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Wohnen im Würfel: Quadratisch, praktisch, eng

Von Andrea Leiber

Kochen, arbeiten, duschen, schlafen auf gut sechs Quadratmetern - geht denn das? Studenten der TU München entwarfen einen mobilen Würfel mit Hightech und verblüffender Wohnqualität. Der Minihaus-Architekt ist davon so überzeugt, dass er selbst als Testwohner eincheckt.

Mobiler Mini: Man kann auch Gäste einladen
DDP

Mobiler Mini: Man kann auch Gäste einladen

Obdach suchende Studenten haben es schwer in der Isarmetropole. Pro Jahr fehlen 2500 Wohnheimplätze, die Wartezeit beträgt bis zu drei Semester. Zimmer auf dem freien Wohnungsmarkt sind in der Stadt der vielen Besserverdiener-Singles für Studenten kaum erschwinglich. Die Lage wäre noch verfahrener, hätte das Studentenwerk nicht schon vor Jahren unkonventionell gedacht - leerstehende Bundeswehrkasernen wurden angemietet, Wohncontainer aufgestellt und Zweck-WGs von Studenten mit Senioren gestartet.

Bei der Suche nach zusätzlichen Ressourcen kamen Studentenwerksleiter Dieter Maßberg damals auch die eigenen Schützlinge in den Sinn: "Es gibt ein Riesenpotential an studentischen Fähigkeiten, das zum Teil brachliegt." 2001 bat er an der Technischen Universität um Hilfe bei der Entwicklung kleiner, mobiler Wohneinheiten. Damit sollen freie Grundstücke vorübergehend genutzt werden, denn Bauland im teuren München kann das Studentenwerk kaum noch finanzieren. "Wir erleben heute eine steigende Nachfrage auch nach temporären Unterkünften", so Dieter Maßberg, "es wäre eine Erleichterung, wenn für Praktikanten und Auslandsstudenten keine Wohnheimplätze mehr freigehalten werden müssten."

Stilvoller und eleganter Prototyp

Der britische Architekt Richard Horden stellte seinen TU-Studenten am Lehrstuhl für Gebäudelehre und Produktentwicklung den Entwurf eines Minihauses als Aufgabe. Per Videokonferenz beteiligte er auch deren Kommilitonen vom Tokyo Institute of Technology. Das Ergebnis ist ein von außen auffallend schlicht und elegant gestalteter Wohnkubus - und der Prototyp kann sich sehen lassen.

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Münchner Wohnwürfel: Stilvolle Enge

Seidenglatte, hell schimmernde Außenflächen aus Aluminium geben dem Würfel eine besondere Aura, weg von der schnöden Alltagsarchitektur. Dass er auf Stelzen steht, ist Prinzip. Für Horden zählt die geringstmögliche Belastung der Natur ebenso zu den Merkmalen guter Architektur wie Helle und Leichtigkeit: "Das Volumen unseres 'micro-compact home' ist so gering, dass es ressourcenschonend gebaut und energiesparend betrieben werden kann. Und weil es einen minimalen Einfluss auf seine Umgebung ausübt, fördert es die Beziehungen des Bewohners zur Natur."

Vier Fenster verschiedener Größe ermöglichen Ausblicke in alle Richtungen. Sie sind so angeordnet, dass sie den Eindruck eines Domizils mit getrennten Wohnbereichen verstärken. Die Möbel sind flexibel und zum Teil versenkbar. So kann im Eingang geduscht werden, und wo man sitzt, isst und arbeitet, bieten alternativ zwei Betten Platz für vier Personen - auch Gäste sind also willkommen.

Japanische Bauweise als Vorbild

"Ich finde die traditionelle japanische Kultur vorbildlich, sie besitzt ein Gefühl für Größenverhältnisse", sagt Richard Horden. "Das japanische Teehaus ist vollendet auf den menschlichen Körper zugeschnitten. In ähnlicher Weise versuchen wir, dem Bewohner einen optimal strukturierten Raum für alle Bedürfnisse zu geben."

Würfel von außen: Kleine Wohnsiedlung geplant
Andrea Leiber

Würfel von außen: Kleine Wohnsiedlung geplant

"Alle Flächen des Innen- und Außenraums wurden eben gehalten, um eine ruhige Atmosphäre herzustellen", erklärt seine Assistentin Lydia Haack. Die Hightech-Ausstattung bietet überraschend viel Wohnkomfort. Dazu gehören Klimaanlage, Heizung, Dusche, Internetanschluss, Stereoanlage, ein integrierten Fernseher mit Flachbettbildschirm, gut platzierten Steckdosen sowie eine Induktions-Kochstelle. Und die Außenmaße mit der Kantenlänge 2,6 Meter erlauben einen schnellen Umzug - sie entsprechen den Vorschriften zum Transport auf öffentlichen Straßen.

Vanessa Blacker-Sturm war von Anfang an im studentischen Entwicklungsteam dabei. "Es bedeutete eine Herausforderung, in einem derart kleinen Volumen etwas Wohnbares zu schaffen", so die gebürtige Peruanerin. "Nach der Fertigstellung des Entwurfs errichteten wir am Lehrstuhl ein Modell in Originalgröße. Wir haben alles selbst gebaut und sind so stolz auf das Ergebnis, als wäre es unser Baby."

"Wir fanden es supergemütlich"

Offiziell wurde der Kubus von den Studenten nicht getestet. "Aber wir haben in der heißen Phase Tag und Nacht daran gearbeitet", erzählt Vanessa. "Etliche von uns haben im Würfel übernachtet, je zwei nebeneinander in einem Bett, um am nächsten Morgen gleich weiterbauen zu können. Wir fanden es in unserem Modell supergemütlich!"

Ein großer Sponsor ermöglichte anschließend die Herstellung des Prototyps. 500.000 Euro kostete der Bau der ersten Einheiten. Wenn das "micro-compact home" in Serie geht, soll es pro Stück etwa 25.000 Euro kosten. Beliebig viele Module könnten miteinander zu kleinen Siedlungen kombiniert werden.

An diesem Punkt regt sich aber auch Kritik. "Das ist viel Geld, das für dringend gebrauchte dauerhafte Unterkünfte angelegt werden sollte", findet Dorothee Chlumsky, Asta-Vorsitzende der LMU München, "vor allem aber halten wir das aggressive Auftreten des Sponsors und seinen Schriftzug im universitären Bereich für bedenklich."

Vor Beginn des Wintersemesters will das Studentenwerk am Rand des Englischen Gartens sieben Wohnwürfel installieren. Die Bewerbungsfrist für Interessenten, die ein Semester lang darin wohnen möchten, hat begonnen. Einer der Bewohner steht schon fest: Architekt Richard Horden.

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