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Wiedersehen mit Facebook: Meine digitale Auferstehung

Der digitale Selbstmord verfolgt sie bis heute, dabei ist er drei Jahre her. Damals löschte Frauke Lüpke-Narberhaus ihre Profile im Netz. Zum Jahrestag zieht sie Bilanz und erklärt, warum sie den sozialen Netzwerken nicht entkommen ist.

Mein digitaler Selbstmord ist gescheitert. Drei Jahre lang versank ich regelmäßig bei Facebook, StudiVZ und Xing, bis ich im Februar 2008 genug hatte und dieses digitale Leben beendete. Andere würden sagen, ich habe mir maximal den digitalen kleinen Finger abgeschnitten, denn E-Mails schrieb ich genauso wie zuvor, und auch auf Online-Banking verzichtete ich nicht.

Meine Konten bei Xing, Facebook und StudiVZ löschte ich alle am selben Tag - ohne jemandem davon zu erzählen. Ich gruschelte nicht mehr und schrieb keine Nachrichten mehr auf Pinnwände. Ich testete öffentlich, worüber viele nachdachten. Denn für SPIEGEL ONLINE protokollierte ich, was in den zehn Tagen danach passierte. Doch der digitale Selbstmord verfolgt mich bis heute. Auch ohne Account blieben die sozialen Netzwerke omnipräsent.

Viele Freunde und Bekannte sprachen mich damals auf mein digitales Ableben an, wir diskutierten, und einige prophezeiten, dass ich nicht lange durchhalten würde. Doch meine Freunde blieben meine Freunde, auch ohne Facebook. Bekannte blieben Bekannte, flüchtige Bekanntschaften schliefen ein.

Mit meinem Artikel habe ich ein Thema aufgegriffen, das damals viele bewegte - und auch noch heute bewegt: Was bringen mir soziale Netzwerke im Internet? Verschwende ich meine Zeit? Geht es noch ohne? Verändern sich meine Freundschaften? Ich habe mit dem Text etwas ausgelöst, das ich nicht mehr kontrollieren konnte. Die Reaktionen von Lesern, Bloggern und anderen Journalisten überraschten mich total.

Ich hätte damals nicht gedacht, dass sich auch drei Jahre später noch fremde Menschen bei mir bedanken würden, dass ich Radiointerviews geben würde und das Angebot bekäme, ein Buch zu schreiben.

Die Leser: "Ich möchte mich für den Artikel bedanken"

Viele Blogger verlinkten den Text; plötzlich fand Google meinen Namen nicht mehr 20, sondern 2000 Mal. Auch viele Leser meldeten sich. "Ich möchte mich für den Artikel bedanken, denn durch Ihren Hinweis ist mir der Austritt aus Xing gelungen", schrieb mir eine Frau. Weitere Nachrichten folgten - bis heute.

Natürlich fanden andere meinen Artikel überflüssig, substanzlos, egomanisch. "Wow! Es hat sich jemand aus dem StudiVZ abgemeldet! Boah! Wahnsinn. Die Nachricht des Jahrtausends", schrieb jemand ins Forum. Ein Witzbold gründete bei StudiVZ die Gruppe "Komm zurück, Frauke Lüpke-Narberhaus", stellte sie aber bald wieder ein, schließlich schlossen sich nur eine Handvoll Mitglieder der Forderung an.

Und als ich doch irgendwann wieder bei Facebook auftauchte, fragten mich viele: Warum?

Die Freunde: "Wann trittst du wieder ein?"

Ohne Facebook mailte und simste ich mit meinen Freunden, statt Nachrichten zu schreiben. Sie fragten mich immer wieder: Wann trittst du wieder ein? Mein Austritt bedeutete für sie mehr Aufwand: Sie konnten mich nicht bei StudiVZ zu einer Party einladen, ich benötigte eine Extraeinladung. Sie konnten mir nicht über Facebook eine Rundmail schreiben, ich bekam eine Extra-E-Mail. Und ich wurde zum Dia-Abend gebeten, weil ich mir die digitalen Fotoalben nicht ansehen konnte.

Und obwohl ich eigentlich draußen war, geisterte ich noch immer durch Fotoalben. Ich ging auf Partys, die später fotografisch ins Netz verlängert wurden - nur hatte ich keinen Zutritt mehr. Natürlich hätte ich auch mit Account nicht kontrollieren können, welche Fotos später im Netz landen, aber zumindest hätte ich sie sehen können. So fühlte es sich an, als ob ich zugedröhnt im Internet Party mache: Ich bin irgendwie noch dabei, bekomme aber nichts mit.

Einige Bekannte betrieben nicht den Extra-Aufwand, um in Kontakt zu bleiben. Nach meinem Austritt riss er zu vielen ganz ab. Besonders von jenen, die im Ausland lebten, wusste ich fast gar nichts mehr. Auch mit StudiVZ und Facebook habe ich nicht viel gewusst, sonst wären es Freunde, keine Bekannten, aber immerhin hatte ich Kontakt. Ich konnte in Fotoalben stöbern und Pinnwandeinträge lesen. Viele sagen, dass Freundschaften durch Facebook oberflächlicher werden und vergessen dabei, dass viele Bekanntschaften nur durch Facebook bestehen bleiben.

Die Medien: "Segen oder Fluch von multiplen, digitalen Identitäten"

Wer "Studivz" und "Ausstieg" googelt, landet beim "Digitalen Selbstmord". Wohl deswegen bitten mich auch heute noch Journalisten um ein Statement, wenn sie einen Artikel zum Thema schreiben.

Mein erstes Radiointerview gab ich vier Tage, nachdem der Artikel erschienen ist, das letzte vor ein paar Wochen. Eine Salzburger Forschungsgesellschaft lud mich nach Österreich ein, um auf einer Podiumsdiskussion über "Segen oder Fluch von multiplen, digitalen Identitäten" zu sprechen, und ich wurde für Talkshows angefragt.

Mein Artikel hat mich zu einer Expertin gemacht, obwohl ich nichts anderes getan hatte, als auszusteigen.

Der Neuanfang: "Auf Facebook verzichten und es trotzdem nutzen, geht nicht"

Irgendwann hatte ein ehemaliger Kommilitone aus Stockholm Geburtstag. Wir hatten seit dem Austritt nichts mehr voneinander gehört, ich wollte ihm trotzdem gratulieren, nur funktionierte seine E-Mail-Adresse nicht mehr. Ich fragte einen Freund, ob er mir seine neue bei Facebook raussuchen könnte. Er suchte und machte sich gleichzeitig über mich lustig: Auf Facebook verzichten und es trotzdem nutzen, das ginge nicht, sagte er.

Ich wusste, dass er Recht hat, und trotzdem wollte ich mich nicht wieder anmelden, nachdem ich öffentlich mit viel Wirbel ausgetreten war. In den letzten Wochen blieb ich nur noch draußen, um mir und anderen zu beweisen, dass es geht. Das reichte mir nicht mehr als Grund - zumal ich den sozialen Netzwerken ohnehin nicht entkommen bin.

Meine Freunde und Bekannte leben verstreut in der Welt und treffen sich bei Facebook. Ich wollte wieder daran teilnehmen.

Im März 2009, ein paar Tage nachdem der Freund mich verspottet hatte, beschloss ich, mich wieder anzumelden. Allerdings hatte ich längst vergessen, was ein Jahr zuvor auf der Facebook-Seite stand: Mein Konto war nur deaktiviert. Facebook ließ mich damals nicht sterben und schrieb jetzt: "Ein bestehendes Konto ist bereits mit dieser E-Mail-Adresse verknüpft." Ich wollte ein neues Leben beginnen, aber mein altes war noch da. Für einen Neubeginn bei Facebook brauchte ich eine neue E-Mail-Adresse.

Mittlerweile habe ich bei Facebook wieder 260 Freunde, bei StudiVZ logge ich mich fast gar nicht mehr ein und bei Xing habe ich mich nicht wieder angemeldet.

Ich gehöre bei Facebook eher zu den passiven Nutzern. Ich nutze es kaum noch, um mich abzulenken, sondern fast nur noch, um mich bewusst zu informieren, zu kommunizieren und zu recherchieren. Facebook fasziniert mich nicht mehr, sondern ist zu einem Kommunikationskanal von vielen geworden.

Nach meinem Wiedereintritt wartete ich genau wie damals, was passiert.

Nach ein paar Tagen bekam ich die erste Nachricht: "Auferstanden von den Toten".

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1. Der digitale Selbtmord...hhahahaa
Niamey 03.02.2011
Zitat von sysopDer digitale Selbstmord*verfolgt sie bis heute, dabei ist er*drei Jahre her. Damals*löschte*Frauke Lüpke-Narberhaus ihre*Profile im Netz.*Zum Jahrestag zieht sie Bilanz und erklärt, warum*sie den sozialen Netzwerken nicht entkommen ist. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,737590,00.html
Eigentlich wollte ich schreiben: Sogar zu dumm um sich bei FB richtig abzumelden! Aber dann ist mir eingefallen,dass ich meine Kündigungsmail von FB richtig gelesen habe und den Stecker endgültig gezogen habe. In FB steht eh meist nur Müll, und auf den kann man getrost verzichten. Die Zeit vor der Kiste verbringe ich mit der Familie oder mit meinen Hobbys. Das sollten mehr Menschen so machen um wieder am echten sozialen Miteinander teilhaben zu können.
2. .
atomkraftwerk, 03.02.2011
Wahnsinn. Gibts jetzt über jeden Alkoholiker oder Kettenraucher der nach dem Entzug rückfällig wurde einen Artikel?
3. So
Frank Wagner, 03.02.2011
Also grade auf Xing möchte ich nicht mehr verzichten. Ich habe über die Plattform schon einige interessante Jobs angeboten bekommen und ich kenne auch einige Leute, die sich so beruflich verbessern konnten. Das Networking über Facebook kann ganz ähnlich funkionieren, es ist sehr hilfreich, bestimmte Kontakte nicht völlig abreissen zu lassen. Man muss ja nicht sein ganzes Privatleben ausbreiten.
4.
maxmurx 03.02.2011
Ich bin noch nie Mitglied in einem dieser digitalen Spinnennetze gewesen und lebe trotzdem.
5. ...
Schinkenfisch 03.02.2011
Ich frage mich wie die Menschheit überhaupt so lange ohne Facebook überleben konnte. Wie haben sich die Leute früher kennen gelernt? Wie konnten es unsere Eltern ertragen nicht ständig mit mind. 250 Freunden in Kontakt zu sein? Wie wurden Partys früher organisiert, als man noch auf persönliche Telefongespräche und Briefe angewiesen war? Gab es überhaupt Partys? Wie ist es überhaupt zur Fortpflanzung gekommen, als man noch nicht seinen Beziehungsstatus tagesaktuell in die große, weite Welt schreien konnte? Wie wurden Revolten angezettelt und Regime gestürzt, bevor es den "Gefällt mir"-Button gab? Es ist nicht weiter verwunderlich, dass die Autorin der Sucht nach sozialen Netzwerken langfristig nicht widerstehen konnte. Aber! Schämen Sie sich nicht, Sie sind (leider) nicht allein!
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Zur Person
Als Frauke Lüpke-Narberhaus, 27, digitalen Selbstmord beging, studierte sie in an der Uni Münster. Später besuchte sie die Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg und arbeitet heute als Redakteurin bei SPIEGEL ONLINE im Ressort UniSPIEGEL.

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