Wlada in Russland: Endlich zu Hause, im Sperrgebiet

Hässlich, ein Alptraum - der Reiseführer hat nicht viel übrig für die Heimat von Wlada Kolosowa: Die junge Deutsch-Russin entdeckt ihre Wurzeln in Nikel. Dort musste sie einst Butterstücke lutschen statt Eiscreme. Jetzt trifft sie Jugendliche, die Pilze sammeln - weil sie unschlagbar psychedelisch wirken.

Wlada entdeckt Russland: Heimatstadt, Alptraum-Stadt Fotos
Wlada Kolosowa

Keiner meiner deutschen Freunde wird einfach so durch den Ort meiner Kindheit spazieren können. Nikel liegt in der gesperrten Zone, nur russische Bürger dürfen sie betreten. Ausländer brauchen eine Genehmigung. Bei Google Maps und Google Earth kann man Nikel auch nicht anschauen. Meine Kindheitsfreundin Anja, die bis zu ihrem 17. Lebensjahr in Nikel gelebt hat, hat zwei Erklärungen dafür. Erstens: "Es ist Militärgebiet." Zweitens: "Es gibt rein gar nichts zu sehen."

Für mich schon. Bis ich fünf wurde, lebte ich in Nikel, habe aber keine Ahnung mehr, wie es dort aussieht. Google spuckt außer Fotos von qualmenden Schornsteinen nur ein trostloses Video der Indie-Band "White Lies" aus: verschneite Landschaften mit grauen Plattenbauten und noch graueren Menschen.

Ich glaube aber, Nikel ist mehr. Ich möchte mir noch mal die Berge angucken, die ich früher runterschlitterte. Ich möchte Moltebeeren sammeln, die wie orange-farbene Himbeeren aussehen, aber einzeln im Moor wachsen. Ich möchte Preiselbeertee mit Michail und Irina trinken, den Eltern von Anja.

Wenn der Grenzbeamte mich bloß lassen würde! "Nicht den da, den Ausweis!", sagt er, als ich meinen russischen Reisepass vorzeige. Ich erkläre, dass ich keinen Ausweis habe. "Wie? Verloren?" Nein, nie besessen. "Wie geht denn das? Wo sind Sie denn registriert?" In Deutschland, dort wohne ich. "Ach so. Und was wollen sie dann hier?" Tourismus, sage ich. Der Beamte hebt die buschigen Augenbrauen. "In Nikel?" Ja, sage ich leise.

Lonely Planet über Nikel: eine Alptraum-Stadt

Okay, Nikel ist kein Reise-Highlight. Der Lonely Planet verliert über die Siedlung nur einen Satz: "An evil looking nightmare city." Und auch Anja sagt: "Das beste an Nikel ist die Grenze zu Norwegen." Wer kann, geht weg. Von den einst 20.000 Einwohnern im Jahr 1976 sind weniger als 13.000 übrig geblieben, sie arbeiten fast alle im Bergbau.

Ich musste aussteigen. Der Beamte im Wachhäuschen schreibt meinen Reisepass quasi ab, außerdem Adresse und Telefonnummer von Michail und Irina sowie die Daten meines Rückreisetickets. Dann darf ich wieder einsteigen.

Zwei Stunden später bin ich in Nikel. Irina und Michail arbeiten, ich hole die Schlüssel bei den Nachbarn ab zusammen mit detaillierten Anweisungen, wo ich "Erstes, Zweites, Drittens" finde. So nennt man hier Suppe, Hauptspeise, Dessert.

Ich komme aber nicht dazu, die Kohlsuppe Schtschi und die Zucchinipfannkuchen zu essen. Mein Mund steht sperrangelweit offen, weil ich all die Bilder anstarre, die in der Wohnung hängen. Michail arbeitet als Sprenger. In seiner Freizeit malt er mit Öl altrussische Motive auf Birkenrinde, aber auch Landschafen und surreale Bilder, die an Salvador Dali erinnern. Mein Mund klappt erst zu, als Michail von der Arbeit kommt. Wir brechen auf, um Nikel zu entdecken.

Mein altes Zuhause erkenne ich nicht

Ich habe zwei Erinnerungen an die Siedlung. Nummer eins: Es ist Frühling in Nikel, also Anfang Juni. Ich sitze vor dem Haus und lutsche einen Brocken Butter. Es schmeckt scheußlich, aber ich stelle mir vor, es sei Eis - schließlich hat es eine ähnliche Konsistenz. Echtes Eis darf ich nicht essen, weil ich einen "schwachen Hals" habe, sagen zumindest meine Eltern. Butter ist erlaubt. Butter kann man zimmerwarm machen, außerdem hat es einen Haufen Kalorien, was Oma freut.

Die zweite Erinnerung: Ich bin vier, meine Mutter erklärt mir, dass sie mir die Legosteine aus dem norwegischen Fernsehen nicht kaufen kann. Ich weine, ich habe Angina, draußen heult Poorga. Der Schneesturm. Um mich aufzuheitern, spielen wir ein viel schöneres Spiel: Aus Omas Seifenstücken-Vorräten bauen wir Häuser, aus Opas Zigaretten Straßen und bevölkern sie mit Mamas Schmuck.

An echte Häuser erinnere ich mich nicht. An meinem alten Haus laufe ich vorbei, ohne es zu merken. Nur das Krankenhaus erkenne ich. Ich heulte es an, als meine Mutter mit einer Gehirnerschütterung dort lag. Als ich davor einen Zweig pflücke, sagt mein Gedächtnis: Mozzhewelnik - Wacholder. Ich wusste vorher nicht, dass ich solche Wörter kenne.

Nikel ist nicht das Wunderland meiner Kindheit, aber auch keine Alptraumsiedlung. Ich weiß jetzt, dass die drei Schornsteine des Bergbaus keine Wolken produzieren, sondern Abgase. Ich verstehe, warum Oma die Wäsche von der Leine nahm, wenn der Wind in Richtung Siedlung wehte. Ich weiß, dass ein großer Teil der Pflanzen dem Bergbau zum Opfer fiel.

Kaum Nachtleben, nicht mal eine Nacht

Und trotzdem kann ich Nikel nicht hässlich finden. Die Sonne scheint. Wenn man aufdringlich genug lächelt, lächeln die Menschen zurück. Und die Natur außerhalb der Stadt nimmt mir den Atem.

"Was machen die jungen Menschen, die hier bleiben?", frage ich Michail. "Das, was sie überall auf der Welt tun", sagt er. "Lieben, streiten, sich als Mittelpunkt der Welt fühlen, trinken, DVDs gucken, Sonnenbrand bekommen, nicht auf die Alten hören."

Er zeigt mir den Bank-ähnlichen Birkenbaum, auf dem diese jungen Menschen knutschen, das Sprungbrett und die Tarzanka, eine Art Tarzanschaukel über dem Fluss. Vier Jungs spielen Beachvolleyball, um 23 Uhr - es ist ja noch hell. Zwei puterrote Teenager steigen händchenhaltend aus dem Dickicht. "Außerdem hat die Jugend das Pilzesammeln wieder entdeckt", sagt Michail. "Früher waren sie sich dafür zu cool. Aber seit ein, zwei Jahren sehe ich sie immer mit dem Eimer ins Grüne verschwinden."

Pavel, Anjas ehemaliger Mitschüler, erklärt mir den Sinneswandel: "Hier wachsen die besten psychedelischen Pilze. Holland kann einpacken!", sagt er und bedauert, dass ich die Ernte im September nicht miterlebe.

Anja hat Pavel beauftragt, mir das Nachtleben zu zeigen. Davon gibt es nicht allzu viel in Nikel, momentan gibt es ja nicht einmal eine Nacht. Der Club "Oasis" hat Sommerpause, allein die "Weißen Nächte" haben auf - eine Spelunke, in der die Zeit in den Siebzigern stehen geblieben ist. Die Tische haben Plastikdecken, das Publikum ist zwischen 18 und 80 Jahre alt. Ab halb eins tanzen alle.

Um eins stolpert ein Mann gegen unseren Tisch und bleibt dort liegen. "Das ist kein gutes Etablissement", sagt Pavel. "Hier gehen nur die hin, die saufen wollen." Und was machen die anderen? "Besuchen sich abwechselnd zu Hause, arbeiten viel, essen manchmal Pilze, philosophieren, lesen kluge Bücher und nicht so kluge, gucken Tarkowski-Filme und Blockbuster, lieben, streiten. Das Übliche."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels stand, dass es für Ausländer fast unmöglich ist, Nikel zu besuchen. Die Stadt liegt zwar im besonders bewachten Sperrgebiet, allerdings gilt für sie eine Ausnahme. Seit 2007 dürfen Ausländer auch ohne Sondergenehmigung einreisen, einige Formalitäten sind allerdings an der Grenze zu erledigen. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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insgesamt 25 Beiträge
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1. Nein keinen Titel
Hador 29.07.2011
Zitat von sysopHässlich, ein Alptraum - der Reiseführer hat nicht viel übrig für die Heimat von Wlada Kolosowa: Die junge Deutsch-Russin*entdeckt ihre Wurzeln in*Nikel. Dort musste sie einst Butterstücke lutschen statt Eiscreme.*Jetzt trifft*sie Jugendliche, die Pilze sammeln - weil sie unschlagbar psychedelisch wirken. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,777187,00.html
Sehr schöner Reisebericht über die Suche nach der eigenen Jugend. Allerdings falls die Öl-Bilder in der Fotostrecke diejenigen sind von denen die Autorin im Artikel spricht, dann würde ich ihr raten mal öfters in Museen zu gehen: Mit Dali hat das nichtmal im entferntesten zu tun.
2. Kein Sperrgebiet !!!
norbert.schott 29.07.2011
Nikel liegt in keiner "gesperrten Zone", es ist nicht richtig, dass "nur russische Bürger" da hinkommen. "Ausländer brauchen" keinerlei (!!!) "Sondergenehmigung", demzufolge ist es auch nicht unmöglich, da hinzukommen. Ich selbst habe Nikel zweimal besucht, im Januar 2003 und im Juli 2010. An den Kontrollpunkten, die wegen der Grenznähe eingerichtet sind, haben wir schnell unseren Pass gezeigt und wurden ohne Fragen durchgewunken! Wir haben uns mehrere Tage in Nikel und der Umgebung problemlos aufgehalten. Dies war auch kein Zufall, denn Nikel ist explizit aus der Liste der nordrussischen Sperrgebiete ausgeklammert! Keine Sehenswürdigkeiten? Ich denke der Wasserfall aus der Fotoserie zum ersten Artikel ist eine sehr eindrucksvolle Sehenswürdigkeit - direkt neben der Stadt! Schade, den ersten Teil habe ich meinen Freunden in Nikel noch mit Freude geschickt - nun solche Fehler, direkt schon in der Überschrift?!
3. Nichts zum Inhalt, aber...
martian-spy-trap 29.07.2011
Ich lese hier immer wieder das Wort "Alptraum" auf Spiegelonline. Davon kriege ich als Leser Augenkrätze und Hautausschlag. Ein schlechter Traum hat nichts mit den Alpen zu tun. Nee! Vielmehr hat der Begriff seinen Ursprung in dem alten Wort Alb, Plural: Alben. Die Nachtalben, urspürünglich auch Mahre genannt, galten in der germanischen Mythologie als Gestalten, die den Schlafenden Grauen einflößen. Die ursprüngliche Ausdruck "Mer" oder "Mahr" ist übrigens noch sehr gut in der englischen Bezeichnung für Albtraum enthalten: "nightmare". Gugge mal da: http://de.wikipedia.org/wiki/Nachtalb Wäre schön, wenn sich da mal was ändern würde in den Artikeln hier. Dankeschön für die Aufmerksamkeit!
4. Titel
tvinnefossen 29.07.2011
Im Sommer 2000 war ich mit einer Reisegruppe in Nikel. Schön, hier darüber zu lesen! Wir sind damals mit dem Bus von Kirkenes (Norwegen) eingereist. Seinerzeit hatte man für das Durchfahren des 25 km Grenzschtreifens auf einer aufgeschütteten Piste 2 h Zeit, danach würde man gesucht. Auf mich wirkte die Stadt zunächst ein wenig verstörend, entwickelte dann aber einen gewissen Charme. Was mir noch ganz genau in Erinnerung geblieben ist, war das Verbot die Industrieanlagen des Nickelbergbaus zu fotografieren UND die unmittelbare Umgebung. ganz sicher nicht aus Angst vor Industriespionage! Eher wollte man sicher nicht Bilder der unfassbaren Umweltverschmutzung verbreitet wissen - Die Umgebung der Industrianlagen war vollkommen (!!!) vegetationsfrei. Und "vollkommen" ist hier ausnahmsweise Wörtlich zu nehmen. Wir fuhren dann weiter in einen anderen Ort - Prirechny. Auch dies eine Nickelstadt, allerdings fand dort der Nickelabbau mit dem Auflösung der Sowjetunion sein Ende. Und auch wenn von den Männern dort ein Großteil eine ausgesprochene Zuneigung zu Hochprozentigem entwickelt hatte, war ich sehr angetan von der Seele dieser Menschen. Keine Arbeit, wenig Hofnnung, mehr Ängste als Gewissheiten aber trotzdem sehr kulturvolle Menschen und ausgesprochen angenehme Zeitgenossen.... Und trotz der Umweltverschmutzung dort mancherorts ist die Region traumhaft schön... Nur mal so! (Dies war ein Beitrag aus der Rubrik. "Ich weiß was, ich weiß was und war auch schon mal da!" (bevor mir das hier ein anderer an den Kopf wirft, mache ich das lieber selbst))
5. Duden
pffft 29.07.2011
Zitat von martian-spy-trapIch lese hier immer wieder das Wort "Alptraum" auf Spiegelonline. Davon kriege ich als Leser Augenkrätze und Hautausschlag. Ein schlechter Traum hat nichts mit den Alpen zu tun. Nee! Vielmehr hat der Begriff seinen Ursprung in dem alten Wort Alb, Plural: Alben. Die Nachtalben, urspürünglich auch Mahre genannt, galten in der germanischen Mythologie als Gestalten, die den Schlafenden Grauen einflößen. Die ursprüngliche Ausdruck "Mer" oder "Mahr" ist übrigens noch sehr gut in der englischen Bezeichnung für Albtraum enthalten: "nightmare". Gugge mal da: http://de.wikipedia.org/wiki/Nachtalb Wäre schön, wenn sich da mal was ändern würde in den Artikeln hier. Dankeschön für die Aufmerksamkeit!
und im Wikipediaeintrag zu "Albtraum" steht zur Schreibweise. Das Wort leitet sich vom „Alb“ her. Im Althochdeutschen stehen die beiden Schreibweisen „Alb“ und „Alp“ gleichberechtigt nebeneinander.[2] Der Duden von 1991 nennt zwar sowohl „Alb“ als auch „Alp“, jedoch nur „Alptraum“.[3] Nach der Rechtschreibreform stehen im neuen Duden auch für den Traum „Alptraum“ und „Albtraum“ gleichberechtigt nebeneinander. Von der Aussprache her klingen wegen der Auslautverhärtung beide Schreibweisen gleich. Duden. Sticht!
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