriften gleich am ersten Tag sind bestimmt mindestens 20 interessante, witzige und sozialverträgliche Kandidaten dabei, oder?! Und man selbst hat plötzlich eine Juryautorität wie Heidi Klum. Doch spätestens nach dem dritten Besichtigungstermin wird aus dem anfänglichen Spaß purer Stress - vor allem, wenn sich die anderen WG-Bewohner gegen die eigene Wunschkandidatin wehren...

Casting: "Das Telefon stand nicht mehr still. Das eigens eingerichtete E-Mail-Postfach der WG war so voll, dass sich der Provider vermutlich einen neuen Server zulegen musste. Und dabei hatten sie lediglich im Netz eine kleine Anzeige für die frei gewordenen 12 Quadratmeter geschaltet. Schöne WG-Zimmer waren in der Großstadt heiß begehrt. Es wurden regelrechte Castings veranstaltet, bei denen die Bewerber Schufa-Auszüge, Bürgschaften, polizeiliche Führungszeugnisse, zwei bis drei Harvard-Abschlüsse sowie in der Regel auch Urinproben mitbringen mussten.

'Und, was meint ihr?', fragte Veit. 'Die sind natürlich alle sehr nett, aber...'
'...aber ihr wollt natürlich das Mädel haben!', maulte Ceylan. Es waren nur noch drei Kandidaten in der engeren Auswahl, die nun ungeduldig in der Küche warteten. 'Das ist eine Unterstellung!', erwiderte David. 'Ach so? Na, wer soll's denn dann sein?', hakte sie nach. 'Ja, ähm. Also … gut, nach eingehender Prüfung der persönlichen Eignung würde ich mich schon für den weiblichen der 20 Kandidaten aussprechen wollen.'

'Ich würde eher sagen, nach eingehender Prüfung ihrer Oberweite! Du hast doch die ganze Zeit nicht zugehört und nur auf ihre Titten gestarrt. Das ist jetzt aber sexistisch! Und männerverachtend! Also beides zugleich, irgendwie.' Verständlicherweise war Ceylan misstrauisch und nicht gut auf die beiden WG-Jungs zu sprechen. Schließlich hatten sie bereits in der Vergangenheit einige WG-Castings abgehalten, ohne dass überhaupt ein Zimmer zu vergeben war. Aber wie will man heutzutage denn sonst noch eine Frau kennenlernen?

Außerdem ist man bei einem WG-Casting als Entscheidungsträger in einer erhabenen Position: mit einer Juryautorität, die sich irgendwo zwischen Dieter Bohlen und Heidi Klum ansiedelt. 'Ihr beide haltet euch wohl wieder für eine Mischung aus Dieter Bohlen und Heidi Klum?', vermutete Ceylan. 'Na ja, vom IQ käm's ja hin.'

Peinlich berührt blickten Veit und David zu Boden und schwiegen, bis sie von ihrer Mitbewohnerin erlöst wurden: 'Na gut, einverstanden.'"

Steht dir ein Casting bevor? Dann ab ins WG-Casting-Trainingslagerdes Unispiegel - dann klappt es auch beim Verhör mit den lieben, potentiellen Mitbewohnern:

Schwindel dich durchs WG-Casting! Du verpasst kein Fußballspiel? Kochst gern für alle? Hast drei Computer? Was eine WG bejubelt, kann in der nächsten total falsch sein. Finde heraus, wie du punktest - im WG-Casting-Quiz .
Der Beitrag ist ein gekürzter und redaktionell bearbeiteter Auszug aus Markus Henriks Buch "Das WG-Lexikon", erschienen beim Eichborn-Verlag München. Das Interview mit Henrik steht hier , Lena Greiner hat es geführt.

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Was soll das?
ritotschka 09.06.2012
Spiegel, ich denke ihr seit politisch orientert. Warum dann diese peinliche Sache unterhalb der Gürtellinie. Meint ihr damit Quote zu bekommen. Na ja vielleicht, wenn ich mir das so allgemein ansehe, ist das wo das einzige was zählt.
2. ---
runzel 09.06.2012
Ich wohne seit 10 Jahren in WGs. Das in den Ausschnitten beschriebene, nicht mal lustig ist es, kann ich nicht bestätigen - zum Glück. Wird wohl daran liegen, dass ich meine Mitbewohner und Mitbewohnerinnen immer sehr sorgfältig ausgewählt habe.
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Zur Person
  • Dunja Antic
    Markus Henrik, 29, hat Populäre Musik- und Medienwissenschaft studiert. Er hat in 14 WGs gewohnt und sagt über seine Lieblingslebensform: "Mit einer Dreier-WG aus BWLern kommt man nicht weit."
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