Wlada in Russland: "Wer stirbt hier gerade?"

Bislang stürzte sich Wlada Kolosowa, 24, furchtlos auf die russische Küche. Dann verbrachte sie eine 44-Stunden-Zugfahrt überwiegend mit dem Kopf in der Spucktüte. Ein Schaffner brachte ihr heiliges Wasser, ein unbekannter Mann schwarze Pillen. Aber Wlada wollte nur eins: Mama!

Wlada entdeckt Russland: Eine Zugfahrt, die ist lustig Fotos
Wlada Kolosowa

Der Schaffner hämmert an die Tür meines Zugabteils. Er fragt, wer hier gerade sterbe - es höre sich so furchteinflößend an. "Nur ich", winsele ich und übergebe mich zum 16. Mal. Ich fahre von Sotschi nach Odessa in der Ukraine - eine Fahrt, die 44 Stunden dauert. Drei davon habe ich bereits mit dem Kopf in einer Plastiktüte verbracht. Ich habe eine Lebensmittelvergiftung. Oder eine Magendarmgrippe. Vielleicht auch Ehec. Oder alles zusammen.

In Sotschi war die Welt noch in Ordnung. Ich kaufte auf dem Markt Essen für die Fahrt, aß Wassermelone und frühstückte mit meinen Gastgebern. Dieses Frühstück erlebe ich gerade noch mal in umgekehrter Reihenfolge. Ich bin ein einziger Output. Die Wassermelone kommt aus mir heraus wie aus einem kaputten Getränkeautomaten. Ich bin mir sicher: Ich komme nie in Odessa an. Der Schaffner hat Mitleid: "Soll ich Ihnen etwas holen?"

Mama, will ich sagen. Wenn das nicht geht, bitte einen Rettungshubschrauber. "Wasser", sage ich. "Aber Abgepacktes!" Diese Vorsichtsmaßnahme kommt wohl verspätet. Bisher stürzte ich mich furchtlos auf die russische Küche. Leitungswasser abkochen? Papperlapapp! Frittierte Piroggi, die Omas am Strand verkaufen? Her damit! Hering unter Pelzmantel? Ich kann das. Ich habe einen russischen Magen.

Ich bin ein mineralhaltiger Geysir

Das Einzige, was mein Magen nicht kann, und nie können wird ist "Borjomi". Das Mineralwasser wurde in der Sowjetunion "Georgisches Vichy" genannt und soll so ziemlich jedes Wehwehchen heilen. Vom Geschmack erinnert es an eine kohlensäurehaltige Suppe aus einer hässlichen Mineralienlampe, gewürzt mit einem halben Kilo Backpulver. Auch nach drei Tagen in der Wüste könnte ich es nicht trinken. Borjomi schmeckt wie ein Thermalbecken.

Borjomi ist das einzige Wasser, das der Schaffner anzubieten hat. Bis zum nächsten Halt dauert es noch zwei Stunden. Ich trinke warmes Borjomi. Ich übergebe mich. Ich bin ein mineralhaltiger Geysir.

Dann, die Rettung: Der Schaffner kommt mit einem Glas stillen Wasser. Es schmeckt rostig und abgestanden, aber das ist egal. Ich stürze es hinunter und frage, wo er das her hat. Der Schaffner zeigt mir eine verbeulte Plastikflasche mit einem verblichenen Cola-Etikett. "Wird dir guttun. Es ist heiliges Wasser, das habe ich an Ostern in der Kirche segnen lassen."

Zwei Stunden später steigt ein tiefgebräunter Bursche in mein Abteil. Er hat ein quadratisches Kreuz und ein rundes Gesicht. Alles an ihm strotzt vor Kraft, Lebensfreude und Gesundheit. "Blut mit Milch", sagt man in Russland dazu. "Was ist denn mit dir los? Hast du dich gestern zu gut erholt?", fragt er und schnippt sich mit den Fingern gegen den Hals - in Russland ein Zeichen für Alkohol. Erholen - otdichat - ist eines dieser russischen Wörter, das je nach Kontext alles heißen kann: Vom Waldspaziergang bis zum Saufgelage. "Ich sterbe bloß ein bisschen", sage ich und kotze zur Veranschaulichung heiliges Wasser.

Fiebermessen mit Boris Borisowitsch

"Boris Borisowitsch", stellt er sich vor. Ich bin überrascht über so viel Formalität - wir sind ungefähr gleich alt, und außerdem hat er gerade mein Innerstes gesehen. Ich tue es ihm aber gleich und stelle mich mit Vatersnamen vor: "Wladislawa Wladislawowna". Boris arbeitet beim Rettungsdienst und macht am Schwarzen Meer Urlaub. Er treibt bei unseren Nachbarn eine Flasche stilles Wasser auf und eine Handvoll Medikamente, von denen ich kein einziges kenne. "Fieber?", fragt er und plaziert seine Lippen an meine Stirn. Keine Anmache, sondern so misst man in Russland Fieber. Außerdem glaube ich kaum, dass er Interesse hat, einen Kotzvulkan zu küssen.

"Trink!" Boris hält mir eine seltsame weißliche Suspension vor die Nase und eine schwarze Pille. Ich habe keine Ahnung, was das ist und was es mit mir macht. Ich drehe den Kopf weg. "Na los, du bist nicht fünf Jahre alt", sagt er. Um ihm das Gegenteil zu beweisen, fange ich an zu weinen. Ich habe kein Handynetz, keine Würde, keine Verbindung zu Mama oder zu Google und lasse mir unbekannte Medikamente von einem unbekannten Muskelprotz einflößen. Ich will nach Hause, wo auch immer das ist: In meiner WG in Berlin, bei Mama in Ulm, bei Papa in St. Petersburg oder überall dort, wo ich Zugang zum Internet habe.

In Rostow am Don halten wir an. Boris fragt, wie man meinen Zustand in Deutschland behandeln würde. Ich versuche, ihm das Konzept der Salzstangen zu erklären. "Kapiert!", sagt er und bringt 15 Minuten später einen Nachschub an Kotztüten und ein Päckchen Suchariki - getrocknete Brotwürfel, die es in Russland in hunderten Sorten gibt. Boris hat sich für die Geschmacksrichtung "Sülze mit Meerrettich" entschieden.

Wurstet's Dich? Iss Sülze mit Meerrettich!

Es wird dunkel. Ich erzähle Boris von meinem Freund, er mir von seiner Ehefrau. Dann bringt er mir russischen Slang bei: "Das Gehirn pudern" - jemanden in die Irre führen. "Mädchen kleben" - Frauen anbaggern. "Sich wursten" - exzessiv feiern oder unter Drogeneinfluss stehen oder Entzugserscheinungen haben. Ich lache so sehr, dass ich mich wieder übergeben muss. Ich habe soeben einen Witz verstanden, den mir meine russische Freundin Anja vor einem halben Jahr erzählte: "Was macht ein Schwein in einer Fleischfabrik? Es wurstet sich."

Sechs Tüten später hören wir die Band Beach House, bis mein MP3-Player stirbt. Danach hören wir Radio, aus dem furchtbare russische und ukrainische Popsongs dröhnen. Boris summt mit und fragt mich bei jedem neuen: "Kennst Du den?" Ich kenne keine einzigen.

Als das Radio abgestellt wird, singen wir Kinderlieder. Kinderlieder kenn ich. Als Refrain wimmere ich vor mich hin, Boris streicht mir mit seiner Schmirgelpapierhand über die Stirn, als würde er sie abschleifen wollen. Ich wehre mich nicht. Unsere Leben haben absolut nichts gemeinsam, außer der Nummer des Zugabteils. Und trotzdem fühle ich mich verstanden und gut aufgehoben. Wir stimmen ein Kinderlied über orangene Sonnen an, unter der orangene Mamas und orangene Kinder orangene Lieder singen. Ich frage mich, ob sowjetische Liedermacher synästhetische LSD-Erfahrungen hatten, dann schlafe ich ein und träume wirre Träume über ukrainische Grenzkontrollen und Kaviar aus der Tschukotka.

Als ich am nächsten Morgen aufwache, ist Boris nicht mehr da. In seiner Koje liegt eine dicke Frau und löst Kreuzworträtsel. "Die Heimatstadt der Beatles, neun Buchstaben?", fragt sie anstatt eines Guten Morgens. "Liverpool?", sage ich. "Wo ist Boris Borisovitsch?" "Welcher Boris Borisovitsch? Ich bin Alexandra Alexeewna. Ihr Nachbar musste an der Grenze aussteigen, weil er illegal sechs Kilo Kaviar einführen wollte." Ich wundere mich über nichts mehr.

"Hier, er hat Ihnen auch ein Geschenk hinterlassen", sagt Alexandra und reicht mir eine Plastiktüte. Darin ist keine Adresse, keine Visitenkarte. Nur weitere Plastiktüten. Ich habe noch 18 Stunden zu fahren.

Einen Tag später traf die Autorin Boris Borisowitsch zufällig wieder. Warum er inzwischen nur noch drei Kilo Kaviar besitzt, schreibt sie in ihrem Blog.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 50 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Schööön
karabayan 09.08.2011
Habe noch nie so gern übers Kotzen gelesen. Die ist sooo süss, man will sie knuddeln. Ich kenne mich mit Magen Darm Grippen sehr gut aus, man will immer sterben, die Genesung ist damit umso schöner.
2. ...
meisterschlau 09.08.2011
rostow an der donau? wo liegt das? ich kenne nur rostow am don.
3. Wlada in Russland
hajduk2262 09.08.2011
Ich bin in Russland geboren, habe dort bis zur heutigen Zeit gelebt, jetzt bin ich in Österreich. Was ich über diesen Artikel sagen wollte? Komisch, einfach komisch. Entweder war diese Frau nicht im Zug und hat alles nur ausgedacht oder wollte sie nur dramatisieren und Interesse wecken. So schlimm ist in Russland war vor 10-20 Jahren, nicht mehr jetzt.
4. Frankfurt an der Elbe
darthkreon 09.08.2011
Zitat von meisterschlaurostow an der donau? wo liegt das? ich kenne nur rostow am don.
Entweder war es ihr wirklich so übel, dass sie Donau mit Don verwechselt hat, oder die Geografie ist nicht ihre Stärke... Aber mein Geburtsort Rostow am Donau zu bezeichnen, neigt an eine Beleidigung :-(
5. Hmm?
Meckerhexe 09.08.2011
Den Stil der Autorin mag ich sehr. Die Texte lesen sich kurzweilig und amüsant. Allerdings schreibt sie offenbar auch etwas schluderig. Denn "Rostow an der Donau" fiel mir auch gleich auf. Man fragt sich ob Wanda durch das "Rostow-na-Donu" - wenn ich Wikipedia korrekt verstehe die russische Bezeichnung von Rostow am Don - zu dieser falschen Lagebeschreibung der Stadt kam? Dann fragt man sich allerdings auch, ob sie wirklich jemals dort war.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik WunderBAR
RSS
alles zum Thema Wlada in Russland
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 50 Kommentare
Eine ungeübte Russin in Russland

Wlada auf der Spur
Der benötigte Flash Player 9 wurde nicht gefunden. mehr...
Karte: Zur Großansicht
Fotostrecke
Wlada entdeckt Russland: "Helle Jungfer, darf ich Ihren Kranz haben?"

Bevölkerung: 142,958 Mio.

Fläche: 17.098.200 km²

Hauptstadt: Moskau

Staatsoberhaupt:
Wladimir Putin

Regierungschef: Dmitrij Medwedew

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | Russland-Reiseseite

AP
Der Präsident ist animalisch, Deutsch hat eine eher ungewöhnliche Bedeutung - und vor dem Wodkatrinken sollten Sie ein, zwei Dinge dringend beachten. Wissenswertes und wundervolle Verrücktheiten: Entdecken Sie Russland im großen SPIEGEL-ONLINE-Test!