Alfred Sohn-Rethel (* 4. Januar 1899 in Neuilly-sur-Seine bei Paris; † 6. April 1990 in Bremen) war Nationalökonom, marxistischer Philosoph und Wirtschafts- und Industriesoziologe.
Alfred Sohn-Rethel stammte aus einer Familie von Malern mit großbürgerlicher Verwandtschaft. Damit er nicht auch noch zu einem Maler werden würde, sollte er in einem amusischen Haushalt aufwachsen – bei dem der Familie befreundeten Düsseldorfer Stahlindustriellen Ernst Poensgen – und später Wirtschafts- oder Naturwissenschaften studieren. Zu Weihnachten 1915 wünschte er sich von Pflegevater Poensgen die drei Bände des Kapitals, die er auch tatsächlich erhielt und dann äußerst gründlich zu studieren begann.
Sohn-Rethel wurde 1928 in Heidelberg beim austromarxistischen Ökonom Emil Lederer in Nationalökonomie promoviert. In seiner Dissertation kritisiert er die Theorie des Grenznutzens als eine »petitio principii«, da diese Richtung den Zahl-Begriff stillschweigend voraussetzt. Seine theoretischen Fragestellungen und Theorieansätze sowie sein geistiger Hintergrund weisen eine Verwandtschaft mit dem Denken der Kritischen Theorie auf. 1924 lernte er auf der Insel Capri Adorno und Kracauer kennen. Schon in Heidelberg war er seit 1920 mit Ernst Bloch befreundet und seit 1921 mit Walter Benjamin bekannt. Von da an stand er zeitlebens in Kontakt mit den Vertretern der Frankfurter Schule, insbesondere mit Adorno. Es kam aber wegen Horkheimers Bedenken einer etwaigen zu spekulativen Gesellschaftskritik zu keiner festen Zusammenarbeit.
Durch Vermittlung von Poensgen gelangte er im September 1931 zu einer wissenschaftlichen Hilfstätigkeit beim Mitteleuropäischen Wirtschaftstag (MWT). Der MWT war ein Interessenverband der wirtschaftlich führenden Unternehmen, Banken und Verbände Deutschlands. Dort konnte Sohn-Rethel – für Soziologen ein seltener Fall – von 1931 bis 1936 unerkannt „in der Höhle des Löwen“ und aus nächster Nähe, „im zweiten Rang Mitte“, das machtpolitische Geschehen beobachten und ebenso kenntnisreich wie differenziert nach Branchen analysieren. Gleichzeitig hielt er Kontakt zu linkssozialistischen Widerstandsgruppen wie »Neu Beginnen« oder »Roter Stoßtrupp«.
1937 emigrierte er über die Schweiz und Paris nach England. Dort verfasste er wirtschaftspolitische Analysen für den Kreis um Churchill, der sich gerne über die Arbeiten von deutschen Emigranten informierte, um sich gegenüber Chamberlains Appeasement-Politik rechtfertigen zu können. In den 1950er-Jahren lernte er in Birmingham den Altphilologen und Marxisten George Derwent Thomson kennen, der in theoretischen Fragen sein wichtigster Gesprächspartner in dieser Zeit war. Thomson machte ihn unter anderem mit der Philosophie des Parmenides bekannt. Während Thomson den parmenideischen Substanzbegriff (το εόν) „als Reflex oder Projektion der Substanz des Warenwertes“ gleichsetzte,[1] ist dieser Seinsbegriff für Sohn-Rethel die erste philosophische Kategorie, die durch das Münzgeld entstanden ist, da dies als materiell konstant und unveränderlich gedacht wird.
Nach dem Zweiten Weltkrieg trat er in die Kommunistische Partei Großbritanniens ein. Er war zwar bald ernüchtert angesichts ihres Dogmatismus, hielt ihr aber dennoch bis zu seinem Umzug in die Bundesrepublik Deutschland 1972 die Treue. Erst spät im Leben erfuhr er seine Entdeckung und Würdigung durch die 68er-Bewegung. Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld machte anlässlich des Begräbnisses von Adorno 1969 die Bekanntschaft von Sohn-Rethel. Auf dessen Zuraten verfasste Sohn-Rethel sein opus magnum Geistige und körperliche Arbeit, womit er im undogmatischen Teil der Studentenbewegung großen Anklang fand. Besonders Hans-Jürgen Krahl und Oskar Negt waren sehr von seiner materialistischen Erkenntnistheorie beeindruckt. Auf Fürsprache und Vermittlung von Negt erhielt Sohn-Rethel 1972 bis 1976 eine Gastprofessur am mathematischen Fachbereich der Universität Bremen. 1978 folgte eine ordentliche Professur, die er bis Mitte der 1980er Jahre innehatte. In der industriesoziologischen Forschung der 1970er und 1980er Jahre hatte er mit seinem Subsumtionstheorem einen großen Einfluss vor allem beim Institut der Frankfurter Schule, dem Institut für Sozialforschung (IfS) und auch beim ISF München.
Alfred Sohn-Rethel war sowohl Urenkel des Historienmalers Alfred Rethel (1816–1859) als auch Urenkel des Malers Karl Ferdinand Sohn (1805–1867) und Ur-Urenkel des Miniaturmalers August Grahl (1791–1868). Sohn-Rethels gleichnamiger Vater (1875–1958), Sohn des Malers Karl Rudolf Sohn (1845–1908) und der Else Rethel (1853–1933), Tochter von Alfred Rethel, kann als Maler ebenso wie dessen ebenfalls als Kunstmaler tätige Brüder Otto (1877–1949) und Karl Ernst (1882–1966) stilistisch der traditionalistischen Pariser Salonmalerei des 19. Jahrhunderts zugeordnet werden. Sohn-Rethels Mutter Anna Michels (1874–1957) kam aus dem jüdischen Elternhaus Oppenheim und verfügte über Beziehungen zu einflussreichen Kreisen in Industrie und Hochfinanz.
Sohn-Rethel war in erster Ehe seit 1920 mit Tilla Henninger (1893–1945) verheiratet, sie hatten die Tochter Brigit (1921–1995), die später mit dem Briten Peter Wright verheiratet war.[2] Tilla Henninger wollte Sohn-Rethel von der Schweiz aus ins französische Zwischenexil nachkommen, doch scheiterten ihre Bemühungen um ein Visum. Im britischen Exil ging Sohn-Rethel eine Ehe mit Joan M. Levi ein, aus der die Kinder Ann und Martin entstammen.[3] Joan Levi arbeitete als Krankenschwester im Queen Elisabeth-Hospital in Birmingham in der Nachbehandlung von Krebskrankheiten,[4] ihr zuliebe blieb er in Großbritannien, wo er private Nachhilfestunden in Französisch gab und als Lehrer arbeitete. 1984 heirateten Alfred Sohn-Rethel und Bettina Wassmann, eine Bremer Buchhändlerin und Verlegerin.[5]
Sohn-Rethels zeitlebens beharrlich verfolgtes Ziel war die Verbindung der Erkenntniskritik Immanuel Kants mit der „Kritik der Politischen Ökonomie“ von Karl Marx zu einer materialistischen Erkenntnistheorie und -kritik. In der «Realabstraktion des Warentausches» sah Sohn-Rethel die entscheidende Bedingung für den Erwerb formal-abstrakten Denkens. Sämtliche kantschen Kategorien waren für ihn im Warentausch immanent enthalten: Raum, Zeit, Quantität, Qualität, Substanz, Akzidenz, Bewegung, Wert usw. Nach Sohn-Rethel entstand das formal-abstrakte Denken, das zuerst in Form der ionischen Naturphilosophie in der Kulturgeschichte auftauchte, durch die lydische Erfindung des Münzgeldes (vgl. u. a. Warenform und Denkform, 1978; Das Geld, die bare Münze des Apriori, 1990). Durch die Notwendigkeit, beim münzgeldvermittelten Warentausch von jeder empirischen Qualität zu abstrahieren, wurden die Menschen unbewusst dazu angeleitet, in formal-abstrakten Kategorien und Formen zu denken. Seine erkenntnistheoretische Konzeption fand in den 1970er und 1980er Jahren eine starke Beachtung bei den westeuropäischen Intellektuellen. In den Altertumswissenschaften wird die Theorie Sohn-Rethels deutlich weniger rezipiert als jene an Eric A. Havelock anschließenden Theorien, die im phonetischen Alphabet eine Hauptbedingung der Entwicklung des Denkens im antiken Griechenland sehen. Sohn-Rethels Ansatz wurde allerdings von Rudolf Wolfgang Müller 1977 in Geld und Geist in differenzierter Form aufgegriffen und weiterentwickelt. Der englische Altertumswissenschaftler Richard Seaford hat ein Buch mit dem Titel "Money and the Early Greek Mind" vorgelegt, in dem er sich positiv auf Sohn-Rethel und Müller bezieht[6]. Im Widerspruch zu Thomson, Sohn-Rethel und Müller kommt Tobias Reichardt 2003 in seiner Untersuchung der Marxschen Theorie der Antike jedoch zu dem Schluss, dass die Ökonomie der Antike die von Marx beschriebenen Grenzen zum Kapitalismus nicht überschreiten konnte.[7]
In soziologischer Hinsicht machte ihn seine Unterscheidung von Markt- und Zeitökonomie in der Industriesoziologie bekannt. Getreu der marxschen These, wonach alle Ökonomie in Zeit mündet, steht für ihn das zeitökonomische „Theorem der reellen Subsumtion“ im Gegensatz zur Marktökonomie. Denn der Zeitimperativ beschränke sich nicht nur auf die Wirtschaft, sondern erstrecke sich universal auf alle gesellschaftlichen Erscheinungsformen. Subsumtion im engeren Sinne bedeute „die Scheidung der geistigen Potenzen des Produktionsprozesses von der Handarbeit.“[8] Allgemein stehe die Subsumtion für „die Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkraft Arbeit durch die bewusste Organisation von Arbeitsteilung und Kooperation und die gezielte Nutzung von Naturwissenschaft und Technik unter der Kontrolle des Kapitals für die Produktion des relativen Mehrwerts.“[9]
Darüber hinaus analysierte er wirtschaftspolitische Zusammenhänge, insbesondere beim politischen Aufstieg des „Deutschen Faschismus“ (Nationalsozialismus). Hier legte er vor allem Wert auf die Unterscheidung zwischen dem wirtschaftlich prosperierenden „Brüning-Lager“ (Elektro-, Chemie-, Maschinenbauindustrie, Großbanken) und den defizitären Industriezweigen (Stahl-, Montan-, Bau- und Betonindustrie – mit Ausnahme von Krupp), die er der Harzburger Front zuordnete. Erst die Zustimmung des I.G. Farben-Generalrats Anfang Dezember 1932 zum Programm der „Agrarkartellierung“, einem Interessenkompromiss von Industrie und Großagrariern, habe den Weg zur Diktatur freigemacht. Sohn-Rethel griff dabei auch Überlegungen von Eugen Schmalenbach auf, der 1928 in einem Vortrag die These aufgestellt hatte, dass deutsche Unternehmen wegen steigender Fixkosten besondere Probleme hätten, die letztlich eine staatliche Intervention erforderlich machen würde. Schmalenbach stellte einen Widerspruch zwischen „technischer Rationalität“ und „ökonomischer Rationalität“ fest (bei Sohn-Rethel dann Widerspruch zwischen „Produktionslogik“ und „Verkaufslogik“). Sohn-Rethel folgerte daraus, es gäbe bei Fehlen einer sozialen Revolution „keine andere Alternative, als die kapitalistische Produktion unabhängig vom Markt, d. h. zur Erzeugung nicht mehr marktgängiger Produkte nach rein betriebsökonomischen Notwendigkeiten weiterzuführen. Das ist die ökonomische Definition des Faschismus.“[10]
Diese Thesen fanden zum Teil Eingang in die marxistisch orientierte Geschichtswissenschaft. Der Historiker Reinhard Neebe kritisiert dagegen in seiner Studie Großindustrie, Staat und NSDAP 1930–1933, Sohn-Rethel würde aufgrund seiner persönlichen Involviertheit die Rolle des MWT in den frühen dreißiger Jahren weitgehend überzeichnen.[11] Der Bielefelder Sozialhistoriker Hans-Ulrich Wehler urteilt in seiner Deutschen Gesellschaftsgeschichte, die „neomarxistische Debatte der 1960/70er Jahre“, in die er auch Sohn-Rethel einreiht, habe „theoretisch wie empirisch nichts von Bestand erbracht“.[12] In neueren Arbeiten zur deutschen Wirtschaftsgeschichte während der Zeit des Nationalsozialismus wird Sohn-Rethel selten rezipiert.[13]
− chronologisch –
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