Montag, 28. Mai 2012

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Gregor Schöllgen

Gregor Schöllgen (* 20. Februar 1952 in Düsseldorf) ist ein deutscher Historiker und Publizist.

Leben

Nach dem Abitur in Düsseldorf studierte Schöllgen Geschichte, Philosophie und Sozialwissenschaften in Bochum, Berlin, Marburg und Frankfurt a.M. 1977 promovierte er in Frankfurt im Fach Philosophie mit einer Arbeit über Max Weber. 1982 habilitierte er sich in Münster für Neuere Geschichte mit einer Arbeit über die Außenpolitik des kaiserlichen Deutschland.

Seit 1985 ist Schöllgen Professor für Neuere Geschichte an der Universität Erlangen. Er war unter anderem Gastprofessor an der Columbia University in New York, am St. Antony’s College in Oxford und an der London School of Economics and Political Science.

Schöllgen gilt als „zuverlässiger Chronist der Nachkriegszeit mit geschliffener Sprache und glänzender Erzähltechnik“ (SZ, 1. Oktober 1996). Er ist Mitherausgeber der Akten des Auswärtigen Amtes. Seit dem 37. Lehrgang (1982) ist er für die historische Ausbildung der Attachés im Auswärtigen Amt verantwortlich, seit dem 1. Lehrgang (1992) auch für die Internationale Diplomatenausbildung. Schöllgen „genießt als Kenner der deutschen Außenpolitik einen hervorragenden Ruf.“[1]

Schöllgen war Mitglied in Beiräten und Vorständen, darunter der Bundeszentrale für politische Bildung (Bonn), der Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung (Berlin), des Deutschen Historischen Instituts (London), des Denkmals für die ermordeten Juden Europas (Berlin), des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes(Potsdam) und des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände (Nürnberg).

Schöllgen war im In- und Ausland Referent zu Fragen der deutschen und internationalen Politik, so z. B. im Mai 1993 auf dem Deutschland-Symposium des Norwegischen Nobelinstituts in Oslo, auf der Gedenkveranstaltung des Auswärtigen Amtes für die Opfer des Widerstandes,[2] im Mai 1995 im Rahmen des nationalen Symposions zum fünfzigsten Jahrestag des Kriegsendes im niederländischen Parlament in Den Haag, im Oktober 1997 vor der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages „Überwindung der Folgen der SED Diktatur…“,[3] im September 2006 auf der Botschafterkonferenz anlässlich der Namensgebung der Konferenzräume des Auswärtigen Amtes[4] oder im Mai 2006 auf dem Festakt zum fünfzigjährigen Bestehen des BND.[5]

Der Versuch des BND, „den renommierten Historiker Gregor Schöllgen mit einem Forschungsprojekt zu betrauen, scheiterte unter anderem an Meinungsverschiedenheiten über den Geheimhaltungsstatus von Akten aus den sechziger und siebziger Jahren“. (FAZ, 25. April 2008)

Werk

Schöllgen ist Autor mehrerer Bücher zur Geschichte und Politik des 19. und 20. Jahrhunderts. Sie wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Einen Namen hat er sich zunächst mit seinen Studien zu Max Weber und zur Außenpolitik des kaiserlichen Deutschlands gemacht. Seine in dritter Auflage vorliegende Habilitationsschrift Imperialismus und Gleichgewicht und das in fünfter Auflage erschienene Handbuch Das Zeitalter des Imperialismus gelten als Standardwerke.

In den folgenden Jahren hat Schöllgen den Schwerpunkt seiner Forschungen zu den internationalen Beziehungen des 19. und 20. Jahrhunderts systematisch erweitert und 1996 eine breit rezipierte Gesamtdarstellung zur Geschichte der Weltpolitik von Hitler bis Gorbatschow veröffentlicht. 2005 legte er die erste aus den Quellen gehobene Gesamtdarstellung der deutschen Außenpolitik von der Gründung des Deutschen Reiches bis zur Gegenwart vor (Jenseits von Hitler).

Vor allem seit dem Ende des Kalten Krieges und der Wiedervereinigung Deutschlands hat sich Schöllgen immer wieder zu aktuellen tagespolitischen Fragen geäußert und nach ihren historischen Wurzeln gefragt. Neben Medienbeiträgen hat er dazu zwei Bücher vorgelegt (Angst vor der Macht und Der Auftritt).

Seit den 1980er Jahren ist Schöllgen als Biograph hervorgetreten. Mit seinem Lebensbild des deutschen Diplomaten Ulrich von Hassell und weiteren Beiträgen zur Opposition gegen Hitler hat er sich der Erforschung des Widerstands im „Dritten Reich“ gewidmet. Seine 2001 erschienene Biographie über Willy Brandt wurde zum Bestseller. Schöllgen ist mit Helga Grebing und Heinrich August Winkler auch Herausgeber der inzwischen vollständig vorliegenden, zehnbändigen Berliner Willy Brandt-Ausgabe.

Zu den Schwerpunkten seiner Tätigkeit gehört das Ausstellungs- und Dokumentationswesen. Schöllgen hat unter anderem 1997 das Konzept für das historische Dokumentationszentrum auf dem ehemaligen nationalsozialistischen Reichsparteitagsgelände in Nürnberg verfasst. 1999 erstellte er im Auftrag des Bundesministeriums für Verteidigung das Gutachten Die Funktion von militärhistorischen Museen der Bundeswehr unter besonderer Berücksichtigung der Aufgabenstellung des Militärhistorischen Museums Dresden. Zudem hat Schöllgen mehrere Ausstellungen unter anderem für das Auswärtige Amt sowie für familiengeführte Industrieunternehmen realisiert.

Schöllgen ist Mitarbeiter von Presse, Hörfunk und Fernsehen und berät öffentliche und private Rundfunkanstalten bei der Produktion historischer Fernsehdokumentationen. Zu einigen hat er begleitende Bücher vorgelegt, z. B. Kanzler, Krisen, Koalitionen (mit Arnulf Baring) und Luft-Brücken (mit Peter Kloeppel).

Seit Mitte der 1990er Jahre beschäftigt sich Schöllgen als Direktor des Zentrums für Angewandte Geschichte (ZAG) mit Geschichte, Gegenwart und Zukunft bedeutender Unternehmerfamilien und familiengeführter Unternehmen in Deutschland. Die Ergebnisse werden in der Regel veröffentlicht, z. B.: Diehl (2002), Brose (2008), Schöller (2008), Schaeffler (2009), Schickedanz (2010).

Kritik

In einer Rezension des Werkes Schöllgens über den „Revolutionär“ Schickedanz (2010) wirft ihm Dieter Ziegler (Lehrstuhlinhaber für Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte an der Ruhr-Universität Bochum) „mangelnde Professionalität und Seriosität“ vor. Ausschlaggebend hierfür sind neben fehlenden exakten Quellen- und Literaturnachweisen auch die fehlende Quellenkritik und fragwürdige Quelleninterpretationen. Ziegler stellt auch Schöllgens Eignung als Hochschullehrer aufgrund seiner Veröffentlichungen grundsätzlich in Frage: „Wie will aber ein Hochschullehrer im Fach Geschichte seinen Studierenden die Bedeutung korrekter Zitationsweise glaubhaft machen, wenn er in seinen eigenen, auf Archivquellen fußenden Werken glaubt darauf verzichten zu dürfen?“[6]

Thomas Speckmann warf als Rezensent von Jenseits von Hitler (2005) dem Autor vor, die Geschichte umzuschreiben.[7] Die Wochenzeitung Die Zeit schrieb 2011, Schöllgen zeichne ein „abgestandenes Bild der NS-Jahre“ und zitiert Tim Schanetzky (Historiker an der Universität Jena) mit den Worten, Schöllgens Darstellungen atmeten den „Geist der frühen Adenauerjahre“. In der Bilanz kommt Die Zeit dennoch zu dem Schluss, dass Schöllgen „eine Marktlücke gefunden zu haben“ scheint, „denn wer Schöllgen beauftragt bekommt beides: einen guten Namen samt wissenschaftlichem und universitären Renommee – und das offene wie stillschweigende Entgegenkommen, wenn es um die Wahrung ‚gewisser Grenzen’ geht. Am Ende profitieren beide Seiten.“[8]

Der Kölner Emeritus der Wirtschaftsgeschichte, Toni Pierenkemper, gelangt in einem Forschungsbericht zu jüngsten Tendenzen in der Unternehmensgeschichte zu dem Fazit, "dass die wissenschaftliche Kritik an den Produkten des ZAG vernichtend ist". [9] Er bestätigt damit die bereits von Tim Schanetzky [10] und Cornelia Rauh vorgetragene Kritik, Schöllgen betreibe eine „Apologetik-Agentur“.[11]

Monografien (Auswahl)

  • Handlungsfreiheit und Zweckrationalität. Max Weber und die Tradition praktischer Philosophie. Mohr, Tübingen 1984, ISBN 3-16-244798-4.
  • Imperialismus und Gleichgewicht. Deutschland, England und die orientalische Frage. Dritte Auflage, Oldenbourg, München 2000, ISBN 3-486-52003-2.
  • Das Zeitalter des Imperialismus. Fünfte Auflage, Oldenbourg, München 2009 (zuerst 1986), ISBN 978-3-486-58868-2.
  • Ulrich von Hassell 1881–1944. Aktualisierte Auflage, Beck, München 2004, ISBN 3-406-49491-9.
  • Angst vor der Macht. Die Deutschen und ihre Außenpolitik. Ullstein-Verlag, Berlin 1993, ISBN 3-550-07189-2.
  • Geschichte der Weltpolitik von Hitler bis Gorbatschow 1941–1991. Beck, München 1996, ISBN 3-406-41144-4.
  • Max Weber. Beck, München 1998, ISBN 3-406-41944-5.
  • Die Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland. Dritte Auflage, Beck, München 2004, ISBN 3-406-51093-0.
  • Diehl. Ein Familienunternehmen in Deutschland 1902–2002. Propyläen, Berlin 2002, ISBN 3-549-07170-1.
  • Willy Brandt. Die Biographie. Taschenbuchausgabe, Ullstein-Verlag, München 2003, ISBN 3-548-36456-X.
  • Der Auftritt. Deutschlands Rückkehr auf die Weltbühne. Aktualisierte Auflage, Ullstein-Verlag, München 2004, ISBN 3-548-36709-7.
  • Jenseits von Hitler. Die Deutschen in der Weltpolitik von Bismarck bis heute. Propyläen, Berlin 2005, ISBN 3-549-07203-1.
  • Kanzler, Krisen, Koalitionen (mit A. Baring). Aktualisierte Auflage, Pantheon, München 2006, ISBN 3-570-55008-7.
  • Luft-Brücken. Amerika und die Deutschen (mit P. Kloeppel). Aktualisierte Auflage, Bastei Lübbe, Bergisch Gladbach 2007, ISBN 978-3-7857-2184-1.
  • Brose. Ein deutsches Familienunternehmen 1908–2008. Econ, Berlin 2008, ISBN 978-3-430-20053-0.
  • Der Eiskönig. Theo Schöller – Ein deutscher Unternehmer 1917–2004. Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-57760-4.
  • Gustav Schickedanz. Biographie eines Revolutionärs, Berlin Verlag, Berlin 2010 ISBN 978-3-8270-0948-7.

Herausgeberschaften (Auswahl)

  • Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland, Hrsg. im Auftrag des Auswärtigen Amtes vom Institut der Zeitgeschichte (Herausgeber mit Horst Möller und Klaus Hildebrand), R. Oldenbourg Verlag, München 2005 ff.
  • Willy Brandt, Berliner Ausgabe (Herausgeber mit Helga Grebing und Heinrich August Winkler), Verlag J.H.W. Dietz, 10 Bde., Bonn 2000 ff.

Vorträge (Auswahl)

Literatur

  • Jürgen Habermas: Gelähmte Politik. In: Der Spiegel 28/1993.
  • Sven Papcke: Deutsche Politik auf dem Prüfstand. Zu zwei Büchern von Gregor Schöllgen. In: Merkur 48 (1994).
  • Helmut Schmidt, Von den Genen her Einzelgänger, Interview zu Gregor Schöllgens Willy-Brandt-Biographie. In: Der Spiegel 38/2001.
  • Joschka Fischer über Gregor Schöllgen „Der Auftritt“, Buchvorstellung, Phönix, 27. August 2003.

Einzelnachweise

  1. Christian Staas: Die Firma zahlt, in: Die Zeit 18/2011, 28. April 2011 (online).
  2. Ulrich von Hassell. Vortrag auf der Gedenkfeier für die Opfer des Widerstandes im Auswärtigen Dienst. Auswärtiges Amt, Bonn, 9. September 1994
  3. Die Internationalen Rahmenbedingungen der Deutschen Einheit und ihre Auswirkungen auf die Handlungsspielräume beider deutscher Staaten im Vereinigungsprozess. Vortrag auf der 38. Sitzung der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages „Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozess der deutschen Einheit“. Bonn, 6. Oktober 1997
  4. Walter Rathenau, Gustav Stresemann, Konrad Adenauer, Willy Brandt. Ansprache auf der Botschafterkonferenz anlässlich der Namensgebung der Konferenzräume des Auswärtigen Amtes. Berlin, 6. September 2006
  5. Gregor Schöllgen: Was wissen wir vom BND, und was wissen wir über ihn? Vortrag auf dem Festakt zum fünfzigjährigen Bestehen des Bundesnachrichtendienstes, Berlin, 11. Mai 2006
  6. Dieter Ziegler, Rezension zu: Gregor Schöllgen: Gustav Schickedanz. Biographie eines Revolutionärs, Berlin 2010, in: H-Soz-u-Kult, 24. März 2011.
  7. Rezension in der Neuen Zürcher Zeitung vom 29. April 2006.
  8. Christian Staas: Die Firma zahlt, in: Die Zeit 18/2011, 28. April 2011 (online).
  9. Toni Pierenkemper, "Moderne" Unternehmensgeschichte auf vertrauten (Irr-)Wegen?, in: Zeitschrift für Unternehmensgeschichte 57 (2012), S. 70-85, hier S. 83.
  10. Tim Schanetzky: Die Mitläuferfabrik. Erlanger Zugänge zur „modernen Unternehmensgeschichte“, in: AKKUMULATION. Informationen des Arbeitskreises für kritische Unternehmens- und Industriegeschichte, Nr. 31/2011, S. 3–10 (online).
  11. Cornelia Rauh: „Angewandte Geschichte“ als Apologetik-Agentur?, in: Zeitschrift für Unternehmensgeschichte 56 (2011), S. 102–115 (PDF).

Weblinks

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
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