Montag, 28. Mai 2012

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Dänemark unter deutscher Besatzung

König Christian X. bei einem Ausritt an seinem Geburtstag in Kopenhagen, 26. September 1940

Während des Zweiten Weltkriegs stand Dänemark fünf Jahre lang, vom 9. April 1940 bis zum 5. Mai 1945, unter deutscher Besatzung. Im Unterschied zu anderen besetzten Ländern blieben die Institutionen Dänemarks bis 1943 intakt.

Die Invasion

Weserübung-Süd

Ziel des „Unternehmens Weserübung“ der Wehrmacht unter General Leonhard Kaupisch war die Sicherung der Nachschubwege nach Norwegen, das ebenfalls besetzt wurde. Ab 4:15 Uhr erfolgte die Invasion in Südjütland gemäß Unternehmen Weserübung-Süd auch mit gleichzeitigen Truppenanlandungen in Kopenhagen. Besonders wichtig war der Flughafen Aalborg an der Nordspitze Jütlands. Flugblätter mit dem Titel OPROOP (Aufruf) wurden abgeworfen. Nach vier Stunden protestierte die dänische Regierung zwar gegen die Verletzung der Neutralität des Landes, ordnete sich dennoch der Okkupation unter, die offiziell zu einer friedlichen Besetzung wurde; der aufgezwungenen Entscheidung stimmte aber auch die Opposition mit Ausnahme der Kommunisten und nationalkonservativer Kreise zu.[1][2] Bis dahin kostete ein nicht nennenswerter Widerstand 16 dänischen Uniformierten das Leben, davon 11 nördlich der Grenze zu Deutschland.[1] Die dänischen Streitkräfte behielten bis 1943 Heer und Flotte.[3]

Die Färöer blieben im britischen Einflussgebiet, ebenso Island; auf Grönland errichteten die USA ihrerseits Militärstützpunkte.

Die Besatzung 1940–1943

Dänische Soldaten am 9. April 1940

Die deutsche Seite garantierte in ihrer Note an die dänische Regierung die territoriale Integrität und beabsichtigte, den bewaffneten „Schutz des Königtums Dänemark“ und seiner Neutralität zu übernehmen;[4] denn man hatte keine ideologischen Ziele – schließlich betrachtete die nationalsozialistische Ideologie die Dänen als Arier beziehungsweise apostrophierte sie ausdrücklich als „Germanen[5] –, konnte weiter auf dänische Lebensmittellieferungen zurückgreifen und wollte eine Art Modell- oder „Musterprotektorat[6] schaffen. Oberster deutscher Repräsentant war der Reichsbevollmächtigte[7] und Botschafter Cécil von Renthe-Fink; ihm stand der dänische Staatsminister Thorvald Stauning (Sozialdemokratische Partei) gegenüber. Das Land sah sich völkerrechtlich nicht im Krieg mit dem Deutschen Reich,[8][4] und „[d]ie Besatzungsherrschaft in Dänemark stellt bis zum August 1943 einen Sonderfall der Zivilverwaltungen in ‚germanischen‘ Ländern dar, der jedoch von der Zielstellung her den Reichskommissariaten gleicht“, so der Historiker Werner Röhr. Anders als bei seinen übrigen Besatzungsregimen in Europa „hatte sich Deutschland gegenüber Dänemark bei dessen Kapitulation gerade zu jener Verbindlichkeit verpflichtet, die mit dem jus ad bellum im Grunde ausgeschlossen war: der Wahrung der territorialen und staatlichen Integrität des Landes, damit zur Nichteinmischung in innere Angelegenheiten. Aber diese Form der Besatzungsherrschaft wurde zunehmend ausgehöhlt und 1943 offen zugunsten direkter Eingriffsmöglichkeiten aufgegeben.“[9][10]

Das Staatsoberhaupt, König Christian X., blieb im Land.

Politik

Der Regierungschef bildete eine Große Koalition ohne die schwachen dänischen Nationalsozialisten. Die Zeitungen wurden der Zensur unterworfen. Die diplomatischen Beziehungen beider Länder blieben bestehen[11] und Dänemark konnte sie jedenfalls vorerst auch zu Drittstaaten aufrechterhalten.[3][8]

Am 22. Juni 1941 wurden einige Hundert dänische Kommunisten verhaftet. Sie kamen in das dänische Lager Horserød, 1943 wurde etwa die Hälfte von ihnen in das deutsche Konzentrationslager Stutthof verbracht. Nach dem Beginn der „Operation Barbarossa“ im Jahre 1941 zwang Adolf Hitler Dänemark zur Unterzeichnung des Antikominternpaktes, was mit dem dänischen Ziel der Neutralität nicht vereinbar war; ein dänischer Widerstand entstand. Die Regierung lehnte eine Diskriminierung der Juden ab, ebenso die Einführung der Todesstrafe und von Militärgerichten mit Jurisdiktion über Dänen.

Nach dem Tod von Thorwald Stauning im Jahr 1942 übernahm Erik Scavenius die Regierung. Auch er konnte manches verhindern, so lehnte er eine Zollunion und eine Währungsunion mit Deutschland ab und nahm keine Nationalsozialisten in seine Regierung auf. Praktisch und politisch sanktioniert wurde die Zusammenarbeit jedoch über das unpolitische Regime der Staatssekretäre (Departementschefstyret) bis zur Befreiung 1945 weitergeführt.[12]

Im November 1942 verschärfte Berlin den Druck: Werner Best wurde Reichsbevollmächtigter, während Hermann von Hanneken als Wehrmachtbefehlshaber eingesetzt wurde. Am 23. März 1943 fand eine Wahl zum Folketing statt, bei der die dänischen Nationalsozialisten etwa 2 % der Stimmen erhielten.

Militär

Das Heer wurde bis auf 2.200 Soldaten demobilisiert, es wurden auch keine Einheiten der dänischen Armee in die Wehrmacht integriert.

Die SS stellte das Frikorps Danmark auf; etwa 6.000 Nationalsozialisten und Angehörige der deutschen Minderheit meldeten sich. Die Regierung verhinderte die Rekrutierung von Minderjährigen.

Wirtschaft

Mit der Besetzung Dänemarks brach der Kontakt zum vormals wichtigsten Handelspartner, dem Vereinigten Königreich, komplett weg und an dessen Stelle trat nun Deutschland. Dies war jedoch kein kompletter Bruch mit der vorherigen Wirtschaftspolitik Dänemarks, sondern verstärkte nur die 1934 in einen deutsch-dänischen Handelsabkommen zur Festlegung des genauen jährlichen Warenaustausches begründete Trendwende.

Dänemark sollte nun vor allem Waren produzieren, die für Deutschland von besonderem Interesse waren. Im Fokus standen die Eisen- und Stahlindustrie sowie der Konserven- und Zuckerexport. Von Dänemark wurde zudem eine Rückkehr zu einer stärker agrarisch geprägten Wirtschaft erwartet. Im deutsch-dänischen Ausschuss für Handelsabkommen wurde zudem eine Vereinbarung über dänische Leiharbeiter in Deutschland getroffen. Bis 1941 wurden insgesamt 64.000 dänische Staatsbürger angeworben.

Wirtschaftlich kam es zu einem starken Anstieg der Inflation, da sehr viel deutsches Militärgeld im Umlauf war. Im Sommer 1940 wurden Verhandlungen über eine deutsch-dänische Zoll- und Handelsunion geführt. Der dänische Außenminister Erik Scavenius hoffte auf einen festen Wechselkurs zwischen der dänischen Krone und der Reichsmark, während die deutsche Verhandlungsseite die Reichsmark als alleiniges Zahlungsmittel in Dänemark einführen wollte. Die Verhandlungen wurden von dänischer Seite abgebrochen. Scavenius wollte unter dem Eindruck deutscher Siege Dänemark eine gute Position in der für nach den Krieg zu erwartende Neuordnung Europas sichern.[13]

Die Besatzung 1943–1945

Streiks, Sabotage und Widerstand gegen die Staatsgewalt des dänischen Widerstands führten am 28. August 1943 zu einem deutschen Ultimatum: Es wurden ein Versammlungsverbot, die Einführung einer Ausgangssperre, Militärgerichte und die Todesstrafe gefordert. Die Regierung weigerte sich. Am nächsten Tag wurde die Regierung aufgelöst und das Standrecht eingeführt, d. h. von Hanneken der militärische Ausnahmezustand verhängt.[14] Das Parlament tagte nicht mehr; die Staatssekretäre der Ministerien übernahmen die Führung der Regierungsgeschäfte. Es kam zur Selbstversenkung der dänischen Flotte.

Die Rettung der dänischen Juden gelang: Der deutsche Diplomat Georg Ferdinand Duckwitz erreichte in Stockholm eine Aufnahmezusage für diese 7.000 Exil-Dänen, die daraufhin von ihren Helfern mit Schiffen und Booten in das Nachbarland gebracht wurden.

Nach der Landung in der Normandie 1944 blockierte der dänische Widerstand die Dänische Staatsbahn für Tage, so dass keine deutschen Soldaten zur Verstärkung nach Frankreich geschickt werden konnten. Es gelang der Regierung, die Deportierung dänischer Staatsbürger durch die Einrichtung des Internierungslagers Frøslev in Dänemark zu verhindern.

Wirtschaft

Die wirtschaftliche Lage wurde schwieriger; allerdings war die Lage Dänemarks eine der besten in Europa. Die Kosten für Kohle und Erdöl stiegen stark, viele Güter des täglichen Bedarf wurden rationiert.

Deutsche Flüchtlinge in Dänemark

Nach dem Vorrücken der Roten Armee wurden auf Befehl Hitlers ab Februar 1945 Hunderttausende Menschen vor allem aus Hinterpommern, Danzig sowie West- und Ostpreußen über die Ostsee evakuiert. Am 9. Februar 1945 kamen die ersten Flüchtlinge mit dem Flüchtlingsschiff in Kopenhagen an. Es wurden Schulen, Hotels und Sportanlagen für ihre Aufnahme requiriert.

In der dänischen Bevölkerung wurde dies als „zweite Besatzung“ erlebt. Die dänische Zentralverwaltung verweigerte die Kooperation und protestierte in einer offiziellen Protestnote unter Berufung auf die Haager Landkriegsordnung beim Reichsbevollmächtigen Best. Der dänische Ärzteverband (Den Almindelige Danske Lægeforening, DADL) verweigerte die medizinische Versorgung der Flüchtlinge. Die dringend notwendige medizinische Hilfe für die Flüchtlinge wurde von dänischen wie deutschen Behörden als Verhandlungsmittel genutzt, um andere Interessen zu erreichen. So wollten die dänischen Verhandlungsführer unter Staatssekretär Nils Svenningsen eine Freilassung der etwa 4.000 dänischen Staatsbürger erreichen, welche nach Deutschland deportiert worden waren. Der Chef des Reichssicherheitshauptamtes in Berlin, Ernst Kaltenbrunner, hingegen knüpfte dies an die Bedingung der Wiedererrichtung der dänischen Polizei, die in der Terrorbekämpfung eingesetzt werden sollte. De facto hätte dies bedeutet, dass die dänische Polizei gegen die dänische Widerstandsbewegung hätte aktiv werden müssen. Auch die deutschen Behörden in Dänemark räumten der medizinischen Versorgung der Flüchtlinge keine Priorität ein und Werner Best sprach im Zuge der Kriegspropaganda von Krankenhäusern, die eigens für die Flüchtlinge eingerichtet worden seien. So blieb die Hilfe aus und bis zum Kriegsende kamen etwa 6.580 Flüchtlinge ums Leben.[15]

Nach dem Abzug der Wehrmachtstruppen aus Dänemark im Mai 1945 wurden etwa 250.000 Displaced Persons in Dänemark in ehemaligen Kasernen untergebracht. Die letzten wurden erst im Februar 1949 nach Deutschland gebracht.

Bilanz

Dänemark ist mit Ausnahme von Bornholm 1945 kaum bombardiert worden. Es gab etwa 850 Tote bei der Widerstandsbewegung, 1.800 Seeleute kamen unter anderem durch U-Boote um, 600 Dänen fanden den Tod in deutschen Konzentrationslagern. Nach dem Kriegsende wurden 40.000 Menschen wegen Kollaboration festgenommen und davon 78 in Prozessen zum Tode verurteilt. Auch in Dänemark gibt es Besatzungskinder von deutschen Soldaten und dänischen Frauen.

Einzelnachweise

  1. ab Karl-Georg Mix: Deutsche Flüchtlinge in Dänemark 1945–1949. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2005, ISBN 3-515-08690-0, S. 19.
  2. Vgl. Fritz Petrick: Dänemark, das „Musterprotektorat“?, in: Robert Bohn (Hg.): Die deutsche Herrschaft in den „germanischen“ Ländern 1940–1945. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 1997, ISBN 3-515-07099-0, S. 121–134, hier S. 122. Auch wurde die deutsche Besetzung seitens der dänischen Regierung nicht als eigentliche kriegerische Aktion angesehen, siehe hierzu Karl Christian Lammers: Die deutsche Besatzungspolitik und ihre dänischen Partner. Eine Forschungsbilanz, in: Robert Bohn, ebda., S. 135–144, hier S. 136.
  3. ab Karl Christian Lammers, ebda., S. 136.
  4. ab Karl Christian Lammers, ebda., S. 135 f.
  5. Fritz Petrick, in: Robert Bohn, ebda., S. 122.
  6. Fritz Petrick, in: Robert Bohn, ebda., S. 121 f.
  7. Zur Gliederung der Behörde des Reichsbevollmächtigten ab Ende 1942 siehe Fritz Petrick, in: Robert Bohn, ebda., S. 129 f.
  8. ab Fritz Petrick, in: Robert Bohn, ebda., S. 133 f.
  9. Zit. nach Werner Röhr: System oder organisiertes Chaos? Fragen einer Typologie der deutschen Okkupationsregime im Zweiten Weltkrieg, in: Robert Bohn, ebda., S. 11–46, hier S. 41.
  10. Karl Christian Lammers, ebda., S. 137.
  11. Die dänische „Regierung […] behielt – mit einer kurzen Unterbrechung während der sogenannten Telegrammkrise im Herbst 1942 – bis zum Ende des Krieges ihre diplomatische Vertretung in Berlin.“ Zit. nach Fritz Petrick, in: Robert Bohn, ebda., S. 122.
  12. Karl Christian Lammers, ebda., S. 137, 140 f.
  13. Ruth Meyer-Gohde: Dänemarks wirtschaftspolitische Reaktion auf die Besetzung des Landes 1940/41. In: NORDEUROPAforum (2006:2), S. 51–70.
  14. Vgl. Fritz Petrick, in: Robert Bohn, ebda., S. 130 ff.
  15. Michael Schultheiss: Ob man an die kleinen Kinder gedacht hat …? Die Verhandlungen über medizinische Hilfe für deutsche Flüchtlinge in Dänemark am Ende des Zweiten Weltkriegs. In: NORDEUROPAforum (2009:2), S. 37–59.

Literatur

  • Arne Gammelgaard: Ungeladene Gäste. Ostdeutsche Flüchtlinge in Dänemark 1945–1949. Leer 1985 (= Stunde Null und danach; 7).
  • Ruth Meyer-Gohde: Dänemarks wirtschaftspolitische Reaktion auf die Besetzung des Landes 1940/41. In: NORDEUROPAforum (2006:2), S. 51–70 (PDF).
  • Gustav Meissner: Dänemark unterm Hakenkreuz. Ullstein, Berlin/Frankfurt a.M. 1990, ISBN 978-3-550-07652-7.
  • Michael Schultheiss: Ob man an die kleinen Kinder gedacht hat …? Die Verhandlungen über medizinische Hilfe für deutsche Flüchtlinge in Dänemark am Ende des Zweiten Weltkriegs. In: NORDEUROPAforum (2009:2), S. 37–59 (PDF).

Weblinks

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