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Unter dem Begriff Christlicher Fundamentalismus werden vorwiegend solche Denkrichtungen im Christentum verstanden, die sich ausdrücklich auf die Bibel als Fundament (Bibeltreue) und inspiriertes Wort Gottes berufen. Unter dem Begriff kann auch kirchlicher Struktur-Fundamentalismus verstanden werden, vor allem mit Bezug zur Katholischen Kirche.
Nicht behandelt wird in diesem Artikel der Fundamentalismus von christlichen Sondergruppen, z. B. der des Mormonismus oder der Zeugen Jehovas.
Neben dem Glauben an die Unfehlbarkeit und Irrtumslosigkeit der Bibel sind sich christliche Fundamentalisten in traditionellen Dogmen wie der Trinitätslehre, der Gottheit Christi, der Erbsünde und der Bedeutung einer persönlichen Aneignung der Gnade Gottes, etwa durch ein Bekehrungserlebnis einig. Sie sehen die Grundlagen des Glaubens als etwas Gegebenes an, das nicht durch vernunftgeleitete Auseinandersetzung entdeckt oder entwickelt werden müsste, sondern das bekannt ist und verkündet werden muss.[1]
Meist stimmen Anhänger des christlichen Fundamentalismus mit konservativen, als biblisch verstandenen Werten bezüglich der Treue überein, was auch auf die Sexualmoral seine Auswirkung hat, so etwa auf das Verständnis von Geschlechtsverkehr außerhalb der Ehe oder Abtreibung. Die Homosexualität wird von den christlichen Fundamentalisten wie von den Evangelikalen klar abgelehnt (vom Allianz-Evangelikalismus sind auch differenzierende Stellungnahmen bekannt).[2]
Die Evolutionstheorie wird in der Regel abgelehnt. Die Gegenmodelle sind auch als Kreationismus oder Intelligent Design bekannt.
Es gibt christlichen Fundamentalismus unterschiedlicher konfessioneller Ausprägung, unterscheidbar nach seiner Herkunft, seiner Entwicklung oder nach den jeweils für unverzichtbar erklärten Lehren. Charakteristisch für den konfessionell ausgeprägten Fundamentalismus ist die Abgrenzung gegenüber allen Strömungen, die die eigene Lehre nicht vollständig teilen – auch gegenüber anderen christlich-fundamentalistischen Gruppen. Das Aussenbild und die Wahrnehmung des christlichen Fundamentalismus in der Fachliteratur und in der Presse ist sehr vielgestaltig.
Der Begriff Fundamentalismus ist nur selten eine Eigenbezeichnung. Meistens handelt es sich um die Sichtweise von Kritikern und Gegnern. So verstehen sich protestantische Fundamentalisten selber als bibeltreu.
Der Protestantismus in den USA geriet nach dem Sezessionskrieg in eine Krise. Als Reaktion darauf wurden neue Ideen entwickelt, um mit den neuen gesellschaftlichen Verhältnissen klarzukommen. Aus dieser Eigendynamik heraus ist der protestantische Fundamentalismus entstanden.[3] Der Ursprung des Fundamentalismus-Begriffes liegt bei amerikanischen Zeitungs-Redaktionen und ihrer Wahrnehmung konservativ-protestantischer Kreise. Auslöser war die zwischen 1910 und 1915 erschienene Schriftenserie The Fundamentals.[4][5] Die beiden Brüder Lyman (1840–1923) und Milton Stewart (1838–1923) waren nach einer Predigt in der Moody Memorial Church in Chicago, die gegen die zunehmende Kritik an der Bibel unter protestantischen Geistlichen gerichtet war, bewegt und wollten etwas dagegen tun.[6] Von diesen Schriften wurden über drei Millionen Exemplare verteilt. Autoren waren verschiedene amerikanische Geistliche sowie der Schweizer Theologe Frédéric Bettex (1837–1915). In den Schriften wurden die Grundwahrheiten des Apostolischen Glaubensbekenntnis aus dem 5. Jahrhundert verteidigt, zu denen alle Kirchen weltweit während über 1500 Jahren gestanden hätten. Die Schriften grenzten sich zudem gegen die Evolutionslehre und verschiedene Sekten ab. Propagiert wurde auch der Dispensationalismus.[7]
Auslöser der kritischen Betrachtung durch die Presse war die Kritik an der Evolutionslehre. Dazu hat wesentlich der Scopes-Prozess von 1925 beigetragen. Als Folge dieses Prozesses war die Mehrheit der auflagestarken Presse gegen die Christen gerichtet. Dadurch wurde die Entflechtung zwischen konservativen und liberalen Christen gefördert.
Sowohl die protestantisch-fundamentalistisch wie evangelikal geprägten Kirchen lehnen die liberale Theologie ab. Gute und sinnvolle Teil-Erkenntnisse der Historisch-kritischen Methode werden besonders in der evangelikalen Tradition jedoch stehen gelassen, zum Beispiel Ergebnisse aus der formalen Textkritik an der Bibel.
„Mit Recht hat der Fundamentalismus darauf hingewiesen, dass die historische Kritik den biblischen Text nicht vor der Usurpation durch den Ausleger bewahrt hat, obwohl genau das ihre ureigenste Intention war.“
– Peter Zimmerling[8]
Im deutschsprachigen Europa wurde die fundamentalistische Bewegung im Unterschied zu den USA nie stark. Hier ist die Geschichte anders verlaufen: Zwischen der pietistischen Bewegung und der neo-evangelikalen Bewegung scheint es alle möglichen Zwischenformen zu geben. Der Neo-Calvinismus ist marginal, in seinen Bekenntnissen und Praktiken heterogen und von den anderen beiden Richtungen nur um Nuancen unterscheidbar.
Ein Merkmal des radikalen Flügels des protestantischen Fundamentalismus ist die doppelte Trennung: Fundamentalisten lehnen nicht nur jede Zusammenarbeit mit Leuten ab, die aus ihrer Sicht falsche Lehren vertreten, sie lehnen auch die Zusammenarbeit mit aus ihrer Sicht rechtgläubigen Leuten ab, die mit Vertretern einer falschen Lehre zusammenarbeiten. Diese Rigidität führte später zur organisatorischen Entflechtung von separatischen Fundamentalisten und gemäßigten Evangelikalen, die theologisch aber genau so in apostolischer Tradition im Sinne des apostolischen Glaubensbekenntnisses stehen.[9]
Die Folgen der Auftrennung von radikalen, oft calvinistisch geprägten Fundamentalisten und gemäßigten Evangelikalen hatte auch innerkirchliche Folgen.[10] Die beiden Richtungen entflochten sich in den USA, teilweise auch anderswo, über einen Jahrzehnte dauernden Prozess in unterschiedliche Kirchen und Kirchenbünde. Die christlichen Fundamentalisten in den USA gründeten 1941 den nationalen Dachverband ACCC, die Evangelikalen 1942 den Dachverband NAE. Die Fundamentalisten hatten das Motto „keine Zusammenarbeit und keine Kompromisse“, die Evangelikalen „Zusammenarbeit ohne Kompromisse“ in wichtigen Lehrfragen.[11]
Die Fundamentalisten sind kirchlich hierarchischer gegliedert, die Evangelikalen haben einen starken innerkirchlichen Pluralismus mit demokratisch geprägtem Laien-Priesterum und freier Meinungsäußerung, wobei es alle denkbaren Zwischenformen gibt. Die calvinistisch geprägten Christen innerhalb der radikalen Fundamentalisten der USA bezeichnen die Evangelikalen als Arminianer und ordnen sie aus ihrer Optik damit der gleichen großen Denkfamilie, wo auch die theologisch Liberalen drin sitzen. Ein Beispiel: Die Zusammenarbeit des bekannten evangelikalen Evangelisten Billy Graham mit Katholiken, Orthodoxen und Vertretern der theologisch liberal geprägten Mainstream Churches hat zur Entflechtung zwischen Fundamentalisten und Evangelikalen beigetragen.[12]
Konfliktlinien innerhalb des protestantischen Fundamentalismus entstehen entlang unterschiedlicher sozialer und wirtschaftlicher Hintergründe der Beteiligten, unterschiedlicher Glaubens- und Gottesdienstkulturen und Gesangstraditionen, die an meistens nebensächlichen theologischen Fragestellungen kondensieren und zur Spaltung im Streit zwischen fundamentalistischen Gemeinden führen können. Die meisten Gemeinde-Abspaltungen sind jedoch friedlicher, organischer Natur und haben ihren Grund in arbeitsökonomischer Arbeitsteilung. Dies äußert sich etwa durch Gründungen von Filial-Gemeinden, die ab einer gewissen Größe in die Unabhängigkeit entlassen werden und als eigenes Mitglied im betreffenden Kirchenbund aufgenommen werden, da wo ein solcher besteht.[13]
Zwischen radikalen Fundamentalisten, gemäßigten Evangelikalen und theologischen Liberalen gibt es in Bezug auf das Bibelverständnis Unterschiede, was sich in der entsprechenden Literatur breit niederschlägt: Für die Fundamentalisten ist die Bibel irrtumslos', für die Evangelikalen von Gott inspiriert und absolut vertrauenswürdig und für die Liberalen ein Buch, das Gottes Wort bezeugt.
In der protestantischen Literatur werden oft theologische und konfessionsgeschichtliche Gründe angeführt, um die fundamentalistische Bewegung von anderen Strömungen abzugrenzen. Es gibt jedoch auch religionsspezifische sozialpsychologische Argumente, um die Abgrenzung zum Fundamentalismus zu orten:
„Die meisten fundamentalistischen Gruppen haben dagegen in ihrer Gemeindeleitung einen ganz konkreten Über-Vater, dessen Ansicht für die Gruppe verbindlich ist. Oft ist dessen Verhalten - durchaus auch im positiven Sinne des Wortes - patriarchalisch. Es ist darum für die Mitglieder einer solchen Gruppe schwer, zu eigener Mündigkeit, zu einer unabhängigen Gottesbeziehung zu finden, wie sie dem Neuen Testament entspricht.“
– Peter Zimmerling[14]
Soziologisch hat der radikale christliche Fundamentalismus manchmal strikte, unverrückbare Kriterien, um die Christen und die Ungläubigen zu unterscheiden. Manchmal wird die Kleidung betont (Frauen mit langen Röcken), in manchen Gruppen mit Kopfbedeckung in der Kirche, Männer nur mit oder nur ohne Bart. Daneben gibt es geschriebene und ungeschriebene Regeln, um als weltlich definierte Aktivitäten zu vermeiden (beispielsweise bei extremen Fundamentalisten Verbot von Kino, Tanz, Kartenspiel, Make-up, Alkohol, Rauschmittel, Konsum von weltlicher Musik, Fernsehen und anderen Medien, in seltenen Fällen sogar das Absolvieren von höherer Bildung). Diese Regeln können von Gruppe zu Gruppe stark unterschiedlich sein und können sich in einer Gemeinde-Biographie auch wieder ändern.
Ein Merkmal fundamentalistischer christlicher Gruppen ist eine grundsätzliche Ablehnung der Ökumene und manchmal auch anderer Formen der Zusammenarbeit mit anderen christlichen Richtungen.[15][16]
Martin Riesebrodt unterscheidet verschiedene Phasen in der Entwicklung des protestantischen Fundamentalismus in den USA: Der religiöse Disput 1900–1918, Einflussnahme auf staatliche Institutionen 1918–1925, Rückzug und Niedergang nach dem Scopes-Prozess 1925–1930, Reorganisation 1930–1940, institutionelle Abgrenzung 1940–1970 und neue Mobilisierung ab Ende 1960er Jahre aufgrund der neuen Möglichkeiten in den Massenmedien.[17]
Der Ökumenische Rat der Kirchen wird als zu liberal und linksgerichtet abgelehnt. Eine Organisation der radikal-protestantischen Fundamentalisten ist der International Council of Christian Churches (ICCC), gegründet 1948. Jedoch gibt es im deutschen Sprachraum keine Kirchen oder Gemeinde, die Mitglied des ICCC sind. Der ICCC hat aufgrund seines starken Separatismus' in der evangelikalen Bewegung keine breite Anerkennung erlangt.
Während diese Gruppierungen friedlich und höchstens in theologischen Diskussionen rhetorisch deutlich auftreten, gibt es in den USA kleine rechtsextreme Gruppen wie Aryan Nations und Christian Identity. Diese haben mit dem traditionellen protestantisch-konservativen Fundamentalismus nichts zu tun. Es handelt sich um rechtsextreme Sondergruppen, die wie bei solchen Gruppen üblich, verschiedene ideologische Hintergründe zu einer eigenen Weltanschauung vermischen und so auch christliche Versatzstücke, unter Missachtung der biblischen Ursprungs- und Bedeutungs-Einbettung, als Begründungs-Muster hineinnehmen.
Eine wichtige Denkrichtung innerhalb des christlichen Fundamentalismus sind die Dominionisten, welche den Staat verringern wollen und eine politische Reformation auf der Basis der alttestamentlichen Gesetze fordern, die auch zur Relativierung der Grundrechte führen.
In den USA sind rund ein Viertel der Bevölkerung gemäßigte Evangelikale, die nicht Republikaner wählen.[18]
Der Begriff eines „katholischen Fundamentalismus“ wird in der Forschung eher abgelehnt.[19] So hält Beinert die Formulierung für eine „contradictio in adiecto“[20] und bezeichnet Fundamentalismus in jedweder Form als strukturell häretisch.[21] Gleichwohl finden sich Elemente des religiösen Fundamentalismus im Katholizismus wieder. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts waren das vor allem der Antimodernismus, die Ablehnung der historisch-kritischen Methode sowie der Integralismus, der in der Bildung eines abgeschotteten Milieus mündete. In Folge des 2. Vatikanums bildeten sich traditionalistische Gruppen „innerhalb und außerhalb der katholischen Kirche, welche weitreichende Strukturgemeinschaften mit dem […] protestantischen Fundamentalismus aufweisen.“[22] Kennzeichnend dafür ist die Absolutsetzung eines Teiles der kirchlichen Lehre und eine ahistorische Auffassung der Quellen des Glaubens (Schrift, Lehramt und Tradition). Der Gebrauch des Begriffes „Fundamentalismus“ im katholischen Kontext wird in jüngerer Zeit zunehmend kritisiert. So warnt der Grazer Bischof Kapellari in diesem Zusammenhang vor dem Einsatz der „Fundamentalismus-Keule“. Das Wort „Fundamentalismus“ werde heute oft sehr leichtfertig „als eine Keule gegen religiöse Menschen verwendet, die ihren Glauben ernst nehmen“.[23] Der ehemalige Basler Bischof Kurt Koch, jetzt Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, warnt davor, in einer aus seiner Sicht zunehmend polarisierten Kirche „überall die Fundamentalismuskeule zu werfen“, anstatt sich „auf die Suche nach gemeinsamer Wahrheit [zu] machen“.[24] Auch dem damaligen Kardinal Ratzinger und jetzigen Papst Benedikt XVI. wurde in Zusammenhang mit seiner Offensive gegen den Relativismus der Vorwurf gemacht, er „vertrete einen neuen katholischen Fundamentalismus“.[25]
Ein kleiner Teil der Athos-Mönche vertritt einen orthodoxen Fundamentalismus, der Begegnungen und Gespräche von Vertretern der Orthodoxie mit dem Papst, anderen Vertretern westlicher Kirchen oder den altorientalischen Kirchen vehement bis militant ablehnt, wobei aber die Lautstärke dieser Gruppe sehr viel größer ist als ihre tatsächliche Bedeutung.
Orthodoxe Fundamentalisten sind auch ein Teil der diversen, teils selbsternannten orthodoxen Episcopi Vagantes (irregulären Bischöfe) und ihrer Anhänger. Einige dieser Fundamentalisten sind Konvertiten aus westlichen Ländern.
Dagegen sind Gruppen wie die griechischen Altkalendarier, die russischen Raskolniken und Teile der Russischen Auslandskirche eher als extrem konservativ denn als fundamentalistisch zu bezeichnen, wenn es auch Überschneidungen gibt.
Typisches Kennzeichen des orthodoxen Fundamentalismus ist ins Extrem übersteigerter und absolut gesetzter Traditionalismus.
Säkulare Medien und Politiker verwenden den Ausdruck „christlicher Fundamentalismus“ oft ungenau definiert und beziehen ihn auf Gruppen, die im theologischen Sinn nicht zum christlichen Fundamentalismus gehören. Oft werden dabei Kriterien verwendet, die nicht nur auf christliche Fundamentalisten sondern ebenso auf breitere Kreise im konservativen Christentum zutreffen, so z.B. die Befürwortung traditioneller Familienwerte, Vertretung einer Form von Kreationismus, oder die Ablehnung von Gender Mainstreaming, Abtreibung und praktizierter Homosexualität.
Homosexualität beispielsweise wird von christlichen Fundamentalisten wie von den meisten konservativen Christen entschieden abgelehnt. Manche Politiker und säkulare Medien rechnen deshalb die Ex-Gay-Bewegung, welche vor allem Hilfe zu der umstrittenen und in der Mehrzahl wenig erfolgreichen Umorientierung von einer homosexuellen zu einer heterosexuellen Orientierung anbietet, zum christlich-fundamentalistischen Umfeld.[26][27][28]
Eine mit dem christlichen Fundamentalismus oft verwechselte Bewegung ist die amerikanische religiöse Rechte, die konservatives Christentum mit Kapitalismus, traditionellen Familienwerten, Waffenbesitz und Amerika als dem Gelobten Land kombiniert und diese Werte politisch vertritt, wobei in der heutigen Politik insbesondere Abtreibung, gleichgeschlechtliche Ehe und staatliche Regulierungen wie z. B. eine staatliche Krankenversicherung abgelehnt werden.
Die Religiöse Rechte ist ein beträchtlicher Teil der republikanischen Wählerschaft und setzt sich hauptsächlich aus Evangelikalen, Katholiken und Mormonen zusammen, die auch gemeinsam arbeiten wie beispielsweise bei der Manhattan Declaration, und ist von daher nur teilweise dem religiösen Fundamentalismus zuzuordnen. Christliche Fundamentalisten in den USA wählen mehrheitlich republikanisch, bei den Evangelikalen ist die Situation komplizierter.
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