Zitat des Tages: "Direkter Zugang zu Hitlers Gehirn"

Soll Hitlers "Mein Kampf" in den freien Verkauf? Nein, sagte der Freistaat Bayern als Inhaber der Urheberrechte und verhinderte damit erneut einen Nachdruck des Diktatorenmachwerks. Politikprofessorin Barbara Zehnpfennig widerspricht: Die Zurückhaltung ist überholt.

Hitlers "Mein Kampf": Lehrreich, aber nicht ansteckend Fotos
DPA

"Das Buch ermöglicht einen direkten Zugang zu Hitlers Gehirn und macht deutlich, dass sein Judenhass auf einer Weltanschauung beruhte, in der die Juden stellvertretend für eine bestimmte Denk- und Lebensweise standen."

Barbara Zehnpfennig, Politikprofessorin an der Uni Passau, findet, jeder Bürger sollte Hitlers "Mein Kampf" lesen und die Gedankenwelt des Diktators selbst betrachten können. Deswegen sollte die bayerische Staatsregierung als Inhaber der Urheberrechte das Buch nicht länger unter Verschluss halten. "Ich halte es nicht für besonders klug, nach wie vor so auf seinen Rechten zu beharren", sagte sie.

Der englische Verleger Peter McGee wollte seiner Wochenzeitung "Zeitungszeugen" kommentierte Auszüge aus "Mein Kampf" beilegen. Sein Verlag sorgte bereits 2009 in Deutschland für Debatten, als er Nachdrucke von Nazi-Postillen wie "Der Angriff" oder dem "Völkischen Beobachter" an die Kioske brachte.

Die Veröffentlichung von "Mein Kampf" hatte das Münchner Landgericht am Mittwoch allerdings verboten und damit einem Antrag auf einstweilige Verfügung des Freistaats Bayern stattgegeben. Weil Hitler bis zuletzt in München gemeldet war, wurde sein Vermögen auf Bayern übertragen - dazu gehört auch das Urheberrecht an "Mein Kampf". 2015 erlischt es allerdings.

Die Professorin Zehnpfennig kennt das Buch wohl wie kaum ein anderer: Schließlich hat sie ihre Habilitation darüber geschrieben. "Die wohl überhaupt gehaltvollste Auseinandersetzung mit den Intentionen des deutschen Diktators seit den Büchern von Eberhard Jäckel (1969) und Joachim Fest (1973)" - urteilte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" in einer Rezension. Zwar sei Hitler stilistisch nicht begabt gewesen, sagt Zehnpfennig, deshalb sei es viel Arbeit, das Buch zu lesen - es lohne sich allerdings. "Inhaltlich ist es hochinteressant", sagt sie.

Interessant, aber nicht ansteckend: Allein die Lektüre könne ihrer Meinung nach nicht mit Hitlers Gedankengut infizieren. "Neonazis haben das Buch sicherlich schon, wenn sie es haben wollen - andere werden kaum der Meinung sein, dass von diesem Buch eine große Faszination ausgeht." Ohnehin könne man es in Antiquariaten legal erwerben und auch im Internet sei es problemlos zugänglich. "Es entsteht also nur noch ein geringer qualitativer Unterschied, wenn es ganz freigegeben wird", sagte sie.

Am Donnerstag erschienen Hitlers Originalzitate in den "Zeitungszeugen" nun doch - allerdings unleserlich gemacht. "Das hat geradezu etwas Belustigendes", sagte Zehnpfenning der "Passauer Neuen Presse", "schwarze Gedanken schwarz übertüncht."

fln/dpa

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