Hilfe vom WG-Psychologen: Wie wehre ich mich gegen den Kontrollfreak?
Er will Öko-Strom, Papier-Mülltüten und eine schnellere Internetanbindung; am liebsten aber will er: sich durchsetzen und recht haben. Und wenn ihm das nicht gelingt, schreit er. Wie lässt sich ein Choleriker in der Wohngemeinschaft bändigen? WG-Psychologe Ludger Büter verrät es in seiner Sprechstunde.
Wohngemeinschaften sind eine tolle Erfindung. Das einzig Lästige sind die Mitbewohner. Sie spülen nicht ab, leeren fremde Nutella-Gläser, haben lauten Sex und noch lautere Musikanlagen. Was tun?
WG-Krach ist für Ludger Büter Alltag. Der 59-jährige Psychologe schlichtet im Auftrag des Kölner Studentenwerks Konflikte in Wohngemeinschaften. Auf dieser Seite lindert er den WG-Kummer der UniSPIEGEL-Leser. Schreibt uns, was euch in den Wohnwahnsinn treibt (wg-kummer@spiegel.de).
Nadja, 22, aus Magdeburg schreibt:
Meine Mitbewohnerin ist während der Semesterferien ausgezogen, damit fing alles an. Sie holte einfach jemanden in die Wohnung, den ich erst nach den Ferien kennenlernte. Da der junge Mann zwar verschlossen, aber nett wirkte, unterschrieben meine zweite Mitbewohnerin und ich zusammen mit ihm die Verträge - und schon hatten wir den Salat: Er zitierte uns in die Küche und meinte, wir müssten einen neuen Stromvertrag mit einem Ökoanbieter abschließen. Wir sprachen mit ihm und versuchten, guten Willen zu zeigen. Ab dann sprach er kaum noch mit uns, verbarrikadierte sich in seinem Zimmer, beschloss aber auf eigene Faust einige Neuerungen, zum Beispiel beim W-Lan: Ich weiß bis heute nicht, was genau er gemacht hat, außer die Passworte verwirrender zu gestalten und diese dann mit schneller Schrift auf einen Zettel zu schmieren. Aber gut, nun haben wir einen viel sichereren Internetzugang.
Als nächstes nahm er sich den Router vor - die Verbindung war ihm zu langsam. Wir sagten ihm, das gehe vielen so. Er bastelte herum und versuchte, sowohl alte als auch neuere Geräte zu installieren. Das funktionierte allerdings nicht, jetzt stehen da einige kaputte Router im Flur. Weitere Diskussionen gab es um die Tüten-Frage beim Biomüll: Er bestand auf Papier und beendete das Gespräch. Ich habe trotzdem kleine Plastiktüten gekauft.
Aber er steigerte sich noch: Er wollte mir vorschreiben, wie ich ihm das Wassergeld zu überweisen habe. Zugegeben, ich hatte zweimal vergessen, meinen Anteil zu überweisen, aber ich bin ihm gegenüber nicht verantwortlich. Schließlich haben wir uns nur noch angebrüllt. Mein Eindruck: Er glaubt sich immer im Recht und will das letzte Wort haben. Wenn ich ihm widerspreche, muss er sich wahnsinnig anstrengen, um nicht die Kontrolle zu verlieren. Er ist ein Choleriker, der schnell rumschreit. Oft mussten wir Gespräche abbrechen.
Ich wohne seit drei Jahren in dieser Wohnung und er erst seit wenigen Monaten. Er spricht nicht mit uns, und er meint, alles in der WG kontrollieren zu können. Ich habe noch gut ein Semester vor mir und bin charakterlich zwar nicht schnell reizbar, aber wenn das Fass überläuft, dann kann ich auch ziemlich wütend werden. Wie soll ich weiter mit so jemandem Gespräche führen, ohne dass es wieder in einem lautstarken Streit ausartet? Sollte ich dieses angespannte Verhältnis dem Vermieter melden?
WG-Doktor Ludger Büter antwortet:
Schon die Einführung des neuen Mitbewohners in die WG verstößt gegen den guten Grundsatz, einander zuvor über das zu informieren, was jedem beim gemeinsamen Wohnen wichtig ist. Der "nette Eindruck" ist dafür kein Ersatz. Der ökologische Stempel, welchen der Nachbar dem Stromkonsum und der Abfallwirtschaft der WG aufdrückt, scheint dem Ansatz nach ja nicht unvernünftig, nach Art der Durchsetzung geht er aber sehr dominant vor und übergriffig.
Die Episoden mit der Verschlüsselung des Internets und der Streit um das Wassergeld zeigen: Der beklagte Nachbar macht nicht alles falsch und Sie, liebe Nadja, nicht alles richtig. Die Wellen der Empörung schlagen auf beiden Seiten hoch. Es zeigt sich aber auch, dass Sie sich gut wehren können.
Im Hinblick auf die kurze Zeit, die Sie insgesamt noch dort wohnen bleiben möchten und darauf, dass die WG in anderen wichtigen Bereichen zu funktionieren scheint (Küche, Hygiene), sollten Sie vielleicht doch den Ausgleich suchen, allerdings mit dem Hinweis, dass alle gleichberechtigt über Verfahrensweisen urteilen und abstimmen.
Das hieße konkret: Sie versuchen, einander nicht von der Richtigkeit der jeweils eigenen Position zu überzeugen, denn das wird immer zur unendlichen Geschichte. Sie suchen also besser in etwa gleichrangige Bereiche im WG-Leben, in denen man der jeweils anderen Partei den Vortritt lässt.
An den Vermieter zu appellieren würde bedeuten, Öl ins Feuer zu gießen und jede Menge schmutziger Wäsche zu waschen. Mit diesem Hinweis ließe sich vielleicht auch der Mitbewohner einfangen, zum gemeinsamen Nutzen Entgegenkommen zu zeigen.
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- Donnerstag, 20.12.2012 – 13:11 Uhr
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- Kommentieren | 14 Kommentare
- Ludger Büter, 61, ist Diplom-Psychologe und arbeitet seit über 30 Jahren für das Kölner Studentenwerk. Im fünften Jahr berät er jetzt WG-Bewohner, die ihre Konflikte nicht mehr selbst lösen können.
Eric Lichtenscheidt
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Nico Semsrott
- Wohngemeinschaften sind toll, das einzig Lästige sind die Mitbewohner. Sie leeren Dein Nutella-Glas, haben lauten Sex und noch lautere Musikanlagen. Oder weint dein Zimmernachbar dauernd und wirkt depressiv? Schreist du alle nur noch an? Bei WG-Kummer hilft Psychologe Ludger Büter im UniSPIEGEL. Schick Deine Fragen, Sorgen, Probleme an wg-kummer@unispiegel.de.
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