Zeit-Management: Haltet die Uhr an, ich steige aus

In ihrer frühen Jugend war Zeit für Wlada Kolosowa, 24, so kostbar und besonders wie ein Klotz aus Beton - und fühlte sich auch so an. Jetzt läuft sie ihr immer schneller davon. Die Tage vollzustopfen bringt es nicht, so viel ist klar. Aber was ist der Ausweg? Nichts tun?

Zeit, wo bist du hin? Wlada auf der Suche nach der Stopptaste Zur Großansicht
Stefan Kaufmann

Zeit, wo bist du hin? Wlada auf der Suche nach der Stopptaste

Ich kann nicht den Zeitpunkt festmachen, an dem meine Zeit zu einem Wirtschaftsgut wurde. Früher war sie einfach da, ich bewegte mich in ihr, ohne darüber nachzudenken. Doch plötzlich "sparte" ich sie, wollte sie nicht "verprassen", sondern "sinnvoll investieren".

Dabei ist es noch nicht lange her, da war die Zeit nicht kostbarer als ein Betonklotz - und fühlte sich auch so an. Die Stunden waren aus Zement. Zeit bedeutete vor allem Warten: auf den Schulgong, die Ferien, das Abitur. Darauf, dass Olli aus der Dreizehnten zurück schreibt. Dass das echte Leben endlich losgeht. Dass endlich etwas passiert. Irgendwas. Sobald die Zeit stillstand, und das tat sie oft, schlug ich sie tot. Jetzt läuft sie mir davon.

Als ich klein war, war die Zeit eine einzige Gegenwart, ein einziger Tag mit Schlafunterbrechungen. Irgendwann kam eine Vergangenheit und eine Zukunft hinzu, und je mehr ich über diese nachdachte, desto schneller eilte die Gegenwart an mir vorbei. Die Zeit, die eben noch so zäh war, zerfloss plötzlich, und ich tat mein Bestes, um sie festzuhalten. Nicht wie früher in Tagebüchern, sondern in Terminplanern und To-Do-Listen. Meine Uhren wurden ein bisschen zu Stoppuhren. Ich trug jetzt einen Vorwurf am Handgelenk: "Gerade ist die schönste Zeit deines Lebens. Nutze sie!"

Ich bin 24 und im Sommer mit dem Bachelor fertig. Die Anfangzwanziger sind Teenager des Erwachsenreichs. 24 ist ein bisschen wie die zweite Pubertät, nur werde ich nicht vom Kind zum Jugendlichen, sondern vom Jugendlichen zum Erwachsenen.

Hat man mit 18 die Hälfte des Lebens schon gelebt?

Viele sagen, es ist die beste Zeit des Lebens. Eine Zeit, in der man schon einiges kann, aber noch nicht viel muss. Mein Körper und mein Kopf werden nie mehr so leistungsfähig sein, mein Gedächtnis nie mehr so gut. Die fluide Intelligenz, die Wendigkeit des Gehirns, nimmt ab 25 ab, auch wenn der Zuwachs an kristallisierter, der Erfahrungsintelligenz, das ausgleicht. Die Uhren werden bald noch schneller laufen: Zwischen Ende 20 und Mitte 30 fängt die Rushhour des Lebens an - jene Phase, in der die meisten gleichzeitig Familie gründen und sich im Job behaupten müssen.

Dass die Zeiger sich plötzlich schneller drehen, hat auch damit zu tun, wie unser Gehirn die Zeit misst. Der Wissenschaftsjournalist Stefan Klein schreibt in seinem Buch "Zeit: Der Stoff, aus dem das Leben ist. Eine Gebrauchsanleitung": Das Gehirn misst Zeit nicht in Stunden oder Kalenderjahren, sondern in der Informationsmenge. Der erste Arbeitstag wird vielleicht im Gedächtnis abgespeichert, der 633. nicht mehr. So müllt das Gedächtnis nicht zu. Je älter man wird, desto weniger "erste Male" gibt es. Die Wege werden kürzer, je öfter man sie geht, und die Tage raffen sich, je öfter man sie lebt. Man sagt, mit 18 hat man subjektiv die Hälfte seines Lebens schon gelebt.

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Mein erstes Mal: Premieren, die den Puls hochjagen
Wenn ich die "schönste Zeit des Lebens" schon nicht anhalten konnte, wollte ich zumindest das meiste daraus machen. Wer weniger Zeit verplempert, hat mehr Zeit zu leben, dachte ich. Doch je knauseriger ich mit meinen Stunden war, desto weniger hatte ich davon. Wie die Bewohner aus Momos Kleinstadt, vergaß ich vor lauter Zeitsparen, zu leben. Meine Mutter nannte mich Terminator, weil ich so viele Termine machte. Auf Autopilot raste ich durch den Tag.

Manche hätten sich längst zu einem Entschleunigungskurs angemeldet, wären in ein Schweigekloster gegangen oder zu einer Wellnesskur. Ich wollte aber keinen Burnout vorbeugen, ich wollte nur mehr von der schönsten Zeit des Lebens.

Ich glaube nicht, dass "mehr Freizeit" der alleinige Schlüssel zu "mehr Zeit" ist. Oft fürchten die, die am meisten über fehlende Muße jammern, nichts so sehr wie eben diese, stopfen fünf Kaffeeverabredungen, zwei Filme, drei Clubs und einen Brunch in ein Wochenende. Dabei bedeuten akribisch ausgearbeitete Freizeitpläne ja nicht automatisch "intensives Leben", sondern oft das Gegenteil. Je länger To-Do-Listen werden, desto kürzer werden die Tage.

Lernen vom Vampir und von Albert Einstein

Vielleicht sollte ich ein radikales Gegenprogramm versuchen? "Verschwende deine Jugend" von Jürgen Teipel ist kein Zeitmanagementbuch, sondern ein Doku-Roman über die Anfänge der deutschen Punk- und New-Wave-Szene. Der Geschwindigkeit der Gesellschaft setzten Punks demonstratives Rumhängen entgegen, kultivierten Langeweile und Nichtstun. Zwar leuchtete mir der Gedanke ein, dass nur derjenige reich an Zeit ist, der sie mit vollen Händen ausgibt. Doch sobald meine Uhr im Leerlauf lief, waren die Betonstunden zurück, die ich aber nicht wollte.

Egal was ich tat: Mit jeder Zeigerumdrehung, mit jedem Weckerklingeln, mit jedem Kalenderblatt wurde die schönste Zeit meines Lebens weniger. Von meiner Ohnmacht erlöste mich letztlich kein Philosoph und kein Zeit-Ratgeber, sondern der Film "Interview mit einem Vampir" über den Vampir Louis, der für immer 24 bleibt.

Zeit anhalten zu können, wäre grausam: Denn wer unsterblich ist, ist längst tot. An wem die Zeit nicht nagt, der lebt nicht.

Und trotzdem habe ich etwas aus meinem Grübeln mitgenommen: Ich nahm mir vor, die Tage zu fühlen, anstatt sie zu füllen. Ich will die Tage nicht verplempern, aber trotzdem genug Platz für das Wildwuchsartige lassen und aufhören, die Opportunitätskosten eines faulen Nachmittags im Park nachzurechnen. Weniger Routine-Tage haben, die sich wie eine Ewigkeit hinziehen, aber in der Erinnerung auf zwei Sekunden zusammenschrumpfen. Mehr Tage, die in zwei Minuten vergehen, aber einen Überlängenfilm an Erinnerung hinterlassen.

Anhalten will ich die Zeit aber nicht mehr. Schließlich hat Albert Einstein schon gesagt: "Das Leben ist wie ein Fahrrad: Man muss sich ständig vorwärts bewegen, wenn man das Gleichgewicht nicht verlieren will."

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insgesamt 15 Beiträge
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1. Kopf hoch!
seikor 02.05.2011
Mit 18 hat man noch nicht mal angefangen, wirklich zu leben! Liebe junge Leute, lasst Euch nicht entmutigen - das Leben hält noch Einiges für Euch bereit!
2. zeitgeist zeit-management
zynik 02.05.2011
Zitat von seikorMit 18 hat man noch nicht mal angefangen, wirklich zu leben! Liebe junge Leute, lasst Euch nicht entmutigen - das Leben hält noch Einiges für Euch bereit!
Naja, wenn junge Leute schon in diesem Alter mit Vokabeln wie "Zeit-Management" geprügelt werden, kann man erahnen wo im Erwachsenenalter die Reise hingeht. Auch eine ehemals "freie" Jugend will heute durchökonomisiert sein. Da braucht man schon mit 12 einen Karriereberater.
3. Die Zeitsicht
miztake 02.05.2011
Ein wirklich gelungener Artikel! Ich bin 22, bald 23 und habe mir schon viel zu oft Gedanken über die Zeit gemacht, ohne die Gegenwart bewusst wahrzunehmen. Denkfehler! Oder, wie Hesse einst schrieb: "Über dem ängstlichen Gedanken, was uns etwa morgen zustoßen könnte, verlieren wir das Heute, die Gegenwart und damit die Wirklichkeit. Geben Sie dem Heute, dem Tag, der Stunde, dem Augenblick sein Recht!" ... so sieht's nämlich aus, heute wie vor hundert Jahren.
4. Gilbert Becaud
arnostein 02.05.2011
"Nimm dir doch Zeit, du hast ja Zeit ein ganzes Leben lang." Ein empfehlenswertes Lied!
5. Mt. Everest
einszweidrei 02.05.2011
Man muss nicht optimal leben. Wenn mir jemand vorwirft, dass der- oder diejenige aber in seiner/ihrer bisherigen Lebenszeit mehr erreicht hat als ich, mehr Geld verdient, wichtigere Reisen unternimmt oder noch viel beliebter, sportlicher, aktiver, schlauer, besser angezogen ist als ich, dann lächele ich und denke mir "und der Mount Everest ist höher als ich, na und?". Es gibt immer Leute, die einem überlegen sind. Die besser, klüger, vernünftiger, ökonomischer und gesünder leben. Oder, in der Gegenrichtung, die viel besser entspannen, die Seele baumeln und sich einfach mal gehen lassen können. Na und? Ich nehme mir für jeden Tag die Erledigung zweier mehr oder weniger wichtiger Dinge vor. Nur zwei. Schaffe ich diese, ist das wunderbar. Wenn dann noch Zeit übrig ist, nehme ich noch eine dritte Angelegenheit in Angriff. Das mag nicht das Erfolgsprinzip des interkontinentalen Multimillionär-Managers sein, und dennoch macht es zufrieden und in gewisser Weise erfolgreich. Man kann natürlich auch anders leben. Na und?
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Zur Person
Laut Ausweis ist Wlada Kolosowa 24 Jahre alt. Da sie aber gelernt hat, dass das Lebensalter mehr als die Summe der Kalenderjahre ist, zählt sie nicht mehr Kerzen auf der Geburtstagstorte, sondern jagt Momente, die Vergangenheit, Zukunft und die Ewigkeit enthalten. Sie schreibt für jetzt.de und den "Tagesspiegel".

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