Wlada in der Ukraine: Der Propagandaminister lädt ein

Auf der Halbinsel Krim sitzt Wlada Kolosowa falsch verstandenen Versprechungen auf: Statt auf der Party des Jahres landet sie in einer Bruchbude im Nirgendwo. Doch dann wird alles gut - dem Propagandaminister sei Dank.

Wlada entdeckt die Ukraine: Einreiseproblem beim Party-Paradies Fotos
Wlada Kolosowa

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Es ist gefühlte 19 Uhr morgens. Warum liegt hier eigentlich Stroh? Und warum hat Robert eine Maske auf? Das Gehirn ist Brei, die Lider sind Blei. Mein ganzer Körper ist mit Sand paniert. Das passiert, wenn man eine Drei-Tage-Party in einer Nacht feiern muss. Und das wiederum ist passiert, weil ich nicht kyrillisch tippen kann. Aber der Reihe nach.

Berlin, vier Monate vor der Reise: Das Handy-Klingeln unterbricht meinen Schlaf. Der Name auf dem Display (Robert), die Uhrzeit (7.30 Uhr) und der Wochentag (Dienstag) ergeben in ihrer Kombination wenig Sinn. Robert studiert Kulturmanagement, legt nebenbei auf und organisiert Partys. Er ist ein Nachtwesen, das nie ins Bett gehen und es morgens noch weniger verlassen will. So einer ruft um 7.30 Uhr nur an, um dich zu einer After-Hour-Party zu überreden.

"Nein, ich komme nicht mit", begrüße ich ihn. "Brauchst du auch gar nicht. Ich komme mit, auf die Krim", sagt Robert. "Und Joe übrigens auch." Ich sage: "Klar!" - und schlafe weiter. Als ich aufwache, ist das "Klar!" nicht mehr ganz so klar. Will ich meine deutschen Freunde tatsächlich bei meiner Osteuropa-Reise dabei haben? Andererseits: Zu dritt kann man dreimal so viele Eissorten durchprobieren, und zu dritt ist es viel lustiger, auf eine Party zu fahren.

Am Abend suchen wir Infos über Kazantip, die Open-Air-Party, die einen Monat lang am Schwarzen Meer gefeiert wird. Ich gebe bei Google ein: "Kazantip". Ich hätte das auf Russisch schreiben sollen, doch meine Tastatur hat keine kyrillischen Buchstaben. Außerdem tippt sogar meine Oma schneller auf Russisch als ich. Der erste Suchmaschinentreffer ist kazantip.com - eine Seite, die verspricht, dich "auf das Paradies auf Erden" zu bringen. Wir wunderten uns ein wenig: ein Festival, auf dem man nicht zelten darf, sondern ein Hotelzimmer buchen muss? Ein Taxi holt die Gäste ab? Doch die Seite scheint seriös - außerdem kann man für die 300 Euro, die wir für drei Tage pro Person bezahlen, etwas Service schon erwarten.

"Leben ohne Schlüpfer" - aber nicht für uns

Angekommen in Popowka stellen wir fest: Der Service besteht aus einem winzigen Zimmer mit zwei Betten und einem Klappsofa, das wir zu dritt teilen müssen. Aber wir wollen nicht meckern. Dass dem Klo ein Deckel fehlt, der Dusche ein Vorhang und uns Schlafdecken: geschenkt! Was zählt, ist die Party.

Das Partygelände bebt und strahlt wie ein Raumschiff, aus dem dunklen Dorf ziehen Menschenscharen zum Laserlicht. Über 100.000 Gäste kommen pro Jahr, um unter dem Motto "Leben ohne Schlüpfer" zu feiern. Hinter den Zäunen des Geländes legen DJ-Größen auf zehn Floors auf, verkleidete "Prinzessinnen" heizen die Party an. Hinter den Zäunen. Wir stehen davor.

Die Kassendame hat noch nie davon gehört, dass man Tickets im Internet bezahlen kann. Die Hotline sagt: Kazantip.com sei eine Ausländerfalle. Die offizielle Seite heiße kazantipa.net - sie erscheint weit oben, wenn man Kazantip auf Russisch googelt. Dort findet man auch die Warnung, dass man die Eintrittstickets nur am Eingang bezahlen soll.

Uns dämmerte es: Wir haben für 300 Euro am Tag eine Bruchbude im ukrainischen Nirgendwo gebucht. Die Hotline von kazantip.com bestätigte das: Wir hätten die Seite aufmerksamer lesen sollen. Dort stehe zwar nicht, dass der Eintritt nicht inbegriffen ist. Dass wir auf das Gelände dürfen, sei aber auch nicht explizit versprochen worden.

Kein Dispo, keine Disco

Das Kazantip bezeichnet sich als ein "imaginärer Staat", der von Ende Juli bis Ende August seine Grenze öffnet. Es regiert ein Präsident, der Minister für Tanzen, gute Laune und Musik helfen ihm. Ein Mehrfachvisum für die Einreise in die Republik kostet etwa 170 Euro, ein Visum, mit dem man das Gelände nur einmal betreten kann, rund 70 Euro. Aber: ohne Dispo keine Disco. Unsere Finanzen reichen für drei Tagestickets. Uns bleibt nichts anderes übrig, als in einer Nacht so viel Spaß zu haben, wie für drei geplant war.

Die Rechnung "Dreimal so viel trinken = dreimal so viel Spaß" geht bei mir leider nicht auf. Mein russisches Sauftalent beschränkt sich darauf, epische Trinksprüche vorzutragen und Zakuski vorzubereiten - Schnittchen und eingelegtes Gemüse, mit dem man Schnaps "nachisst". Mir wird nach einem Bier duselig. Nach zwei möchte ich sofort die Welt verbessern, nach drei sie nur noch umarmen. Nach vier Bier schlafe ich ein, auf der ersten horizontalen Fläche, über die ich stolpere. Diesmal ist es ein Strohhaufen. Gegen 4 Uhr nachts gräbt Joe mich heraus und schleppt mich zurück zu den "Champagner-Russen", wie er sie nennt.

Die Champagner-Russen sind eigentlich ukrainische Business-Männer, die seit Stunden eine Flasche nach der anderen bestellen. Schon bevor ich gegangen bin, haben Robert und Sascha ihre neue Freundschaft in einer Sektschlacht begossen. Sascha ist ein Philologie-Professor, aber das nur "für die Seele". Seinen Lebensunterhalt verdient er als Manager einer billigen ukrainischen Bekleidungskette. Als ich ankomme, jagt er Robert mit Nippelzwickern durch die Bar. Später trinkt er den Barkeeper unter den Tresen, der uns darauf vielfarbige Shots namens "Hiroshima" ausgibt.

Trostdrinks vom Propagandaminister

Irgendwann schläft Robert in meinem Heuhaufen, Joe auf den von Sekt verklebten Sofas, der Barkeeper auf der Kühltruhe. Ich gehe mit den Champagner-Russen schwimmen. Danach liegen wir wie Seesterne im Sand und gucken, wie der Tag wach wird. Die Meeresbrise föhnt mein Gesicht. Ich habe die Nacht besiegt.

Doch wer einmal aus dem Paradies auscheckt, kommt nicht mehr rein. In der Ferne wummern die Bässe, wir stecken im verrumpelten Garten unseres "Hotels" fest. Vor Langeweile erschießen Jungs stundenlang mit Wasserpistolen Seifenblasen, und wir baden statt im Champagner im heilenden Stinkeschlamm, essen Unmengen von Sonnenblumenkernen, kochen Pelmeni und braten Schaschlik. Außerdem spielen wir mit den anderen zehn Europäern, die mit kazantip.com gebucht haben, Durak, das beliebteste russische Kartenspiel. Übersetzt heißt es "Blödmann".

Am letzten Abend wird dann doch alles gut: Der Tanzminister ist unser Nachbar. Er besorgt uns eine Audienz beim Propagandaminister. Er spendiert Trostdrinks und lässt uns aufs Gelände.

In den Tagen in Popowka habe ich viel Zeit zum Nachdenken gehabt und drei Lektionen gelernt. Erstens: Wer in Osteuropa nicht das Kleingedruckte liest, steht vor verschlossenen Toren. Zweitens: Wer die richtigen Menschen kennt, kommt doch hinein. Drittens: Ich sollte mir Tastaturaufkleber mit russischen Buchstaben kaufen.

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1. "Mondkalb sei wachsam!"
Das Grauen 18.08.2011
An der Selbsterkenntnis in der letzten Geschichte ist schon was dran. An der konsequenten Umsetzung hapert es aber noch. Hoffentlich geht das gut aus.
2. Langsam reichts
makutsov 18.08.2011
So langsam wirds albern. Die Serie verkommt mittlerweile irgendwie zu "Wächentliche Fotos der hübschen Wlada". Wo da jetzt der Informationsgehalt im Artikel sein soll, weiss ich nicht. Entweder Substanz oder was anderes an die Stelle! Wenns nur um Klicks geht, legt Euch doch ein Startseitengirl zu.
3. Dito
Narn 18.08.2011
Zitat von Das GrauenAn der Selbsterkenntnis in der letzten Geschichte ist schon was dran. An der konsequenten Umsetzung hapert es aber noch. Hoffentlich geht das gut aus.
Mensch Wlada! Du machst sachen! Genau das hab ich auch gedacht. Scheint ja trotzdem ganz lustig gewesen zu sein. Las sich jedenfalls so.
4. Wlada in der Ukraine
berlin_rotrot 18.08.2011
Interessanter Bericht über die Kommerzielle Rave Party "Kazantip" - bitte vermerken dass die meisten Ukrainer sich den Eintritt und Preise auf diese Party nicht leisten können. Gut wenn man aus Deutschland kommt und somit das Geld nicht das Problem sein sollte ;-)
5. Unterhaltung
Narn 18.08.2011
Zitat von makutsovSo langsam wirds albern. Die Serie verkommt mittlerweile irgendwie zu "Wächentliche Fotos der hübschen Wlada". Wo da jetzt der Informationsgehalt im Artikel sein soll, weiss ich nicht. Entweder Substanz oder was anderes an die Stelle! Wenns nur um Klicks geht, legt Euch doch ein Startseitengirl zu.
Ich weiß nicht wo das Problem sein soll. Zu informieren war von Beginn an nicht Sinn und Zweck von Wladas Reiseberichten. Sie sollen unterhalten, und zumindest mich unterhalten sie ganz großartig.
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