Bert Hellinger (eigentlich Anton Hellinger; * 16. Dezember 1925 in Leimen)[1] ist ein deutscher Familientherapeut und Buchautor. 1952 zum Priester geweiht, war er viele Jahre lang Leiter einer südafrikanischen Missionsschule. Seit den späten 1970er Jahren entwickelte er, unter Abwandlung von Methoden der systemischen Familientherapie, mit seiner Form der Familienaufstellung ein von ihm als „Lebenshilfemethode“ bezeichnetes Arbeiten mit Menschen, das wegen seiner Art und Auswirkungen auf die Klienten stark umstritten ist. In einer Stellungnahme der wissenschaftlichen Fachgesellschaft DGSF (2003) heißt es, die reale Praxis der Familienaufstellungen sei zu einem nicht geringen Teil als kritisch, ethisch nicht vertretbar und gefährlich für die Betroffenen zu beurteilen.[2] Seit den 1990er Jahren erscheinen seine Bücher.
Hellinger wuchs in Köln auf und studierte Philosophie, Katholische Theologie und Pädagogik. 1952 erhielt er die Priesterweihe, anschließend arbeitete er bis 1968 als Leiter einer katholischen Missionsschule in Südafrika. Hellingers Taufname ist Anton Hellinger, als Ordensmitglied der Kongregation der Mariannhiller Missionare führte Hellinger den Namen Suitbert, abgekürzt als „Bert“. Diesen Kurznamen behielt er auch nach seinem Ordensaustritt und der Niederlegung seines Priesteramtes 1971 bei. Anschließend ging er eine erste Ehe ein. Mit seiner zweiten Frau Maria-Sophie Hellinger-Erdödy zog er vorübergehend in die ehemalige Kleine Reichskanzlei in Stanggaß ein, einem Ortsteil von Bischofswiesen im Berchtesgadener Land, wo sich Arbeitsräume Adolf Hitlers befanden, was Kritik in der Presse auslöste.[3]
Hellinger absolvierte Kurse bei Arthur Janov und Frank Farrelly, dem Begründer der Provokativen Therapie, und machte eine Weiterbildung zum psychologischen Psychotherapeuten (Fachrichtung Psychoanalyse). Die Wiener Psychoanalytische Vereinigung verweigerte aber die Anerkennung seiner Ausbildung, weil sie aufgrund seiner Präferenzen für die Janov'sche Primärtherapie eine Abweichung von der Psychoanalyse konstatierte. Hellinger erhielt dann seine Anerkennung als Psychoanalytiker durch die Münchner Arbeitsgemeinschaft für Psychoanalyse. Besondere Bedeutung für Hellinger hatten die Gruppendynamik, die therapeutische Arbeit von Leslie B. Kadis und Ruth McClendon aus USA[4], die Familientherapie von Salvador Minuchin (geb. 1923) und Iván Böszörményi-Nagy (1920–2007),die Skriptanalyse von Eric Berne (1910–1970) und die lösungsorientierten Ansätze des Hypnotherapeuten Milton H. Erickson (1901–1980).
Bei der Familienaufstellung nach Hellinger werden vom Aufstellenden möglichst Männer für Männer und Frauen für Frauen aus dem Kreis der Anwesenden stellvertretend für Familienmitglieder räumlich so angeordnet, dass sie seiner subjektiven Wirklichkeit entsprechen. Daraus resultiere die Möglichkeit, das Beziehungsgeflecht des aufgestellten Systems wahrzunehmen und etwaige Lösungsmöglichkeiten zu erkennen. Familienaufstellung bringe etwas Verborgenes ans Licht, das sich jenseits von Manipulation und bewusstem Hintergrundwissen zeigen könne. Bei Aufstellungen sei immer wieder zu beobachten, dass Stellvertreter recht genaue Auskunft über Befindlichkeiten von vertretenen Personen geben können. Nach Bert Hellinger war das Familienstellen zunächst nur eine Methode, um festzustellen, wie die Beziehungen in einer Familie beschaffen sind und was dort wirkt. Es war in erster Linie zielneutral. Der Hauptfokus der Methode richtet sich weniger auf den Aufstellenden selbst als auf sein System und das diesbezügliche Beziehungsgeflecht. Für das jeweilige System und dessen Beteiligte sei primär „Lösung“ zu erwirken, woraus sich dann für den Klienten davon abgeleitet eine „Lösung“ ergeben könne.
Für Hellinger stellen Aufstellungen nicht primär eine therapeutische Methode dar, sondern vielmehr ein Werkzeug, welches in vielen Bereichen zu sinnvollem Einsatz kommen könne. Mittlerweile spricht Hellinger ausdrücklich davon, dass er selbst in seiner Arbeit lediglich „Lebenshilfe“ leiste – Hilfe für Betroffene, über einen veränderten Zugang zu einem besseren Leben zu kommen. Einen psychotherapeutischen Anspruch lehnt er inzwischen kategorisch ab. Heute bezeichnet Hellinger sein weiterentwickeltes Aufstellungsformat als „Neues Familienstellen“.
Die von Hellinger bei Familienaufstellungen praktizierten Vorgehensweisen wurden seit den 1990er Jahren auch auf andere Systeme (Arbeitsteams und Organisationen) übertragen und werden in allgemeinem Kontext systemische Aufstellungen oder Systemaufstellungen genannt. Aufstellungen im Unternehmenskontext werden als Organisationsaufstellungen bezeichnet. Ferner können innerhalb von Systemaufstellungen auch abstrakte Begriffe, z. B. „das Ziel“, „das Hindernis“ aufgestellt werden. Aufstellungen mit abstrakten Elementen werden als Strukturaufstellungen bezeichnet.
Leitbild für Aufstellungen und deren Auswertung ist für Hellinger unter anderem der Begriff der „Ordnung“: Er geht von einer sozialen Ordnung aus, die durch den Zweck des jeweiligen Systems vorgegeben sei und worin des Individuums Rang nicht folgenlos frei wählbar sei. Weitere zentrale Begriffe sind „Ausgleich“ von Geben und Nehmen und „Zugehörigkeit“. Wesentliche Rolle spiele das „Gewissen“, wobei Hellinger unterschiedliche Arten von Gewissen unterscheidet,[5] welche hierarchisch und oft gegeneinander wirken: das Gewissen des jeweiligen Individuums, das systemische Gewissen und das „große“ Gewissen. Innerhalb des Familiensystems postuliert er inhaltlich ein System- bzw. „Sippen-Gewissen“. Die Sippe, deren „Seele“ auch verstorbene Vorfahren umfasse, sei eine „Schicksalsgemeinschaft“, wozu er meint, dass es insofern zu „Verstrickung“ auch in deren Dienst kommen könne.
Prinzipiell weisen Mann und Frau den gleichen Rang auf, wobei Hellinger anmerkt: „Die Frau folgt dem Mann, der Mann dient dem Weiblichen“. Bei leiblichen Geschwistern gebe es eine dem Alter entsprechende Ordnung, wo beispielsweise das ältere Kind Vorrang vor jüngeren (leiblichen) Geschwistern habe. Weiterhin vermute er, dass „Ebenbürtigkeit“ etwa bei einer Beziehung reich/arm oder behindert/nichtbehindert nicht so einfach möglich sei.
Hellinger behauptet, dass durch die Aufstellungen etwas zutage tritt, was über rein rationales Begreifen weit hinausgeht. Dies verknüpft er mit seinen eigenen Einsichten der Gruppenzugehörigkeit. Da er davon ausgeht, dass jeder Mensch sich nur dann lieben kann, wenn er seine Eltern achtet, geht es in seinen Aufstellungen häufig um Aussöhnung. Auch in Grenzfällen sei dies das Ziel, nämlich wenn in der Familie jemand eine schwere Schuld, etwa einen Mord, auf sich geladen hat. Wenn beispielsweise ein Vater als SS-Mann für den Tod vieler Menschen verantwortlich war, wird laut Hellinger ein Klient nur dann frei von einer Belastung durch den Täter, wenn dieser in seinem systemischen Verhältnis zur eigenen Person (z. B. als Vater) geachtet, trotzdem aber seine Schuld bei ihm gelassen wird. Politisch-moralisch motivierte Entrüstung (die etwa ein Verdammen und/oder Lossagen vom eigenen Vater verlange) hält er für kontraproduktiv für den Klienten, weil er nur diesen als Vater (innerlich) zur Verfügung habe.
Er fordert zu einer „Achtung vor den Mächten des Schicksals“ jenseits einer Beurteilung als gut oder böse auf. Dafür nannte er nach einer Aufstellung folgendes Beispiel, welches er 2002 unter dem Titel Ordnungen der Liebe veröffentlichte:
Haim Dasberg, Holocaust Education Foundation, Newport (USA), schrieb in seinem Vorwort zu Hellingers Buch Rachel weint um ihre Kinder, 2003: „Ich habe die große Hoffnung, dass diese Erfahrungen (dass die Stellvertreter beider Seiten – der Täter und der Opfer aufeinander zugehen und gemeinsam über die Toten trauern und weinen) … dann entsteht in ihrem Herzen ein Bild, wie die Versöhnung zwischen ihnen gelingt und wie ein Kreis sich endlich schließt) … auch über das Familien-Stellen hinaus auf einer höheren und umfassenderen Ebene wirksam werden.“ Dasberg trat auch auf einem Kongress Hellingers im Jahre 2005 zu seinem Buch Gottesgedanken auf, das einen Versöhnungsbrief an Adolf Hitler enthält. Im April 2004 verfasste Colin Goldner vom Forum Kritische Psychologie in München einen offenen Brief an Dasberg, in dem er schreibt: „Nun haben Sie für das Buch „Rachel weint um ihre Kinder" (2003) von Bert Hellinger ein lobendes Vorwort geschrieben. Was Sie hierzu bewogen haben mag, weiß ich nicht. Ich sehe nur, dass Hellinger Sie und Ihren guten Namen schamlos instrumentalisiert in seiner Abwehr von Kritik an seinen rechtsesoterischen, um nicht zu sagen: protofaschistischen Umtrieben.“ [7]
Breite Kritik zogen Hellingers Holocaustinterpretationen im Rahmen seiner Familienaufstellungspraxis nach sich, da er Holocaustopfer und -täter ohne moralische Unterscheidung auf eine Stufe gestellt habe und in diesem Kontext auch eine Verantwortung von Israel gegenüber seinen arabischen Nachbarstaaten thematisierte.[8] Dies stieß nicht nur in den Medien, sondern auch bei nahestehenden Therapeuten auf scharfe Ablehnung. So wandte sich Arist von Schlippe, Familientherapeut und Vorsitzender der Systemischen Gesellschaft, per offenem Brief (undatiert)[9] von Hellinger ab;[8] eine Kassler Bürgerinitiative gegen Hellinger bezeichnete ihn 2005 als „NS-Verharmloser und Psycho-Guru“.[10] Einige Journalisten – Door Koert nannte sie 2005 New Age-Journalisten – nahmen Hellinger dagegen wegen seiner anderen Leistungen in Schutz.[8]
Hellingers Methode hat etwa 2000 praktizierende Anhänger, ist aber in Fachkreisen wie in der breiteren Öffentlichkeit stark umstritten.[10] Es wird ihm vorgeworfen, bei seinen öffentlichen Familienaufstellungen gegen nahezu jede Regel der Psychotherapie zu verstoßen, im Anschluss seine Klienten allein zu lassen und ihnen nicht zu helfen, ihre Eindrücke und oft starke emotionale Anspannung zu verarbeiten.
Insofern nahm die Systemische Gesellschaft distanzierend Stellung, und es heißt in der Potsdamer-Erklärung 2007:[11] „Heute sehen wir jedoch den Punkt gekommen, an dem nicht nur wesentliche Teile der Praxis von Bert Hellinger – und vieler seiner Anhänger –, sondern auch viele seiner Aussagen und Vorgehensweisen explizit als unvereinbar mit grundlegenden Prämissen systemischer Therapie anzusehen sind, etwa
Eine Vielzahl von Familienstellern, Therapeuten, Journalisten haben sich von Hellinger distanziert, wie auch die große Mehrheit der nach Virginia Satir arbeitenden Familientherapeuten und deren Vereinigung. Die Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie und Familientherapie (DGSF) distanzierte sich 2003 von seiner Person und seiner Herangehensweise an Familienaufstellungen. Weiters werden Hellingers Methoden als ethisch nicht vertretbar und gefährlich für die Betroffenen beurteilt.[12]
Auch der Psychoanalytiker Michael Hilgers wirft ihm vor: „Mit einer Mischung aus theologischen Phrasen und mystischen Geschichten, einfachen Wahrheiten und absoluten Werturteilen behauptet Hellinger umfassende Hilfe für alles und jeden bieten zu können. Respekt und Demut gegenüber Eltern und Familienangehörigen fordernd, behandelt er seine Patienten anmaßend und unverschämt in der Attitüde des Allwissenden.“[13]
Vor den Praktiken und der Geisteshaltung einer „Hellinger-Szene“ warnt Werner Haas: Magische Rituale würden dort eine Therapie ersetzen, anstatt einer Diagnose werde ein „Orakel“ veranstaltet, und Ursachenforschung erschöpfe sich im „Nachbeten der Okkult-Lehren des Meisters über die Entstehung von Krankheiten und Leid“.[14]
Auf der anderen Seite wird nach wie vor, auch von seriösen Therapeuten und Ärzten, die klassische Familienaufstellung nach Hellinger (nach seiner ursprünglichen Methode, durch die er Anfang der 90er Jahre bekannt geworden ist) praktiziert, dies aber in erster Linie im Rahmen eines umfassenden therapeutischen Konzeptes. Nach der ursprünglichen Methode werde eher hinterfragt, Hypothesen überprüft und dementsprechend sorgfältig vorbereitet. In Fachkreisen ist dies gewürdigt worden.[15] Hellinger selbst führt die klassische Familienaufstellung kaum noch durch, sondern geht seit spätestens 2006 einen neuen Weg des Familienstellens. Er bekennt sich zu seiner Weiterentwicklung, dem „neuen Familienstellen“, und sieht das klassische Verfahren mittlerweile als überholt an. Dass dabei esoterisch anmutende Konzepte wie etwa das morphogenetische bzw. „Wissende Feld“ [16] eine größere Rolle spielen und jegliche Exploration fehlt, wird von einer Vielzahl von Therapeuten kritisiert. Ein weiteres Problem der Hellinger'schen Methode ist, dass sie selten nach einem ausgearbeiteten Lehrkonzept verschult und vermittelt wurde und einige tausend Familienaufsteller dies folglich nie wirklich gelernt haben. Viele Aufsteller haben noch nicht einmal therapeutische Ausbildungen, trauten sich aber oft zu, nach einem einzigen Workshop Aufstellungen durchführen zu können, und behaupten, von Hellinger ausgebildet worden zu sein.
Dieser Artikel basiert auf dem Artikel Bert_Hellinger aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und ist unter der Lizenz Creative Commons Attribution/Share Alike verfügbar. Zusätzliche Bedingungen können anwendbar sein. In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar. |