Hilfe vom WG-Psychologen: Mein Mitbewohner ist ein kontrollwütiger Pedant
Duschvorhang nur nach links öffnen, Tür immer abschließen, Besuch anmelden! Was tun, wenn der despotische Mitbewohner die Wohnung zur demokratiefreien Zone erklärt? WG-Psychologe Ludger Büter rät: Nicht aufregen, klare Regeln müssen sein.
Wohngemeinschaften sind eine tolle Erfindung. Das einzig Lästige sind die Mitbewohner. Sie spülen nicht ab, leeren fremde Nutella-Gläser, haben lauten Sex und noch lautere Musikanlagen. Was tun?
WG-Krach ist für Ludger Büter Alltag. Der 61-jährige Psychologe schlichtet im Auftrag des Kölner Studentenwerks Konflikte in Wohngemeinschaften. Auf dieser Seite lindert er den WG-Kummer der UniSPIEGEL-Leser. Schreibt uns, was euch in den Wohnwahnsinn treibt (wg-kummer@spiegel.de).
Lisa schreibt:
Hallo Herr Büter,
ich wohne seit kurzem mit dem Freund einer Bekannten zusammen, die wegen ihres neuen Jobs aus der gemeinsamen Wohnung ziehen musste. Ich kenne diese Bekannte schon lange, sie ist entspannt und lustig. Was ich nicht wusste: Ihr Freund Tom, mein neuer Mitbewohner, ist zwanghaft. Seine Zwänge gelten leider nicht nur für ihn selbst (er stellt sich abends die Kaffeetasse für den nächsten Morgen raus). Er hat auch sehr präzise Vorstellungen davon, wie ich mich in der Wohnung zu verhalten habe.
So soll ich immer die Wohnungstür abschließen, auch tagsüber, und auch wenn wir beide in der Wohnung sind. Vergesse ich das mal, ermahnt er mich sofort. Oder im Badezimmer: Tom möchte, dass ich den Duschvorhang nur von einer bestimmten Seite auf- und zuziehe. Diese Maßnahme hat keinen ersichtlichen Grund, er will es so. Und das Geld für Toilettenpapier rechnet er bis auf den letzten Cent aus, obwohl ich ihm vorgeschlagen habe, dass wir uns beim Einkaufen abwechseln.
Selbstredend haben wir jeder unser eigenes Olivenöl und unseren eigenen Kaffee - er möchte rein gar nichts mit mir teilen. Er hat auch einen Putzplan aufgestellt. Danach muss jeden Samstag geputzt werden, die gesamte Wohnung. Ob es picobello sauber ist oder ob mir Freitag oder Sonntag besser passen würde, ist ihm egal.
"Dies ist keine Demokratie"
Musik darf ich in seiner "Kernarbeitszeit" zwischen 8 und 18 Uhr nicht hören - auch nicht bei geschlossener Zimmertür und bei Zimmerlautstärke. Tom arbeitet von Zuhause aus und verlässt die Wohnung nur sehr selten. Letztens hat er mir gezeigt, wie ich meine Zimmertür noch leiser auf- und zumachen könne. Jeden Morgen fragt er mich, wann ich zurückkomme, und es wäre ihm am liebsten, ich würde jeden Besuch vorher anmelden.
An einem Samstagabend hatte ich eine Freundin zum Essen eingeladen. Wir wollten noch ins Kino und waren spät dran. Tom hat die Regel aufgestellt, dass wir immer sofort nach dem Kochen abwaschen müssen. Ich fragte ihn, ob er noch kochen wolle. Er wollte nicht. Dann würde ich ausnahmsweise später aufräumen, sagte ich. Als ich nach Hause kam, hatte er mein Geschirr gespült. Am nächsten Morgen zitierte er mich in die Küche, zum "Feintuning", wie er es nannte. "Ich bestimme die Regeln, und es gibt keine Ausnahmen", sagte er in scharfem Ton. Als ich ihm widersprach, sagte er: "Dies ist keine Demokratie."
Anfangs dachte ich noch: Na gut, er vermisst seine Freundin und ist ein sehr ordentlicher Typ. Doch mittlerweile fühle ich mich durch seine ständigen Anweisungen und seinen Kontrollwahn extrem eingeschränkt. Was soll ich tun?
WG-Doktor Ludger Büter antwortet:
Liebe Lisa!
Ihr Mitbewohner praktiziert einiges, was ich jeder WG empfehle, die nicht durch enge und bewährte Freundschaft verschweißt ist: einen Putzplan zu erstellen, dessen Punkte auch abzusprechen, Lebensmittel getrennt einzukaufen. Der beste Weg, über Lebensmittel Sympathie und Verbundenheit zu zeigen, besteht nicht in der Finanzierung über einen Kassenzettel, sondern im gemeinsamen Konsum, wozu ich den anderen auch mal einlade.
Sich Geschirr für den nächsten Morgen bereitzustellen, ist nicht Merkmal des Zwangskranken, vielmehr desjenigen, der früh aufsteht, Zeit sparen und vielleicht sogar die morgendliche Geräuschkulisse mindern möchte. (Er beginnt Ihrem Hinweis zufolge spätestens um 8.00 mit seiner Arbeit.)
Die WG-Tür grundsätzlich verschlossen zu halten mag manchmal lästig sein. Dennoch praktizieren es sehr viele, weil es ihrer Sicherheit oder ihrem Gefühl dafür dient. Das hängt auch ab vom Umfeld einer Wohnung. Das regelmäßige Säubern Ihrer WG nach zeitlichen und inhaltlichen Vorgaben gehört zum Standard des WG-Lebens. Wenige WGs kommen damit klar, den Rhythmus der subjektiven Vorstellung von Sauberkeit zu überlassen. Dabei kann es ja auch nur um die Gemeinschaftsräume gehen, und diese sind nach einer Woche niemals "picobello sauber".
Gute Gewohnheitsbildung - das Abwaschen und Aufräumen sofort nach dem Kochen gehört dazu - ist sehr viel weniger konfliktträchtig und weniger stressig, als Diskussionen um elementare Erfordernisse immer neu auflegen zu müssen.
Wenn die Lautstärke Ihrer Musik strittig ist, nehmen Sie Maß von seinem Zimmer aus, um die Zimmerlautstärke zu definieren. Ihnen den Musikkonsum aus welchem Grund auch immer zu "verbieten", hat überhaupt keine Berechtigung und ist ein Übergriff. Dasselbe gilt für seinen Anspruch, diktatorisch die Regeln bestimmen zu wollen. Daraus resultiert wohl auch manche Kleinlichkeit, die Sie zu recht beklagen.
Bei den Punkten oben sehe ich Spielraum für Entgegenkommen von beiden Seiten. Stellen Sie einander heraus, welche Interessen Sie trotz allem verbinden. Dabei dürfen Sie erwähnen, dass Sie nicht als Störenfried seines WG- und Berufslebens wahrgenommen und auch nicht so behandelt werden wollen.
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- Ludger Büter, 62, ist Diplom-Psychologe und arbeitete über 30 Jahren für das Kölner Studentenwerk. Fünf Jahre hat er WG-Bewohner beraten, die ihre Konflikte nicht mehr selbst lösen können.
Eric Lichtenscheidt
- Wohngemeinschaften sind toll, das einzig Lästige sind die Mitbewohner. Sie leeren Dein Nutella-Glas, haben lauten Sex und noch lautere Musikanlagen. Oder weint dein Zimmernachbar dauernd und wirkt depressiv? Schreist du alle nur noch an? Bei WG-Kummer hilft Psychologe Ludger Büter im UniSPIEGEL. Schick Deine Fragen, Sorgen, Probleme an wg-kummer@unispiegel.de.
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