| Klassifikation nach ICD-10 | ||
|---|---|---|
| F84.5 | Asperger-Syndrom | |
| ICD-10 online (WHO-Version 2011) | ||
Als Asperger-Syndrom wird eine psychische Störung innerhalb des Autismusspektrums bezeichnet, die vor allem durch Schwächen in den Bereichen der sozialen Interaktion und Kommunikation gekennzeichnet ist sowie von eingeschränkten und stereotypen Aktivitäten und Interessen bestimmt wird. Beeinträchtigt ist insbesondere die Fähigkeit, nonverbale und parasprachliche Signale bei anderen Personen intuitiv zu erkennen und intuitiv selbst auszusenden. Das Kontakt- und Kommunikationsverhalten von Asperger-Autisten erscheint dadurch „merkwürdig“ und ungeschickt und wie eine milde Variante des frühkindlichen Autismus (Kanner-Syndrom). Da ihre Intelligenz in den meisten Fällen normal oder gut ausgeprägt ist, werden sie von ihrer Umwelt jedoch nicht als Autisten, sondern höchstens als „wunderlich“ wahrgenommen. Gelegentlich fällt das Asperger-Syndrom mit einer Hoch- oder Inselbegabung zusammen. Das Syndrom, das als angeboren und nicht heilbar angesehen wird, macht sich etwa vom vierten Lebensjahr an bemerkbar.[1]
Das Asperger-Syndrom ist oft nicht nur mit Beeinträchtigungen, sondern auch mit erheblichen Stärken verbunden, etwa in den Bereichen der Wahrnehmung, der Introspektion, der Aufmerksamkeit oder der Gedächtnisleistung. Die Frage, ob es als Krankheit oder als eine Normvariante der menschlichen Informationsverarbeitung einzustufen ist, wird darum sowohl von Asperger-Autisten und Angehörigen als auch von Wissenschaftlern und Ärzten uneinheitlich beantwortet. Uneinig ist sich die Forschergemeinschaft auch hinsichtlich der Frage, ob das Asperger-Syndrom als selbstständiges Störungsbild oder als lediglich graduelle Variante des frühkindlichen Autismus anzusehen ist.
Aufgrund seiner Nähe zum neurologisch Unauffälligen ist das Asperger-Syndrom in der Psychiatrie erst spät beschrieben und diskutiert worden. Die älteste Darstellung stammt von der russischen Kinderpsychiaterin Grunja Sucharewa, die dafür 1926 den Ausdruck „schizoide Psychopathie“ verwendete. Der österreichische Kinderarzt Hans Asperger bezeichnete es in seiner 1944 eingereichten Habilitationsschrift als „autistische Psychopathie“.[2]
Aspergers Schrift erschien dabei fast gleichzeitig mit Leo Kanners grundlegendem Aufsatz über den frühkindlichen Autismus aus dem Jahr 1943; man nimmt allerdings an, dass beide Autoren zunächst nichts über die Arbeit des jeweils anderen wussten.[3] Während Kanners in den USA veröffentlichte Arbeit sofort internationale Beachtung fand, wurde der Aufsatz des Österreichers Asperger über die deutschsprachige wissenschaftliche Gemeinschaft hinaus kaum bekannt, und auch ein Aufsatz des niederländischen Kinderpsychiaters Dirk Arnold van Krevelen, der 1962 eine Unterscheidung der „autistischen Psychopathie“ Aspergers vom Kanner-Autismus versuchte, fand zunächst wenig Resonanz.[4]
Von der internationalen Forschungsgemeinschaft wurde das Asperger-Syndrom erst nach 1981 beachtet, als die britische Psychiaterin Lorna Wing Aspergers Arbeit fortsetzte, die Störung, die bis dahin als „Psychopathie“ galt, im Autismusspektrum verortete und das Syndrom nach Hans Asperger benannte. 1991 wurde das Asperger-Syndrom auch in das medizinische Klassifikationssystem ICD der Weltgesundheitsorganisation aufgenommen. Im DSM-IV, dem Klassifikationssystem der American Psychiatric Association, erscheint es seit 1994.[5][6] Eine weitere Pionierin auf dem Gebiet ist die in London forschende und lehrende Entwicklungspsychologin Uta Frith.
Im englischsprachigen Raum werden beim frühkindlichen Autismus verschiedene Formen unterschieden – darunter der Hochfunktionale Autismus (HFA), bei dem die Intelligenz nicht beeinträchtigt ist.[7] Die Unterscheidung zwischen HFA und Asperger-Syndrom ist noch nicht geklärt, und gelegentlich werden beide Begriffe synonym verwendet.
Viele Forscher sind der Frage nachgegangen, ob beide klar unterschieden werden können. Die Ergebnisse ihrer Untersuchungen weisen darauf hin, dass die Gemeinsamkeiten weitaus größer sind als die Differenzen.[8] Auch Lorna Wing schlug bereits 1991 vor, Autismus als nahtloses Kontinuum unterschiedlich schwerer Störungen zu beschreiben, in dem HFA und Asperger-Syndrom milde Ausprägungsformen bilden.[9] Viele Autoren sprechen heute darum von „Autismusspektrumsstörungen“ (ASS).[10] Da das Autismusspektrum beim Asperger-Syndrom nicht endet, sondern sich weit in die Normalität – zum Beispiel bis in die „ganz normale“ Schüchternheit oder Eigenbrötlerei – hinein erstreckt, wurde für Erscheinungsbilder mit schwach ausgeprägten autistischen Persönlichkeitsmerkmalen und Verhaltensweisen der Begriff „Broader Autism Phenotype“ (BAP) geprägt.[11]
Zu den Autoren, die zwischen HFA und Asperger-Syndrom weiterhin explizit unterscheiden, zählt unter anderem das Forscherteam des Yale Child Study Center.[12]
Die Prävalenz des Asperger-Syndroms im Kindesalter variiert je nach den zugrunde gelegten Diagnosekriterien. Nach den DSM-IV- und ICD-10-Kriterien wird gegenwärtig die Prävalenz auf 2–3,3 Kinder auf 10 000 Kinder im Schulalter geschätzt. Acht von neun Betroffenen sind männlich.[13] Die U.S. Centers for Disease Control schätzt inzwischen die Prävalenz des gesamten Autismus-Spektrum in den USA auf zwischen 1:80 und 1:240. Der Mittelwert sei 1:110.[14][15] Repräsentative Untersuchungen zur Häufigkeit des Asperger-Syndroms im Erwachsenenalter liegen noch nicht vor.[1] Die Charakteristik neigt jedoch dazu, bis ins Erwachsenenalter fortzubestehen.[16]
In der ICD der Weltgesundheitsorganisation werden folgende Kriterien genannt:[17]
Im DSM-IV der American Psychiatric Association werden folgende Kriterien genannt:[18]
Bereits in den späten 1980er Jahren haben einzelne Autoren, wie der britische Psychiater Digby Tantam[19] und das kanadische Forscherteam Peter Szatmari, Rebecca Bremner und Joan Nagy,[20] Diagnosekriterien formuliert.[21] Die heute gebräuchlichsten Kriterien stammen von den schwedischen Kinderpsychiatern Christopher und Carina Gillberg:[22]
Während die ersten Auffälligkeiten des frühkindlichen Autismus bereits in den ersten Lebensmonaten zu Tage treten, wird das Asperger-Syndrom erst nach dem dritten Lebensjahr manifest.[1] Allgemeine Kennzeichen sind eine qualitative Beeinträchtigung der sozialen Kommunikation und Interaktion, mangelndes Einfühlungsvermögen, sensorische, motorische und sprachliche Auffälligkeiten sowie ausgeprägte Sonderinteressen.[5]
Häufig für das Asperger-Syndrom sind einige motorische Auffälligkeiten, die beim frühkindlichen Autismus – auch beim Hochfunktionalen Autismus – normalerweise fehlen. Dazu zählen eine ungelenke und linkische Motorik, motorische Ungeschicklichkeit sowie grob- und feinmotorische Koordinationsstörungen.[5] Manche Kinder mit Asperger zeigen, wenn sie erregt oder ängstlich sind, motorische Manierismen, die auch beim frühkindlichen Autismus vorkommen, wie zum Beispiel ein flatterndes Auf- und Abschlagen der Arme, Hände oder Finger.[23]
Ebenso wie autistische Kinder nehmen Kinder mit Asperger-Syndrom nur selten und nur flüchtig Blickkontakt auf. Im Alltag besonders auffällig ist ihr mangelndes Einfühlungsvermögen und ihr Unverständnis für zwischenmenschliche Interaktionen und Situationen. Die amerikanischen Psychologen Marshall Duke und Stephen Nowicki haben für die Unfähigkeit, nonverbale Signale korrekt zu lesen, den Ausdruck dyssemia geprägt.[24] Kinder mit Asperger-Syndrom sind sozial isoliert und ecken aufgrund ihrer Verhaltensauffälligkeiten überall an.[5] Im Klassenverband werden sie häufig gehänselt, ausgegrenzt und gemobbt.[25] Im englischen Sprachraum bezeichnen viele Menschen mit Asperger ihr Anderssein scherzhaft als „Wrong Planet Syndrome“ (deutsch etwa: Falscher-Planet-Syndrom) und drücken damit ihr Gefühl aus, irrtümlich auf einem fremden Planeten gestrandet zu sein, dessen Regeln und Bewohner sie nicht verstehen.[26] Während manche Ärzte, zum Beispiel Gillberg, davon ausgehen, dass Asperger-Autisten mit Gleichaltrigen von vornherein nicht interagieren wollen, haben Betroffene gelegentlich berichtet, dass sie Kontakte zu Gleichaltrigen im Gegenteil inständig wünschen, beim Versuch, solche Kontakte herzustellen, jedoch allzu leicht scheitern.[27]
Menschen mit Asperger-Syndrom werden, auch wenn sie zu anderen Kontakt aufnehmen wollen, auf Grund ihres häufig abgewendeten Blickes und ihrer „verschlossenen“ Körpersprache von Nicht-Autisten oftmals als förmlich, gefühlslos, ängstlich, schüchtern, ausweichend, abweisend oder desinteressiert wahrgenommen, wodurch eine Kontaktaufnahme häufig beeinträchtigt wird.[28]
Hans Asperger beobachtete, dass die betroffenen Kinder darüber hinaus auch zur „autistischen Selbstbeschau“ neigen; in Situationen, in denen andere Kinder selbstvergessen „dahinleben“, stehen Asperger-Kinder sich selbst und ihren körperlichen Funktionen oft (kritisch) beobachtend gegenüber.[29]
Im Bereich der sprachlichen Entwicklung zeigen sich beim Asperger-Syndrom deutlich andere Auffälligkeiten als beim frühkindlichen Autismus. Charakteristisch für den frühkindlichen Autismus ist eine generelle Sprachentwicklungsverzögerung. Damit verbunden sind Symptome wie zum Beispiel Echolalie und eine Vertauschung der Pronomina. Selbst beim Hochfunktionalen Autismus sind die Artikulation, der verbale Ausdruck, die auditive Wahrnehmung, der Wortschatz und das verbale Gedächtnis gestört.[5]
Beim Asperger-Syndrom fehlen derartige Symptome. Die betroffenen Kinder entwickeln eine grammatisch und stilistisch hochstehende Sprache.[5] Die Beobachtungen hinsichtlich des Sprachbeginns gehen auseinander. Während zum Beispiel Remschmidt feststellt, dass Asperger-Kinder früh zu sprechen beginnen,[30] berichtet Attwood, dass fast die Hälfte dieser Kinder erst spät sprechen lernt, diesen Rückstand bis zum Alter von fünf Jahren aber aufholt.[31] Wie bereits Hans Asperger beobachtete, fallen betroffene Kinder regelmäßig auch durch eine ihrem Alter nicht entsprechende, erwachsene, pedantische Ausdrucksweise und eine unnatürliche Prosodie auf. Im englischen Sprachraum wird das Asperger-Syndrom darum auch als „Little Professor Syndrome“ (deutsch etwa: Kleiner-Professor-Syndrom) bezeichnet.[32] Die Modulation ist oft monoton und undifferenziert und unterstützt zum Beispiel keine Differenzierung zwischen ernst und humorvoll gemeinten Äußerungen. Oft sind Sprechgeschwindigkeit und die Lautstärke unangepasst oder ungewöhnlich; auch unflüssiges, ruckartiges Sprechen kommt vor.[33]
Viele Kinder und Erwachsene mit Asperger-Syndrom neigen dazu, unablässig und langatmig zu reden, meist über ihr Lieblingsthema, und missachten dabei oft vollständig, ob der Zuhörer an diesem Thema interessiert ist und das Gespräch mitträgt.[33] Einige Autoren halten dieses monologische, egozentrische Reden, in dem sich deutlich die Unempfindlichkeit von Asperger-Menschen für soziale Feinheiten offenbart, für einen der auffälligsten Züge des Syndroms.[34] Weitere Charakteristika sind eine sehr detailorientierte Erzählweise mit Schwierigkeiten, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden,[1] abrupte und für den Zuhörer nicht nachvollziehbare Themenwechsel, das Wörtlichnehmen von Redewendungen, das Antworten auf rhetorische Fragen, die Verwendung von Metaphern und Wortschöpfungen, die nur dem Sprecher geläufig sind, das Festhaften an Formulierungen, die wie auswendig gelernt oder wie aus einem Buch vorgetragen klingen,[35] Selbstgespräche,[36] das Nichterfassen von Nuancen (zum Beispiel Ironie, Necken) und ungenaues Zuhören.[37]
Das Interesse an anderen Menschen scheint bei Menschen mit Asperger-Syndrom oft begrenzt zu sein. Tatsächlich gibt es jedoch eine Vielzahl von Belegen dafür, dass sie ein großes Interesse an sozialer Interaktion haben können, jedoch nicht wissen, wie dies zu bewerkstelligen sei. Schwierigkeiten beim Erkennen von Körpersprache und Mimik anderer spielen dabei eine Rolle und werden als 'mangelnde Empathiefähigkeit' interpretiert. Während 'neurotypische' Menschen als Spezialisten für soziale Interaktion bezeichnet werden könnten, entwickeln sie diese Spezialkompetenz nicht oder in unzureichendem Maße aus. Typischerweise haben sie jedoch andere 'Spezialinteressen', die inhaltlich oder hinsichtlich ihrer Intensität ungewöhnlich erscheinen.[1] Diese Interessen liegen oft in technischen oder naturwissenschaftlichen Gebieten wie Informatik, Mathematik, Physik, Biologie oder Astronomie; andere Betroffene beschäftigen sich leidenschaftlich mit Musik oder dem Auswendiglernen verschiedenartigster Fakten.[38] Andere sind leidenschaftliche Sammler, oft ungewöhnlicher Objekte.[39] Viele pflegen im Laufe ihres Lebens mehrere Spezialinteressen, jedoch selten mehr als eines oder zwei gleichzeitig.[40] Einige Menschen mit Asperger-Syndrom weisen eine Hoch- oder Inselbegabung auf; wie oft dies vorkommt, ist jedoch noch nicht untersucht.[41]
Hans Asperger empfand die Emotionen seiner Probanden nicht als gefühlsarm, sondern eher als von andersartiger Qualität.[42] Die autistische Schriftstellerin Temple Grandin äußerte sich zu ihren Gefühlen: „Meine Emotionen sind einfacher als die der meisten anderen Menschen. Ich weiß nicht, was eine vielschichtige Emotion in einer zwischenmenschlichen Beziehung ist. Ich verstehe nur einfache Emotionen wie Wut, Furcht, Glück und Traurigkeit“.[43]
Während die Intelligenz beim frühkindlichen Autismus und selbst beim Hochfunktionalen Autismus regelmäßig beeinträchtigt ist, weisen Menschen mit Asperger-Syndrom meist eine normal ausgeprägte Intelligenz auf.[5] Bei Asperger-Kindern wird gelegentlich auch Hyperlexie beobachtet.[44] Häufig zeigen Kinder mit Asperger-Syndrom ein inhomogenes Intelligenzprofil. Sie zeigen häufig Stärken in den verbalen Aufgabenteilen.[45] Dieses Kriterium kann auch zur Abgrenzung von hochfunktionalem Autismus gesehen werden. Personen mit hochfunktionalem Autismus zeigen häufig sprachlich weniger gute Leistungen und sind im Handlungsteil stärker.[46]
Hans Asperger schrieb: „Es scheint, dass für Erfolg in der Wissenschaft oder in der Kunst ein Schuss Autismus erforderlich ist.“[47] Die Frage nach dem Verhältnis zwischen dem Asperger-Syndrom und herausragenden Leistungen beschäftigt auch den irischen Kinderpsychiater Michael Fitzgerald, der seit 1999 eine Reihe von Aufsätzen und Büchern veröffentlicht hat, in denen er die Lebensläufe berühmter Persönlichkeiten auf Anzeichen des Asperger-Syndroms hin prüft. Fitzgerald ist davon überzeugt, dass viele Merkmale des Asperger-Syndroms Kreativität begünstigen und dass die Fähigkeit, sich intensiv auf einen Gegenstand zu konzentrieren und für eine schöpferische Arbeit endlose Mühsal auf sich zu nehmen, für dieses Syndrom charakteristisch sei.[48] Andere Forscher, wie Christopher Gillberg[49] und Oliver Sacks[50] haben ähnliche postume Diagnoseversuche unternommen. Um manche Persönlichkeiten – wie Isaac Newton und Albert Einstein – sind regelrechte Kontroversen entstanden.[51] Wieder andere Forscher stehen solchen Diagnoseversuchen grundsätzlich skeptisch gegenüber, wie zum Beispiel Fred Volkmar vom Yale Child Study Center, der äußerte: „Es gibt leider eine Art Hausindustrie, aufzudecken, dass jeder Asperger hat.“[52]
Andererseits werden manche Kinder mit Asperger-Syndrom gerade dadurch klinisch auffällig, dass sie ihre Aufmerksamkeit nicht willentlich steuern können (siehe auch exekutive Funktionen) und bei Aktivitäten, die sie nicht selbst gewählt haben – zum Beispiel in der Schule –, in hohem Grade unkonzentriert sind, woraus sich selbst bei hoher Intelligenz erhebliche Lernschwierigkeiten ergeben können.[53]
„Diese Störung der aktiven Aufmerksamkeit ist bei Kindern dieses Typs fast regelmäßig zu finden. Es ist also nicht oder nicht nur die landläufige Konzentrationsstörung vieler neuropathischer Kinder zu beobachten, die von allen äußeren Reizen, von jeder Bewegung und Unruhe um sie herum von ihrem Arbeitsziel abgelenkt werden. Diese Kinder sind vielmehr von vornherein gar nicht geneigt, ihre Aufmerksamkeit, ihre Arbeitskonzentration auf das zu richten, was die Außenwelt, in diesem Fall die Schule, von ihnen verlangt.“
– Hans Asperger: Die „Autistischen Psychopathen“ im Kindesalter, S. 119
Wenn solche Konzentrationsschwierigkeiten vorliegen, ist das Asperger-Syndrom sogar mit ADHS zu verwechseln (siehe Differentialdiagnose).[54] Als Lernhindernis erweist sich tendenziell auch die für das Asperger-Syndrom typische Beeinträchtigung der zentralen Kohärenz: der Fähigkeit, zwischen Wichtigem und Unwichtigem zu unterscheiden.
Menschen mit Asperger sind oft darauf fixiert, ihre äußere Umgebung und Tagesabläufe möglichst gleichbleibend zu gestalten. Plötzliche Veränderungen können sie überfordern oder sehr nervös machen.[1][25] Dies liegt daran, dass Veränderungen einen höheren Grad an Aufmerksamkeit erfordern, was bei der angenommenen Schwäche von Menschen mit ASS, Informationen auszublenden, zu einer erhöhten Gehirnaktivität führen muss.
Zu den ritualisierten Handlungen können neben motorischen Schematismen, Stereotypien und repetitiven Sprechhandlungen auch die repetitiven und stereotypen Handlungen des Denkens und der Wahrnehmung gezählt werden. Diese bestehen in der Konzentration auf einige wenige, jedoch mit großer Intensität verfolgte Spezialinteressen. Ihnen eignet das gleiche repetitive Moment wie den Stereotypien der Körperbewegungen oder die Ritualisierung bestimmter Handlungsabläufe. Ihr Ziel ist es, den neuronalen Apparat durch Reduktion von Komplexität und Konzentration auf Weniges zu entlasten und damit in der Energiebilanz des Gehirns günstiger zu operieren.[55][56] Die intensive Herausbildung von Spezialinteressen führt zur Entwicklung von 'Inselbegabungen', die mehr oder weniger stark ausgeprägt sein können. Die sogenannten Inselbegabungen sind also keine Fähigkeiten, die unabhängig von den Handlungen der jeweiligen Person einfach vorhanden sind, sondern resultieren aus einer langen und intensiven Beschäftigung mit einem bestimmten Gegenstandsbereich.[57] Hier bilden sich neuronale Felder und Netze von hoher lokaler Konnektivität heraus, die jedoch nur äußerst schwach durch globale Konnektivität im Gehirn mit anderen Arealen verbunden sind. [58]
Erwachsene mit Asperger-Syndrom leben oft zurückgezogen und haben wenige „tatsächliche“ Sozialkontakte. An deren Stelle treten heutzutage beispielsweise häufig Kontakte über das Internet. Obwohl es einigen Menschen mit Asperger gelingt, eine stabile Partnerschaft aufzubauen und eine Familie zu gründen, ist es für andere aufgrund der mangelnden Empathiefähigkeit bereits schwierig, überhaupt Kontakt zu potenziellen Partnern aufzubauen. Oft werden die Anforderungen einer Partnerschaft auch als anstrengend empfunden. Entscheidend für die berufliche Entwicklung von Menschen mit Asperger ist die Frage, ob es gelingt, die Spezialinteressen beruflich umzusetzen.[1]
Einige erwachsene Menschen mit Asperger-Syndrom bauen bewusst oder unbewusst Bekanntschaften zu Menschen auf, mit deren charakterlichen Eigenschaften sie leicht umgehen können. Sie bauen sich ein soziales Netzwerk mit Menschen auf, die meist ebenfalls sehr introvertiert sind, vorwiegend auf einer sachlichen Ebene kommunizieren und oftmals ebenfalls Spezialinteressen haben, die aber nicht zwangsweise selbst autistisch sind (umgangssprachlich Geeks und Nerds). Erwachsene Menschen mit Asperger-Syndrom und einem funktionierenden sozialen Umfeld sind sich ihrer autistischen Züge häufig nicht bewusst. Sie sind jedoch leicht überfordert, wenn sie unfreiwillig etwas mit Menschen zu tun haben, deren Persönlichkeit sich zu sehr von der eigenen unterscheidet.[59]
Bei der Diagnose im Erwachsenenalter spielen oft weniger der Schweregrad als vielmehr die Lebensumstände eine Rolle. Bei guter privater und beruflicher Integration ist unter Umständen keine Diagnose oder zusätzliche Therapie nötig. Durch Lebenskrisen, hervorgerufen etwa durch z.B. Arbeitslosigkeit oder Scheidung, werden diese Menschen dann häufig durch fehlende Kompensationsstrategien auffällig und diagnostiziert. Dies berichten viele erst im Erwachsenenalter diagnostizierte Autisten.[60]
„Gerade bei den Autistischen sehen wir – mit weit größerer Deutlichkeit als bei den „Normalen“ –, daß sie schon von frühester Jugend an für einen bestimmten Beruf prädestiniert erscheinen, daß dieser Beruf schicksalhaft aus ihren besonderen Anlagen herauswächst.“
– Hans Asperger: Die „Autistischen Psychopathen“ im Kindesalter, S. 133
Obwohl gegenwärtig noch nicht genügend epidemologische Studien vorliegen, vermuten die meisten Autoren, dass autistische Menschen eine niedrigere Kriminalrate hätten als nichtautistische Menschen. Sie wären eher Opfer als Täter. Zudem würden sie dazu neigen, Gesetze rigide anzuwenden, und hätten Probleme mit Gesetzesüberschreitungen.[61]
Nach Hans Asperger hängt eine günstige Prognose vom intellektuellen Begabungsgrad ab. Weniger begabte Menschen kämen oft nur in einen untergeordneten Außenseiterberuf hinein und trieben sich im ungünstigsten Fall als „komische Originale auf den Straßen herum“.[62] Bei „intellektuell intakten“ und überdurchschnittlich begabten Autisten käme es „zu einer guten Berufsleistung und damit zu einer sozialen Einordnung, oft in hochgestellten Berufen, oft in so hervorragender Weise, daß man zu der Anschauung kommen muß, niemand als gerade diese autistischen Menschen seien gerade zu solcher Leistung befähigt“.[63]
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Hochfunktionaler Autismus und Asperger-Syndrom müssen von folgenden anderen Störungsmustern abgegrenzt werden:
Manchmal tritt das Asperger-Syndrom auch gemeinsam mit anderen Störungen auf (Komorbidität):
Ursachen des Asperger-Syndroms wurden noch nicht nachgewiesen. Vermutet werden genetische Faktoren, die gemeinsam mit Entwicklungsstörungen neuronaler Strukturen und mit neuropsychologischen Ausfällen auftreten, woraus sich Einschränkungen im Bereich des nonverbalen Lernens ergeben.[5] Nicht-organische Ursachen, wie Fehler in der Erziehung, Vernachlässigung oder Traumata, werden heute ausgeschlossen.
Die Vermutung der Erblichkeit beruht unter anderem auf der schon von Hans Asperger beschriebenen Beobachtung, dass Personen mit „autistischer Psychopathie“ fast immer mindestens einen Elternteil haben, der ähnliche Persönlichkeitsmerkmale aufweist. Auch die Verlaufsuntersuchung von Wolff[67] weist auf eine „familiäre Belastung“ hin. Während die genetische Verursachung beim frühkindlichen Autismus durch Familien- und Zwillingsuntersuchungen inzwischen nachgewiesen werden konnte, fehlen entsprechende Untersuchungen beim Asperger-Syndrom aber noch.[5] Vermutet wird eine Beteiligung der Chromosomen 1, 3 und 13.[72]
Es ist auch vermutet worden, dass das Asperger-Syndrom – ebenso wie andere Formen des Autismus – durch eine Entwicklungsstörung neuronaler Netze verursacht ist, die zu einer Fehlverarbeitung komplexer Information führt. Ausgangspunkt dieser Überlegungen sind Untersuchungen, die zum Teil auf klinischen Stichproben beruhen und keine allgemein gültigen Schlussfolgerungen zulassen, da solche Stichproben naturgemäß stark selektiv sind.[5] Es können jedoch weit über das Spektrum einer natürlichen Neurodiversität hinausgehende Abweichungen von neurotypischen Leistungen festgestellt werden, die weit oberhalb oder auch weit unterhalb des erwartbaren Leistungsniveaus liegen. Hier müssen erst die Forschungen zu den neurobiologischen Grundlagen des Autismus intensiviert werden, um genauere Schlussfolgerungen zulassen zu können.[73]
Ein Forscherteam um Ami Klin hat sechs neuropsychologische Defizite identifiziert, die sich als gute Prädikatoren für das Asperger-Syndrom erwiesen. Es handelt sich um Ausfälle in der Feinmotorik, der visuomotorischen Integration, der visuellen Raumwahrnehmung, der nonverbalen Konzeptbildung, der Grobmotorik und im visuellen Gedächtnis.[12]
Um für psychiatrisch beschreibbare Symptome neuronale Entsprechungen identifizieren zu können, sind Neuropsychologen und Hirnforscher auf Modelle angewiesen, die zwischen beidem vermitteln. Ein umfassendes neurobiologisches Konzept konnte für das Asperger-Syndrom bisher noch nicht formuliert werden.[1] Folgende drei Modelle erscheinen in diesem Zusammenhang jedoch nützlich:
Der Ausdruck „Theory of Mind“ (ToM) bezeichnet in der Psychologie und in den Kognitionswissenschaften ein Modell für die Entstehung sozialer Kognitionen. Es bezeichnet die Fähigkeit, mentale Prozesse anderer zu verstehen und deren Perspektive zu übernehmen. Gegenstand dieses Modells ist die Fähigkeit, sich einerseits vorstellen zu können, dass andere Menschen eigene Vorstellungen, Gedanken und Gefühle haben und andererseits die Fähigkeit, diese auch nachzuempfinden. Neurophysiologisch scheint die Theory of Mind mit verschiedenen Hirnarealen wie dem medialen präfrontalen Cortex,[74] der Amygdala und der Fusiform face area im Temporallappen[75] zu korrelieren. Auch das Spiegelneuronen-System scheint für die Entwicklung der ToM eine Rolle zu spielen.[76] Dass Kinder mit Asperger-Syndrom Defizite in Bezug auf diese neuronalen Funktionen haben, konnte bereits nachgewiesen werden. So haben sie zum Beispiel Schwierigkeiten, den emotionalen Ausdruck von Gesichtern zu verstehen und zu differenzieren; sie betrachten das menschliche Gesicht und dessen Ausdruck wie ein Objekt.[77] Im englischen Sprachraum bezeichnet man diese Einschränkung der Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, auch als Mindblindness.[78] Allerdings finden sich Defizite in der Theory of Mind auch bei anderen Störungen des Kindes- und Jugendalters. Untersuchungen fanden bei schizophrenen Erkrankungen, affektiven Erkrankungen und bei Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen ebenfalls Defizite.[79]
Ein weiterer Begriff, den die Neurowissenschaft beim Versuch, das Asperger-Syndrom zu erklären, heranzieht, ist die zentrale Kohärenz. Darunter versteht man in der Psychologie die Fähigkeit, einzelne Wahrnehmungselemente in einen Gesamtbedeutungskontext zu integrieren. Bei Menschen mit Asperger-Syndrom ist diese Fähigkeit beeinträchtigt. Ihre Wahrnehmung ist sehr detailorientiert und selektiv; den Gesamtzusammenhang zu erfassen, fällt ihnen schwer. Welche Hirnareale für diese Funktion verantwortlich sind, ist noch nicht bekannt.[1] Es gibt noch keine wissenschaftlichen Untersuchungen darüber, ob Autisten wirklich schlechter den Gesamtzusammenhang erfassen können als Nichtautisten. Trotzdem wird die Schwache-Zentrale-Kohärenz-Hypothese von Nichtautisten in der Literatur aber häufig als Tatsache vertreten.
Unter exekutiven Funktionen versteht man in Hirnforschung und Neuropsychologie diejenigen mentalen Funktionen, mit denen Menschen ihr Verhalten steuern und planen. Beim Asperger-Syndrom sind diese Funktionen oft beeinträchtigt. Schwer fällt es den Betroffenen insbesondere, willentlich ihre Aufmerksamkeit zu steuern oder neu erlernte Verhaltensweisen anzuwenden. Ein wichtiges neuronales Korrelat für diese Funktion ist der präfrontale Cortex.[80]
Nicht jedes Asperger-Syndrom besitzt Krankheitswert oder muss behandelt werden.[1] Auch gibt es derzeit gar keine kausal wirksame Therapie. Möglich ist eine symptomatische Therapie, die sich auf verhaltenstherapeutische Ansätze (zum Beispiel TEACCH, ABA) und die Einübung sozialer Fertigkeiten stützt. Mit den Behandlungsgrundsätzen für Menschen mit Asperger haben sich insbesondere Klin und Volkmar beschäftigt.[81] Auch eine Anpassung der äußeren Umgebung an die Schwierigkeiten der Patienten kann sinnvoll sein.[13] Wenn Symptome wie ausgeprägte Hyperaktivität und Unruhe, aggressives Verhalten, Schlafstörungen oder depressive Verstimmungen hinzukommen, werden auch Medikamente eingesetzt.[5] Verschiedene autistische Autoren wünschen sich keine Heilung des Syndroms, so etwa Liane Holliday Willey[82] oder Nicole Schuster.
„Ein Leben ohne Autismus – ist das wünschenswert? Diese Frage kann ich mit einem eindeutigen „Nein“ beantworten. Für mich ist mein Autismus keine Krankheit, die es zu heilen gilt. Mein Autismus ist für mich eine besondere Weise zu leben, zu denken, zu fühlen und zu handeln.“
– Nicole Schuster[83]
Die Mehrzahl der Forscher – darunter Christopher und Carina Gillberg, das Wissenschaftlerteam des Yale Child Study Center und Helmut Remschmidt – beschreibt das Asperger-Syndrom als eine Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitungsstörung des Gehirns. Einen ganz anderen Ansatz verfolgt zum Beispiel der britische Psychologe Tony Attwood, der das Syndrom nicht als Störung, sondern als eine Normvariante der Wahrnehmung und der Informationsverarbeitung begreift. Attwood gesteht ein, dass Asperger-Autisten in einem sozialen Umfeld, dessen Verhaltensregeln sie nicht zu befolgen vermögen, strukturell benachteiligt sind, betont jedoch, dass diese Normvariante des Denkens eine volle Daseinsberechtigung habe.[84]
Von Attwood stammt auch der Ausdruck „neurologisch typisch“ (NT) als Bezeichnung für Menschen, die nicht autistisch sind. Während „NT“s emotional gesteuert seien und durch Intuition lernen, seien Asperger-Autisten logisch gesteuert und lernen durch Instruktion. Hilfreicher als eine Diagnose und die Aufzeichnung der Mängel eines Asperger-Autisten sei es, dessen Stärken und Talente zu identifizieren.[85] Als Alternative zu klinisch konnotierten Bezeichnungen wie „Asperger-Patient“ oder „Asperger-Autist“ hat die amerikanische Pädagogin Liane Holliday Willey 1999 den Ausdruck „Aspie“ geprägt, eine (Selbst-) Bezeichnung, die vor allem die Fähigkeiten und Stärken von Menschen mit Asperger akzentuiert.[86]
Viele Menschen mit Asperger sind heute organisiert und fordern – unter anderem auf Veranstaltungen wie dem Autistic Pride Day – die Entpathologisierung und die gesellschaftliche Anerkennung der autistischen Persönlichkeit. Der Kampfbegriff der Autismusrechtsbewegung – „Neurologische Vielfalt“ (neurodiversity) – bringt die Idee zum Ausdruck, dass eine untypische neurologische Entwicklung ein normaler menschlicher Unterschied sei, der ebenso Akzeptanz verdiene wie jede andere – physiologische oder sonstige – Variante des Menschseins.
In den Vereinigten Staaten versprechen Organisationen wie HEAL[87] und die von den Schauspielern Jenny McCarthy und Jim Carrey unterstützte Generation Rescue[88], dass Autismusspektrumsstörungen durch eine geeignete Therapie nicht nur günstig beeinflusst, sondern vollständig geheilt und dass ihre Entstehung durch Prävention auch verhindert werden könne.
Zu den Einrichtungen, an denen Forschungsschwerpunkte für das Asperger-Syndrom bestehen, zählen das Yale Child Study Center der Yale University School of Medicine (Ami Klin), das Institute of Cognitive Neuroscience am University College London (Uta Frith), die Sektion für Psychiatrie und Neurochemie der Universität Göteborg (Christopher Gillberg, Carina Gillberg) und die Klinik für Kinder- und Jugendpsychotherapie der Philipps-Universität Marburg (Helmut Remschmidt).
Eine Gruppe von Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und der Freien Universität Berlin arbeitet seit einigen Jahren in einem bundesweit einmaligen Projekt gemeinsam mit Menschen mit Autismus und Asperger Syndrom in der Autismus-Forschungs-Kooperation (AFK)[89] an der Erforschung des Autismus, wobei die Entscheidung über die Relevanz der jeweiligen Fragestellung aus der Perspektive der autistischen Menschen getroffen wird, welche aktiv in die Planung, Durchführung und Auswertung von Forschungsprojekten beteiligt sind.
Aktuelle Ergebnisse der internationalen Autismusforschung werden auf der seit 2007 jährlich stattfindenden Wissenschaftlichen Tagung Autismus-Spektrum (WTAS) vorgestellt. Diese Tagung ist mit Gründung der Wissenschaftlichen Gesellschaft Autismus-Spektrum (WGAS)[90] 2008 auch deren wesentliches Organ.
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