Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Friedenskämpfer in Israel und Palästina: "Ich bin für viele ein Verräter"

Der Palästinenser Abu Yazan (l.) und der Israeli Uri Weltmann teilen einen Wunsch: Frieden Zur Großansicht

Der Palästinenser Abu Yazan (l.) und der Israeli Uri Weltmann teilen einen Wunsch: Frieden

Zwei Studenten kämpfen in Israel und im Gaza-Streifen für Frieden, Freiheit und Versöhnung. Dafür bezahlen sie einen hohen Preis: Der eine erhielt Morddrohungen, der andere wurde inhaftiert. Warum machen sie trotzdem weiter?

Uri Weltmann, Student und Friedenskämpfer aus Israel, sagt:

"In meinem Heimatland bin ich für viele ein Verräter. Dabei will ich nur Frieden. Diesen Sommer habe ich Demonstrationen in Haifa und Tel Aviv organisiert, gegen den Krieg in Gaza. Fremde schickten mir Todesdrohungen per SMS und auf Facebook, weil sie ein hartes Vorgehen gegen die Palästinenser fordern: "Wir werden dich finden und fertigmachen."

Eine Zeit lang habe ich bei Freunden übernachtet, aus Angst, dass Schläger zu mir nach Hause kommen. Die Anfeindungen waren organisiert: Rechte Gruppen haben in ihren Facebook-Gruppen die Namen von Friedensaktivisten wie mir genannt und dazu aufgerufen, uns im Internet zu beschimpfen. Auch unsere Demonstrationen haben sie attackiert. An einem Tag waren wir in Haifa 300 Demonstranten, umgeben von 2000 Gegendemonstranten, die uns mit Steinen bewarfen und "Tod den Arabern" brüllten.

Der Israeli Uri Weltmann, 30, studiert Philosophie an der Universität Haifa Zur Großansicht

Der Israeli Uri Weltmann, 30, studiert Philosophie an der Universität Haifa

Noch nie habe ich so viel Gewalt erlebt wie in diesem Sommer. Trotzdem sind viele Tausend Menschen zu den Protesten gekommen. Darauf bin ich stolz. Wir haben einen sofortigen Waffenstillstand und die Rückkehr zu Gesprächen mit der palästinensischen Einheitsregierung von Fatah und Hamas gefordert.

Durch den Krieg haben sich die Bedingungen für einen Dialog und die Sicherheitslage nun noch weiter verschlechtert, weil eine neue Generation Radikaler in Gaza entsteht.

Nicht, dass ein falscher Eindruck entsteht: Ich verurteile die Gewalt auf beiden Seiten. Auch die Raketen der Hamas sind natürlich falsch. Aber Israel muss die Besatzung beenden, die Siedlungen im Westjordanland räumen und einen unabhängigen palästinensischen Staat zulassen - sonst gibt es wahrscheinlich nie richtigen Frieden.

Mich hat die Ermordung Jizchak Rabins 1995 politisiert, damals war ich elf Jahre alt. Der Tod des Politikers, der den Menschen in den Oslo-Verhandlungen Hoffnung auf Frieden gegeben hat, war ein großer Schock für das Land.

Meine Freunde sagen oft, ich sei verrückt. "Wie kannst du an Frieden glauben?", fragen sie. Die Geschichte aber lässt mich hoffen. Nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg ist Europa heute eine der friedlichsten Regionen der Welt. Warum sollten wir das nicht auch schaffen?"


Der Palästinenser Abu Yazan, 27, studiert Englisch und Sozialkunde in Jena Zur Großansicht

Der Palästinenser Abu Yazan, 27, studiert Englisch und Sozialkunde in Jena

Abu Yazan, Student und Friedenskämpfer aus Palästina, sagt:

"Ich hatte nicht geplant, in den Semesterferien nach Gaza zu reisen. Dann sah ich im Juli die Bilder in den Nachrichten. Meine Mutter rief mich fast jeden Tag an und weinte.

Ich musste zurück zu meiner Familie. Als ich in der Wohnung ankam, lebten in unseren Zimmern fünf Familien, die evakuiert worden waren oder deren Häuser nicht mehr standen. Auch meine Mutter hatte vom israelischen Militär eine Warnung bekommen, dass ihr Gebäude bombardiert werden sollte. Aber sie wollte nicht gehen. Bis zuletzt wurde das Haus glücklicherweise nicht angegriffen.

Der Krieg in diesem Sommer war anders als die anderen beiden, die ich 2008 und 2012 schon erlebt habe. Es wurden mehr als 2000 Menschen getötet, und die Hamas leistete enormen Widerstand - ein Umstand, zu dem ich sehr gespaltene Gefühle habe.

Im Jahr 2011 habe ich mit Freunden die Bewegung "Gaza Youth Breaks Out" gegründet, wir waren gegen die Hamas und gegen die Fatah, mit der sie eine Einheitsregierung bildet. Wir wollen Unabhängigkeit, Redefreiheit, Pressefreiheit. Dafür wurden wir von der Hamas verfolgt, was auch der Grund dafür ist, dass ich in Deutschland studiere.

Mehr als 40-mal hat mich die Hamas wegen meiner politischen Aktivitäten ins Gefängnis gesteckt. Manchmal in eine Zelle, die nur wenige Quadratmeter groß war. Ich konnte dort nicht schlafen, nur stehen und warten, dass die Zeit verstrich. Sie folterten mich nicht körperlich, aber psychisch, etwa indem sie mir vergammeltes Essen vorsetzten.

So hat es die Hamas zwar geschafft, die Demonstrationen vor zwei Jahren zu unterbinden, aber die Idee einer freien Jugend lebt noch heute. Bei Facebook folgen mir Tausende Menschen und lesen, was ich schreibe.

Ich mag die Hamas nicht, aber den Widerstand, den sie in diesem Krieg leistet, unterstütze ich. Die Reaktion war nötig, damit Israel Gaza nicht überrennt. Es wird Jahre dauern, bis es keine Feindseligkeit mehr zwischen Israelis und Palästinensern gibt. Es ist einfach zu viel passiert. Trotzdem muss ich weiterhin an Frieden glauben. Die Hoffnung ist alles, was ich habe."

Hol Dir den gedruckten UniSPIEGEL!
  • SPIEGEL ONLINE

    Ausgabe 5/2014

    Mama ruft an!
    Wenn Eltern klammern und Studenten Heimweh haben

    Diesmal mit Geschichten übers Ausziehen, Rennovierungstipps für die neue Wohnung, ein Leben ohne Plastik und eine durchsoffenen Nacht in Greifswald. Wollt ihr das Heft nach Hause bekommen?
  • Dann abonniert den SPIEGEL im Studenten-Abo zum günstigen Sonderpreis.
Den UniSPIEGEL gibt's auch kostenlos an den meisten Hochschulen.

Protokolle: Theresa Breuer

Diesen Artikel...

© UniSPIEGEL 5/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Titelbild
Heft 5/2014 Wenn Eltern klammern und Studenten Heimweh haben

Fotostrecke
Nach dem Gaza-Krieg: Fußball, der verbinden soll
Gazakrieg 2014

Fläche: 22.072 km²

Bevölkerung: 8,358 Mio.

Regierungssitz: Jerusalem

Staatsoberhaupt:
Reuven Rivlin

Regierungschef: Benjamin Netanjahu

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Israel-Reiseseite

Fläche: 6020 km²

Bevölkerung: 4,683 Mio.

Regierungssitz: Ramallah

Staatsoberhaupt:
Mahmud Abbas

Regierungschef:
Rami Hamdallah

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Nahost-Reiseseite