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Studenten als Hausbesitzer: Mein Haus ist dein Haus

Von Marie-Charlotte Maas

Studenten als Hausbesitzer: Unser Haus, unser Hund, unser Schrank Fotos
Grit Schwerdtfeger

Miete zahlen ist doof, dachten sich Leipziger Studenten und kauften ein Haus. Jeder hat sein eigenes Zimmer, der große Rest soll Allgemeingut werden - auch der Kleiderschrank: Jeder zieht an, was ihm gefällt. Kann das funktionieren?

Es war im Herbst 2012, als die 24-jährige Biochemiestudentin Anna beschloss, keine Miete mehr zu bezahlen. Was könnte man da tun, fragte sie sich also. In ein Bauwagen-Dorf ziehen? Das erschien ihr zu krass. Dann hörte Anna von anderen Leipzigern, die eines der leer stehenden Häuser gekauft hatten, von denen es in der Stadt so viele gibt. Die jungen Leute hatten das Gebäude renoviert und führten darin ein alternatives Leben nach antikapitalistischen Spielregeln.

"Das ist es", dachte Anna, "das mache ich auch."

Anderthalb Jahre später sitzt sie nun in der Küche ihres Hauses in der Wurzner Straße, das sie gemeinsam mit Kommilitonen gekauft hat. Die Küche ist eines der wenigen Zimmer, das schon bewohnbar ist. Ein gemütlicher Raum, mit einem alten Ofen, einem großen Holztisch, an dem später am Tag ein paar Mitbewohner Gemüse für das gemeinsame Abendessen schnippeln werden. Noch stehen die Reste eines späten Frühstücks auf dem Tisch, am Abend zuvor haben Anna und die anderen Mitbewohner des Hauses eine kleine Party gefeiert. Durch den Flur hört man Musik von The xx, in den oberen Stockwerken klopfen einige der Mitbewohner in Overalls die Wände frei, um Stromleitungen verlegen zu können. Anna gönnt sich noch eine kurze Pause, trinkt Kräutertee und will erzählen, wie es klappte mit dem eigenen Haus.

Nur 20 Mutige blieben übrig

Es begann damit, dass sie einigen Bekannten von ihrem Plan erzählte. Auch sie wollten anders leben und träumten von einem eigenen Haus; einem Refugium, in dem zwar jeder sein eigenes Zimmer hat, es aber auch viele Gemeinschaftsräume gibt: Großküche, Yoga-Raum, Musikzimmer und viel Platz für Gäste zum Beispiel. Außerdem eine Art Kleiderschrank für alle: Darin soll dann jeder seine Klamotten aufhängen und dem Kollektiv zur Benutzung anbieten.

Anna und ihre Mitstreiter, die aus Angst vor möglichen Anfeindungen ihre Nachnamen nicht gedruckt sehen wollen, versuchten auf mehreren Veranstaltungen, weitere Studenten für die Idee eines linken Hausprojekts zu begeistern. Das Interesse war sehr groß, doch für etliche, die kamen, war die Idee am Ende doch nicht mehr als eine romantische Vorstellung. Außerdem missfiel einigen ganz offensichtlich der Gedanke, neben dem Studium auch noch viel Zeit in die Renovierung eines alten Hauses zu investieren. 20 Mutige blieben übrig. Jetzt konnte es mit Schritt zwei weitergehen: ein Haus kaufen.

Im März des vergangenen Jahres stand ein Gebäude im Leipziger Osten zum Verkauf, das genau richtig zu sein schien: ein stark renovierungsbedürftiger Altbau von 1892, etwa 800 Quadratmeter Wohn- und Nutzfläche, denkmalgeschützte Fassade, vier Geschosse. Unten ein Ladenlokal mit viel Platz. "Perfekt", dachte Anna.

Ein anonymes Bieterverfahren sollte den zukünftigen Besitzer bestimmen. Die Gruppe war euphorisch, aber auch verunsichert. Stundenlang wurde diskutiert, was man denn wohl bieten müsse: 50.000? 80.000? Noch mehr? "Wir hatten ja keine Ahnung, was so ein Haus wert sein könnte", erinnert sich Biologiestudent Kevin, der nun zu den Projektmitgliedern zählt. Die Gruppe bot 70.000 Euro, die zum größten Teil als zinsloser Kredit von einer Schweizer Stiftung fließen würden, die Hausprojekte wie das in Leipzig unterstützt.

"Ich schwankte zwischen der Hoffnung, das Haus zu bekommen, und dem Wunsch, jemand anderes käme zum Zuge - aus Angst, es könnte zu viel werden", gibt Kevin, 23, zu. Es dauerte einige Wochen, dann ging eine Nachricht ein: "Sie können das Haus bekommen."

"Ein bisschen blauäugig"

Bisher haben Kevin und die anderen noch nicht bereut, dass die Wahl auf sie fiel. Wenn sie nicht gerade an der Uni sind, machen sie sich nun meistens auf der Baustelle nützlich. "Das ist anstrengend, aber es ist auch schön, wenn man abends total fertig ins Bett fällt", sagt Mitbewohnerin Lina, 22. Sie und die anderen schleifen alte Parkettböden ab, verlegen Stromleitungen und ziehen nur bei schwierigen Projekten Experten zurate, zum Beispiel bei der Renovierung des löchrigen Dachs. Acht Zimmer sind bereits fertig und bezogen, die anderen folgen nun in den nächsten Monaten.

"Wir sind schon ein bisschen blauäugig an die Sache herangegangen, ohne jegliches handwerkliches Vorwissen", sagt Kevin, "dafür lief bisher aber alles ziemlich problemlos." Hilfe bekommt die Gruppe aus dem "Mietshäuser-Syndikat", einem bundesweiten Netzwerk für vergleichbare Hausprojekte, von denen es in Deutschland etliche gibt. Man tritt gemeinsam für die Vergemeinschaftung von Wohneigentum ein, leiht sich Werkzeuge oder besucht sich zu gemeinsamen Bau-Wochenenden.

Die Schweizer Stiftung, die auch schon beim Kauf half, stellt 200.000 Euro für die Renovierungs- und Sanierungsarbeiten zur Verfügung. 26.000 Euro werden die Bewohner jährlich an Tilgung an die Stiftung zurückerstatten; jeder Bewohner soll dafür monatlich 160 Euro zahlen. Allerdings soll der, der mehr hat, auf Dauer auch höhere Beträge als die anderen abdrücken. Ob das funktionieren kann? Anna und die anderen sind optimistisch, sie glauben noch an das Prinzip "Alle für einen, einer für alle".

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Die Küchentür öffnet sich, und eine Mitbewohnerin kommt herein, zusammen mit Haushund Athena, einem Mischling. Die Hündin freut sich über die vielen Gesichter, rollt sich auf dem Küchenboden hin und her. Für einen Moment sind alle Augen auf sie gerichtet, doch dann löst sich die Runde auf, denn die Arbeit ruft. Kevin soll zwei Stockwerke höher beim Verlegen der Stromleitungen helfen. Lina und Simon nehmen sich noch kurz Zeit für eine Führung durch das Haus. Der Flur steht voller Werkzeug und Leitern, überall liegt Staub, die Tapeten sind heruntergerissen, in den Böden sind Löcher. "Es gibt noch viel zu tun", sagt Simon.

Er und Lina gehen auf ein Zimmer am Ende des Flurs zu. Es ist das Vorzeigezimmer, einer der ersten Räume, die schon komplett fertig sind und einen Vorgeschmack darauf geben, wie es in ein paar Monaten überall aussehen könnte.

Das Zimmer ist schön geworden: Holzmöbel, weiße Wände, Stuck an den Decken, Dielenboden. Vom Fenster aus blickt man auf den Garten, den sich die Groß-WG mit den Nachbarn teilt. Mittendrin steht ein Holzzuber zum Baden, der von jedem genutzt werden darf. Ein funktionstüchtiges Badezimmer gibt es bisher im Haus nicht. Die Sanitäranlagen sind das nächste große Etappenziel. Am Ende des Sommers sollen sie fertig sein. Solange duschen diejenigen, die schon im Haus wohnen, in einer befreundeten WG um die Ecke.

Bis alle Arbeiten abgeschlossen sind, wird es wohl noch gut zwei Jahre dauern, zumal die Bewohner auch mit der alten Ladenfläche im Erdgeschoss große Pläne haben: Sie soll irgendwann Platz bieten für Vorträge, Diskussionsrunden, Ausstellungen und Seminare. Außerdem wünschen sich Anna und ihre Mitbewohner eine Holzwerkstatt, ein Fotolabor, eine Tauschbibliothek, eine Bäckerei und eine ausgebaute Dachterrasse. Was letztlich umgesetzt wird, soll im Plenum entschieden werden. "Das kostet Energie", gibt Simon zu, "aber es bereichert auch sehr."

Lohnt sich der Aufwand für das Hausprojekt eigentlich? Studenten ziehen oft um, einige Bewohner könnten auch schon mal den Studienort wechseln, werden irgendwann einen Beruf ergreifen und deswegen woanders leben müssen. Anna sagt: "Klar lohnt sich das."

Beim Projekt gehe es auch darum, in eine Sache zu investieren, ohne ständig zu hinterfragen, was man selbst am Ende davon hat. "Das Projekt soll weiterleben, auch wenn wir längst ausgezogen sind", sagt Alexandra, 22. "Ich finde den Gedanken total schön, dass ich in 30 Jahren, wenn ich auf dem Land lebe, zurückkomme, und die Leute wohnen hier immer noch für wenig Geld."

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insgesamt 52 Beiträge
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1.
Zephira 09.07.2014
---Zitat--- "Das Projekt soll weiterleben, auch wenn wir längst ausgezogen sind", sagt Alexandra, 22. "Ich finde den Gedanken total schön, dass ich in 30 Jahren, wenn ich auf dem Land lebe, zurückkomme, und die Leute wohnen hier immer noch für wenig Geld." ---Zitatende--- Na, ob das so funktioniert? Erfahrungsgemäß gehen Menschen im Allgemeinen und Studenten im Speziellen mit Dingen, für die sie nicht den angemessenen Preis entrichtet haben, wenig pfleglich um. "Ein alternatives Leben nach antikapitalistischen Spielregeln" übersetzt sich dabei in eine "Nach mir die Sintflut"-Mentalität, eben weil Wert- und Nachhaltigkeitsfragen gar nicht erst gestellt werden. Aber das wird Alexandra schon noch selbst herausfinden...
2. Ja, es kann.
ratxi 09.07.2014
Zitat von sysopGrit SchwerdtfegerMiete zahlen ist doof, dachten sich Leipziger Studenten und kauften ein Haus. Jeder hat sein eigenes Zimmer, der große Rest soll Allgemeingut werden - auch der Kleiderschrank: Jeder zieht an, was ihm gefällt. Kann das funktionieren? http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/wohnungssuche-studenten-kaufen-sich-haus-in-leipzig-a-974497.html
Ja, es kann. Wenn auch viele Projekte dieser Art letztlich an den sich reibendes Egos der Beteiligten scheitern, bringen andere auch eine dauerhafte Bereicherung und ein schönes Leben in Verbindung mit geringen Wohnkosten.
3. Nein...
fatherted98 09.07.2014
...wird nicht funktionieren. Funktioniert auch in einem kleinen Rahmen nicht. Die Menschen sind Individualisten und Egoisten...einer nutzt den anderen aus...fängt beim leeren es Gemeinschaftskühlschranks an und geht über Putzdienste oder Geldzahlungen. Ist zum scheitern verurteilt...die Eigentümer werden die "Schmarotzer" bald rauswerfen und sich die Immobilie aufteilen...dann wären wir wieder beim Spießermodell....
4. tollllllllllllll
w1w2w3 09.07.2014
@ zephira ich weis nicht was aus ihnen spricht , aber und mit Verlaub hört sichdasgaz schön missgünstig an ... so nach der Devise jaja die stundenten den ganzen faulenzen sie ein wenig in der uni und dann bekommen sie auch noch ein haus ohne es richtig bezahlen zu müssen und ich wer schenkt mir was. Ich kann nur sagen tolles Projekt ,hier, haben junge Menschen einer Idee von sozialen miteinander welches sie für ihr Leben prägen wird. Erinnert mich an die 80ziger der Hausbesetzungen aufbauen statt zerstören. Weiter so , und viel Spaß und Erfolg.
5. Wunderbar es scheint doch noch Geist an der Uni zu geben.
biberzahn 09.07.2014
Wunderbar es scheint doch noch Geist an der Uni zu geben. Glück und gutes Leben statt Konsumwahn.
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