Die in den Sozialwissenschaften gebräuchlichen Begriffe Handlungs-, und Aktionsforschung sind synonyme Übersetzungen des von Kurt Lewin geprägten Begriffs action research[1][2]. Er wollte als Kritik an einer rein experimentellen Sozialpsychologie eine Wissenschaft begründen, deren Hypothesen praxisnah sind und deren Implikationen zu Veränderungen im Sinne einer Problemlösung führen. Mit ihrem expliziten Handlungsgebot sollte sie ein Gegenentwurf zu einer seiner Meinung nach auftragsfreien, verantwortungslosen Wissenschaft sein, der eine Entfremdung von Theorie und Praxis aufheben würde
Die Aktionsforschung hat sich, obwohl ursprünglich ausschließlich in der Sozialpsychologie angesiedelt, über mehrere Generationen von Forschern in eine Vielzahl von Bereichen (Managementlehre, Pädagogik, Sozialforschung, Entwicklungszusammenarbeit, Psychosoziale Arbeit usw.) ausgefächert. Sie inspirierte Konzepte, wie die Organisationsentwicklung, die angewandte Anthropologie, den Action Learning-Ansatz oder die Arbeit des Tavistock-Instituts. Sie taucht heute insbesondere innerhalb interdisziplinärer Projekte in den Sozialwissenschaften auf. Innerhalb der Psychologie selbst, findet sie kaum noch Anwendung.
Der Begriff action research geht vermutlich auf den Beauftragten der amerikanischen Regierung für Indianerfragen, John Collier, zurück. Er arbeitete von 1933 bis 1945 an der Verbesserung der Rassenbeziehungen und versuchte dieses Ziel durch eine enge Kooperation mit den betroffenen Indianerstämmen mittels einer Strategie der gemeinsamen Problemfeststellung, -analyse und -bearbeitung zu erreichen, die er als "action research" bezeichnete[3]
Kurt Lewin, der einen Lehrstuhl am Massachusetts Institute of Technology innehatte, griff diesen Ansatz auf und gab ihm als action research im Jahr 1944 eine programmatische Fassung. In der Literatur taucht sein Konzept erstmals in einem Artikel aus dem Jahr 1946 mit dem Titel Action Research and Minority Problems auf. Darin beschreibt er action research als vergleichende Forschung, die sich mit den Effekten zahlreicher Formen von sozialer Intervention sowie der Erforschung sozialer Veränderung widmet. Dabei beschrieb er die Methodik als eine sich wiederholende Spirale von drei Schritten: (1) Planung, (2) soziale Intervention im Feld und (3) Reflexion über die Resultate der Intervention.
Zwischen 1948 und 1950 führte das Tavistock Institute in der Glacier Metal Company ein Aktionsforschungsprojekt durch, dessen Ziel die Verbesserung der Mitarbeitermotivation und der Zusammenarbeit war. Dies führte unter anderem zu mehr Mitsprache der Mitarbeiter im Betriebsrat.
Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre verlieh eine zweite Generation von Aktionsforschenden in Großbritannien und schließlich Australien der Aktionsforschung einen gesellschaftskritischen Impetus, der in Europa zunehmend Befürworter fand. Aktionsforschende stellten dabei in den Vordergrund, dass sozialwissenschaftliche Forschung immer schon normativ sei und die Forschenden im Bewusstsein ihrer sozialen Bedingtheiten ihre Arbeit als emanzipatorisch und politisch begreifen müssen.[4] In Deutschland griffen vor allem Pädagogen, Soziologen und Psychologen die Ansätze auf, um eine Alternative zu Forschungsstandards wie Objektivität und Neutralität innerhalb der Sozialwissenschaften zu generieren[5], waren diese doch länderübergreifend immer stärker in die Kritik geraten. Einerseits wurde eine zunehmende Loslösung und Abkopplung der Sozialwissenschaften von der sozialen Realität des Forschungsfeldes bemängelt.[6] Aktionsforscher beobachteten also, dass sich die Sozialwissenschaften paradoxerweise von ihrem eigenen Gegenstand distanzierten. Andererseits beobachteten sie, dass die Sozialwissenschaften durch den Anspruch auf Neutralität ein implizites Bündnis mit den sozialen Mächten und Definitionshoheiten eingingen, das gesellschaftliche Strukturen nicht verändere, sondern affirmiere und reproduziere.[7]
Eine dritte Generation der Aktionsforschung prägten schließlich Sozialarbeiter/innen, Theolog/innen und Pädagog/innen im Geiste sozialer Bewegungen in Lateinamerika und Afrika, die auch im englischsprachigen Ausland sowie besonders in Skandinavien immer stärker an Bedeutung gewann: participatory action research. Der durch Praktiker wie Paulo Freire, Orlando Fals Borda, Rajesh Tandon, Anisur Rahman und Marja-Liisa Swantz entwickelte Ansatz setzt auf eine Verbindung von Wissenschaft und sozialem Engagement. Fals-Borda schreibt dazu: "Man muss (theoretisches) Studium und (praktische) Aktion miteinander verbinden, um gegen die Bedingungen der Abhängigkeit und der Ausbeutung zu arbeiten, die uns mit allen ihren degradierenden Konsequenzen und Unterdrückungsmechanismen charakterisiert und bestimmt hat. Dies zeigt sich deutlich an unserer Kultur der Imitation und der Armut und am Mangel an sozialer und ökonomischer Partizipation, der unser Volk kennzeichnet."[8] Die Partizipation der Forschenden an sozialen Projekten war dementsprechend namensgebend für den Ansatz des participatory action research. Er sollte ein Bewusstsein sozialer Veränderbarkeit entwickeln, das Freire conscientizacao nannte.[9][10] Indem die Menschen verstehen, inwiefern ihre sozialen Praktiken durch materielle, soziale und historische Umstände begründet sind, so die Hoffnung, bekommen sie eine neue Perspektive auf mögliche Wege der Transformation der jeweiligen Umstände, die sie durch ihr tägliches Handeln produzieren und reproduzieren.
Diese Ausrichtung sozialwissenschaftlicher Forschung hat zur Folge, dass aus dem Verhältnis von Forschenden und Beforschten eine auf gemeinsame Aktion und Reflexion ausgerichtete Arbeitsbeziehung zwischen Forschern und zu Co-Forschern ausgebildeten Subjekten entsteht. Eine Arbeitsbeziehung, die dem bereits von Lewin konzipierten zyklischen Forschungsverlauf folgt: Die Projektplanung geht in konkrete Handlung über, die gemeinsam beobachtet und ausgewertet wird und schließlich zu einer erneuten Planung führt, die weitere Aktionen anstößt. Ziel des Forschungsprozesses ist Realitätshaltigkeit und Transparenz, Praxisrelevanz und Interaktion; eher sekundär, falls überhaupt, wird die Generalisierbarkeit von Ergebnissen angestrebt.[11]
Der Aktionsforscher Heinz Moser fragt Ende der 70er Jahre, was nun jedoch der konkrete Inhalt solcher gemeinschaftlicher Aktions-Reflexions-Prozesse ist und welchen Dilemmata sie sich eventuell gegenüberstehen. Er schreibt "Vielfach bleibt es bei kargen Hinweisen auf 'Emanzipation', 'gesellschaftliche Veränderung', 'Appell an die Humanisierung der Menschheit'. Die Subjekt-Werdung, von der Aktionsforscher nicht aufhören können zu sprechen, scheint letztlich aber eine Abstraktion zu sein: Eine Abstraktion von konkreten historisch-gesellschaftlichen Prozessen, in denen solche Subjekt-Werdung stattfinden kann."[12] Diese Abstraktion würde nur unzureichend in die soziale Praxis übersetzt werden, so dass der Aktions-Reflexions-Prozess auf die Handlungen im Hier und Jetzt reduziert werde und die Gefahr eines verschwiegenen Induktivismus bestehe, der auf eine scheinbare Unmittelbarkeit setzt, welche vergisst, dass alle unsere Erfahrungen durch Erwartungshorizonte vorstrukturiert sind. Aus diesem Grund sieht sich der Ansatz trotz vielfältiger Verweise auf neomarxistische, kommunitaristische oder menschenrechtliche Theorien mit dem Vorwurf einer Untertheoretisierung konfrontiert[13][14], die, zugespitzt, in der Kritik mündet, dass gewissen Ideologien gefolgt werde, die nicht explizit gemacht würden und die Reflexion somit auf einen pragmatischen Zielabgleich reduziert werde.[15] Dies kann wiederum in beiden Phasen, der Aktion und der Reflexion, zu Abhängigkeiten gegenüber dem Forscher führen, der implizit die Federführung übernimmt und so kein gemeinsam verfügbares Wissen schafft, das von den Teilnehmenden selbständig genutzt werden könnte.
Ziel der Aktionsforschung ist es, an konkreten Problemen aus der Praxis anzusetzen und direktes soziales Handeln zu ermöglichen. Die Beziehung zwischen Forscher und Betroffenen zeichnet sich durch symmetrische Kommunikationsstrukturen aus: Denn eine Forschung, die nichts anderes als Bücher hervorbringe, nütze dem Individuum nicht.[16]
Der Aktionsforschung wird gelegentlich mangelnde Wissenschaftlichkeit vorgeworfen. Die Begründung dafür liegt im Anliegen der Aktionsforschung. Sobald der Forscher versucht, die Handlungen von Personen in politischer oder moralischer Absicht aktiv zu beeinflussen, verschwindet der Unterschied zwischen Wissenschaft und Ideologie.[17]
Besonders geeignet für den Ansatz der Aktionsforschung erscheint die Pädagogik und die Didaktik und hier besonders die Methodik: durch die intensive Zuwendung zum Forschungsgegenstand „Unterricht“ wird die Praxisrelevanz der Ergebnisse im Vergleich zu hermeneutischen Verfahren stark erhöht. Allerdings wird dieser Forschungsansatz nur von wenigen Wissenschaftlern gewählt, weil er sehr zeit- und arbeitsintensiv ist.[18]
Eine 1993 durchgeführte Umfrage[19] zum aktuellen Stand der Aktionsforschung ergab, dass dieses Konzept aus der deutschsprachigen sozialwissenschaftlichen Debatte praktisch verschwunden war. Gründe waren der Schwerpunkt auf die Umsetzung von Forschungsvorhaben anstelle der theoretischen Weiterentwicklung, desillusionierende Berichte über konkrete Projekte, die mangelnde internationale Vernetzung und die Entwicklung qualitativer Forschungsmethoden seit Ende der 1970er Jahre.
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