Montag, 28. Mai 2012

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Gustav-Adolf Schur

Gustav-Adolf „Täve“ Schur (* 23. Februar 1931 in Heyrothsberge) ist ein ehemaliger deutscher Radrennfahrer und der populärste Sportler in der DDR. Als jeweils erster Deutscher konnte er die Weltmeisterschaft der Amateure und die Internationale Friedensfahrt, seinerzeit das bedeutendste Amateur-Radrennen, gewinnen. Aufgrund seiner Popularität wurde Schur, der nach Beendigung seiner aktiven Karriere als Trainer arbeitete, zur Propagandafigur der SED aufgebaut, für die er unter anderem ab 1959 als Abgeordneter in der Volkskammer saß. Im wiedervereinigten Deutschland gehörte Schur von 1998 bis 2002 der PDS-Fraktion im Deutschen Bundestag an.

Sportkarriere

Gustav-Adolf Schur bei der ersten Etappe der Friedensfahrt 1960

Der unter seinem Spitznamen Täve (abgeleitet von Gustav) bekannt gewordene Gustav-Adolf Schur wuchs in Biederitz in der Nähe von Magdeburg auf und absolvierte eine Ausbildung zum Maschinenmechaniker. Mit dem Radsport begann er mit 19 Jahren bei SG Grün-Rot Magdeburg, die 1951 der Radsport-Sektion der BSG Aufbau Börde Magdeburg angeschlossen wurde. Im gleichen Jahr gewann Schur sein erstes Rennen, als er am 23. September beim damals prestigeträchtigsten Eintagesrennen der DDR Rund um Berlin die Konkurrenz in die Schranken wies.[1] Im Jahr darauf gehörte Schur erstmals der DDR-Auswahl für die Internationale Friedensfahrt an, die er mit drei Podiumsplätzen nach 12 Etappen auf den zehnten Gesamtrang abschloss. In der nächsten Ausgabe belegte Schur in der Gesamteinzelwertung bereits den dritten Platz und war maßgeblich daran beteiligt, dass die DDR-Mannschaft unter Kapitän Paul Dinter zum ersten Mal das Blaue Trikot der besten Mannschaft gewinnen konnte. Auf nationaler Ebene folgten Siege bei der DDR-Rundfahrt und der DDR-Meisterschaft im Querfeldein. Am Ende des Jahres 1953 wurde Schur schließlich die Ehre zuteil, die unter der Bevölkerung erstmals durchgeführte Umfrage zum DDR-Sportler des Jahres zu gewinnen.

1954 konnte Schur an seine sportlichen Erfolge vom Vorjahr anknüpfen und seinen ersten nationalen Meistertitel auf der Straße erringen. Des Weiteren verteidigte er erfolgreich seinen Titel bei der DDR-Rundfahrt und war bei den Weltmeisterschaften in Solingen mit Rang sechs in der Amateur-Klasse der bestplatzierte aller deutschen Teilnehmer.[1] Am Jahresende triumphierte Schur erneut bei der Umfrage zum DDR-Sportler des Jahres.

In der Folgezeit etablierte sich Täve Schur – mittlerweile Mitglied im Sportclub SC Wissenschaft DHfK Leipzig – endgültig als Aushängeschild des DDR-Radsports und feierte bis 1961 weitere fünf Meistertitel im Straßen-Einzelrennen sowie zwei Gesamtsiege bei der DDR-Rundfahrt. Seinen internationalen sportlichen Durchbruch erlebte Schur 1955 bei der Friedensfahrt, als er zum Abschluss der Gesamteinzelwertung den ersten Sieg eines DDR-Fahrers perfekt machte. 1959 gewann er darüber hinaus als erster Teilnehmer in der Friedensfahrt-Historie ein weiteres Mal das Gelbe Trikot. Insgesamt wurde Schur bis 1964 zwölfmal in das DDR-Aufgebot für die Friedensfahrt berufen, wo er mit zwei Gesamt- und neun Etappensiegen zu den herausragendsten Protagonisten aller Zeiten avancierte.

Bei den Weltmeisterschaften hatte Schur bis 1957 Edelmetall nur knapp verpasst,[2] bevor er schließlich 1958 auch hier triumphieren konnte und sich als erster DDR-Fahrer und als zweiter Deutscher überhaupt das Regenbogentrikot sicherte.[3]Im Jahr darauf gelang ihm die Titelverteidigung,[4] womit er auch für die Titelkämpfe 1960 in der DDR als Favorit galt. Doch trotz des Heimvorteils blieb Schur letztendlich der WM-Hattrick verwehrt, als er hinter Überraschungssieger Bernhard Eckstein als Zweiter die Ziellinie überquerte.[5] Dennoch avancierte Täve Schur am jenem 13. August 1960 endgültig zur Sportler-Legende, da seine taktische Entscheidung, die eigenen Siegchancen einem möglichen Erfolg des Teamkameraden zu opfern, von den DDR-Medien entsprechend propagandistisch verwertet wurde. Infolgedessen gewann Schur auch 1960 die Umfrage zum Sportler des Jahres – zum mittlerweile achten Mal in Folge.

Sowohl 1956 als auch 1960 nahm Schur als Mitglied der gesamtdeutschen Mannschaft an den olympischen Sommerspielen teil. 1956 in Melbourne belegte der Anhaltiner im Einzelrennen den fünften Rang und hatte damit wesentlichen Anteil am Gewinn der Bronzemedaille in der Mannschaftswertung.[6]1960 gehörte Schur in Rom zum silberdekorierten Vierer im erstmals ausgetragenen Mannschaftszeitfahren.[7]

Im Jahre 1963 schloss Schur mit dem Erwerb des Trainerdiploms sein DHfK-Studium in Leipzig ab. Ein Jahr später beendete der populärste DDR-Radsportler seiner Zeit und neunfache DDR-Sportler des Jahres die aktive Laufbahn und wechselte endgültig ins Traineramt, wo er bis 1973 tätig war. Anschließend war Schur Stellvertretender Vorsitzender des DTSB-Bezirksvorstandes Magdeburg.[1]

Sonstiges

Gustav-Adolf Schur (2. v. l.) zu Besuch im VEB Berlin-Chemie
Volkskammer-Abgeordneter Gustav-Adolf Schur bei Sondersitzung 1988

Gustav-Adolf Schur ist vierfacher Vater. Mit seinem ältesten Sohn Jan Schur, Olympiasieger 1988 und Weltmeister 1989 im 100-km-Mannschaftszeitfahren sowie Friedensfahrt-Teilnehmer 1988, konnte eines seiner Kinder ebenfalls auf eine erfolgreiche Radsport-Karriere verweisen.[8]

Auch nach seiner Zeit als Radsportler blieb die Popularität von Täve Schur ungebrochen. Bei einer anlässlich des 30. Jahrestages der DDR durchgeführten Umfrage nach den besten und populärsten DDR-Sportlern aller Zeiten belegte er 1979 den ersten Platz. Auch bei einer ähnlichen Wahl zum 40-jährigen Staatsjubiläum 1989 wurde Schur, 25 Jahre nach Beendigung seiner aktiven Laufbahn, mit fast der Hälfte aller Stimmen auf Platz Eins gewählt.[9]

Mit seiner Volksverbundenheit und Linientreue kam Täve Schur in der DDR auch eine herausragende Rolle in der politischen Agitation zu. So besaß das Radsport-Idol bereits zu seiner Zeit als Aktiver ein Abgeordneten-Mandat für die Volkskammer, welches er für die SED von 1959 bis 1990 wahrnahm. Im Gegensatz zu anderen prominenten Sportlern, die zu Propagandazwecken eingespannt worden waren, bekannte sich Schur auch nach der gesellschaftlichen Wende in der DDR zu den Ideen des Sozialismus und gehörte der SED-Nachfolgepartei PDS an. Über die Landesliste der PDS Sachsen zog er 1998 in den Bundestag ein, dem er bis 2002 angehörte. Für die Fraktion fungierte er als sportpolitischer Sprecher und setzte sich nach eigener Auskunft insbesondere für den Breitensport ein, welchen er im Vergleich zum Spitzensport als benachteiligt betrachtete.

Schur unterstützt das Kuratorium Friedensfahrt Course de la Paix e. V. für den Erhalt und die Fortsetzung des gleichnamigen Radrennens und das Friedensfahrtmuseum in Kleinmühlingen (Sachsen-Anhalt), wo Exponate zur Friedensfahrt – Preise, Trikots, Bilder und anderes – besichtigt werden können.

1990 spielte Schur im Spielfilm Letztes aus der Da Da eR eine Nebenrolle.

Seit 1992 betreibt Schur einen Fahrradladen in Magdeburg; Inhaber ist sein Sohn Gus-Erik Schur, der ebenfalls erfolgreich Radrennen bestritt. „Täves Radladen“ unterstützt den Radsportverein RC Lostau, dessen Mitglieder unter dem Namen „Team Täves Radladen“ europaweit an Radrennen teilnehmen.[10] Zudem hat Täve Schur zahlreiche Ehrenämter inne und hält Vorträge.[11]

2005 wurde der am 16. Oktober 2000 in der Volkssternwarte Drebach (Erzgebirge) entdeckte Asteroid 2000 UR nach Gustav-Adolf Schur benannt. Er bewegt sich im Asteroidengürtel zwischen den Planeten Mars und Jupiter um die Sonne und trägt die offizielle Bezeichnung (38976) Taeve.

Täve Schur gehörte neben 22 weiteren Personen zu den Kandidaten für eine Aufnahme in die Hall of Fame des deutschen Sports, wurde aber bis jetzt nicht aufgenommen.

Kritik

Schurs Nominierung für die Hall of Fame des deutschen Sports stieß beim Verein für Doping-Opfer-Hilfe auf Widerstand. So kritisierten Ines Geipel, Andreas Krieger und andere DDR-Dopingopfer in einem öffentlichen Brief, dass Schur eine „zentrale Propagandafigur des kriminellen DDR-Sports gewesen sei, der mehr als 30 Jahre Abgeordneter in der Volkskammer der DDR war“. Darüber hinaus warfen sie Schur, der stets ein Dopingopfer-Hilfegesetz für alle nachweislich geschädigten deutschen Sportler befürwortet hatte,[12] vor, im Bundestag gegen die Aufklärung des Körperlaboratoriums DDR sowie gegen eine Entschädigung der Opfer des DDR-Sports votiert zu haben und bezeichneten ihn als „notorischen Geschichtsverleugner... der das missbräuchliche Tun im DDR-Sport banalisiert und die Opfer kalt diskreditiert.“[13][14] In einer öffentlichen Stellungnahme verteidigten die Verantwortlichen der Stiftung Deutsche Sporthilfe ihre Entscheidung zu Täve Schur, da „nach heutigem Kenntnisstand keine personifizierte, justiziable Belege für Verfehlungen existieren, die einer Kandidatur widersprochen hätten".[15] Im August 2011 bestritt Schur bei einer Buchpräsentation systematisches Doping im DDR-Sport.[16]

Bereits in den Jahren zuvor war Schur von Kritikern wiederholt vorgeworfen worden, eine Verklärung des DDR-Unrechts zu betreiben. So wurden ihm neben seinen Ansichten über das damalige ostdeutsche Dopingnetzwerk auch Äußerungen, welche unter anderem die Legitimation des Mauerbaus und des Schießbefehls an der Innerdeutschen Grenze beinhalteten, negativ ausgelegt.[17]

Literatur

Bücher über Täve Schur
  • Andreas Ciesielski (Hrsg.): Typisch Täve. Eine Hommage an einen 75jährigen, Scheunen-Verlag, Kückenshagen 2006, ISBN 3-938398-22-1.
  • Klaus Huhn: Das vierte Buch über Täve, Spotless-Verlag, ; Berlin 1992, ISBN 3-928999-04-4.
  • Tilo Köhler: Der Favorit fuhr Kowalit. Täve Schur und die Friedensfahrt, Kiepenheuer, Leipzig 1997, ISBN 3-378-01015-0.
  • Gustav-Adolf Schur: Täve, die Autobiografie. Gustav Adolf Schur erzählt sein Leben, Verlag Das Neue Berlin, Berlin 2001, ISBN 3-360-00948-7.
  • Klaus Ullrich: Unser Täve. Ein Buch über Gustav Adolf Schur, Sport-Verlag, Berlin 1962.
  • Uwe Johnson: Das dritte Buch über Achim; 1962
  • Stefan Schweizer: Täve Schur und das Bild der „Diplomaten im Trainingsanzug“, In: Karin Hartewig, Alf Lüdtke (Hrsg.): Die DDR im Bild. Zum Gebrauch der Fotografie im anderen deutschen Staat, Wallstein-Verlag, Göttingen 2004, ISBN 3-89244-790-X; S. 69–86.
  • Norbert Rossbach: Täve. Der Radsportler Gustav-Adolf Schur, In: Silke Satjukow, Rainer Gries (Hrsg.): Sozialistische Helden. Eine Kulturgeschichte von Propagandafiguren in Osteuropa und in der DDR, Links-Verlag, Berlin 2002, ISBN 3-86153-271-9; S. 133-146.
  • Alexander Osang: Ein brauchbarer Held, In Berliner Zeitung vom 4. April 1998[18]

Weblinks

 Commons: Täve Schur – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. abc Kluge, Volker: „Lexikon Sportler in der DDR”, Verlag Das Neue Leben, Berlin, 2009, ISBN 978-3-355-01759-6, S. 423 ff.
  2. Deutsches Sport-Echo: „Sport-Almanach 1958“, Sportverlag Berlin 1957, S. 212
  3. Deutsches Sport-Echo: „Sport-Almanach 1959“, Sportverlag Berlin 1958, S. 187
  4. Deutsches Sport-Echo: „Sport-Almanach 1960“, Sportverlag Berlin 1959, S. 179
  5. Deutsches Sportecho: „Sport-Almanach 1961“, Sportverlag Berlin 1960, S. 134
  6. Kluge, Volker: „Olympische Sommerspiele” – Die Chronik II (London 1948 – Tokio 1964), Sportverlag Berlin 1998, ISBN 3-328-00740-7, S. 392
  7. Kluge, Volker: „Olympische Sommerspiele” – Die Chronik II (London 1948 – Tokio 1964), Sportverlag Berlin 1998, ISBN 3-328-00740-7, S. 555
  8. Kluge, Volker: „Lexikon Sportler in der DDR”, Verlag Das Neue Leben, Berlin, 2009, ISBN 978-3-355-01759-6, S. 425 ff.
  9. Kluge, Volker: „Lexikon Sportler in der DDR”, Verlag Das Neue Leben, Berlin, 2009, ISBN 978-3-355-01759-6, S. 543
  10. S. 4–7: Ein Magdeburger Radsportidol, Interview mit Schur; abgerufen am 4. Februar 2010
  11. Der rastlose Täve, Beitrag in der Superillu vom 22. Februar 2006; abgerufen am 11. Februar 2010
  12. Beratungen zum Dopingopfer-Hilfegesetz bzw. zur Errichtung eines Fonds zur Unterstützung der Doping-Opfer der DDR, Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 243. Sitzung. Berlin, Freitag, den 14. Juni 2002.
  13. Banalisierung des Missbrauchs, Deutschland Radio.
  14. Dopingopfer kritisieren Hall of Fame, Der Spiegel.
  15. Die Brüche der Geschichte treffen auch den Sport, Badische Zeitung.
  16. Frank Bachner: "Ein Musterland an sportlicher Gesundheit", Der Tagesspiegel, 6. August 2011
  17. DDR-Legende Gustav-Adolf Schur Genannt „Täve“ faz.net, 25. November 2011
  18. Ein brauchbarer Held, Ein Portrait, eingesehen am 5. August 2010
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