Als Gaben des Heiligen Geistes (von griechisch charis, „Gabe, Geschenk“; Singular „Charisma“, Plural „Charismata“, umgangssprachlich oft auch mit „Charismen“ bezeichnet) werden im Christentum besondere Begabungen bezeichnet, die gemäß dem Neuen Testament durch den Heiligen Geist gegeben werden.
Es gibt im Neuen Testament mehrere unterschiedliche Listen der Gaben des Heiligen Geistes, und zwar in Röm 12,6-8 EU, 1 Kor 12,8-10 EU, 12,28-31 EU, Eph 4,7.11f EU, 1 Petr 4,9-11 EU. Zu den Gaben des Heiligen Geistes zählen laut 1. Kor 12,8-10:
Die erste Gabe des Geistes an die Glaubenden ist dabei, nach Paulus, die Freiheit (2 Kor 3,17 EU).[1] Bei den verschiedensten aktuellen Geistesgaben nennt der Apostel die Notwendigkeit der Liebe (Agape) als wichtigste Bedingung für den Gebrauch der Geistesgaben (1 Kor 13,1-3 EU). Als besonders erstrebenswert beschreibt er im folgenden Kapitel die Gabe der Prophetie: „Jagt der Liebe nach! Strebt aber auch nach den Geistesgaben, vor allem nach der prophetischen Rede!“ (1 Kor 14,1 EU).
Die Gaben des Heiligen Geistes werden im von Rabanus Maurus überlieferten Pfingsthymnus Veni, creator spiritus als „septiformis“ bezeichnet (der folgende Text entspricht dem nach Dreves und Blume vermuteten Original):
Deutsch:
Von der Siebenteiligkeit der Geistesgaben singt auch Stephen Langton von Canterbury im letzten Abschnitt seiner Pfingstsequenz Veni, Sancte spiritus:
Deutsch:
Im Jahre 1267 schuf der Johannes Bonaventura sein grundsätzliches Werk "Über die sieben Gaben des Heiligen Geistes" ("Collationes de septem donis Spiritus sancti"), das sich auf die weitere Lehrentwicklung der Kirche und auf die franziskanische Spiritualität auswirkte. Bonaventura wurde als Kirchenlehrer der westlichen Kirche geschätzt.
Heinrich Kaufringer schuf im 15. Jahrhundert ein deutsches geistliches Gedicht, in dem er den sieben Gaben des Heiligen Geistes die sieben Todsünden gegenüberstellte: 'Von den sieben Todsünden und den sieben Gaben des Heiligen Geistes'. [8].
In der katholischen Tradition unterschied man später, im Katechismus der Katholischen Kirche Nr. 1831[9], der Zahlensymbolik entsprechend folgende sieben Gaben des Heiligen Geistes, durch die das Wirken des Heiligen Geistes bei den Menschen zum Ausdruck gebracht wird:
Diese Reihung ist aus der oben zitierten Bibelstelle Jesaja 11,2(-3) abgeleitet. Während hier im hebräischen Urtext nur von sechs Gaben die Rede ist (vgl. oben), kam in der griechischen Übersetzung der Septuaginta und der lateinischen Übersetzung der Vulgata noch eine siebte Gabe hinzu: im Hebräischen erscheint der Begriff „Gottesfurcht“ nämlich noch einmal im folgenden Vers Jesaja 11,3, während die beiden genannten Übersetzungen an diesen Stellen zwei verschiedene Wörter, eines für „Frömmigkeit“ und eines für „Gottesfurcht“, verwenden. So kam man auf die Siebenzahl, die in symbolischem Zusammenhang steht mit den sieben Tugenden (Glaube, Hoffnung, Liebe, Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung) und den von Papst Gregor dem Großen zusammengestellten sieben Todsünden (Stolz, Geiz, Wollust, Neid, Völlerei, Zorn, Trägheit), sowie den sieben Sakramenten (Taufe, Firmung, Eucharistie, Bußsakrament, Ehe, Priesterweihe, Krankensalbung).
Auch zwischen den Sieben Freien Künsten (Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik, Astronomie) und dem Heiligen Geist als „inventor“ besteht ein Bezug, den man z. B. in einer um 1180 entstandenen Abbildung der Enzyklopädie Hortus Deliciarum der Äbtissin Herrad von Landsberg (gest. 1195) erkennen kann. [10]
Gegen eine automatische Verfügbarkeit der Gaben des Heiligen Geistes argumentiert Hans Urs von Balthasar. Er geht davon aus, dass der Heilige Geist nicht nur die Funktion hat, mit seinen Gaben unser Leben zu veredeln. Der Heilige Geist „ist ein scharfer, schneidender Wind, der uns das Zähneklappen beibringen kann. Wer wird sich vermessen, er habe den Geist? ... Keine Partei fängt die Taube für sich ein. Sie kommt und sie geht. Sie schwebt herab, aber sie setzt sich nicht. Der Geistbraus stürmt, wo er will!“ [11]
Die evangelische Tradition legt zunächst keinen größeren Wert auf Zahlensymbolik und auf -systematik, geht aber davon aus, dass es vielfältige Gaben des Heiligen Geistes gibt, die das Leben erleuchten.
Martin Luther formuliert es in seinem Kleinen Katechismus von 1529 folgendermaßen:
Allerdings übersetzt Martin Luther für sein Wittenberger Gesangbuch von 1524 den lateinischen Hymnus von Rabanus Maurus in die deutsche Sprache und hält dabei an der vorgegebenen „Siebenfaltigkeit“ der Geistesgaben fest, was im deutschen Evangelischen Gesangbuch von 1996 als Kirchenlied begegnet[12].
In Anlehnung an Martin Luther formulierten die evangelischen Kirchenlehrer im Rahmen der lutherischen Orthodoxie des 17. Jahrhunderts in ihrer lateinisch verfassten Dogmatik eine ausgeführte Pneumatologie, durch die speziell die Gaben des Heiligen Geistes vielfach entfaltet und bedacht werden. Die Kirchenlehrer Johann Conrad Dannhauer (Straßburg, 1649) und Johann Andreas Quenstedt (Wittenberg, 1685) beschreiben dabei die Geistesgaben als siebenstufige Funktionen des Heiligen Geistes:
Damit kehrte auch in die evangelische Kirche durch die denkerische Arbeit der lutherischen Hochorthodoxie - hundert Jahre nach der Reformation - ein siebenteiliges Schema wieder ein, das als differenzierter geistlicher Weg beschrieben ist. Die Gaben des Geistes werden - in dieser Systematik - als ein dynamischer, spiritueller Prozess verstanden.
Friedrich Schleiermacher unterscheidet in seiner Glaubenslehre keine einzelnen und bestimmten Gaben des Heiligen Geistes, sondern geht davon aus, dass der Heilige Geist insgesamt in einem Menschen Wohnung nimmt: „Jeder Wiedergeborne ist des Heiligen Geistes teilhaftig, so daß es keine Lebensgemeinschaft mit Christo gibt ohne Einwohnung des Heiligen Geistes und umgekehret“ [13].
Gerhard Ebeling bleibt in seiner Dogmatik des christlichen Glaubens formal auf der Linie Schleiermachers, indem er die Aufzählung "separater geistlicher Gaben" bewusst vermeidet und diese Lehre fokussiert: "Die primäre Gabe des heiligen Geistes, ... ist nicht dieses oder jene von ihm zu unterscheidende Gabe, sondern der Heilige Geist selbst und damit die Gegenwart Gottes beim Menschen. Die primäre Gabe des heiligen Geistes ist also die Gegenwart des Gebers aller Gaben, die Partizipation an Gott selbst" [14].
Wilfried Joest geht in seiner Dogmatik ausführlich auf die Gaben des Heiligen Geistes ein und fragt: "Sind unserem kirchlichen Leben solche außerordentlichen Wirkungen auch darum so fremd geworden, weil es zu bürgerlich geworden, zu sehr der Normalität des Weltlauf angepasst, zu wenig von österlicher Freude und Hoffnung erfüllt ist?"[15].
Die Geistliche Gemeindeerneuerung in der Evangelischen Kirche in Deutschland greift gemäß dem "Sola Scriptura Prinzip" (allein die Schrift zählt für Protestanten) auf die Gabenlisten des Neuen Testaments und die Aussagen, wonach Christen nach den Gaben des Heiligen Geistes streben sollen, zurück und lehrt davon in Seminaren und Büchern.
Durch die charismatischen Bewegungen innerhalb des Christentums wurden die Lehren von der Rolle und den Gaben des Heiligen Geistes aus einer anderen Sichtweise neu vermittelt.
Die Pfingstbewegung und die charismatische Bewegung gehen (in Anlehnung an die Briefe des Apostels Paulus im Neuen Testament) davon aus, dass jeder Christ Gaben des Heiligen Geistes hat. Die Gaben des Geistes sind mehr als natürliche Begabungen, sie sind ihnen aber nicht entgegengesetzt.
Durch die Geistesgaben soll die Gemeinde (der Leib Jesu Christi) erbaut werden.
In der charismatischen Bewegung werden üblicherweise die folgenden Gaben zu den Gaben des Heiligen Geistes gezählt:
Auch die folgenden Gaben werden manchmal ebenfalls zu den Gaben des Heiligen Geistes gezählt:
Dieser Artikel basiert auf dem Artikel Gaben_des_Heiligen_Geistes aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und ist unter der Lizenz Creative Commons Attribution/Share Alike verfügbar. Zusätzliche Bedingungen können anwendbar sein. In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar. |