Wlada in Russland: "Tochter, dieses Gesicht hält nicht ewig"

Die junge Russin Wlada Kolosowa reist kreuz und quer durch ihre Heimat, will fremde Facetten des eigenen Landes kennenlernen. Das Schwerste kommt am Schluss: Sie stellt der Familie ihren deutschen Freund vor. Den beäugt vor allem ihr Vater misstrauisch. Was läuft da auf der Luftmatratze?

Wlada in Russland: Im Trainingslager für die Schwiegersohn-Schau Fotos
Wlada Kolosowa

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Ich dachte, das Schwierigste sei vorbei. Ich bin zurück in St. Petersburg - der Stadt, in der die Reise begann. Ich habe über 20.000 Kilometer zurückgelegt, in 15 Städten genächtigt, eine Lebensmittelvergiftung überlebt und Hering unter Pelzmantel. Die größte Herausforderung steht allerdings noch bevor: meinen deutschen Freund in den Kreis der Familie väterlicherseits einführen, die in Russland lebt.

Es ist Ernst. Ich bin in dem Alter. Da ist nix mit: "Papa, das ist der Mann, mit dem ich Herz, Bett, Eisbecher und Grippeinfektionen teile - und möglicherweise auch den Rest des Lebens." Jedes männliche Wesen, das seinen Arm um meine Schulter legt, wird unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit unter die Lupe genommen.

Nicht, dass meine Familie mich unter Druck setzt. Niemand spricht das H-Wort laut aus. Alle akzeptieren, dass wir in Europa "einfach spät dran sind". Und trotzdem bekommen mein Vater und meine Oma synchron diesen vernebelten Blick, wenn sie auf der Straße ein weißes Sahnehaubenkleid sehen, aus dem ein wohlfrisierter Mädchenkopf herausragt. Ich lese in diesem Blick: und du? Und fange sofort an, mich zu rechtfertigen: "Aber ich bin doch 24!", sage ich und betone dabei die Vier - ich bin ja keine 29. Sie sagen: "Eben! Du bist 24!" Sie betonen dabei die Zwanzig - du bist ja keine 14.

Für russische Verhältnisse bin ich im besten Heiratsalter. Es gibt Tage, an denen mein Vater meinen Kopf in seine Hände nimmt, ihn mit gespielter Sorgfalt inspiziert und übertrieben laut seufzt: "Tochter, dieses Gesicht hält nicht ewig! Mach hin!" Ich weiß, es ist ein Witz. Ich traue mich trotzdem nicht ganz zu lachen.

"You better love her, or I'll damage you!"

Der Liebste wird in Russland "mein Kerl" oder "mein Angetrauter" genannt, oder einfach "mein junger Mann". Mein junger Mann wurde schon von der Familie per Skype inspiziert. Das Urteil: zu dürr, zu wenig Muskeln, zu viele Haare. Sie laden ihn trotzdem nach St. Petersburg ein, sogar an Omas Geburtstagstisch.

Zur Vorbereitung besuchen wir meinen 19-jährigen Cousin in Moskau. Bis zu meinem zwölften Geburtstag trug ich ihn huckepack. Jetzt reiche ich ihm nicht einmal bis zur Achsel. Mein Cousin studiert Informatik an der Baumann-Universität. Sein Englisch reicht fast an das von Jonathan Safran Foers ukrainischem Helden Schapka heran. "You skill music?", fragt der Cousin. Junger Mann skillt Gitarre und Klavier und öffnet damit einen Spaltbreit die Tür zu Cousins Herzen.

Moskau ist eine Art Trainingslager für die Schwiegersohn-Schau in St. Petersburg. Natürlich sind drei Tage zu kurz, um vaterpräsentable Muskeln anzuzüchten. In anderen Disziplinen schlägt sich junger Mann aber vorzüglich: Unerschrocken stürzt er sich auf Kalbszungensülze, Sauerampfersuppe und die Süßigkeit namens Vogelmilch. Außerdem lernt er den Grundwortschatz für die Familienfeier und deren Grundsätze: Essen - aufessen. Nachschlag verlangen. Getränke und Geschenke - annehmen. Mich - anhimmeln. Eine von Omas Weisheiten lautet: Vor der Hochzeit muss der Mann die Frau auf Händen tragen, denn nach der Hochzeit trägt sie ihn huckepack durchs Leben.

"Der ist genehmigt", sagt der Cousin, bevor junger Mann und ich in den Nachtzug nach St. Petersburg steigen. Dann umarmt er mich. Jungem Mann gibt er einen knochenquetschenden Händedruck: "You better love her, or I'll damage you!"

Die aufregendste Sehenswürdigkeit: eine Parkbank

Mehr als Straßenkarten zu lesen, hasse ich nur, Straßenkarten zusammenzufalten. Und auf ihnen Straßennamen zu suchen. Normalerweise trete ich das an meine Begleitung ab. In St. Petersburg klappt das nicht. Junger Mann und ich haben eine kyrillische Karte. "Wir müssen zu der Straße: Box ohne Boden, E, C, T, E, Zelteingang, umgedrehtes R", sage ich. "Gesprochen: Pestelja." Junger Mann hält mir ein Taschentuch hin: "Kannst Du das bitte malen?"

Mir wird klar: Mein Land, meine Reiseleitung. Ich tu mein Bestes, um ihn vor den Gefahren meiner Heimatstadt zu schützen: offene Straßenluken; Pöbler, die Trainingsanzüge zu Lederschuhen tragen; und Beljaschi - frittierten Teigtaschen mit Fleisch, über die Einheimische scherzen: "Kauf zehn und baue dir eine Katze zusammen."

Von den geplanten Sehenswürdigkeiten sehen wir aber nur ein Zehntel. Junger Mann und ich haben uns anderthalb Monate als Pixelhaufen auf dem Laptopbildschirm gesehen. Die aufregendsten Sehenswürdigkeiten sind Parkbänke.

Das Porzellangeschirr gratis zur Braut

Vor Omas Haustür bin ich nervöser als beim Mathe-Abi. Junger Mann bleibt wie immer: lebensfroh und übermutig. Aus seinem einstudierten "Alles Gute zum Geburtstag" wird zwar "Alles Gute zum Tag der Gebärenden". Dafür erobert er Omas Herz mit Fleischeslust. "Nimm dir ein Beispiel! Er hat sein Hemd gebügelt und isst wie ein Mensch!", sagt Oma. "Und du? Nicht nur, dass du dich angezogen hast wie zur Heuernte! Du futterst auch noch das Gras vom Feld!"

Oma ist sicher: Jeanstragenden Salatessern laufen Männer davon. Deshalb dekoriert sie mich noch am Esstisch mit Erbschmuck, wie einen Tannenbaum. Das soll meinen Marktwert steigern. Das Haus und sich selbst und hat sie schon vorher herausgeputzt: Omas Glitzerkleid lässt ihren Bauch wie eine Discokugel aussehen. Auf dem Tisch steht das 30 Jahre alte Porzellanset "Madonna" aus der DDR - früher das Neidobjekt der ganzen Nachbarschaft.

Von mir instruiert, betrachtet junger Mann bewundernd das "Made in the GDR" auf der Rückseite des Geschirrs. Oma legt ihre Hand auf meine Schulter: "Wenn du die hier nimmst, bekommst du das Geschirr dazu", sagt sie zu ihm. Und dann zu mir: "Enkelin, übersetze!"

"Ich bin sehr Schaschlik"

Zum Glück liegt die Hoheit über die Völkerverständigung bei mir. Papa kann nur vier Sätze auf Deutsch: "Hitler kaputt" und "Halt, nicht schießen!" hat er in den alten Kriegsfilmen gelernt. Außerdem: "Hände hoch!". Das hat Papa früher immer vor dem Baden gesagt, damit ich die Arme hochreiße, und er meinen Pullover über den Kopf ziehen kann. Wie seltsamerweise fast alle Russen kennt er auch: "Das ist phantastisch." Angeblich soll dieser Satz besonders oft in deutschen Pornos gesagt werden, die hier sehr für ihre Qualität geschätzt werden.

Junger Mann kann außer Höflichkeitsworten und "Nachschlag, bitte!" nur einen Satz auf Russisch: "Ich bin sehr glücklich, an diesem Abend bei Ihnen zu sein." Das soll der Abschlusstoast des Abends werden. Alle erheben die Augen zu ihm und die Gläser in die Luft. "Ja otchen' schaschlik", setzt er an und bringt den Toast souverän zu Ende, obwohl ich in der Mitte lospruste. Aus "schastliv" - glücklich - ist in seiner Ausführung ein Fleischspieß geworden. Aber das ist nicht wichtig: Alle sind glücklich. Junger Mann preist bierselig alles in der Umgebung an: "Das Essen, es ist phantastisch! St. Petersburg ist phantastisch. Die Getränke - phantastisch!" Mein Vater sieht, wie er etwas zu überschwänglich mein Bein streichelt. "Ich weiß genau, worüber ihr redet", sagt Papa und zwinkert. Ich versuche, das Missverständnis aufzuklären. Vergebens.

Mein Vater wünscht sich sehnlich Enkelkinder, lehnt aber alles ab, was mit ihrer Herstellung zu tun hat. Junger Mann und ich werden auf eine Luftmatratze gebettet. Sie knattert und raschelt, wenn wir nur atmen, geschweige denn phantastische Sachen darauf machen.

Als ich zurück aus dem Bad komme, liest junger Mann mit geschlossenen Augen die Biografie von Keith Richards. Die phantastischen Gerichte und Getränke haben ihn geschafft. Ich klettere zu ihm auf die Matratze. Sie knistert, als würde eine Horde Elefanten auf Bläschenfolie steppen. Der ganze Wohnblock ist wach. Nur nicht junger Mann. Mit einem Lächeln auf den Lippen tätschelt er nach mir. Ich schmiege mich an und flüstere: "Ich glaube, ich bin auch sehr Schaschlik."

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insgesamt 73 Beiträge
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1. Schaschlik? Lecker!
Das Grauen 26.09.2011
Na, da ist ja wider Erwarten alles nochmal gutgegangen. Friede, Freude, Blini. Und junger Mann kann sich glücklich schätzen über sein Schätzchen. Otschen Charascho (oder wie auch immer man das dort so schreibt).
2.
loreskoko 26.09.2011
Ach, so herrlich. Waberte in den Artikeln seit der Zugfahrt mit Nebenwirkungen immer eine Spur Ernst und Schwermütigkeit mit, die mehr Nicken und Nachdenken als Lächeln auslösten, so durfte man hier wieder geballten Wlada-Humor genießen. Eine Freude für die Lachmuskeln. Köstlich beschrieben, diese Situation, die so international wie individuell ist, so humoristisch und kopfschüttelnswert, wie nur das Zusammentreffen von wichtigen-Personen-in-spe sein kann. Habe nach der Erwähnung von J.S. Foers Schapka halb auf einen "fleischlich"-Witz gehofft, wo doch sämtliche passende Gerichte aufgezählt wurden, aber das wäre wohl doch zu gewagt. Traurig, dass die Reise bald ihr Ende finde. Wie alle guten Dinge, viel zu früh. Momentan jedoch, nach dem Lesen dieses humoristischen Schmankerls, bin ich viel zu schaschlik, um melancholisch zu werden.
3. einfach nur KLASSE
wlada 26.09.2011
Zitat von sysopDie junge Russin Wlada Kolossowa*reist kreuz und quer durch ihre Heimat, will fremde Facetten des eigenen Landes kennenlernen. Das Schwerste kommt am Schluss: Sie stellt der Familie ihren deutschen Freund vor. Den beäugt vor allem ihr Vater misstrauisch. Was läuft da auf der Luftmatratze? http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,787364,00.html
sind Ihre Berichte und ich finde es sehr schade, dass die Reise zu Ende ist ...ich heiße zufällig auch Wlada und bin mit 14 Jahren aus Kasachstan mit meinen Eltern nach Deutschland ausgewandert. Kann dem Erzählten sehr gut nachempfinden und musste sehr oft lachen, wenn ich die Geschichten gelesen habe...Wlada, kannst Du nicht weiter reisen und uns dran teilnehmen lassen? Russland ist sehr groß ;o)
4. Die Dame ist vergeben?
whc80 26.09.2011
Zitat von sysopDie junge Russin Wlada Kolossowa*reist kreuz und quer durch ihre Heimat, will fremde Facetten des eigenen Landes kennenlernen. Das Schwerste kommt am Schluss: Sie stellt der Familie ihren deutschen Freund vor. Den beäugt vor allem ihr Vater misstrauisch. Was läuft da auf der Luftmatratze? http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,787364,00.html
Da ist mein Kumpel jetzt aber traurig...
5. [Hier könnte Ihr Titel stehen]
ilmoran 26.09.2011
Kurzweilig, informativ, teilweise brüllend komisch - die Serie ist herrlich! Aus Lesersicht bleibt zu hoffen, dass Enkelherstellung und ggf. deren Wartung der Autorin auch in Zukunft stets noch Raum für ein paar Zeilen lassen.
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