Früher dachte ich: Je mehr nackte Haut, desto weniger kulturelle Unterschiede. Aber auch am Strand werde ich als Ausländerin erkannt. Keine fremden Klamottenmarken könnten mich verraten, kein Rucksack. Ich lese Gogols "Tote Seelen" - auf Russisch. Und trotzdem ständig diese Frage: "Aber wo kommst Du eigentlich her?"
Es ist der Gesichtsausdruck. "Du läufst mit weit aufgerissenen Augen durch die Straßen", sagt meine Gastgeberin Aniri. "Würdest Du hier länger leben, Du würdest lernen, sie skeptisch zusammenzukneifen." Aniri bezeichnet meinen Gesichtsausdruck als "zutrauliche Weltneugier". Mein Vater sagt dazu: "Hör auf, mit den Ohren zu klatschen." Soll heißen: "Schau wachsamer, Du Mondkalb!"
Außerdem cremt sich außer mir niemand mit Lichtschutzfaktor 40 ein. Sonnenbrand gilt in der Ukraine als Muskelkater vom Sonnenbaden: Wer keinen hat, hat sich nicht richtig angestrengt. Ich schleppe als Einzige einen Sonnenschirm mit mir herum. Going Native in allen Ehren, aber mein deutscher Dermatologe hat mir Panik vor Haarscheitelkrebs eingeimpft.
Ein bisschen flexibilitätsmüde
Meine Gastgeberin Aniri ist eine Accessoire-Designerin, ich habe sie über das Netzwerk Couchsurfing kennengelernt. Odessa ist die perfekte Stadt, um auf die Reise-Pausetaste zu drücken. Hier kann man das ukrainische "Dolce Vita" probieren: "Speck in Schokolade" etwa, oder zuckersüße Melonen der Sorte "Torpedo", die aussehen wie Rugby-Bälle. Das Obst schmeckt nach Sonne, die Strände und Clubs sind in Osteuropa berühmt. Die Odessiten erklären Touristen gern und ausführlich den Weg, unabhängig davon, ob sie ihn kennen.
Ich freue mich auf diesen Urlaub vom Urlaub. Ich bin ein bisschen flexibilitätsmüde. Den Zug kriegen. An der richtigen Haltestelle aussteigen. Tasche auspacken. Tasche einpacken. Wo zum Teufel ist das Kameraladegerät? Kaum hatte ich kapiert, wo die Lichtschalter im Haus sind, zog ich weiter, zu neuen Lichtschaltern.
Reisen ist eines dieser Dinge, die davor und danach mehr Spaß machen. Die Vorfreude ist groß: Ich glaube immer, unterwegs werden sich alle Sorgen augenblicklich in neuen Eindrücken auflösen, wie ein Zuckerwürfel im Teeglas. Doch kaum bin ich losgefahren, kann ich es kaum erwarten, bis dieser Erlebnis-Strudel zu glatten Erinnerungen gerinnt.
Genauso wie im echten Leben, wache ich auf Reisen manchmal mit guter Laune auf, manchmal mit schlechter - allerdings in fremden Betten. In sechs verschiedenen habe ich in den vergangenen Wochen geschlafen, sechs russische Städte habe ich besucht, in sechs Leben reingeschnuppert.
"Gogol als Strandlektüre? Das machen nur die Ausländer!"
Ein Russland-Intensivkurs. Mein handgeschriebenes Slang-Wörterbuch wird immer dicker. Ich verstehe inzwischen jeden dritten Witz. Einmal habe ich sogar meine "Rechte gepumpt" - also ein bisschen Theater gemacht - als eine Museumsdame meinen deutschen Studentenausweis nicht anerkennen wollte. Außerdem habe ich das Verzeichnis aller verbotenen Dinge aufgefrischt, die in Russland als schlechtes Omen gelten. Nicht in geschlossenen Räumen pfeifen - sonst gibt es kein Geld im Haus. Kein Besteck fallen lassen - sonst kommt ein ungebetener Gast. Nicht an der Tischecke sitzen - sonst heiratest Du nicht.
Auf Reisen klafft die Schere zwischen Fremd- und Selbstwahrnehmung besonders weit auseinander. Wenn ich unterwegs bin, fühle ich mich tendenziell schöner als in den eigenen vier Wänden, an denen Spiegel hängen, die mich an die Realität erinnern. Seit ich meine Haarbürste in Murmansk vergessen habe, kämme ich mich morgens mit einer Gabel und fühle mich wie Arielle oder zumindest so verwegen lässig wie Charlotte Gainsbourg.
In Odessa gilt mein Look wohl als verwahrlost. Wenn ich mit den Einheimischen äußerlich verschmelzen will, gilt ab heute: Keine Männerhemden und abgeschnittene Jeans! Zum Strand gehe ich mit Lipgloss und Maniküre. Und einem neuen Buch. "Gogol als Strandlektüre? Das machen nur die Ausländer, die Slawistik studieren", sagt die Verkäuferin im Buchhandel und wundert sich über meine Bitte nach typischer Lektüre. Der Wunsch, für einen Einheimischen gehalten zu werden, sei übrigens auch typisch westlich. Sie verkauft mir eine Kurzgeschichtensammlung von Viktoria Tokarewa, die Grande Dame der russischen Gefühlsliteratur.
Klischees haben lange Beine
Gleich die erste Kurzgeschichte handelt von der Russin Nastja, die den deutschen Ingenieur Günther verführt, damit er sie nach Münster mitnimmt. In Deutschland angekommen, vermisst sie ihre Heimat und leidet daran, dass Günther ihr kein Geld für Shopping gibt: "Er verstand nicht - warum sollte man Geld in Klamotten investieren? Die Deutschen ziehen es vor, Geld für Reisen auszugeben. Für Lifestyle", beschreibt Tokarewa die Eindrücke ihrer Heldin. "Die Deutschen hübschen sich nicht gern auf. Sie waren bequem angezogen und sehr unauffällig."
Ich bin ein bisschen beleidigt. So ein Klischee! Dann fällt mir ein, dass ich seit drei Wochen mit einer Vogelnest-Frisur durch Russland reise. Und dass ich selbst einen Haufen Stereotype über osteuropäische Mode habe. Ich weiß, dass ich hier nur sehe, was ich erwarte. Ich weiß, dass es auch hier kleine Frauen gibt und große, dicke und dünne, die genauso wie die Deutschen Zara und Mango mögen. Trotzdem kommt es mir vor, als liefen hier nur Wesen in Kleidern aus Luft durch die Straßen, deren Beine dort aufhören, wo meine Schultern anfangen, und die so aufwendig geschminkt sind wie im Kabuki-Theater.
Aniri sagt, dass ukrainische Frauen tatsächlich mehr Make-up tragen und höhere Schuhe. "Wer Geld hat, möchte es zeigen. Wer keins hat, zieht sich zumindest so an. Wer als Mann nichts besitzt und als Frau nicht gut aussieht, hat es schwer in der Ukraine."
Aniris verkauft Hüte, Broschen und Taschen aus Klamotten, die bereits ein Leben hinter sich haben. In die Herstellung spannt sie unbekannte Künstler ein, schwangere Freundinnen und ihre Oma. Aber kommt Handgemachtes und Recycling an? "Ich überlege sogar, die Signatur 'handmade' aus meinen Sachen zu entfernen - sonst nimmt mich hier niemand ernst." In der Ukraine sei Handgemachtes ein Zeichen von Armut und nicht von Lifestyle, genauso wie Fahrradfahren und der eigene Gemüsegarten. "Hausgemachte Marmelade! Lokales Bioessen! Guerilla Gardening! Eure urbane Elite sollte mal mit meiner Oma reden!"
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