Hans-Günter Wallraff (* 1. Oktober 1942 in Burscheid) ist ein deutscher Enthüllungsjournalist und Schriftsteller. Er ist durch seine Reportagen über diverse Großunternehmen, die Bild-Zeitung und verschiedene Institutionen bekannt geworden, für die er sich stets der Methoden des investigativen Journalismus bediente.
Wallraffs Vater war erst Arbeiter, später Angestellter bei Ford in Köln. Als der Vater starb, war Günter Wallraff 16 Jahre alt. Seine Mutter entstammte einer südfranzösischen Hugenottenfamilie, ihre Eltern waren Klavierbauer. Wallraff schrieb zu Gymnasialzeiten einige Gedichte und schickte sie Heinrich Böll, mit dessen Neffen er befreundet war. Nach der 10. Klasse verließ er das Gymnasium und begann eine Buchhändlerlehre, die er 1962 abschloss.
Seinen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung stellte Wallraff erst zwei Monate vor der Einberufung, so wurde er zum 1. Juli 1963 eingezogen.[1] Als der Antrag Ende September abgelehnt wurde, legte er umgehend Widerspruch ein. Nach der Genesung eines Schädel-Hirn-Traumas infolge eines Sturzes schickte man ihn erst zu einem zivilen Psychiater, anschließend in die neurologisch-psychiatrische Abteilung des Bundeswehrlazaretts Koblenz. Anfang des Jahres 1964 erklärte man ihn schließlich für „verwendungsunfähig auf Dauer“ – die militärärztliche Diagnose lautete „abnorme Persönlichkeit“. Während dieser ganzen Zeit schrieb er Tagebuch und wurde später von Böll zur Veröffentlichung ermutigt.
Zwischen 1963 und 1965 war Wallraff als Arbeiter in diversen Großbetrieben tätig, unter anderem in einer Sinteranlage eines Stahlwerks von Thyssen. Die Gewerkschaftszeitung Metall druckte 1965 erste Reportagen ab, mit denen er erstmals Aufsehen erregte. Im darauf folgenden Jahr veröffentlichte Wallraff einen ersten Sammelband Wir brauchen dich – Als Arbeiter in deutschen Industriebetrieben (Taschenbuchausgabe 1970: Industriereportagen). Die Reportagen lieferten authentische Einblicke in die industrielle Arbeitswelt. Nachdem Wallraff durch seine Industriereportagen bekannt geworden war, schloss er sich 1965 der Dortmunder Gruppe 61 an. Im darauf folgenden Jahr arbeitete er erst für die Hamburger Morgenpost, dann für die Zeitschrift pardon, ab 1968 schließlich für die Zeitschrift konkret.
Trotz so genannter Wallraff-Steckbriefe[2] in den Chefetagen der von ihm „besuchten“ Unternehmen, mit denen andere Personalbüros vorgewarnt werden sollten, konnte er seine Recherchen unerkannt fortsetzen, indem er stets eine andere Identität annahm. So erschienen 1969 13 unerwünschte Reportagen, für die er beispielsweise in die Rolle eines Alkoholikers in einer psychiatrischen Klinik, eines Obdachlosen, eines Studenten auf Zimmersuche sowie eines potenziellen Napalmlieferanten für die US-Armee schlüpfte. Nach der Veröffentlichung des Buches wurde er wegen Amtsanmaßung angeklagt, weil er sich bei verschiedenen Unternehmen am Telefon als „Ministerialrat Kröver von einem Zivilausschuss des Bundesinnenministeriums“ ausgegeben hatte. Das Amtsgericht Frankfurt am Main sprach ihn am 9. Dezember 1969 frei und begründete dies mit dem Recht der Öffentlichkeit auf Information.[3]
1971 strahlte das ZDF die von Wallraff geschriebene Fernsehreportage Flucht vor den Heimen aus, in welcher es um Fürsorgeerziehung ging. Im selben Jahr trat er der Schriftstellervereinigung P.E.N.-Club bei und recherchierte in der Folgezeit mehr und mehr zusammen mit anderen Autoren. So erschien 1973 Ihr da oben – wir da unten und wurde sofort ein Bestseller. Während Bernt Engelmann die Ansichten und Lebensgewohnheiten von Direktoren des Gerling-Konzerns unter die Lupe genommen hatte, war Wallraff in der Rolle eines kleinen Angestellten aktiv. 1974 zeigte das ZDF das Fernsehspiel Ermittlungen gegen Unbekannt.
1982 wies das Oberverwaltungsgericht Münster in einem Berufungsverfahren die Klage Wallraffs gegen die Überwachung seines Telefons im März 1974 zurück und bezeichnete die Durchführung als rechtmäßig.
Als Delegierter des „Ausschusses Griechenland-Solidarität“ kettete sich Wallraff am 10. Mai 1974 an einen Laternenmast auf dem Syntagma-Platz in Athen und verteilte Flugblätter, die das Terrorregime der griechischen Militärdiktatur kritisierten. Da die heraneilenden Geheimpolizisten Wallraff für einen Einheimischen hielten, misshandelten sie ihn an Ort und Stelle. Im Hauptquartier der Sicherheitspolizei wurde er gefoltert, bis er seine Identität offenbarte. Nach seiner Verurteilung zu 14 Monaten Einzelhaft kam er in das Gefängnis in Korydallos. Nach dem Zusammenbruch der Militärdiktatur wurden im August alle politischen Häftlinge freigelassen, unter ihnen Wallraff. In dem Buch Unser Faschismus nebenan. Griechenland gestern – ein Lehrstück für morgen von 1975 hat Wallraff die gemachten Erfahrungen, mit Hilfe von Eckart Spoo, dargestellt.
In der Rolle eines Waffenunterhändlers und Franz-Josef-Strauß-Unterhändlers kam Wallraff am 25. März 1976 in Düsseldorf mit dem früheren portugiesischen Staatspräsidenten General Spínola zusammen, dessen Gefolgsleute er während eines dreimonatigen Portugal-Aufenthaltes kennen gelernt hatte. Bevor Spínola seinen Putschplan in die Tat umsetzen konnte, machte Wallraff die Details darüber am 7. April auf einer Pressekonferenz in Bonn publik. Während die Medien im europäischen Ausland sehr ausführlich darüber berichteten, nahmen sich in der Bundesrepublik Deutschland lediglich das ARD-Magazin Panorama, der Stern sowie die auflagenschwachen Blätter antifaschistischer Ausrichtung des Themas an. Wallraff, der zu dieser Zeit vom Bundesnachrichtendienst überwacht wurde,[4] und Hella Schlumberger schrieben dann das Buch Aufdeckung einer Verschwörung. Die Spínola-Aktion.
Im Jahre 1977 arbeitete Wallraff dreieinhalb Monate lang als Redakteur bei der Bild-Zeitung in Hannover. In dem Bestseller Der Aufmacher. Der Mann, der bei „Bild“ Hans Esser war schildert er seine Erfahrungen in der Lokalredaktion Hannover und weist der Bild-Zeitung schwere journalistische Versäumnisse und unsaubere Recherchemethoden nach. Der Deutsche Presserat sprach daraufhin sechs Rügen gegen die Bild-Zeitung aus und rügte auch Wallraff für seine „nicht zulässige verdeckte Recherche“. Die Axel Springer AG verklagte Wallraff daraufhin mehrfach, sodass dieser einige Passagen in der zweiten Auflage weglassen musste. Diese Textteile, die sich vor allem auf wörtliche Zitate einzelner Bild-Redakteure beschränkten, wurden ab der zweiten Auflage demonstrativ geschwärzt angezeigt, sind seit Oktober 2009 allerdings auf WikiLeaks zu finden.[5]
Die Ausstrahlung des 1977 vom WDR produzierten Dokumentarfilms Informationen aus dem Hinterland wurde durch den damaligen Fernsehdirektor Heinz Werner Hübner abgelehnt, da der Axel-Springer-Verlag von der Produktion erfuhr und „sehr ungehalten” war.[6] Der Film wurde später in einigen Programmkinos gezeigt.
1978 rief Wallraff den Hilfsfonds „Wenn Bild lügt, kämpft dagegen“ ins Leben, um Betroffene der Bild-Berichterstattung juristisch zu unterstützen. 1979 erschien das Buch Zeugen der Anklage. Die „Bild“-Beschreibung wird fortgesetzt. Darin äußerten sich erstmals viele Betroffene und langjährige Mitarbeiter des Blattes. 1981 folgte Das „Bild“-Handbuch. Das Bild-Handbuch bis zum Bildausfall als eine Art juristischer Ratgeber für Geschädigte.
Im selben Jahr fand die von der Axel Springer AG eingeleitete Prozess-Serie, die der Repression des Werks diente, ein Ende. Der Bundesgerichtshof entschied weitgehend zu Gunsten Wallraffs.[7] Dagegen legte die Axel Springer AG eine Verfassungsbeschwerde beim Bundesverfassungsgericht ein. In seinem Grundsatzurteil vom 25. Januar 1984[8] rügte dieses aber lediglich die teils wörtliche Schilderung einer Redaktionskonferenz.
1987 gab der konkret-Herausgeber Hermann L. Gremliza bekannt, dass er den Großteil der „Anti-BILD-Trilogie“ als Ghostwriter geschrieben habe. Wallraff reichte weder Klage ein noch nahm er zu den Vorwürfen in irgendeiner Form öffentlich Stellung.[9][10][11]
Ab 1983 arbeitete Wallraff zwei Jahre lang als türkischer Gastarbeiter „Ali Levent Sinirlioğlu“ bei verschiedenen Unternehmen, unter anderem bei McDonald’s und Thyssen. Außerdem nahm er an klinischen Studien im Bereich der Pharmaforschung teil. Seine als äußerst negativ empfundenen Erfahrungen, vom Umgangston gegenüber Gastarbeitern über Steuerspartricks der Firmen bis hin zur Verletzung elementarer Arbeitsschutzregeln, beschrieb er ausführlich in dem Buch Ganz unten, das in Zusammenarbeit mit mehreren Mitautoren entstand. Später gründete er den Hilfsfonds „Ausländersolidarität“. Der Dokumentarfilm Ganz unten erschien 1986.[12]
Nachdem Saddam Hussein am 24. Dezember 1990 gedroht hatte, Israel im Falle eines Angriffs der Koalitionsstreitkräfte zu zerstören, reiste Wallraff 1991 durch israelische Kibbuzim und sprach unter anderem mit jüdischen Holocaust-Überlebenden. Seine Eindrücke und Erkenntnisse beschrieb er in dem Nachwort zu Lea Fleischmanns Buch Gas. Tagebuch einer Bedrohung – Israel während des Golfkriegs.
Im Dezember 1996 traf sich Wallraff mit dem PKK-Führer Abdullah Öcalan in einem syrischen Ausbildungslager, um mit ihm über Die Suren Apos des kurdischen Dissidenten Selim Cürükkaya zu reden, welcher aufgrund dieses Buches mit dem Tode bedroht wurde. Wallraff wurde dank seiner Rolle als türkischer Arbeiter „Ali“ von Öcalan freundlich empfangen, scheiterte aber in Bezug auf die Aufhebung des Mordbefehls. Das Gespräch wurde von der Zeit abgedruckt.
Im September 2003 wurden nach Einsichtnahme der BStU in die Rosenholz-Dateien Wallraff Verbindungen zum Staatssicherheitsdienst der DDR in den 1960er und 1970er Jahren nachgesagt. So wurde dieser von 1968 und 1971 von der HVA als IM Wagner geführt.[13][14] Wallraff bestreitet, jemals aktiv für die Stasi gearbeitet zu haben.[15] Am 17. Dezember 2004 entschied das Landgericht Hamburg aufgrund seiner Klage gegen den Axel-Springer-Verlag, der ihn mehrfach als inoffiziellen Mitarbeiter und Stasi-Mitarbeiter bezeichnet hatte, dass durch die vorgelegten Dokumente der Verlag keinen Nachweis für seine Behauptungen erbringen konnte und diese deshalb zukünftig nicht wiederholen darf. Am 10. Januar 2006 bestätigte das Hanseatische Oberlandesgericht endgültig ein Urteil gegen den Axel-Springer-Verlag, mit dem ihm verboten wird, Wallraff der Mitarbeit in der DDR-Staatssicherheit zu bezichtigen. 2010 gewährte der dänische Geheimdienst Historikern Zugang zu seinen Protokollen über Günter Wallraff aus den 1970er Jahren.[16] Aus diesen geht hervor, dass sich Wallraff unter vier Augen mit dem Journalisten und IM Friedhelm Heinz Gundlach getroffen hatte.[16][15]
Bereits in den 1990er Jahren recherchierte Wallraff in Japan als iranischer Arbeiter. Die dazugehörige Reportage fand im japanischen Fernsehen Aufmerksamkeit.
In Deutschland recherchiert Wallraff seit Mai 2007 für das wiederbelebte Zeit-Magazin „Leben“. Bei den Recherchen für die erste Reportage dieser Reihe verkaufte er in einem Callcenter der Firma CallOn im Direktvertrieb Systemlotto-Scheine der Firma LottoTeam. Da die Branche keine „älteren Leute“ einstelle, nahm Wallraff mithilfe eines Maskenbildners die Identität eines 16 Jahre jüngeren Mannes an. Wallraff berichtete über die dort und in einem Call-Center der Firma ZIU-International angewandten Methoden und kritisierte neben einer Belästigung der Angerufenen eine Fehlinformation der Mitarbeiter, systematische Verstöße gegen das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb und Versuche, Vertragsabschlüsse durch wahrheitswidrige Behauptungen und Einschüchterung der Angerufenen zu erzwingen.[17] Im November 2007 strahlte das ZDF den Dokumentarfilm Bei Anruf Abzocke aus.[18]
Für die zweite Reportage dieser Reihe arbeitete Wallraff 2008 einen Monat lang für die Gebr. Weinzheimer Brotfabrik aus Stromberg, deren einziger Kunde damals der Lebensmitteldiscounter Lidl war,[19] und veröffentlichte im Zeit-Magazin den Artikel Unser täglich Brötchen,[19] in dem er neben der schlechten Bezahlung die Arbeitsbedingungen, Sicherheitsmängel und Hygienezustände kritisierte. Lidl reagierte auf die Veröffentlichung mit einer öffentlichen Stellungnahme,[20] und Bernd Westerhorstmann, der Inhaber der Backfabrik, erstattete Anzeige gegen Wallraff wegen Hausfriedensbruchs.[21] Nach Informationen des NDR sagte der Backbetrieb allerdings zu, seine Mitarbeiter künftig übertariflich zu bezahlen.[22] Im September 2010 wurde über die Schließung des Betriebes, als Folge der Enthüllungen, berichtet.[23] Gegen den Besitzer der Bäckerei soll ein Gerichtsprozess wegen fahrlässiger Körperverletzung geführt werden.[24]
Von Dezember 2008 bis Februar 2009 recherchierte Wallraff in Obdachlosenunterkünften u. a. in Köln, Frankfurt (Main) und Hannover und machte selbst „Platte“, um die Lebensbedingungen von Menschen ohne festen Wohnsitz zu untersuchen.[25] Dabei deckte er zahlreiche Missstände in den Heimen auf: Manche würden nachts von innen verschlossen, es herrsche ein Klima von Angst und Gewalt und es mangele an Betreuungspersonal. Es müsse mehr Sozialarbeiter geben, die sich den Menschen vor Ort zuwenden. Wallraff selbst sieht Obdachlosigkeit als in der Wirtschaftskrise zunehmend zentrales Thema an, das bald jeden treffen könne.[26][27][28][29]
Im April 2009 deckte Wallraff in der Zeit einen weiteren Datenskandal bei der Deutschen Bahn auf.[30]
Im Herbst 2009 erschien mit dem Film Schwarz auf Weiß - eine Reise durch Deutschland die nächste Undercover-Reportage von Günter Wallraff. Er hatte sich diesmal mit Hilfe einer Maskenbildnerin zu dunkler Hautfarbe verhelfen lassen. Monatelang tourte er als Somalier Kwami Ogonno mit einem Kamerateam quer durch Deutschland und entdeckte auf vielen Stationen seiner Reise latenten oder offenen Rassismus. Die schwarze Autorin Noah Sow kritisierte diese Aktion unter anderem mit den Worten: „Er äfft unterdrückte Minderheiten nach und erntet damit Geld, Aufmerksamkeit und sogar Respekt.“ Als „angemalter Weißer“ könne man schwarze Erfahrungen nicht machen.[31] Die Methode selbst, so kritisiert die Süddeutsche Zeitung, sei rassistisch. Wallraff betreibe „weniger eine Anklage gegen den Rassismus als eine Inszenierung seiner eigenen Vorurteile“.[32] In einer Stellungnahme wies dieser den Vorwurf während einer Diskussionsrunde des Fernsehsenders ARTE im Januar 2011 zurück und nannte im Gegenzug die Vorschrift, „wie ein Schwarzer zu sein habe“, rassistisch.[33]
Günter Wallraff war in erster Ehe mit der Erzieherin Birgit Böll, einer Nichte des Schriftstellers Heinrich Böll, verheiratet. Aus dieser Ehe stammen zwei Töchter. Es folgte eine Ehe mit der Lehrerin Dorlies Pollmann; aus dieser Beziehung ging eine Tochter hervor. Seit 1991 ist Wallraff in dritter Ehe mit der Fernsehjournalistin Barbara Munsch verheiratet, mit der er zwei Töchter bekam.[34]
Wallraff ist mit dem britischen Schriftsteller Salman Rushdie befreundet. Nach der Fatwa des damaligen iranischen Staatschefs Khomeini gegen Rushdie hielt sich dieser im Jahr 1989 für einige Tage bei Wallraff versteckt.[35] 2007 führte Wallraffs Vorschlag, in den Räumen der Kölner Moschee aus Rushdies Werk Die Satanischen Verse zu lesen und die Ablehnung dieses Vorschlags durch die DİTİB, dem Betreiber der geplanten neuen Zentralmoschee in Köln, zu vorübergehenden medialen Aufgeregtheiten.[35][36][37][38]
Einige seiner Unterlagen waren im eingestürzten historischen Archiv der Stadt Köln aufbewahrt worden.
Im Juli 2010 kündigte Wallraff an, eine Stiftung zu gründen, deren Ziel es ist, Projekten junger Journalisten zu helfen. Die Stipendiaten sollen demnach „für ein bis drei Monate“ finanzielle Unterstützung erhalten, um „ungestört recherchieren zu können“. Wallraff erklärte, die Sozialreportage sei „weiterhin aktuell und notwendig“. Sein aktuelles TV-Projekt soll die Praktiken unseriöser Anwaltskanzleien enthüllen.[39]
„[…] man muss sich verkleiden, um die Gesellschaft zu demaskieren, muss täuschen und sich verstellen, um die Wahrheit herauszufinden.“
– Günter Wallraff: Vorwort zu Ganz unten, 1985
Wallraff wurde durch seine Recherchemethoden, bei denen er sich meist mit anderer Identität in das unmittelbare Kernumfeld des Reportage-Ziels einschleuste, international bekannt. So entstanden Dokumentationen, die aufgrund von persönlichem Erleben soziale Missstände anprangerten und versuchten, neue Einblicke in die Funktionsweise der Gesellschaft zu vermitteln.
Die auf diese Weise betroffenen Personen oder Firmen kritisierten, dass Wallraff ihr Persönlichkeitsrecht oder Betriebsgeheimnisse verletzt habe, und versuchten die Veröffentlichung seiner Rechercheergebnisse oftmals juristisch zu unterbinden. Die Gerichte, die darüber zu urteilen hatten, stuften Wallraffs Vorgehen als legal ein und begründeten ihre Urteilsfindung mit der Pressefreiheit sowie dem Interesse der Allgemeinheit an Bereichen, die die öffentliche Meinungsbildung betreffen. Vor dem Kölner Landgericht einigte sich Wallraff mit einem Großbäcker auf einen Vergleich, womit er einige negative Äußerungen über diesen zurückzieht oder entschärft.[40]
Für den Recherchestil verwendet man in Schweden und Norwegen den Begriff "wallraffing", abgleitet von dem entsprechenden Verb „att wallraffa“ bzw. „å wallraffe“, das sogar in die aktuelle Ausgabe der Wortliste der Schwedischen Akademie aufgenommen wurde.[41]
Für die Finanzierung von Stipendien für verdeckte Recherchen forderte Wallraff 2008 eine Stiftung.[42]
Konkret-Herausgeber Hermann L. Gremliza gab 1987 im Rahmen der Verleihung des „Karl-Kraus-Preises“ an, selbst den „Aufmacher“ als wesentliches Werk der „Bild“-Trilogie und andere Teile derselben geschrieben zu haben. Er behauptete weiter, Wallraff habe kein einziges seiner Bücher selbst geschrieben. Zumindest dürfte Wallraff den „Aufmacher“ nicht geschrieben haben, denn Gremlizas erneute Feststellung im Januar 2012, er selbst habe diesen von Anfang bis Ende geschrieben, blieb unwidersprochen.[43] Uwe Herzog gab an, Teile der Recherchen zu „Ganz unten“ durchgeführt und einen Teil dieses Buches geschrieben zu haben. Wallraff selbst, der die Annahme des Preises verweigerte, bestreitet nicht, sich Ko-Autoren zu bedienen, hält sie aber für von geringer Bedeutung, auch beansprucht keiner der Ko-Autoren irgendwelche Rechte an den Werken.[9][10][11][44][45]
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