Wohnen mit den Alten: Wie man sich als Student die Miete spart

Von Franziska Ringleben

Mietfrei zu wohnen, davon können die meisten Studenten nur träumen. Doch einige erfüllen sich den Wunsch, indem sie für Senioren Rasen mähen, für sie einkaufen und die Fenster putzen. Ein bisschen Hilfe für ein paar Quadratmeter, so der Deal. Die Jungen sind begeistert, die Alten zieren sich.

Helfen statt zahlen: Wohnen  bei Omi Fotos

Donnerstagmorgen, kurz vor neun. Marianne Marheineke, 33, steht vor der Hamburger Staatsbibliothek und wartet darauf, dass sich die Türen öffnen. Neben ihr unterhalten sich zwei Studenten über ihren gestrigen WG-Abend. Für Marianne bestand der aus Käsekuchenbacken für ihre Mitbewohnerin. Und weil die nicht gut zu Fuß ist, will Marianne ihr nun ein paar Bücher ausleihen - denn die Mitbewohnerin ist 83 Jahre alt.

Marianne studiert im zweiten Semester Deutsch und Medientechnik für Berufsschullehramt und nimmt am Projekt "Wohnen für Hilfe" teil, das in Hamburg vom Asta organisiert wird. Die Idee: Studenten bewohnen ein Zimmer im Haus von Senioren und bezahlen ihre Vermieter nicht mit Geld, sondern mit Hilfe im Haushalt.

Als Faustregel gilt eine Stunde Arbeit im Monat pro Quadratmeter Wohnfläche. Mariannes Zimmer ist 14 Quadratmeter groß. "Wir haben fünf Stunden Arbeit mehr vereinbart", so spart Marianne sich auch noch die Nebenkosten.

Das Interesse der Studenten ist groß, das der Senioren verhalten

Marianne kümmert sich um Haushalt und Garten der Seniorin und erledigt Einkäufe. Mariannes Vermieterin ist promovierte Sprachwissenschaftlerin und schreibt auch im hohen Alter noch eine wissenschaftliche Arbeit. Auch dabei assistiert Marianne. "Sie diktiert mir ihre Texte und ich tippe sie auf dem Computer." Bücher leihen und kopieren übernimmt sie auch immer wieder.

Marianne hatte sich bereits vor Studienbeginn auf die Suche nach einem generationsübergreifenden Wohnprojekt gemacht. Sie kommt von einem Bauernhof bei Hildesheim und ist es gewohnt, mit den Großeltern unter einem Dach zu wohnen. Sie glaubt, dass Senioren gerade in der Großstadt viel zu oft auf Rücksichtslosigkeit treffen. "Auf dem Land oder in kleinen Städten kennt jeder jeden. In der Großstadt ist das Leben sehr anonym. Alte Menschen vereinsamen, wenn sie nicht ein Projekt oder einen Verein finden, der ihnen Halt gibt."

"Wohnen für Hilfe" fand Marianne im Internet und kontaktierte Serge Nadtotschi, 32. Der BWL-Student leitet das Wohnprojekt in Hamburg. Bisher, sagt Nadtotschi, läuft es aber nur stockend. "Es ist schade, dass es nur sehr wenige Senioren gibt, die sich darauf einlassen wollen. Die Nachfrage bei Studenten hingegen ist sehr groß."

Mit Omi in der Anti-Atomkraft-WG

Nadtotschi kommt aus der Ukraine und dort sei es üblich, dass sich die Familie selbst um die Großeltern kümmere. "Man möchte etwas dafür zurückgeben, dass sie einen aufgezogen und unterstützt haben." In Deutschland aber bekämen alte Leute häufig keine Zuwendung. Daher habe er sich entschieden, einen großen Teil seiner Freizeit in das Projekt zu stecken.

Besonders ausländische Studenten bewerben sich in Hamburg auf Plätze bei "Wohnen für Hilfe". Durch das Zusammenleben mit Senioren wollen sie sich schneller in das deutsche Alltagsleben integrieren und ihre Sprachkenntnisse verbessern. Ein weiterer Grund für die WG mit Omi: Die Mieten in der Hansestadt sind hoch, die Wohnungsnot der Studenten groß. Allein an der Uni Hamburg studieren über 38.000 Studenten - in der ganzen Stadt gibt es allerdings nur 3723 Wohnheimplätze. Und die Mietpreise sind in der Hansestadt mit am höchsten (siehe Tabelle).

Mietspiegel der Studentenbuden
Rangfolge der Hochschulstädte nach monatlichen Ausgaben
In Berlin wohnt es sich noch immer vergleichsweise günstig, insgesamt sind die Mieten im Osten erschwinglicher als im Westen. Über 350 Euro kostet wohnen in München und Hamburg. Die 54 teuersten Unistädte im Überblick.
Die 27 teuersten Universitätsstädte...
Rangfolge der Hochschulstädte nach der Höhe der monatlichen Ausgaben für Miete und Nebenkosten
Rang Standort Ausgaben für Miete*
1 Köln 359
2 München 358
3 Hamburg (ohne Uni Hamburg) 351
4 Düsseldorf 338
5 Frankfurt-a.M. 337
6 Mainz 327
7 Konstanz 327
8 Darmstadt 322
9 Berlin 321
10 Wuppertal 318
11 Heidelberg 314
12 Ulm 313
13 Duisburg 311
14 Bonn 309
15 Bremen 308
16 Freiburg 307
17 Stuttgart 306
18 Münster 305
19 Tübingen 304
20 Aachen 304
21 Mannheim 302
22 Braunschweig 302
23 Potsdam 301
24 Karlsruhe 300
25 Hannover 299
26 Regensburg 295
27 Marburg 294
Gilt für Standorte, für die Angaben von mindestens 50 Studierenden vorliegen; *einschließlich Nebenkosten (Bezugsgruppe "Normalstudent", arithm. Mittelwert in Euro)

Quelle: DSW/HIS 20. Sozialerhebung

...und die Plätze 28 bis 54
Rangfolge der Hochschulstädte nach der Höhe der monatlichen Ausgaben für Miete und Nebenkosten
Rang Standort Ausgaben für Miete*
28 Oldenburg 292
29 Bochum 290
30 Kiel 290
31 Siegen 289
32 Augsburg 289
33 Trier 289
34 Saarbrücken 288
35 Passau 288
36 Bamberg 286
37 Rostock 282
38 Greifswald 281
39 Osnabrück 280
40 Gießen 279
41 Göttingen 277
42 Würzburg 277
43 Kassel 277
44 Bayreuth 275
45 Bielefeld 274
46 Kaiserslautern 268
47 Hildesheim 262
48 Jena 260
49 Magdeburg 253
50 Leipzig 251
51 Halle 249
52 Erfurt 248
53 Dresden 247
54 Chemnitz 211
Gilt für Standorte, für die Angaben von mindestens 50 Studierenden vorliegen; *einschließlich Nebenkosten (Bezugsgruppe "Normalstudent", arithm. Mittelwert in Euro)

Quelle: DSW/HIS 20. Sozialerhebung

Marianne begeistert an ihrer WG aber nicht nur, dass sie so Geld spart. Sie ist politisch engagiert und ihre Vermieterin eine alte Protestlerin, die schon früher an Demos der Anti-Atomkarft-Bewegung teilgenommen hat. Oft diskutieren die beiden ausgiebig und sie haben gemeinsam an der Menschenkette gegen Atomkraft zwischen Krümmel und Brunsbüttel teilgenommen. "Es war ein schönes Gefühl, als wir Hand in Hand standen, um zusammen etwas zu erreichen", sagt Marianne.

"Wohnen für Hilfe" wurde in Deutschland erstmals 1992 in Darmstadt umgesetzt. Inzwischen gibt es viele ähnliche Projekte, so auch in Münster: Seit Oktober 2009 wohnen Gisela Gebhardt, 73, und Jurastudentin Evelina Hopf, 22, unter einem Dach. Evelina steckt ihren blonden Lockenkopf durch den Türspalt und ruft: "Hallo, ich bin wieder da." Immer, wenn Evelina mittags nach Hause kommt, guckt sie erst nach Frau Gebhardt, fragt wie es ihr geht und erzählt von ihrem Tag.

Vertrauen in sich selbst ist gut, Frau Gebhardt ist besser

"Es fühlt sich an, als ob ich wieder eine Tochter hätte", sagt Frau Gebhardt schmunzelnd. Sie musste ihre drei Kinder nach dem frühen Tod ihres Mannes allein aufziehen. Die Souterrainwohnung, in der eine ihrer Töchter zu Studienzeiten gewohnt hatte, war frei und da kam die Zeitungsannonce von "Wohnen für Hilfe" gerade recht. "Ich habe mir gedacht, es wäre doch sehr schön, mit einem Studenten hier zusammen zu wohnen."

Evelina hatte ein Freiwilliges Soziales Jahr in Mexiko verbracht und dort unter anderem in einem Waisenhaus gearbeitet. Als sie danach nach Kiel kam, hörte sie einen Radiobeitrag über das außergewöhnliche Wohnprojekt. "Ich fand die Idee super, in der neuen Stadt gleich eine Bezugsperson zu haben." Außerdem funktioniert Gisela Gebhardt für sie als eine Art wohlwollende Aufpasserin. "Ich würde wohl eher mal eine Vorlesung sausen lassen, wenn ich alleine wohnte", sagt Evelina. "So weiß ich, Frau Gebhardt sieht das und dann meldet sich das schlechte Gewissen."

In den Monaten bei Frau Gebhardt hat sie so einiges gelernt, sogar "Fensterputzen - streifenfrei". Ärger gab es zwischen den beiden noch nie. Vermieterin Gebhardt hat dafür eine einfache Erklärung: "Wir haben uns versprochen, dass wir immer alles sagen, was uns nicht gefällt. Bis jetzt haben wir zum Glück noch keine großen Sachen besprechen müssen."

So gut wie in dieser WG läuft es allerdings nicht immer. "Wie in jeder normalen Wohngemeinschaft können nach einiger Zeit Unterschiede im Lebensstil zwischen Studenten und Senioren deutlich werden", sagt Serge Nadtotschi vom Asta Hamburg. Neben dem zweimonatigen Probewohnen haben daher beide Parteien die Möglichkeit, das Wohnverhältnis jederzeit zu kündigen. "Die vielen positiven Rückmeldungen zeigen uns jedoch, dass generationsübergreifende Wohnpartnerschaften für Studenten und Senioren eine gute Alternative sind."

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 24 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. verfälscht
Politikum 11.08.2010
Wo ist das denn mietfrei wohnen? Das ist schlichtweg gut bezahltes Arbeiten bei relativ freier Zeiteinteilung gegen kostenlose Wohnung, nur ohne Umweg über den Minijob / Finanzamt. Das kann keine praktikanle Lösung für billiges Wohnen und gegen Vereinsamung / Hilflosigkeit von älteren Menschen sein. Das ist schlichtweg eine weitere Aktion der Studentenvereinigung, den Mitgliedern billigen Wohnraum zu verschaffen. Vielleicht klappt das bei lieben Studentinnen, die brav um 10 Uhr das Licht ausmachen, und morgens um 7 Uhr aus dem Haus gehen. Spätestens aber, wenn der neue Freund der Studentin lockt, oder der Bewohner nachts um zwei Uhr besoffen von der Studifete kommt, dürfte die Stimmung bei den Senioren auf Eis liegen ...
2. x
mmueller60 11.08.2010
Funktioniert nur für eine sehr eingeschränkte Auswahl von Studenten sowie eine sehr eingeschränkte Auswahl von Senioren. Trotzdem ein schönes Projekt und man kann sich über jedes "Paar" freuen!
3. Nette Idee aber kostenlos wohnen ist was anderes
Nightfly_S 11.08.2010
Die Studentin arbeitet 20h/Monat. Würde sie 30h arbeiten, könnte sie locker ein günstiges WG Zimmer bezahlen auch inklusive Nebenkosten.
4. ...
zephyros 11.08.2010
so einen Schwachsinn lassen auch wirklich nur junge naive Leute mit sich machen, die noch nicht richtig rechnen können. Von derlei Abhängigkeiten bei Mietverhältnissen ist schon allein deshalb abzuraten, weil der "Mieter" immer in der Position sein wird "bloß alles richtig zu machen" weil er immer Angst haben muss sonst rauszufliegen. NEIN DANKE! dann lieber ganz normal zahlen
5. Warum so negativ?
R1181 11.08.2010
Ich habe als Student selbst in so einer Zweck-WG gelebt und verstehe die große Skepsis meiner Vor-Blogger nicht. Es gibt in unseren Städten eine große Anzahl allein lebender Rentner(innen). Und viele von ihnen gehören der Generation an, die in den Wirtschaftswunderjahren zu mehr oder weniger bescheidenem Wohlstand gelangt sind. Etliche wohnen eben nicht in der kleinen 2-Zimmer Wohnung, sondern in Häusern mit mehreren Stockwerken und vielen Zimmern. In meinem Fall stand die obere Etage des Hauses seit Jahren unbenutzt, da die Eigentümerin die Treppe nicht mehr schaffte. Hier geht es also mitnichten nur darum, Miete in Geld durch Miete in Arbeit zu ersetzen. Hier wird ungenutzter, aber dringend benötigter Wohnraum in den Städten nutzbar gemacht. Außerdem wird älteren Menschen die Möglichkeit eröffnet, um Jahre länger in den eigenen vier Wänden zu bleiben. Meine Mitbewohnerin konnte z.B. allein durch meine Anwesenheit ihre erbschleichenden Kinder von der Immobilie fernhalten. Und was die unterschiedlichen Lebensstile betrifft: Wenn bei mir oben Party war, hat die Dame einfach ihre Hörgeräte abgeschaltet... Mir ist unverstädlich, warum bei den Rentnern so wenig Interesse vorliegt. Das wäre für viele eine Riesenchance, unabhängig zu bleiben.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik WunderBAR
RSS
alles zum Thema Hütten und Paläste
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 24 Kommentare
  • Zur Startseite
Schwindel dich durchs WG-Casting! Du verpasst kein Fußballspiel? Kochst gern für alle? Hast drei Computer? Was eine WG bejubelt, kann in der nächsten total falsch sein. Finde heraus, wie du punktest - im WG-Casting-Quiz .

Fotostrecke
WG-Suche: "Warum sollten wir gerade dich nehmen?"
Fotostrecke
Studenten-Studie: Wie sie leben, wo sie wohnen, was sie verdienen

SPIEGEL ONLINE

Das Bilder-Memo: Ein Junge mit Baggy-Pants und Modelleisenbahn? Ein Mädchen mit schwarzen Haaren und rosa Wänden? Bei manchen Paaren stimmt was nicht, andere passen perfekt zum Zimmer. Finde heraus, wem welcher Raum gehört - im Wer-wohnt-wo-Quiz. mehr...

Fotostrecke
Müll und Poesie: Stimmungsbarometer WG-Kühlschrank

Hintergrund
Der Artikel ist im Rahmen eines Lehrprojekts an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation (MHMK) in Hamburg in Zusammenarbeit mit dem UniSPIEGEL entstanden. Die Dozenten waren Professor Stephan Weichert und Initiator Roman Przibylla, SPIEGEL ONLINE zeigt die besten Texte.