Wlada in der Ukraine: Mondkalb, sei wachsam!

Wlada Kolosowa, 24, fühlt sich russisch - und wird doch überall als Ausländerin enttarnt. Kein Wunder, cremt sie sich doch mit Lichtschutzfaktor 40 ein, trägt einen Sonnenschirm und Männerhemden. Ihre neue Strategie: An den Strand nur noch mit Lipgloss!

Wlada entdeckt die Ukraine: In Odessa die Reise-Pausetaste drücken Fotos
David Grigoryan

Früher dachte ich: Je mehr nackte Haut, desto weniger kulturelle Unterschiede. Aber auch am Strand werde ich als Ausländerin erkannt. Keine fremden Klamottenmarken könnten mich verraten, kein Rucksack. Ich lese Gogols "Tote Seelen" - auf Russisch. Und trotzdem ständig diese Frage: "Aber wo kommst Du eigentlich her?"

Es ist der Gesichtsausdruck. "Du läufst mit weit aufgerissenen Augen durch die Straßen", sagt meine Gastgeberin Aniri. "Würdest Du hier länger leben, Du würdest lernen, sie skeptisch zusammenzukneifen." Aniri bezeichnet meinen Gesichtsausdruck als "zutrauliche Weltneugier". Mein Vater sagt dazu: "Hör auf, mit den Ohren zu klatschen." Soll heißen: "Schau wachsamer, Du Mondkalb!"

Außerdem cremt sich außer mir niemand mit Lichtschutzfaktor 40 ein. Sonnenbrand gilt in der Ukraine als Muskelkater vom Sonnenbaden: Wer keinen hat, hat sich nicht richtig angestrengt. Ich schleppe als Einzige einen Sonnenschirm mit mir herum. Going Native in allen Ehren, aber mein deutscher Dermatologe hat mir Panik vor Haarscheitelkrebs eingeimpft.

Ein bisschen flexibilitätsmüde

Meine Gastgeberin Aniri ist eine Accessoire-Designerin, ich habe sie über das Netzwerk Couchsurfing kennengelernt. Odessa ist die perfekte Stadt, um auf die Reise-Pausetaste zu drücken. Hier kann man das ukrainische "Dolce Vita" probieren: "Speck in Schokolade" etwa, oder zuckersüße Melonen der Sorte "Torpedo", die aussehen wie Rugby-Bälle. Das Obst schmeckt nach Sonne, die Strände und Clubs sind in Osteuropa berühmt. Die Odessiten erklären Touristen gern und ausführlich den Weg, unabhängig davon, ob sie ihn kennen.

Ich freue mich auf diesen Urlaub vom Urlaub. Ich bin ein bisschen flexibilitätsmüde. Den Zug kriegen. An der richtigen Haltestelle aussteigen. Tasche auspacken. Tasche einpacken. Wo zum Teufel ist das Kameraladegerät? Kaum hatte ich kapiert, wo die Lichtschalter im Haus sind, zog ich weiter, zu neuen Lichtschaltern.

Reisen ist eines dieser Dinge, die davor und danach mehr Spaß machen. Die Vorfreude ist groß: Ich glaube immer, unterwegs werden sich alle Sorgen augenblicklich in neuen Eindrücken auflösen, wie ein Zuckerwürfel im Teeglas. Doch kaum bin ich losgefahren, kann ich es kaum erwarten, bis dieser Erlebnis-Strudel zu glatten Erinnerungen gerinnt.

Genauso wie im echten Leben, wache ich auf Reisen manchmal mit guter Laune auf, manchmal mit schlechter - allerdings in fremden Betten. In sechs verschiedenen habe ich in den vergangenen Wochen geschlafen, sechs russische Städte habe ich besucht, in sechs Leben reingeschnuppert.

"Gogol als Strandlektüre? Das machen nur die Ausländer!"

Ein Russland-Intensivkurs. Mein handgeschriebenes Slang-Wörterbuch wird immer dicker. Ich verstehe inzwischen jeden dritten Witz. Einmal habe ich sogar meine "Rechte gepumpt" - also ein bisschen Theater gemacht - als eine Museumsdame meinen deutschen Studentenausweis nicht anerkennen wollte. Außerdem habe ich das Verzeichnis aller verbotenen Dinge aufgefrischt, die in Russland als schlechtes Omen gelten. Nicht in geschlossenen Räumen pfeifen - sonst gibt es kein Geld im Haus. Kein Besteck fallen lassen - sonst kommt ein ungebetener Gast. Nicht an der Tischecke sitzen - sonst heiratest Du nicht.

Auf Reisen klafft die Schere zwischen Fremd- und Selbstwahrnehmung besonders weit auseinander. Wenn ich unterwegs bin, fühle ich mich tendenziell schöner als in den eigenen vier Wänden, an denen Spiegel hängen, die mich an die Realität erinnern. Seit ich meine Haarbürste in Murmansk vergessen habe, kämme ich mich morgens mit einer Gabel und fühle mich wie Arielle oder zumindest so verwegen lässig wie Charlotte Gainsbourg.

In Odessa gilt mein Look wohl als verwahrlost. Wenn ich mit den Einheimischen äußerlich verschmelzen will, gilt ab heute: Keine Männerhemden und abgeschnittene Jeans! Zum Strand gehe ich mit Lipgloss und Maniküre. Und einem neuen Buch. "Gogol als Strandlektüre? Das machen nur die Ausländer, die Slawistik studieren", sagt die Verkäuferin im Buchhandel und wundert sich über meine Bitte nach typischer Lektüre. Der Wunsch, für einen Einheimischen gehalten zu werden, sei übrigens auch typisch westlich. Sie verkauft mir eine Kurzgeschichtensammlung von Viktoria Tokarewa, die Grande Dame der russischen Gefühlsliteratur.

Klischees haben lange Beine

Gleich die erste Kurzgeschichte handelt von der Russin Nastja, die den deutschen Ingenieur Günther verführt, damit er sie nach Münster mitnimmt. In Deutschland angekommen, vermisst sie ihre Heimat und leidet daran, dass Günther ihr kein Geld für Shopping gibt: "Er verstand nicht - warum sollte man Geld in Klamotten investieren? Die Deutschen ziehen es vor, Geld für Reisen auszugeben. Für Lifestyle", beschreibt Tokarewa die Eindrücke ihrer Heldin. "Die Deutschen hübschen sich nicht gern auf. Sie waren bequem angezogen und sehr unauffällig."

Ich bin ein bisschen beleidigt. So ein Klischee! Dann fällt mir ein, dass ich seit drei Wochen mit einer Vogelnest-Frisur durch Russland reise. Und dass ich selbst einen Haufen Stereotype über osteuropäische Mode habe. Ich weiß, dass ich hier nur sehe, was ich erwarte. Ich weiß, dass es auch hier kleine Frauen gibt und große, dicke und dünne, die genauso wie die Deutschen Zara und Mango mögen. Trotzdem kommt es mir vor, als liefen hier nur Wesen in Kleidern aus Luft durch die Straßen, deren Beine dort aufhören, wo meine Schultern anfangen, und die so aufwendig geschminkt sind wie im Kabuki-Theater.

Aniri sagt, dass ukrainische Frauen tatsächlich mehr Make-up tragen und höhere Schuhe. "Wer Geld hat, möchte es zeigen. Wer keins hat, zieht sich zumindest so an. Wer als Mann nichts besitzt und als Frau nicht gut aussieht, hat es schwer in der Ukraine."

Aniris verkauft Hüte, Broschen und Taschen aus Klamotten, die bereits ein Leben hinter sich haben. In die Herstellung spannt sie unbekannte Künstler ein, schwangere Freundinnen und ihre Oma. Aber kommt Handgemachtes und Recycling an? "Ich überlege sogar, die Signatur 'handmade' aus meinen Sachen zu entfernen - sonst nimmt mich hier niemand ernst." In der Ukraine sei Handgemachtes ein Zeichen von Armut und nicht von Lifestyle, genauso wie Fahrradfahren und der eigene Gemüsegarten. "Hausgemachte Marmelade! Lokales Bioessen! Guerilla Gardening! Eure urbane Elite sollte mal mit meiner Oma reden!"

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 48 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. .
Narn 12.08.2011
---Zitat--- Reisen ist eines dieser Dinge, die davor und danach mehr Spaß machen. ---Zitatende--- Wie wahr! Im nächsten Semester will ich in die USA und da meine Abschlussarbeit schreiben. Allein dieses Theater um das Visum treibt meine Motivation gegen Null. Und die Uni, da schickt man mich von A nach B nach D nach A nach C nach A und keiner kann weiterhelfen. Ich fühle mich, wie die zwei Gallier in "Asterix erobert Rom", als sie den Passierschein A38 haben möchte.
2. Klischees? Ach ja...
metschenniy 12.08.2011
Zu Allererst ein Disclamer: Ich bin selbst Odessit und habe deshalb von Haus aus eine voreingenommene Einstellung. Aber Aniris Aussagen kann ich nur eingeschränkt zustimmen. Ich glaube dieselben Damen, die mit Highheels (welche sicherlich auch von dem 7. Kilometer, einer Art Markt für Pseudomarkenkleidung mit erstaunlich guter Qualität, stammen)an den Strand gehen, genauso, wenn keiner hinkuckt, auf die Datscha (kleines Ferienhaus im ländlichen Umland) fahren und dort "Öko-Gardening" betreiben um danach mit Freunden ein in Wein mariniertes Schaschlick zu geniessen - eventuell immer noch in Highheels. Es ist wahr, dass Odessa im Bezug auf Popkultur noch ein bisschen hinterherhängt, aber das wird noch werden. Und Tatsache ist, dass Gogol als Strandlektüre auffällig ist. Generell ist Strandlektüre auffällig. Am Strand sonnt man sich, spielt Karten (Durak!) Isst und schwimmt. Kitschige Liebesromane als typische Lektüre? Gekauft, aber nur ab 40 und als volleibige Matrone. Ausserdem: In Odessa nicht als Tourist aufzufallen ist ein Ding der Unmöglichkeit, Einheimische haben da einen sehr feinen Sensor. Und ich kann wetten darauf abschliessen, dass 50-60% der Strandbesucher ebenfalls aus der Osteuropäischen Nachbarschaft kommen. Als echte(r) Odessit(in) kann man sich nicht ausgeben. Man ist es, oder man ist es nicht. In dem Sinne: Noch viel Spaß vor Ort, und einfach geniessen.
3. Schöne Serie
Wintermute 12.08.2011
Ich muss zugeben, dass ich Wladas kleine Reiseberichte ganz gerne lese. Vieles im täglichen SpOn-Angebot ist inzwischen entweder erkennbar lustlos umformulierter Agenturkram oder indiskutabel schlecht recherchiert/formuliert - aber hier ist eine durchaus apart schreibende junge Dame für den Verlag unterwegs. Mehr davon!
4. Was ein Minirock doch alles bewirkt
Shneedlewoods 12.08.2011
Zitat von Wintermute...aber hier ist eine durchaus apart schreibende junge Dame für den Verlag unterwegs. Mehr davon!
Was ein Minirock doch alles bewirkt. ;-) Ein männlicher Reiseberichterstatter wäre hier längst nach allen Regeln der Kunst "verissen" worden. Shneedlewoods
5. Mlada schreibt toll!
Diana Simon 12.08.2011
Mlada schreibt toll, ich lese ihre Berichte (bin Russlandfan) mit Begeisterung. Und das hat nichts mit einem Minirock o.ä. zu tun, denn ich bin eine Frau.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik WunderBAR
RSS
alles zum Thema Wlada in Russland
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 48 Kommentare
  • Zur Startseite
Eine ungeübte Russin in Russland

Wlada auf der Spur
Der benötigte Flash Player 9 wurde nicht gefunden. mehr...
Karte: Zur Großansicht
Fotostrecke
Wlada entdeckt Russland: Eine Zugfahrt, die ist lustig

Bevölkerung: 142,958 Mio.

Fläche: 17.098.200 km²

Hauptstadt: Moskau

Staatsoberhaupt:
Wladimir Putin

Regierungschef: Dmitrij Medwedew

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | Russland-Reiseseite

AP
Der Präsident ist animalisch, Deutsch hat eine eher ungewöhnliche Bedeutung - und vor dem Wodkatrinken sollten Sie ein, zwei Dinge dringend beachten. Wissenswertes und wundervolle Verrücktheiten: Entdecken Sie Russland im großen SPIEGEL-ONLINE-Test!