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Hilfe vom WG-Psychologen: "Ich hab Heimweh und will einfach nur heulen"

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Corbis

Ständig schlecht drauf oder depri? Das bekommen auch die Mitbewohner mit

Neue Stadt, neue WG, neue Uni: Das erste Semester stresst Katrin sehr. Sie fühlt sich allein und niedergeschlagen, weint oft. Ihre Mitbewohnerin ist von den Gefühlsausbrüchen genervt. Was tun?

Zur Person
  • Eric Lichtenscheidt
    WG-Krach war für Ludger Büter lange Alltag:
    Der Diplom-Psychologe schlichtete im Auftrag des Kölner Studentenwerks Konflikte in Wohngemeinschaften. Auf dieser Seite lindert er den WG-Kummer der SPIEGEL-ONLINE-Leser.
Katrin* schreibt:

Lieber Herr Büter,

seit Oktober studiere ich im ersten Semester, und seitdem wohne ich auch in einer WG. Das Ankommen in der neuen Stadt und das Studium haben mir anfangs ziemlich zu schaffen gemacht - und tun es ehrlich gesagt heute noch. Ich weine viel und fühle mich niedergeschlagen.

Dass ich häufig traurig oder schlecht drauf bin, nervt allerdings meine Mitbewohnerin. Inzwischen versuche ich schon, meine schlechte Stimmung vor ihr zu verbergen, um Ärger zu vermeiden.

Ich weiß nicht, was ich tun soll. Es ist anstrengend, dauernd so zu tun, als ginge es mir gut. Andererseits kann ich die Gereiztheit meiner Mitbewohnerin auch nachvollziehen. Was raten Sie mir?

* Name geändert

Typologie der WG-Mitbewohner: Glucken, Schnorrer, Spießer
WG-Psychologe Ludger Büter antwortet:

Liebe Katrin!

Was Sie an Heimweh erleben, berichteten mir junge Leute oft, wenn sie sich in fremder Umgebung wie aus dem Nest gefallen fühlten. Was andere mit Ungeduld erwarten, verursacht bei Ihnen derzeit noch Trauer um Zurückgelassenes und vielleicht auch Angst vor dem Neuen. Das ist als Durchgangsphase normal, als Dauerzustand natürlich nicht.

Um letzteren zu verhindern, nutzen Sie alle Brücken, die Ihnen die gewählte Fakultät anbietet, um dort anzukommen: Einführungsveranstaltungen und Rundgänge ebenso wie auch mal eine Party. Öffnen Sie sich den Mitstudenten zum gemeinsamen Klagen über Pleiten, Pech und Pannen. Das gehört zum akademischen Ritual und verbindet Lernende immer.

Feiern Sie erfolgreiche Semesterabschnitte auch mit Ihrer Mitbewohnerin. Es wird Sie einander näherbringen, ohne dass Sie ihr oder sich selbst etwas vorspielen müssen. Das setzt allerdings voraus, Erfolge als solche auch wahrzunehmen und anzuerkennen.

Sehr wichtig ist auch dieses: Betrachten Sie Ihre Universitätsstadt nicht länger als Verbannungsort, dem Sie so oft wie möglich entfliehen müssen. Auf diese Weise verfestigen Sie nur ihre Abneigung, Fluchttendenz und alles, was dazugehört. Machen Sie sich stattdessen systematisch vertraut mit den Vorzügen dieser Stadt, die Ihr Heimatort nicht bietet.

Auch hierbei könnten Sie Ihrer Mitbewohnerin eine helfende, vielleicht sogar dankbare, Rolle zuordnen. Ihr Umdenken und "Umfühlen" geschieht zwar nicht auf bloßen Beschluss, aber nur mit einem solchen sowie entsprechenden Initiativen öffnen Sie sich den Weg dorthin.

  • Silja Götz
    Wohngemeinschaften sind toll, das einzig Lästige sind die Mitbewohner. Sie leeren dein Nutella-Glas, haben lauten Sex und noch lautere Musikanlagen. Oder weint dein Zimmernachbar dauernd und wirkt depressiv? Schreist du alle nur noch an? Bei WG-Kummer hilft Psychologe Ludger Büter. Schick deine Fragen, Sorgen, Probleme an wg-kummer@unispiegel.de. Mit einer Einsendung erklärst du dich mit einer anonymen Veröffentlichung auf SPIEGEL ONLINE und sämtlichen anderen Medien der SPIEGEL-Gruppe einverstanden.

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insgesamt 26 Beiträge
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1. das erste Mal länger von daheim weg
der_seher59 01.02.2016
war bei mir die Bundeswehr. Fremde Stadt, fremde Kompanie und alle schreien einen an. Warum habe ich nicht geheult ? Ach ja, ich war ja schon 18 und erwachsen
2. Keine Sorge, das geht vorüber
Sibylle1969 01.02.2016
So spätestens nach 6 Monaten sollte man sich in einer neuen Stadt eingelebt haben, zumal es ja im Studium nicht schwer sein sollte, neue Bekannte und Freunde zu finden. Ansonsten kann man ja am Wochenende auch in die Heimat fahren. Aber irgendwann sollte man in der neuen Stadt auch ankommen und nicht jedes Wochenende heim zu Mama und Papa fahren. Ich für meinen Teil konnte es nach dem Abitur gar nicht erwarten, endlich mein Elternhaus und mein spießiges Provinzkaff hinter mir zu lassen und in die Großstadt zu ziehen fürs Studium. Heimweh hatte ich nie! Denn die Großstadt fand ich toll. In mein heimatliches Provinzkaff zog mich nichts mehr. Nach dem Studium bin ich wegen des Jobs nach Frankfurt gezogen und habe ca. 6 Monate gebraucht, um mich dort einzuleben. Seitdem ist Frankfurt meine Heimat.
3. Auch wenn's schon über 30 Jahre her ist...
andreas_hans-otto 01.02.2016
...mir ging es bei Studienbeginn so ähnlich. Die hier gemachten Vorschläge sind gut und beinhalten exakt das, was mir damals geholfen hat, mich nach ca. einem Jahr an meinem Studienort so heimisch zu fühlen, dass ich später gar nicht mehr weg wollte :-)
4. Auch wenn's schon über 30 Jahre her ist...
andreas_hans-otto 01.02.2016
...mir ging es bei Studienbeginn so ähnlich. Die hier gemachten Vorschläge sind gut und beinhalten exakt das, was mir damals geholfen hat, mich nach ca. einem Jahr an meinem Studienort so heimisch zu fühlen, dass ich später gar nicht mehr weg wollte :-)
5. Was tun?
Tauem 01.02.2016
Studium abbrechen und arbeiten, um den eigenen Lebensunterhalt zu verdienen. Wer sieht, wie Putzfrauen arbeiten, erkennt, was das für sein schönes Leben des von der Arbeitnehmerschaft subventionierten Studenten ist und kehrt frohen Mutes in den Hörsaal zurück. Statt sich auf´s Bett zu legen und selbst zu beweinen. Das hilft ungemein gegen Luxus-Depression und Selbstmitleid.
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