Faust. Der Tragödie zweiter Teil in fünf Akten (auch Faust. Der Tragödie zweiter Teil oder kurz Faust II) ist die Fortsetzung von Johann Wolfgang von Goethes Faust I.
Nachdem Goethe seit der Fertigstellung des ersten Teils im Jahr 1805 zwanzig Jahre lang nicht mehr am Fauststoff gearbeitet hatte, erweiterte er ab 1825 bis Sommer 1831 frühere Notizen zum zweiten Teil der Tragödie. Das Werk wurde 1832, einige Monate nach Goethes Tod, veröffentlicht.
Das Drama besteht aus fünf Akten, die in sich abgeschlossene Inhalte haben. Erst der Bezug auf die Gesamtheit der Teile I und II stellt den Sinnzusammenhang der Tragödie her. Im Unterschied zum ersten Teil steht nicht mehr das Seelen- und Gefühlsleben des einzelnen Menschen im Mittelpunkt, sondern die Person Faust entwickelt sich stetig weiter, wird zum sozial und geschichtlich handelnden Unternehmer, scheitert auch in dieser Rolle und vollendet sich in der politischen Vision einer freiheitlichen Weltordnung.
Faust widmet sich im zweiten Teil aktiv verschiedenen Tätigkeiten und entspricht damit einem Ideal der Klassik: Der Mensch soll alle seine Fähigkeiten ausbilden. Als Künstler schafft er im ersten Akt ein Schauspiel, scheitert aber daran, es in die Wirklichkeit zu übertragen. Im dritten Akt begibt sich Faust auf eine Zeitreise durch die Epochen. Dabei wird der nordisch-romantische Künstler Faust mit der griechisch-klassischen Helena, dem Sinnbild der Schönheit in der Antike, verheiratet. Das Produkt dieser Synthese, ihr gemeinsamer Sohn Euphorion, der, kaum geboren, blitzschnell zum leidenschaftlichen jungen Mann heranwächst, steht für den Geist der Poesie. Mit ihm veranschaulicht Goethe, wie es zur Deutschen Klassik kam: Durch Rückbesinnung der deutschen Kunst auf die Antike. Der frühe Tod Euphorions (eine Anspielung auf den von Goethe verehrten Zeitgenossen und Dichterkollegen Lord Byron) lässt Faust zu der Erkenntnis kommen, dass die Poesie, das Kind der Schönheit und der Kraft, die Welt nicht dauerhaft verändern, sondern nur flüchtige Eindrücke erschaffen kann.
Drei Hauptthemen sind im Faust 2 zu unterscheiden:
Der Luftgeist Ariel weist die Elfen an, dem durch die Gretchentragödie schuldig gewordenen Faust den Heilschlaf des Vergessens zu bereiten. Vom Schlaf erquickt, will Faust sofort wieder nach „dem höchsten Dasein streben“ – wie schon im ersten Teil der Tragödie. Während ihn in seiner Studierstube der Erdgeist blendete, verhindern nun die grellen Strahlen der Sonne den Blick auf das, „was die Welt im Innersten zusammenhält“. Er wendet sich der Erde zu und erkennt in ihr das „farbige Abbild des Lebens“ – im zwischen Klarheit und Zerfließen wechselnden Regenbogen sieht Faust den „Spiegel des menschlichen Strebens“. Goethe zeigt so gleich zu Anfang, dass eine unmittelbare Erkenntnis des Lebens nicht möglich ist. Vorerst gilt es das diesseitige Leben zu leben. Erst jenseitige Gnade wird Faust zu „höhern Sphären“ führen.
Mephisto wird neuer Narr des Kaisers. Der hört sich, bereits in Karnevalslaune, die Sorgen und Nöte von Kanzler, Heermeister, Schatzmeister und Marschalk an: Es fehlt überall an Geld. Mephisto spricht alle Bodenschätze und Schatzfunde dem Kaiser zu und verändert die Deckung des Papiergelds: Nach diesem „Mummenschanz“ wird deutlich, dass eine Deckung durch „ungehobene Schätze“ die Golddeckung abgelöst hat.
Dieser weitaus umfangreichste Abschnitt des ersten Aktes beschreibt den florentinischen Karneval aus der Sicht Goethes, vor allem basierend auf Antonio Francesco Grazzinis Tutti i Trifoni (1559) – einer Sammlung zeitgenössischer Festaufzüge und Lieder. Die als Mummenschanz bezeichnete Darstellung zeigt ein sinnenfrohes Panoptikum der höfischen Gesellschaft sowie historischer und antiker Figuren. Das ordnende Element in dieser Szene wird von der Figur des Herolds übernommen, der die verschiedenen Abteilungen und Figuren hervorzutreten bittet, sie beschreibt und protokolliert. Eine bedeutende Rolle spielen hierbei auch vermehrt Allegorien wie die Furcht, Hoffnung und die Klugheit. Auch Faust, Mephistopheles und der Kaiser selber mischen sich unter die Gäste, wobei sich u. a. folgende allegorischen Figuren-Analogien ergeben:
Nach den Deputationen der ersten drei Abteilungen und dem Erscheinen von Plutus’ Prachtwagen entwickelt sich die Szene zu einem höfischen Schauspiel, in dem die Geldsorgen des als Pan maskierten Kaisers aufgezeigt werden. Diese sollen von Faust (in Gestalt des Reichtums) beseitigt werden. Ein flammendes Inferno, das die Masken der Anwesenden verbrennt und schließlich von Faust gelöscht wird, beschließt den Mummenschanz.
Der Kaiser beschreibt Faust, wie sehr er die vergangenen Feierlichkeiten genossen habe, und wünscht sich mehr „dergleichen Scherze“ (5988). Die Berater des Kaisers erscheinen und preisen das von Mephisto neu eingeführte Papiergeld. Der Kaiser beginnt dessen Sinn zu verstehen und es, wie seine Berater, zu verprassen.
Faust berichtet Mephisto davon, dass der Kaiser ihm aufgetragen habe, Helena und Paris, die Urbilder der Schönheit, an seinen Hof zu holen. Denn: „Erst haben wir ihn reich gemacht, Nun sollen wir ihn amüsieren“ (6190–6191). Mephisto erklärt ihm, das Mittel, die beiden heraufzubeschwören, sei ein „glühender Dreifuß“ (6283), den Faust mit Hilfe eines magischen Schlüssels im Reich der „Mütter“, dem tiefsten Mysterium, finde: „Göttinnen thronen hehr in Einsamkeit, um sie kein Ort, noch weniger eine Zeit“ (6213–6215). Faust macht sich daraufhin auf, hinunter ins Reich der Mütter zu steigen.
In dieser Szene wird Mephisto vom Hofvolk bedrängt, ihre persönlichen Wehwehchen (Sommersprossen, steifer Fuß, Liebeskummer) mit seinen Hexenküchenkünsten zu heilen.
In einem illusionären „Flammengaukelspiel“ treten Helena und Paris für den Kaiser auf. Deren Geister erweisen sich jedoch als flüchtige Erscheinung. Im Rittersaal entbrennt eine Diskussion über die antike Schönheit: die männliche Gesellschaft empfindet Helena als vollkommen schön, Paris jedoch als flegelhaft, da ohne „Hofmanieren“ (6460). Beim weiblichen Publikum verhält es sich umgekehrt. Als Faust bemerkt, dass es sich bei der dargestellten Szene um den „Raub der Helena“ handelt, will dieser Helena bewahren und greift in die Gespenster-Inszenierung ein, womit der Spuk sich auflöst und Faust paralysiert zurücklässt: Er hat den Fehler begangen, seine Kunstschöpfung – die ihm nur durch den Gang zu den Müttern ermöglicht wurde – als sein Eigentum zu betrachten, sich also überschätzt und sein Kunstwerk mit der Realität verwechselt.
Mephisto tritt in Fausts alte Stube und erkennt die Feder wieder, mit der Faust sich dem Teufel verschrieb. Er legt sich Faustens alten Mantel an, um sich als Dozent zu verkleiden. So empfängt er den neuen Famulus, der an Wagners Stelle getreten ist. Wagner – mittlerweile selbst praktizierender Naturwissenschaftler – soll an einem großen, geheimnisvollen Werk arbeiten. Mephisto fordert den Famulus auf, Wagner herbeizuschaffen.
Es folgt die Fortsetzung der Schülerszene aus dem Faust I: Der inzwischen zum Bakkalaureus herangereifte ehemalige Schüler behauptet von sich selbst, nun „entwachsen akademischen Ruten“ (6723–6724) und seinem alten Meister (Mephisto) ebenbürtig, ja überlegen zu sein. Er symbolisiert das anmaßende Selbstbewusstsein der Jugend: „Des Menschen Leben lebt im Blut, und wo / Bewegt das Blut sich wie im Jüngling so?“ (6776–6777). Mephisto spielt zwar ironisch den Unterlegenen („Nun komm ich mir recht schal und albern vor“, 6763), dem Theaterpublikum aber eröffnet er, dem abgehenden Bakkalaureus hinterherblickend: „Original, fahr hin in deiner Pracht! – / Wie würde dich die Einsicht kränken: / Wer kann was Dummes, wer was Kluges denken / Das nicht die Vorwelt schon gedacht?“ (6807–6810).
Mephistopheles hat den bewusstlosen Faust in seine alte Studierstube versetzt. Im Laboratorium nebenan trifft er Wagner, der gerade dabei ist, eine wissenschaftliche Großtat zu vollbringen und einen künstlichen Menschen zu schaffen, den Homunkulus. Das zarte Kunstgebilde vermag allerdings nur in seiner Phiole zu existieren. Bezeichnenderweise ist bei seiner Herstellung der Teufel anwesend. Homunkulus begrüßt ihn: „Du aber, Schalk, Herr Vetter, bist du hier? Im rechten Augenblick, ich danke Dir“ (6885–6886). Als Homunkulus, Faust erblickend, in dessen Gedankenspiegel liebliche Frauen sieht, darunter auch Helena, beschließt er, zur klassischen Walpurgisnacht nach Griechenland aufzubrechen. Mephisto, der nur wegen der Aussicht auf dort gastierende thessalische Hexen einwilligt, folgt Homunkulus und trägt den immer noch schlafenden Faust mit sich.
Zu Beginn der Szene erscheint die thessalische Hexe Erichtho auf den Pharsalischen Feldern als Vorbotin der Klassischen Walpurgisnacht. Die düstere Berichterstatterin der Geschichte verwirrt, indem sie die vorolympische Epoche, die römische Zeit und den griechischen Befreiungskampf aus Goethes Zeit miteinander vermischt. Sie flüchtet beim Herannahen der Luftfahrer Faust, Mephisto und Homunkulus.
Faust erwacht nach der gescheiterten Helena-Beschwörung auf dem antiken Schlachtfeld, auf dem Pompeius von Caesar besiegt wurde. Ihm fließen neue Kräfte zu, als er den Boden fühlt, auf dem die Gottheiten und Heroen der klassischen Antike zu Hause sind. Der mittelalterliche, nordische Teufel fühlt sich dagegen fehl am Platze. Doch zu seiner Verwunderung erkennt er in einigen der antiken Schreckgestalten „leider Nahverwandte“ (7741).
Faust sucht hier Helena bei den Sphinxen und Chiron, halluziniert Leda und wandelt am Fluss. Der Kentaur Chiron, der Lehrer Herakles', Arzt und der Erzieher von Kastor und Pollux, der Halbbrüder Helenas, bringt Faust zu Manto, die mit ihm in die Unterwelt steigt und damit Fausts Irren durch die Klassische Walpurgisnacht beendet.
Der ein galantes Abenteuer suchende, aber schon bei den Sphinxen abgeblitzte, völlig erregte Mephisto wird durch die Lamien bezirzt, dann aber durch seine „Mühmichen Empuse, der Trauten mit dem Eselsfuße“ (7737) – und den Phiolen-Homunkulus, der seine Menschwerdung und Vervollkommnung bei Anaxagoras und Thales sucht, in seinen nun direkten sexuellen Ambitionen gestört. Anaxagoras und Thales tragen zwei philosophische Gedanken zur Lebensentstehung mit sich. Während ersterer glaubt, dass Lebendiges im Feuer entstanden sei, ist Thales ebenso überzeugt, dass der Ursprung allen Lebens im Wasser zu finden sei. Mephisto gelangt schließlich zur Bergeshöhle der drei Phorkyaden, von denen er sich Zahn und Auge leiht, und im folgenden Akt als Phorkyas auftritt.
Thales, noch immer bemüht, Homunkulus bei seiner Menschwerdung zu helfen, versucht bei Nereus, dem „Greis des Meers“, das Geheimnis des Entstehens zu ergründen. Dieser, ein ausgesprochener Hasser des Menschenvolkes, weiß keinen Rat, verweist jedoch auf Proteus, der die Kunst des Verwandelns kenne. Proteus, sich in vielfältige Formen verwandelnd, weist Homunkulus den Weg zum Zug des Muschelwagen der Galatee. Homunkulus besteigt den Proteus-Delphin und zerschellt am Muschelwagen der Meeresgöttin Galatee, der Tochter des Nereus. Es entsteht ein Meeresleuchten. Der Akt endet mit einem Lobgesang auf den allmächtigen Eros und die vier Elemente.
Hier geht es um Fausts Beziehung zu Helena, mit der er einen Sohn – Euphorion – hat, der am Ende des Aktes zu Tode stürzt, woraufhin auch Helena verschwindet. Die Verbindung Fausts mit Helena symbolisiert die Verbindung von klassischer Antike und romantischem, germanischem Mittelalter.
Menelas kehrte mit Helena aus dem Krieg um Troja zurück und schickte Helena voraus, um eine Opferzeremonie vorzubereiten. Er sagte jedoch nicht, was geopfert werden solle. Helena ahnt, dass sie das Opfer sein wird, und beklagt ihr Schicksal, doch ein Chor von gefangenen Trojanerinnen muntert sie wieder auf. Helena will nach der Rückkehr die Diener und den Palast inspizieren, trifft jedoch auf leere Gänge und auf Mephisto in Gestalt der Phorkyas, die den Palast und Hof während ihrer Abwesenheit verwaltete. Diese sagt Helena, dass sie das Opfer sein werde, da Menelas fürchte, sie noch einmal zu verlieren oder nicht ganz besitzen zu können, und bietet ihr und dem Chor an, sie mit auf eine mittelalterliche und angeblich uneinnehmbare Burg zu nehmen, die während der zehn Jahre des Krieges um Troja und der anschließenden Irrfahrten des Menelas bis Ägypten nicht weit von Sparta errichtet wurde. Sie stimmen zu und flüchten, umhüllt von Nebel, vor dem anrückenden König.
Nach dem Sieg über Menelas führt Faust Helena in das von ihm geschaffenen Arkadien ein. Ein Hort des Glücks und der Harmonie. In seiner mittelalterlichen Burg angekommen, wirbt Faust um Helena. Begeistert nimmt sie seine unbekannte, nordische Form des Sprechens – den gereimten Vers – auf:
Der Chor besingt indessen die Frivolität der Frauen. (siehe Bild rechts)
Phorkyas berichtet dem Chor von der Geburt Euphorions, der aus der Verbindung Fausts mit Helena – der schönen, personifizierten Destruktivkraft der Sexualität – hervorgeht. Euphorion stirbt kurze Zeit später bei einem übermütigen Flugversuch. Seine letzten Worte „Laß mich im düstern Reich, / Mutter, mich nicht allein!“ (9905–9906) schallen nach, woraufhin Helena Persephone auffordert, sie und den Knaben aufzunehmen. Während sich die Chorführerin Panthalis ebenfalls zum Hades aufmacht, verweilen die Chormitglieder in Arkadien, verwandeln sich jedoch in Naturgeister. Am Ende des Schlussgesanges, nachdem der Vorhang gefallen ist, sieht man, wie sich Phorkyas im Proszenium riesenhaft aufrichtet und als Mephisto zu erkennen gibt, um, falls nötig, im Epilog das Stück zu kommentieren.
Faust, der aus Arkadien weggetragen wurde, phantasiert beim Betrachten einer Wolke. Bei ständiger Veränderung derselben glaubt er einmal Helena darin zu erkennen, ein anderes Mal treten Bilder aus seiner Kindheit und Jugend wieder hervor.
Mephistopheles, der zur Fortbewegung einen Siebenmeilenstiefel nutzt („Das heiß ich endlich vorgeschritten!“, 10067), beginnt einen Diskurs über die Entstehung der Erdoberfläche, speziell des Hochgebirges, welches durch teuflische Gase geformt und geprägt worden sei. Faust wiederum äußert das Verlangen, von nun an weder weltliche Macht noch die Liebe einer Frau zu erlangen, ein höheres Ziel stellt für ihn dar, die Natur (speziell das Meer) zu kontrollieren. Dies soll in Form von Landgewinnung durch Einsatz von Dämmen und Kanälen durchzuführen sein.
Mephisto stellt Faust die drei Gewaltigen vor: Raufebold, Habebald und Haltefest, die den Sieg für den Kaiser erlangen und Fausts ehrgeizige Pläne der Landgewinnung verwirklichen sollen.
Mephistopheles und Faust treten ins Kriegsgeschehen ein und werden davon unterrichtet, dass nun ein polarisierender Gegenkaiser Krieg gegen den eigentlichen Kaiser führt und dessen Land zu erobern sucht. Die Schlacht, die zu Gunsten des Gegenkaisers auszugehen scheint, wird mit der Hilfe Mephistos und der drei Gewaltigen gewendet.
Kurz nach dem Sieg über den Gegenkaiser betreten die beiden Plünderer Habebald und Eilebeute das Zelt des besiegten Gegenkaisers, mit dem Ziel, die dort befindlichen reichen Schätze zu raffen. Beide werden allerdings bald von den vier Trabanten des Kaisers verjagt. Der Kaiser tritt mit „vier Fürsten“ auf, die er für ihre Verdienste belohnt, indem er das gewonnene Land unter ihnen aufteilt und sich somit von einem absoluten dynastischen Prinzip der Staatsführung abwendet. Nach ihnen folgt der Erzbischof, der Gaben für die Kirche einmahnt. Dem Erzbischof, der erkannte, dass der vorausgegangene Sieg über das Heer des Gegenkaisers nicht mit frommen rechten Dingen zugegangen ist, steht es nun frei, übermäßige Forderungen an den Kaiser zu stellen. Allerdings kann er nicht verhindern, dass Faust einen Bezirk am Strand zugesprochen bekommt. Der mittelalterlich-frühneuzeitliche Wissenschaftler und Suchende, mit liebevoll-bewunderndem Hang zur griechischen Phantasie und Schönheit, wird ins Staats- und Herrschaftsleben gesetzt und muss jetzt, zum Tatmensch gewandelt und zwischen Gemeinwohl und Eigennutz abwägend, handeln.
Ein durch eine offene Gegend ziehender Wanderer erkennt eine kleine, von Linden umstandene Hütte, deren freundliche Bewohner ihn vor langer Zeit aufnahmen, als er, in Seenot geraten, Hilfe benötigte. Früher lag die Hütte der beiden Alten am Meer, heute ist das Meer nur noch in der Ferne an den Segeln der Schiffe zu erahnen.
Der Wanderer tritt ein und erkennt Baucis wieder, die, mittlerweile uralt, ihn seinerzeit freundlich aufnahm und pflegte. Auch ihr Gatte Philemon lebt noch. Er erzählt von den seltsamen Vorgängen, die sich seit dem ersten Besuch des Wanderers hier an diesem Ort zugetragen haben. In der Schilderung des Philemon und der anschließenden Wechselrede der beiden Alten erfährt der Wanderer (und mit ihm der Leser), dass der neue Herr des Landes – Faust, der aber ungenannt bleibt – vom Kaiser als Lohn für den Kampf gegen den Gegenkaiser mit dem Strand belohnt worden ist. Kaum im Besitz dieses Landes, ging man daran, dem Meer Land abzutrotzen.
Während die Arbeit tagsüber kaum vorankam, sah man des Nachts Flammen umherirren, wo am anderen Morgen bereits ein Damm stand. Die Erschaffung neuen Landes war offensichtlich nur mit Hilfe von technischen Neuerungen möglich, die für die Alten wie Zauberei wirkten. Die Hütte ist das letzte Gebäude aus alter Zeit, und selbst dieses möchte der neue Herr des Landes für sich haben, weshalb er die beiden Alten unter Druck setzt. Mit der Aufforderung Philemons, sich in die nahe Kapelle zum Gebet an den Gott der alten Zeit zurückzuziehen, endet die Szene.
Lynceus der Türmer beschreibt das neue, dem Meer entrissene Land als Idylle. Doch der Klang des Glöckchens in der Kapelle von Philemon und Baucis lässt Faust auffahren. Für ihn ist sein dem Meer entrissenes Land keine Idylle, solange die beiden Alten in ihrem kleinen Häuschen mit den alten Linden auf der Düne leben. Über dieses kleine Fleckchen Erde hat er kein Recht. Es ist seinem Zugriff entzogen. Dieser kleine Makel nagt an ihm so sehr, dass er sich seines neuen Landes nicht erfreuen kann. Nicht einmal die schönen Worte des Türmers mindern Fausts Verdruss, als Mephisto mit den „drei gewaltigen Gesellen“ – „Krieg, Handel und Piraterie, Dreieinig sind sie, nicht zu trennen“ (11187–11188) – auf einem voll beladenen prächtigen Kahn in den künstlichen Kanal einläuft. Mephisto erzählt von der erfolgreichen Fahrt, die aber weniger eine friedliche Handelsunternehmung als vielmehr eine mit kalter Rücksichtslosigkeit durchgeführte Kaperfahrt war. Enttäuscht von der unfreundlichen Begrüßung durch ihren Herrn schaffen die Drei die reiche Beute beiseite und lassen sich von Mephisto beschwichtigen, der ihnen ein großes Flottenfest in Aussicht stellt. Mephisto tadelt Fausts Ärger über Philemon und Baucis angesichts des bisher Erreichten. Schließlich verlangt Faust von Mephisto die Umsiedlung der beiden: „So geht und schafft sie mir zur Seite!“ (11275).
Auf ihrem Grundstück möchte er sich zwischen den alten Linden einen „Luginsland“ errichten lassen, um von dort aus seinen „Welt-Besitz“ zu genießen: „Dort wollt ich, weit umher zu schauen, Von Ast zu Ast Gerüste bauen, Dem Blick eröffnen weite Bahn, Zu sehn was alles ich getan“ (11243–11246).
Lynceus singt auf seinem Turm sein Lied „Zum Sehen geboren, / Zum Schauen bestellt“. Er preist darin die Schönheit der Natur und die Vollkommenheit der Schöpfung und all das, was er je sah. Nicht ganz ohne Selbstgefälligkeit rühmt er nicht nur seine besondere Fähigkeit, alles zu sehen, sondern auch sich selbst: „So seh ich in allen Die ewige Zier, Und wie mir's gefallen, Gefall ich auch mir“ (11296–11299).
Er unterbricht sein Lied, denn er erkennt in der Dunkelheit Funkenflug und Feuer. Das Häuschen von Philemon und Baucis steht in Flammen. Eindringlich beschreibt Lynceus, wie die alten Linden, das Häuschen, die Kapelle und schließlich die Alten selbst ein Raub der Flammen werden: „Das Kapellchen bricht zusammen Von der Äste Sturz und Last. Schlängelnd sind, mit spitzen Flammen, Schon die Gipfel angefaßt“ (11330–11333). Hatte er sich noch eben seines großen Könnens stolz gerühmt, so bedauert er nun angesichts des schlimmen Unglücks so „weitsichtig“ zu sein.
Faust hört das Jammern des Türmers, tritt auf den Balkon hinaus und entdeckt ebenfalls das brennende Grundstück von Philemon und Baucis. Er bedauert den Brand nur insofern, als auch die Linden in Mitleidenschaft gezogen wurden, die ihm ja für seinen geplanten Aussichtsposten dienen sollten. Vom Balkon aus erkennt er auch das neue Haus, das er Philemon und Baucis großmütig als Ersatz zugedacht hat und in dem er die beiden, von seiner Großmut erfüllt, ihre Tage glücklich beschließen glaubt. Von Mephisto erfährt er allerdings eine andere Geschichte. Er und „die drei Gewaltigen“ Raufebold, Habebald und Haltefest drangen gewaltsam in das Haus der Alten ein und drohten ihnen. Da sie ihr kleines Häuschen nicht aufgeben wollten, wurden die beiden mit Gewalt „weggeräumt“. Der Schreck tötete sie. Der ebenfalls anwesende Wanderer, dem man in der Szene Offene Gegend begegnete, wehrte sich, konnte aber der Gewalt nichts entgegensetzen und fiel. Im Getümmel fing das Haus Feuer: „Von Kohlen, ringsumher gestreut, Enflammte Stroh. Nun lodert's frei, Als Scheiterhaufen dieser drei.“ (11367–11369) Wütend fährt Faust Mephisto und seine Gesellen an: „Wart ihr für meine Worte taub! Tausch wollt ich, wollte keinen Raub.“ (11370–11371) Er schiebt die Verantwortung für den Tod der drei auf Mephisto und die drei Gewaltigen. Allerdings hatte Faust in seinem Befehl zur Umsiedlung von Philemon und Baucis nicht von „Tausch“ gesprochen. „So geht und schafft sie mir zur Seite.“, waren seine Worte. „Rauch und Dunst“ steigen von den noch schwelenden Resten des Brandes auf und schweben hinan zu Faust.
„Vier graue Weiber“ treten auf. Hier wird die Handlung von außen nach innen verlagert und Faust will sich von der Magie lösen: „Nimm dich in Acht und sprich kein Zauberwort“. Die Begegnung mit den alten Weibern Mangel, Not und Schuld beeindruckt Faust nicht, sein Bund mit Mephisto garantiert ihm Wohlstand und Gesundheit. Nur die Sorge kann ihn erreichen, lässt ihn erblinden und reduziert ihn auf seine Innenwelt.
Mittlerweile hundert Jahre alt und blind, hält Faust die lärmenden Lemuren, die ihm das Grab schaufeln, für seine Arbeiter, die einen Deich errichten sollen, mit dem er dem Meer Land für Besitzlose abgewinnen will: „Eröffn’ ich Räume vielen Millionen, Nicht sicher zwar, doch tätig frei zu wohnen. (11563–11564) […] Solch ein Gewimmel möcht’ ich sehn, Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn.“ (11579–11580) Im Streben nach dem „höchsten Dasein“ hat Faust seinen Egoismus überwunden. Er will nun seine Fähigkeiten für das Wohl der Bedürftigen einsetzen, von denen viele Millionen existieren. Mit dieser späten Sinnfindung kann Faust sich endlich akzeptieren und sicher sein, durch eine solche Großtat der Nachwelt im Gedächtnis zu bleiben. Glücklich bekennt er: „Zum Augenblicke dürft’ ich sagen: Verweile doch, du bist so schön! Es kann die Spur von meinen Erdentagen Nicht in Äonen untergehn. – Im Vorgefühl von solchem hohen Glück Genieß’ ich jetzt den höchsten Augenblick“ (11581–11586).
Mit dem Ausspruch der alten Schwurformel „Zum Augenblicke dürft’ ich sagen: Verweile doch, du bist so schön!“ verliert er die Wette nicht, da der Konjunktiv (Irrealis) „dürft’“ andeutet, dass Faust dies gerne sagen würde, es jedoch nicht tut. Seinem Tod aber entgeht er nicht.
Die Grablegung hat Goethe als Posse gestaltet. Mephistopheles kommt vor dem toten Faust auf den blutunterzeichneten Vertrag zu sprechen und befürchtet, leer auszugehen, auf den fehlenden Höllenglauben der Protestanten anspielend („Auf altem Wege stößt man an, / Auf neuem sind wir nicht empfohlen“). Der Chor der Himmlischen Heerscharen fordert, Sündern zu vergeben. Der Teufel geht beunruhigt näher an das Grab heran, um Fausts Seele nicht entwischen zu lassen. Der Chor der Engel tritt auf und streut Rosen, die auf magische Weise Liebesgelüste bei Mephistopheles auslösen. Seine Gehilfen, die Lemuren, „stürzen ärschlings in die Hölle“ (11738). Mephistopheles ist nun mit den Engeln allein. „Sie wenden sich. – Von hinten anzusehen! – Die Racker sind doch gar zu appetitlich“ (11799–11800).
Als Mephistopheles wieder zur Besinnung gekommen ist, haben die Engel Fausts Seele mit sich genommen, und er klagt: „Die hohe Seele, die sich mir verpfändet, Die haben sie mir pfiffig weggepascht“ (11830–11831).
Die in den Bergschluchten verteilten Anachoreten (klösterliche Einsiedler) reflektieren über die Liebe und das Leben. Ihre Äußerungen repräsentieren verschiedene Haltungen innerhalb des Glaubens und der Theologie: Rationalität, Ekstase und liebevolle Hingabe. Ein Chor seliger Knaben (Mitternachtsgeborne, die kurz nach der Geburt verstorben sind) durchschwebt die Szene und wird von dem Anachoreten Pater Seraphicus in sich aufgenommen,[1] um durch ihn zu den höchsten Gipfeln aufzusteigen und sie zu umkreisen.
Über den Anachoreten erscheinen drei Engel, die Faustens Unsterbliches tragen. Sie werden von den seligen Knaben empfangen und begrüßt. Sie berichten von Fausts Errettung: „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen“ (11936–11937).
Einschweben der Mater gloriosa, begleitet von verschiedenen biblischen Frauen und Una Poenitentium[2] („sonst Gretchen genannt“). Die Mater gloriosa fordert Gretchen auf, sich mit ihr zu höheren Sphären zu erheben. Faust bleibt vorerst zurück, doch: „Wenn er dich ahnet, folgt er nach.“ (12095) Doctor Marianus betet um Gnade der „Jungfrau, Mutter, Königin, Göttin“ (12101 f.).
Der Chorus mysticus beschließt das Drama: „Alles Vergängliche Ist nur ein Gleichnis; Das Unzulängliche, Hier wird's Ereignis; Das Unbeschreibliche, Hier ist's getan; Das Ewig-Weibliche, Zieht uns hinan“ (12104–12111).
Die Szene wurde als Seelenreinigung Fausts in Anlehnung an den Neuplatonismus gedeutet, da auch dort die jenseitige Welt nach einem triadischen Prinzip geordnet ist, welches in den drei verschiedenen Ebenen der Szene wiedererkennbar ist. Die verwendeten Motive entstammen zwar der christlichen Tradition, sie sind hier jedoch metaphorisch zu verstehen. Die oft gedeuteten vieldeutigen Schlussverse des Chorus Mysticus können teilweise als metasprachliche Äußerungen interpretiert werden. Das Ewig Weibliche kann als das Prinzip der Liebe betrachtet werden, welches dem Ewig-Männlichen, dem faustischen Titanismus entgegengesetzt ist.
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