Führen mit Auftrag ist ein Begriff aus der militärischen Führung. Im alltäglichen Sprachgebrauch wird das Führen mit Auftrag oft als Auftragstaktik bezeichnet. Es ist aber keine Taktik an sich, sondern eine Methode der Führung.
Führen mit Auftrag bedeutet, dass der militärische Führer seinen Unterführern ein klar definiertes Ziel und die dafür benötigten Kräfte bzw. Mittel sowie einen Zeitansatz gibt. Mit diesen Faktoren führen die Unterführer selbstständig den genannten Auftrag aus. In der Durchführung sind sie dabei weitgehend frei. Dies sichert eine große Flexibilität in der Auftragsdurchführung. Außerdem trägt die Führung mit Auftrag zur Entlastung höherer Führungsebenen bei.
Von besonderer Bedeutung für den Erfolg des Führens mit Auftrag ist, dass die unterstellten Führer die Absicht der übergeordneten Führung kennen und so ausgebildet sind, dass sie hieraus für sich im Rahmen der Auswertung des Auftrages eigenes Handeln im Sinne der übergeordneten Führung ableiten können.
Um zu klären, was „Führen mit Auftrag“ bedeutet, muss zunächst geklärt werden, was ein Auftrag im militärischen Sinn ist: Ein Auftrag ist in erster Linie eine Willensäußerung mit dem Anspruch auf Befolgung. Willensäußerungen gibt es im militärischen Bereich in den verschiedenen Ausprägungen als „Kommando“, „Befehl“, „Auftrag“ oder „Weisung“. Das Kommando ist die strikteste, die Weisung die schwächste Handlungsanweisung. Der Auftrag stellt eine Kompromisslösung zwischen den Varianten bei der Wahl der Mittel, der Einflussnahme und der Art der Durchführung dar.
Verkürzt dargestellt kann die Unterscheidung wie folgt formuliert werden:
Die Grenzen zwischen Befehl und Auftrag sind hierbei fließend, denn Aufträge können Einschränkungen bezüglich des „Wann“, „Wo“ und manchmal sogar des „Wie“ enthalten.
Das Führen mit Auftrag wurde zunächst ohne bestimmte Bezeichnung im preußischen Heer beginnend auf der höchsten Kommandoebene seit den deutschen Einigungskriegen angewandt, im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 in größerem Umfang, seit 1888 nach Festlegung in den Dienstvorschriften auf allen Ebenen, seit 1906 unter der Bezeichnung Auftragstaktik.
Der Begriff „Auftragstaktik“ ist nicht gleichbedeutend, was anhand der Definition von Taktik deutlich wird:
Mit einem einzigen Mittel (hier: dem Auftrag) kann man daher per Definition keine Taktik betreiben. Daher sind Begriffe wie „Auftragstaktik“, „Befehlstaktik“ oder „Munitionstaktik“ nicht folgerichtig, weil sie die Definition von Taktik unzulässig verkürzen.
Der Soldat wird mit einem Auftrag betraut, dessen Ziele und Effekte er kennen muss. Dadurch ist der Soldat nicht nur berechtigt, sondern sogar verpflichtet, bei einer wesentlichen Lageänderung die Auftragsausführung so zu verändern, dass sie seiner Meinung nach bestem Wissen und Gewissen das wesentliche Ziel des ursprünglichen Auftrags erfüllen kann. Damit obliegt der eigentliche Auftrag keineswegs seiner freien Disposition, vielmehr hat er sich die Frage zu stellen: „Wie würde ich an Stelle meines Vorgesetzten bei gleicher Intention unter diesen veränderten Umständen entscheiden?“, der Soldat handelt also auf den Vorgesetzten zu. Er befolgt also den Befehl dem Sinn nach und nicht dem Buchstaben nach.
Dieses Abweichen vom ursprünglichen Auftrag setzt voraus, dass
Es wird häufig argumentiert, dass das „Führen mit Auftrag“ den Einsatz von Offizieren nahe an der Front voraussetze, um über die Geschehnisse an der vordersten Front ohne Verzögerung informiert zu sein. Diese Argumentation widerspricht jedoch dem Auftragsgedanken, da sie impliziert, dass man seinen Untergebenen nicht zutraut, die gestellten Aufträge zu erfüllen. Unbestreitbar bietet das Führen nahe an der Front große Vorteile, beispielsweise wird die Motivation und der Kampfesmut der untergebenen Soldaten durch die unmittelbare Anwesenheit des Vorgesetzten gefördert und die manchmal schwierige Beurteilung der Lage kann vor Ort vorgenommen werden, wodurch ein schnelles Lagebild und gegebenenfalls eine Anpassung der Aufträge ermöglicht wird. So ist bekannt, dass deutsche Generäle und Feldmarschälle im Zweiten Weltkrieg wie zum Beispiel Erwin Rommel teilweise in vorderster Front mit vorrückten, um sich ein Bild vom Gefecht und vor allem vom Gegner machen zu können. Diese Informationen können dann in der Planung des weiteren Vorgehens verwendet werden. Daraus resultieren eine effizientere und schnellere Führung der Soldaten, aber auch überdurchschnittlich hohe Verluste an Offizieren verglichen mit Armeen, die die Führung mit Befehl anwenden. Die deutsche Wehrmacht hatte im Zweiten Weltkrieg deswegen überproportional hohe Verluste. Mehr als 50 % der Offiziere wurden verwundet oder sind gefallen. Daher kamen oft Untergebene in Führungsverantwortung, die sie formal nicht ausfüllen konnten (Unteroffiziere als Zugführer oder Kompaniechefs waren keine Seltenheit). Auf Grund der "Führerausbildung" der Wehrmacht, zwei Ebenen höher auszubilden als es dem Dienstgrad entspräche, konnten diese "Führerverluste" jedoch ausgeglichen werden.
Auch ist die kommunikative Ausrüstung von Soldaten und Fahrzeugen ausschlaggebend. So waren im Zweiten Weltkrieg auf deutscher Seite alle Panzer mit Funkgeräten ausgestattet, während es bei den Alliierten nur ein Panzer pro Zug war. Auch die Infanterie war mit verhältnismäßig vielen Funkgeräten ausgestattet, wodurch eine schnellere und gezieltere Führung möglich wurde. So konnten an Feuerkraft überlegene Feindkräfte nicht selten durch schnelles und geschicktes Vorgehen umgangen und besiegt werden. Gegen Ende des Krieges führten auch Alliierte und Sowjets Funkgeräte auf jedem Panzer ein.
Der „Auftrag“ als mögliche Willensäußerung ist nicht exklusiv auf die deutsche Armee beschränkt. Die französischen Dienstvorschriften verlangen explizit, dass den Untergebenen Freiheit in der Ausführung eines Befehls gelassen wird. Die Amerikaner kennen die mission type order bereits seit dem Ersten Weltkrieg, wo sie diese bei den Briten gelernt haben. Allerdings wurde das Auftragsprinzip von den Streitkräften der Vereinigten Staaten erst im Irak-Krieg intensiver zum Einsatz gebracht.
Auch in der Schweizer Armee wird angehenden Kadern die Auftragstaktik gelehrt. Damit wird ein Schwergewicht auf den Gefechtsgrundsatz "Freiheit des Handelns" gelegt. Man geht dabei soweit, dass alle involvierten Soldaten vom Chef über die Kampfidee und den Auftrag informiert werden. So wird sichergestellt, dass auch bei einer vollständigen Unterbrechung der Kommunikation oder dem Ausfall des Chefs die Truppe selbstständig weiterkämpfen kann und zweckmäßige Entscheidungen gefällt werden.
Der Gegensatz zum Führen mit Auftrag heißt „Führen mit Befehl“ und wird oftmals fälschlicherweise als Befehlstaktik bezeichnet. Führen mit Befehl wird insbesondere von angloamerikanischen oder russischen Streitkräften praktiziert. Jedoch sind die Grenzen zwischen Führen mit Befehl und Führen mit Auftrag, wie oben bereits ausgeführt, oftmals fließend. Generell lässt sich jedoch sagen, dass je höher eine Führungsebene angesiedelt ist und je spezialisierter ein Truppenteil ist, umso mehr mit dem Führungsinstrument „Führen mit Auftrag“ gearbeitet wird.
Im Allgemeinen wird der Prozess Führen mit Auftrag auf Verbandsebene (siehe Kampfverband) angewandt, z. B. Kampfgruppe (Marine), Division oder Brigade.
Der typische Übergang zwischen Führen mit Auftrag und Führen mit Befehl findet meist dann statt, wenn reales Handeln erforderlich ist, z. B. das Verlegen einer Marine-Kampfgruppe, die Positionierung einer Brigade etc.
Häufig findet dieser Wechsel zwei bis drei Ebenen über dem letztlich ausführenden Element (Kampfgruppe, Bataillon, Kompanie, Fahrzeug oder Soldat) statt.
In aktuellen Forschungsansätzen wird untersucht, wie sich das Konzept der Führung mit Auftrag auf die Führung unbemannter Systeme wie UAVs übertragen lässt.
Zielsetzung ist die Entlastung des menschlichen Systembedieners, die Erhöhung der Anzahl gleichzeitig geführter Systeme und sinnvolles Verhalten des unbemannten Systems auch bei Abreißen der Funkverbindung.
Die am häufigsten untersuchten Verfahren sind der Abruf von vordefinierten, anpassbaren und adaptiven Verhaltensweisen[1] sowie die Nachbildung von auftragsbasierter Führung durch Computermodelle menschlicher Kognition[2].
Die Führung mit Auftrag ist auch im zivilen Bereich häufig anzutreffen: Anstatt absolut formulierter Ziele wird z. B. einer Abteilung nur ein abstraktes Ziel, ein Zeitrahmen und ein Budget mitgeteilt. Erst auf Abteilungsebene findet der Wechsel zu Führung mit Weisung (nicht zu verwechseln mit einem militärischen Befehl) statt.
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