Wlada in Russland: Freiheit der Hosenlosen

Als die Sowjetunion zusammenbricht, beginnen in Russland wilde Jahre - und für Wlada Kolosowa wilde Wochenenden: Mit Familie und Freunden geht es raus aufs Land. Die Kinder toben in Unterhosen, die Erwachsenen rauchen dickere und süßlichere Zigaretten als an Wochentagen. Pure Freiheit.

Russland mit Wlada: Die Freiheit ist eine gerahmte Unterhose Fotos
Wlada Kolosowa

Meine Kunstlehrerin bat die Klasse einmal, darzustellen, was Freiheit für uns bedeutet. Ich rahmte ein paar weiße Schlüpfer ein und schrieb darunter: Tusovka.

Tusovka ist ein ziemlich vielschichtiges Wort: Es kann für "Party" stehen oder für "Clique" oder einfach für "abhängen". Für mich ist Tusovka vor allem ein Gefühl. Eine Kindheitserinnerung. Die Erwartung, dass es mehr zu essen geben wird, als je jemand vertilgen kann, mehr zu trinken, als gut ist, und dass alle beseelt und müde nach Hause gehen werden.

1991 zerfiel die Sowjetunion, ein Jahr später die Ehe meiner Eltern. In Russland brachen die "wilden Neunziger" an - der Fieberzustand zwischen Goldgräber- und Untergangsstimmung, zwischen neuer Freiheit und Raubtierkapitalismus. Professoren verkauften Wrigley-Kaugummis; meine Großeltern schafften sich Hühner an; die beste Freundin meiner Mutter, die in der Personalabteilung eines Holzverarbeitungsbetriebs arbeitete, wurde in Klopapier ausbezahlt. Dafür hatte ihr Mann plötzlich einen BMW und ein tragbares Telefon, das in eine Handtasche passte. Plötzlich konnten alle machen, was sie wollten - und niemand konnte etwas dagegen tun.

Schuluniform, Ballett-Trikot, Malerkittel - vollgestopfte Wochen

Auch für mich begannen die wilden Jahre, oder vielmehr: die wilden Wochenenden. Von Montag bis Freitag wurde ich von vier Generationen erzogen: von den älteren Kindern auf der Straße, von Mama und meiner Tante, von meinen Großeltern und Uroma. Nach der Scheidung zogen wir ins Kinderzimmer meiner Mutter in Schtschokino, einem Örtchen in der Provinz der Provinzstadt Tula. Mamas zwei Hochschulabschlüsse qualifizierten sie in den Neunzigern allein für den Fotoapparat-Einzelhandel. Sie war 24, ich war fünf und brauchte laut Oma "dringend Struktur".

Also trug ich von Montag bis Freitag Uniformen: Schuluniform - ein Relikt aus der Sowjetunion, an dem meine Schule bis Ende der Neunziger festhielt. Malerkittel der Kunstschule. Kratzige Trikots für den Ballettunterricht bei Natalia Pawlowna. Dazu kam noch der "Apparat für bessere Haltung" - ein Leukoplaststreifen zwischen den Schulterblättern, in dessen Mitte eine Reißzwecke befestigt wurde, die sich in den Rücken bohrte, sobald man ihn krümmte.

Dafür war ich von Samstag bis Sonntag Teil der "hosenlosen Bande". Die Erziehungsarbeit übernahm die Tusovka: Ein bis zwei Dutzend Freunde meiner Mutter mit einem Rudel Sprösslinge. Wir liefen in Unterhosen herum und hatten am Wochenende keine klar definierten Eltern, sondern gehörten der ganzen Gruppe - und vor allen Dingen uns selbst. Tusovka, allein der Name machte freiheitstrunken.

Es brauchte keine Rundmails, Facebook-Gruppen und Doodle-Umfragen damit die Tusovka zusammen kam. Es brauchte auch keinen Grund. Es hatte sowieso immer jemand Geburtstag, Namens- oder Jahrestag. Zur Not reichte einfach der Tag der Profession. Jede Berufsgruppe in Russland hat ihren eigenen, sogar Systemadministratoren und Reinigungskräfte.

Tetris mit Armen und Beinen und Gepäck

Im Sommer fuhr die Tusovka "zur Natur." Die Jungs brachten Getränke mit, die Mädchen den Inhalt ihrer Kühlschränke und Eingelegtes aus dem Vorratskeller. Meistens gab es zu wenige Autos für zu viele Menschen. Zwischen ihnen, auf ihnen und unter ihnen wurden Körbe verstaut, Tüten, Bälle, Kinder, Badmintonschläger, Gitarren, Decken, der Bottich mit mariniertem Fleisch und Spieße für den Schaschlik. Es wurde so lange Tetris mit Armen, Beinen und Gepäck gespielt, bis die Türen zugingen. Dann ging es in den erstbesten Wald. Bei Straßenkontrollen verschwanden die Kinder im Fußraum, dort, wo schon der eiserne Mangal lag - der Gussbottich für Schaschlik.

Tusovka war immer lustig: Immer kam einer zu spät, immer verfuhr sich jemand, immer wurde einem Kind schlecht, immer wurde irgendwer von irgendwas gestochen. Die Sprößlinge spielten Fangen, Verstecken und "Kartoschka" - Kartoffel - eine Mischung aus Volleyball und "Affe in der Mitte". Je leerer die Getränke wurden, desto leidenschaftlicher spielten die Erwachsenen. Irgendwann schlief ich vor dem Feuer auf dem Schoß irgendeines Erwachsenen ein, "ohne Hinterbeine", wie man in Russland sagt - also so fest, dass man erst vor der Haustür aufwachte. Machte man die Augen vorher auf, stimmten die Erwachsenen eine Ballade auf der Gitarre an, schschten und drückten ihre "Wochenend-Zigaretten" aus, die dicker aussahen und süßlicher rochen als jene, die sie von Montag bis Freitag rauchten.

Im Gehen kommen die besten Gespräche - und das Bier trinkt sich leicht

Seitdem sind fast 20 Jahre vergangen. Meine Mama hat einen Russlanddeutschen geheiratet und wohnt inzwischen seit über zwölf Jahren in Deutschland. Zu ihrem 43. Geburtstag wünschte sie sich nur eins: eine Tusovka mit ihren alten Freunden.

Wir trommelten alle zusammen und mieteten ein paar Holzhäuschen in Alexin - einem Erholungsort, anderthalb Stunden entfernt von Schtschokino. Die Reihen der Tusovka haben sich gelichtet, die Haare auch. Dafür wurden die Wampen größer und die Wägen. Es gibt mehr Falten, mehr Kinder, sogar ein paar Kindeskinder. Ich habe eine seltsame Stellung: Ich schlafe bei den Kleinen, darf aber mit den Großen aufbleiben. Die Versuche des endgültigen Übertritts auf die erwachsene Seite scheitern an Geschichten darüber, wer mir den Po abwischte, als ich klein war.

Dabei komme ich gerade von meiner eigenen Tusovka. Die letzten Tage in Irkutsk wohnte ich bei einem Studentenpaar. Für meinen letzten Abend haben sie alle ihre Freunde auf die Datscha des Vaters eingeladen. Es war eine Tusovka, wie ich sie kenne: Pilze im Wald suchen und Himbeeren ernten; mit Grill und Gitarre, auf der die ganze Nacht wunderbare Lieder wie "Eine Flasche Kefir und halbes Brot" oder "Achtklässlerin" gespielt wurden. Außerdem wurde mir "guljat" beigebracht. Das wird als "spazieren gehen" übersetzt, ist aber viel mehr. "Guljat" ist Tusovka in Bewegung: Stundenlang zieht man in Gruppen durch die Straßen, redet oder schweigt zusammen. Ich bin ein großer Fan von "guljat". Im Gehen kommen die besten Gespräche zustande. Außerdem trinkt sich das Bier besonders leicht - zumindest in den Teilen Russlands, wo öffentlicher Alkoholkonsum nicht verfolgt wird.

Auch Mamas Tusovka ist ein voller Erfolg. Erwachsene, Kinder und Kindeskinder futtern Schaschlik und spielen Verstecken. Nur auf Familienfeiern kommen die Generationen so eng zusammen wie auf einer russischen Tusovka, wie ich sie kenne.

Ich habe mir vorher keine Gedanken darüber gemacht, wie traurig es für meine Mutter war, die Jugendfreunde nicht in ihr neues Leben in Deutschland mitnehmen zu dürfen. Ich gehöre zwar zu der Generation, in der man Fremde fragt: "Wo wohnst Du?" Und nicht: "Wo kommst Du her?" Trotzdem finde ich die Vorstellung furchtbar, dass niemand in meinem Land wohnt, der weiß, wie ich mit Teenager-Pickeln aussah.

Bevor die ganz Kleinen ins Bett müssen, lassen sie Drachen über dem Flüsschen Oka steigen. Es nieselt. Weiße Unterhosen trägt niemand. Trotzdem ist es Freiheit. Tusovka.

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insgesamt 30 Beiträge
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1. Gruselige Fotostrecke
snark 15.09.2011
Wenn schon eine Fotostrecke veröffentlicht wird, dann sollten die Bilder doch wenigstens ein gewisses Qualitätsminimum nicht unterschreiten. Was hier angeboten wird ist fast durchgehend gruselig (Schärfe, Belichtung, Bildinhalt/Komposition).
2. das Haar in der Suppe...
zimbor 15.09.2011
Zitat von snarkWenn schon eine Fotostrecke veröffentlicht wird, dann sollten die Bilder doch wenigstens ein gewisses Qualitätsminimum nicht unterschreiten. Was hier angeboten wird ist fast durchgehend gruselig (Schärfe, Belichtung, Bildinhalt/Komposition).
Die Qualität der Fotos ist völlig irrelevant. Sie illustrieren den Artikel ausgezeichnet und machen die entspannte Stimmung, die die Autorin beschreibt, noch besser erlebbar.
3. Bildqualität
senf 15.09.2011
Auch mein erster Gedanke. Da reist man schon einmal für den Spiegel rundherum und hat dann bestenfalls eine ältere Mittelklasse Kompakte im Gepäck? Sehr schade, die Serie hätte mehr Potential.
4. Ach geht doch
watermark71 15.09.2011
Zitat von snarkWenn schon eine Fotostrecke veröffentlicht wird, dann sollten die Bilder doch wenigstens ein gewisses Qualitätsminimum nicht unterschreiten. Was hier angeboten wird ist fast durchgehend gruselig (Schärfe, Belichtung, Bildinhalt/Komposition).
Also sofern es sich um Privatbilder handelt finde ich es ok. Absolut akzeptabel. Liegt vlt daran dass mich das Motiv mehr interessiert als die Technik.
5. Lob
sirsherpa 15.09.2011
Jedes mal muss ich lachen, wenn ich diese Reise verfolge. Ich fühle mich sehr angenehm an meine Aufenthalte in Russland erinnert. Ich freue mich schon auf die nächste Folge. Die Qualität der Fotos ist nebenbei völlig angemessen und unterstreicht im übrigen den tagebuchartigen Charakter der Artikelreihe.
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