Ethnopluralismus ist eine Ideologie der Neuen Rechten, deren Vertreter eine kulturelle „Homogenisierung“ von Staaten und Gesellschaften nach „Ethnien“ anstreben. Dabei definieren sie Ethnien nicht wie im Biologismus nach ihrer Abstammung, sondern nach ihrer Zugehörigkeit zu einer „Kultur“, um sie so von „Fremden“ zu unterscheiden. Einflüsse der als „fremd“ betrachteten Gesellschaften werden als Gefährdung der „eigenen Identität“ verstanden; Fremdenangst gilt als natürliche Reaktion darauf. Anstelle von historisch durch den nationalsozialistischen Völkermord belasteten Begriffen wie „Lebensraum“ sprechen Ethnopluralisten von „angestammten Territorien der Völker“.
Der Begriff ist ein griechisch-lateinisches Kunstwort für „Völkervielfalt“, das Henning Eichberg 1973 in eine Debatte im Rechtsextremismus einbrachte. Er verstand darunter seine Forderung, eine kulturelle Verschiedenheit von „Rassen“ mit eigenem Existenzrecht zu bewahren.[1]
Nach Ansicht der Sozialwissenschaftler Kurt Lenk und Stefan Borrmann verbergen sich hinter der beschworenen „kulturellen Identität“ der unterschiedlichen Völker sozialdarwinistische Sichtweisen und ein ausgeprägter, allerdings „modernisierter“ Rassismus, bei dem lediglich der Begriff Rasse bewusst vermieden wird. (siehe Rassismus ohne Rassen).[2][3] Das Wort „Rasse“ werde dabei, da heutzutage meist negativ konnotiert, häufig durch „Kultur“ (auch „Ethnie“, „Volk“, „Nation“ oder andere Begriffe) ersetzt. Da der Begriff „Rasse“ in diesen Argumentationen in der Regel nicht vorkommt, werden diese als „Rassismus ohne Rassen“ bezeichnet, der den Begriff „Rasse“ aufgibt, ohne dass in ihm die Abwertung und Ausgrenzung des ›Anderen‹ an Schärfe verloren gingen.[4] Im Unterschied zum „klassischen“ Rassismus postuliert der Ethnopluralismus aber nicht unbedingt eine Höherwertigkeit eines Volkes, wobei die meisten Vertreter dennoch die Forderung nach der Vorherrschaft der europäischen Völker bzw. des „Abendlandes“ bzw. West- oder Mitteleuropas in der Welt erheben.
Im Wesentlichen soll jedem „Volk“ das gleiche Recht und der gleiche Anspruch auf seine nationale und kulturelle Identität zugestanden werden, allerdings ausschließlich „an seinem Platz“.
Da die Migration als Bedrohung der Kultur betrachtet wird, beziehen sich die Vertreter ethnopluralistischer Konzepte einzig auf ihre Nachteile. Auch in der globalisierten Welt sei eine Trennung der Völker vorzuziehen.
Dies kann verstanden werden als eine intellektuelle Überhöhung der erstmals von der NPD im Bundestagswahlkampf 1980 („Ausländerstopp - Deutschland den Deutschen“) und später von Franz Schönhubers Partei Die Republikaner in den frühen 80er Jahren verwendeten Schlagworte („Deutschland den Deutschen, die Türkei den Türken“). Letztlich gilt Ethnopluralismus als ein in Weltmaßstab umgesetzter Ethnozentrismus, der ein weltweites System der Apartheid herbeiführen möchte und jede Durchmengung als Bedrohung der eigenen Gruppe versteht.[5][6][7]
Wilhelm Heitmeyer prägte für diese feindseligen Einstellungen zu Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft den Begriff Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. [8]
Historische Wurzeln können bereits bei Carl Schmitt gesehen werden, der von einem Pluriversum gleichberechtigter, in sich (relativ) homogener Völker ausging.[9] In den Betrachtungen zur „geistesgeschichtlichen Lage des heutigen Parlamentarismus“, hatte Schmitt 1923 argumentiert, zur Demokratie gehöre innere Homogenität und gegebenenfalls die Ausschaltung des Heterogenen.[10]
Begriff und Konzept des Ethnopluralismus gehen im Wesentlichen auf Henning Eichberg zurück, der als einer der führenden Köpfe der Neuen Rechten beide in den 1970er Jahren im Zusammenhang mit einer nationalrevolutionären Befreiungsphilosophie entwickelte.[11] Einer der bekanntesten internationalen Vertreter des Ethnopluralismus ist der Rechtsintellektuelle Alain de Benoist, der wichtigste Denker der französischen „Nouvelle Droite“.[12] Von Alain Benoist wurde der Ethnopluralismus damit begründet, dass „jedes Volk, jede Kultur ihre eigenen Normen habe, dass „jede Kultur eine sich selbst genügende Struktur“ bildet und dass jedes Individuum primär durch seine „kulturelle“ und „völkische“ Zugehörigkeit bestimmt sei.[13] Menschenrechte versteht Benoist als Ausdruck westlichen Denkens ohne universelle Gültigkeit.[14] In Deutschland wird der Ethnopluralismus z.B. von Pierre Krebs vom rechtsextremen „Thule-Seminar“ vertreten.[15] Nach dem Bundestagswahlkampf der NPD von 1980 bildete 1982 das sogenannten Heidelberger Manifest den nächsten Meilenstein in der öffentlichen Wahrnehmung des Konzeptes Ethnopluralismus.[16] Bei diesem medienwirksamen Aufruf handelte es sich um einen Appell deutscher Universitätsprofessoren gegen „Überfremdung“. In der Juli/August Ausgabe 1989 der rechtsgerichteten Wochenzeitung Junge Freiheit wurde eine eigene Rubrik „Ethnopluralismus“ eingeführt, die bis zur Dezember-Ausgabe 1991 bestand hatte und ab 1992 in „Nationalitätenfragen“ umbenannt wurde.[17] Die NPD berief sich in einem 2002 veröffentlichten Positionspapier auf den Ethnopluralismus.[18]
Zur wissenschaftlichen Fundierung wurden die Arbeiten einiger Verhaltensforscher aus der Nachkriegszeit wie etwa Irenäus Eibl-Eibesfeldt herangezogen, der auch selbst an der Politisierung seiner Ideen arbeitet. Die Scheu vor „Fremden“ beziehungsweise Fremdenfurcht ist nach Eibl-Eibesfeldt demnach stammesgeschichtlich vorprogrammiert, aber auch durch Erziehung beeinflussbar:
„Offensichtlich bildet die Xenophobie einen wichtigen Bestandteil des menschlichen Verhaltensrepertoires. Sie liegt als stammesgeschichtliche Anpassung vor, kann aber durch Erziehung stark moduliert werden. [...] Mütter nützen diese Furcht gelegentlich, um unfolgsame Kinder mit der Möglichkeit zu schrecken, ein Fremder würde sie mitnehmen. Das bekräftigt unter anderem die Fremdenfurcht. Sie entwickelt sich jedoch zunächst einmal unabhängig von erzieherischer Einwirkung aufgrund eines vorgegebenen Programms.[19]“
Vertreter des Ethnopluralismus berufen sich dabei neben der kulturellen Argumentation unter anderem auch auf genetische Unterschiede zwischen den Völkern,[20] was von der Soziologie zumeist als biologistisch angesehen und zurückgewiesen wird.[21]
Das Konzept des Ethnopluralismus ermöglicht neben der Legitimationsfunktion für die Trennung von „Rassen“, „Völkern“ und „Kulturen“ einen weiteren entscheidenden Schritt der rechtsextremen Theoriebildung. Wenn es tatsächlich unterschiedliche gleichwertige Kulturen im Sinne dieses Theorems geben sollte, dann wären auch die zugehörigen Moral- und Rechtsvorstellungen gesondert zu betrachten. Die Menschenrechte wären nicht länger allgemein gültig, sondern ein von einer Minderheit entwickeltes Konstrukt, das anderen aufgezwungen wird.[22][23]
Kritiker des Theorems sagen, dass die Definition eines Volkes schwer fällt. So könne nicht von einer Identität eines Volkes gesprochen werden. Auch weisen Kritiker des Ethnopluralismus wie insbesondere auch die Vertreter der Cultural Studies darauf hin, dass sich Kulturen in der Vergangenheit unter Anderem durch den Austausch mit anderen Kulturen weiterentwickelten. So habe sich zum Beispiel die griechische Philosophie in den Küstenregionen am schnellsten entwickelt, da dort der Austausch mit anderen Kulturen am stärksten gewesen sei.
Im Zusammenhang mit Ethnopluralismus wird immer wieder Bezug auf die ehemalige Apartheidpolitik in Südafrika mit ihren Homelands oder die historische Rassentrennung in den Südstaaten der USA (separate but equal) genommen. So schrieb Gero Fischer 1998: „Ethnopluralismus führt konsequent gedacht zur Apartheid als neuer Weltordnung“.[6]Michael Minkenberg schrieb: „der Ethnopluralismus ist nur scheinbar pluralistisch und liberal. Global fordert er eine Segregation der Ethnien nach geographischen Gesichtspunkten, eine weltweite Apartheid“.[7]
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