Hilfe vom WG-Psychologen: Verdammt, ich bin mit einer Freundin zusammengezogen
Erst BFF, dann OMG! Wer mit guten Freunden zusammenzieht, erlebt böse Überraschungen. Was tun, wenn einen die emotionalen Bedürfnisse der Mitbewohnerin überlasten? WG-Psychologe Ludger Büter weiß Rat: Grenzen zeigen, aber behutsam.
Wohngemeinschaften sind eine tolle Erfindung. Das einzig Lästige sind die Mitbewohner. Sie spülen nicht ab, leeren fremde Nutella-Gläser, haben lauten Sex und noch lautere Musikanlagen. Was tun?
WG-Krach ist für Ludger Büter Alltag. Der 61-jährige Psychologe schlichtet im Auftrag des Kölner Studentenwerks Konflikte in Wohngemeinschaften. Auf dieser Seite lindert er den WG-Kummer der UniSPIEGEL-Leser. Schreibt uns, was euch in den Wohnwahnsinn treibt (wg-kummer@spiegel.de).
Katrin schreibt:
Hallo Herr Büter,
ich, 27, wohne seit über einem Jahr mit einer Freundin, 28, in einer Zweier-WG. Wir studieren das Gleiche und waren vor unserem Zusammenzug echt gut befreundet. Wir haben beide vorher in WGs gewohnt. Ich hatte in vier verschiedenen WGs keine Probleme, es sind sogar Freudschaften daraus hervorgegangen.
Sie hatte vorher eine eher problematische WG mit einem Alkoholiker. Sie war die "Mutti", hat gekocht, geputzt, aufgeräumt - hat es aber nach ihrer Aussage gerne gemacht. Dann haben wir uns eine Wohnung gesucht und sind zusammengezogen. Anfangs war es ganz lustig, aber mit der Zeit sind ein paar Probleme entstanden.
Das erste Problem ist mein Freund. Er ist auch ein Freund von ihr, aber sie mag es nicht, wenn er zu oft da ist. Deswegen habe ich versucht, an bestimmten Tagen nur etwas mit ihr zu unternehmen, ihr aber klar gesagt, dass ich andere Tage mit meinem Freund verbringe. Ich kann mich ja nicht spalten. Es war sehr, sehr stressig, weil ich mit meinem Freund zusammen sein mag, wenn ICH Lust darauf habe - und nicht meine Mitbewohnerin. Sie ist außerdem donnerstags bis sonntags nie in der WG. Wenn sie aber da ist, soll mein Freund zu Hause bleiben.
Vor einem halben Jahr ist dann ihr Vater gestorben. Wir waren alle bei der Beerdigung und gerade für uns als WG ist es nicht so einfach. Ich bin immer für sie da, und ein paar Freundinnen und ich haben versucht, viel mit ihr zu unternehmen. Leider frisst sie alles in sich rein und tut so, als ob überhaupt nichts wäre. Jetzt ist sie bei einer wichtigen Prüfung durchgefallen, bei der ich bestanden habe. Beim zweiten Versuch habe ich ihr angeboten, mit ihr zu lernen - wollte sie nicht. Der Haushalt läuft eigentlich gut. Wenn mich was stört, sag ich's einfach. Wenn sie was stört, sagt sie es nie.
Wir haben keinen Putzplan. In unserer WG kann man vom Boden lecken; wir sind beide ordentlich und sauber. Trotzdem haben wir uns letztens gestritten, weil ich gesagt habe, dass ich's nicht mag, wenn ihre Haare in der Dusche sind. Seit zwei Monaten hängt deswegen der Haussegen schief. Sie ignoriert mich und ist total resigniert. Ich vermute, dass sie denkt, sie macht "alles falsch" - obwohl ich das selbst überhaupt nicht so sehe. Ich gehe immer wieder auf sie zu, versuche mit ihr zu reden, Spaß zu machen, aber sie ist stur und total unterkühlt zu mir.
Ich weiß wirklich nicht, wie ich an sie herankommen kann. Die Anwesenheit von meinem Freund nervt sie, aber was soll ich da machen?! Ich will schließlich ihn und nicht meine Mitbewohnerin heiraten. Es wäre echt toll, eine Antwort zu bekommen. Viele Grüße!
WG-Doktor Ludger Büter antwortet:
Liebe Katrin!
Ihre Freundin und Sie gingen Ihre WG mit sehr unterschiedlichen Zielen und Bedürfnissen an. Während Sie selbst in einer Wohngemeinschaft leben wollen, geht es Ihrer Freundin vor allem um eine Lebensgemeinschaft, in der sie Unterstützung durch Anerkennung sucht, welche sie sich selbst anders nicht zu verschaffen weiß. Bindungen, die sie eingeht, sind zu wichtig für sie, um sie durch Kritik zu gefährden. Daraus folgt einerseits konsequent die Konkurrenz mit Ihrem Freund um Ihre Aufmerksamkeit und Zuwendung, andererseits der gekränkte Rückzug auf eine - vergleichsweise - intime Kritik an ihrem ansonsten tadellosen Hygieneverhalten.
Ihre Mitbewohnerin bewahrt nur mit großer Anstrengung ein zerbrechliches Gleichgewicht, weshalb sie alle Themen meidet, deren emotionalen Verlauf sie im Gespräch mit Ihnen nicht kontrollieren kann, so auch den Tod ihres Vaters.
Sie selbst sind sehr verständnisvoll, zugewandt und bemüht, auf Ihre Mitbewohnerin einzugehen. Eine gesunde Mitte in Ihrer Beziehung stellt sich dennoch nicht ein, weil die Freundin Anlehnung bei Ihnen sucht und braucht, das aber zugleich vor sich selbst ablehnt und deshalb Ihre Hilfe bei der Klausur zurückweist.
Bewahren Sie sich Ihre freundliche Zugewandtheit. Nehmen Sie es so gelassen wie möglich, wenn Ihre Offenheit nicht akzeptiert wird, denn die größeren Konflikte trägt Ihre Freundin mit sich selbst aus. Hierbei können Sie ihr letztlich nicht helfen. Die Situation bietet Ihnen einen guten Anlass, sie Ihrer Zuneigung zu versichern, aber gleichzeitig darauf hinzuweisen, wo Ihre eigene Belastbarkeit und die Ansprüche der Freundin für Sie Grenzen haben.
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- Ludger Büter, 62, ist Diplom-Psychologe und arbeitete über 30 Jahren für das Kölner Studentenwerk. Fünf Jahre hat er WG-Bewohner beraten, die ihre Konflikte nicht mehr selbst lösen können.
Eric Lichtenscheidt
- Wohngemeinschaften sind toll, das einzig Lästige sind die Mitbewohner. Sie leeren Dein Nutella-Glas, haben lauten Sex und noch lautere Musikanlagen. Oder weint dein Zimmernachbar dauernd und wirkt depressiv? Schreist du alle nur noch an? Bei WG-Kummer hilft Psychologe Ludger Büter im UniSPIEGEL. Schick Deine Fragen, Sorgen, Probleme an wg-kummer@unispiegel.de.
Silja Götz
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