Als Familienunternehmen oder auch Familienbetrieb wird ein Unternehmen bezeichnet, wenn es maßgeblich von einer Familie oder einem in der Anzahl beschränkten Eigentümerkreis beeinflusst wird.
Die Begriffe Familienunternehmen und kleine und mittlere Unternehmen (KMU) werden häufig synonym verwendet. Beide Begriffe sind Ausprägungen des Oberbegriffes Mittelstand und in der Praxis sind viele kleine und mittlere Unternehmen als Familienunternehmen organisiert, gleichwohl sind die beiden Begriffe unterschiedlich definiert.
Das älteste Familienunternehmen der Welt und gleichzeitig auch ältestes Unternehmen allgemein war bis zu seiner Liquidation 2006 der japanische Tempelbauer Kongō Gumi, gegründet 578. Abgelöst wurde es von dem ebenfalls japanischen Gasthaus (Ryokan) Hōshi, gegründet 718.[1] Traditionsreiche Familienunternehmen sind in der Association les Hénokiens zusammengeschlossen.
Nachdem die Bedeutung von großen Familienunternehmen in Europa und den USA im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts rasch abnahm, was vor allem mit den beschränkten Finanzierungsmöglichkeiten zusammenhing, gingen führende Wirtschaftshistoriker wie z.B. Alfred Chandler davon aus, dass die Tage der Familienunternehmen gezählt seien und Eigentümerkontrolle durch Managerherrschaft abgelöst werde. Jedoch zeigen Beispiele wie das der Franz Haniel & Cie. GmbH, dass es sich bei der Verwandlung von Familienunternehmen in Publikumsgesellschaften nicht um eine Einbahnstraße handelt. Faktisch ist Haniel heute ein Private Equity-Unternehmen im Besitz von etwas 500 Familienmitgliedern, das sich jedoch kaum in die operative Arbeit der etwa 800 Beteiligungen einmischt.
Der Einfluss der Familie kann über verschiedene Informations- oder Organisationskanäle wahrgenommen werden. Einerseits kann die Familie durch Stimmrechte, Beteiligung an der Geschäftsleitung oder über die Aufsichtsgremien die Geschicke des Unternehmens maßgeblich bestimmen. Zum anderen entsteht Einfluss über Erfahrung von Generationen, die sich in der Eigentümerfamilie angesammelt hat. Des Weiteren zeichnen sich Familienunternehmen durch eine von der Eigentümerfamilie geprägte Unternehmenskultur aus.
Der Einfluss einer Familie auf ein Unternehmen ist laut herrschender Meinung nicht, wie früher von einigen Autoren angenommen wurde, dichotom, sondern kontinuierlich. Eine validierte Skala zur Messung des Familieneinflusses ist der sogenannte F-PEC.[2]
Familienunternehmen gibt es in allen marktwirtschaftlich orientierten Ländern. In den meisten dieser Länder sind sie die große (zahlenmäßige) Mehrheit der Unternehmen. Sie tragen oftmals zu mehr als der Hälfte des BIP und der Beschäftigung bei.[3] Immer mehr Familienunternehmen entwickeln heute internationale (Multi-)Standortstrategien.
Problematisch ist bei familiengeführten Unternehmen oft die Nachfolgereglung der Geschäftsführung. Im Zeitraum 2005 bis 2009 stand beispielsweise in nahezu jedem sechsten Familienunternehmen eine Regelung der Nachfolge an. Pro Jahr sind es damit 71.000 Familienunternehmen, die ihre Nachfolge regeln müssen.[4] Auch können sich familieninterne Streitigkeiten negativ auf die Geschäftsführung auswirken, insbesondere wenn in späterer Generation der Grad der Verwandtschaft breiter wird und dadurch die strategische Einheitlichkeit verloren geht. Da für viele Familienunternehmen die öffentliche Bekanntgabe von Finanzkennzahlen und Unternehmensentwicklungen nicht gesetzlich gefordert wird, erschwert die dadurch entstehende Intransparenz möglichen Kapitalgebern eine detaillierte (Risiko-) Bewertung des Unternehmens.
Wie eine Studie des Institut für Mittelstandsforschung Bonn bestätigt sind Familienunternehmen in Deutschland weit verbreitet[5].[6]
Die Liste der 500 umsatzstärksten Familienunternehmen in Deutschland wird von den folgenden Unternehmen angeführt: Metro AG, BMW, Robert Bosch GmbH und die Schwarz-Gruppe.
Laut Untersuchungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) erwirtschaften familiengeführte Unternehmen im Schnitt eine höhere Rendite, haben jedoch mit einer durchschnittlichen Eigenkapitalquote von 16 Prozent eine geringere Eigenkapitaldecke als sonstige Unternehmen mit 22 Prozent.[7]
Die 500 größten deutschen Familienunternehmen erzielten 2005 knapp 11 % der Umsätze aller deutschen Unternehmen. Zudem zeichnen sie für gut 9 % aller sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse verantwortlich und weisen damit eine höhere Anzahl Beschäftigter je Einheit Umsatz auf als alle Großunternehmen.[5] Eine Untersuchung des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung und des Instituts für Mittelstandsforschung Mannheim aus dem Jahr 2009 weist nach, dass die „Top 500“ Familienunternehmen im Jahr 2008 2,21 Millionen Menschen im Inland beschäftigten und damit im Zeitraum zwischen Jahren 2006 und 2008 die Zahl der beschäftigten im Inland um 4 % erhöhten.[8]
Entgegen der weit verbreiteten Ansicht stellen Familienunternehmen auch ein bedeutendes Phänomen an deutschen Aktienmärkten dar. Bei der Hälfte aller börsennotierten Unternehmen, die im CDAX gelistet sind - ausgenommen Finanztitel, handelt es sich eigentlich um Familienunternehmen.[9]
Neben den großen Wirtschaftsverbänden übernimmt der Verband Die Familienunternehmer – ASU die politische Interessenvertretung speziell für Familienunternehmen.
Trotz dieser hohen Bedeutung für die Wirtschaft ist die wissenschaftliche Beschäftigung mit familiengeführten oder -gesteuerten Unternehmen vergleichsweise gering. Nur ein kleiner Teil der unternehmensbezogenen Forschungen und Publikationen thematisiert Familienunternehmen. Eine Ausnahme sind in Deutschland die gemeinnützige "Stiftung Familienunternehmen"[10] mit Sitz in Stuttgart, das "INTES Institut für Familienunternehmen" an der WHU Otto Beisheim School of Management, das Wittener "Institut für Familienunternehmen" an der Universität Witten/Herdecke sowie das Institut für Mittelstandsforschung Bonn (IfM).
Das IfM wurde im Jahr 2009 vom Bundesverband der Deutschen Industrie e.V. (BDI) und der Deutsche Bank AG beauftragt, eine längerfristig angelegte zweiteilige Studienreihe zu erstellen.
Etwa 80 % aller Unternehmen in Österreich (=240.000) waren 2008 in Familienbesitz. Österreich liegt damit 10 Prozentpunkte über dem EU-Durchschnitt. Familienunternehmen beschäftigen hier mehr als 70 % aller Arneitnehmer und können somit als das Rückgrat der österreichischen Wirtschaft bezeichnet werden.[12] Der größte Teil von ihnen wird bereits in zweiter Generation geführt. In den letzten Jahren verstärkt sich der Trend zur Umwandlung in Kapitalgesellschaften. Im Zeitraum 2006 bis 2012 sind über 44 Prozent der befragten Unternehmen von Übergabe- oder Nachfolge-Fragen betroffen.[13]
In der Schweiz sind 88 % aller Unternehmen Familienunternehmen, wobei ein Großteil wiederum Klein- und Mittelunternehmen sind. An der Schweizer Börse sind dreißig Prozent der Unternehmen familiendominiert. Das „Familienphänomen“ an der Börse geht auf die sogenannten „vinkulierten Namenaktien“ zurück. Weil bei diesen Aktien mit einer Aktie relativ mehr Stimmrechtsanteile verbunden sind als mit normalen Aktien, ist der Familieneinfluss trotz geringerer Kapitalanteile sichergestellt. Die größten nicht börsennotierten Familienunternehmen waren 2008 die DKSH-Gruppe, Tetra Pak (Suisse) SA und die Hilti-Gruppe.[14] Ein zentrales Thema der Familienunternehmen ist die Unternehmensnachfolge. Man kann davon ausgehen, dass jeweils innerhalb von 5 Jahren 18,5 % aller Unternehmen vor dieser Aufgabe stehen.
Eine Studie im Auftrag der Europäischen Kommission hat sich umfassend mit der Definition von Familienunternehmen und deren volkswirtschaftlicher Bedeutung im europäischen Kontext auseinandergesetzt. Von der Studie erfasst sind alle Mitgliedsländer der Europäischen Union, die Länder des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR) und die Beitrittskandidaten zur Europäischen Union (Türkei, Kroatien, Mazedonien). Im Durchschnitt aller betrachteten Länder zählen rund 70 % bis 80 % aller Unternehmen zu den Familienunternehmen. Ihr Anteil an der Gesamtbeschäftigung beträgt 40 % bis 50 %.[15]
Im Jahr 2003 waren 89 Prozent aller Unternehmen in den USA Familienunternehmen. Sie erwirtschafteten etwa 59 Prozent des Bruttoinlandprodukts. In Familienunternehmen arbeiteten etwa 58 Prozent aller Beschäftigten.[16]
Die erfolgreiche Leitung großer Unternehmen setzt beim Unternehmer entsprechende Ausbildung und Fähigkeiten voraus, die in der Gründer-Generation unerlässlich sind. In den folgenden Generationen entsteht früher oder später ein Spannungsverhältnis zwischen den Begabungen der Erben, ihren Interessen und den Erfordernissen eines erfolgreichen Managements und des Marktes. Auch und insbesondere die Verteilung der Anteile auf mehrere Gesellschafter kann zu Problemen in der Geschäftstätigkeit führen, da gegensätzliche Interessen und Vorstellungen innerhalb der Gesellschaftergruppe vorliegen können. Vorteilhaft ist eine frühzeitige Steuerung der Nachfahren nach ihren Fähigkeiten und das heranführen an das Unternehmen.[17]
Familienunternehmen unterscheiden sich in ihrer Corporate Governance zur typischen, an der Börse gelisteten Publikumsgesellschaft. Die Governance von Familienunternehmen wird Family Business Governance genannt. Sie ist definiert als Organisation von Kontrolle und Führung sowie Sicherung des Zusammenhalts der Familie mit den Zielen der Steigerung des Markterfolgs des Familienunternehmens über Generationen hinweg und der Vermeidung von Konflikten in der Familie. Die Family Business Governance[18] ist gekennzeichnet durch Themen wie
Die individuelle, situationsadäquate „Family Business Governance“ eines Familienunternehmens wird in einer Familienverfassung,[19] einem Familienkodex[20] oder einer Familienstrategie zusammengefasst.[21] Empfehlungen zur optimalen Regelung dieser Governancethemen gibt der speziell für Familienunternehmen entwickelte „Governance Kodex“.[22] Neben dieser institutionalisierten Family Governance gibt es auch eine informelle, die über Kommunikation, Rollenerwartungen und -modelle ausgeübt wird.
Forschung über Familienunternehmen wird u.a. vom International Council of Small Business and Entrepreneurship (ICSB) und seinem europäischen Zweig, dem European Council of Small Business and Entrepreneurship (ECSB) angeregt.
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