Howard Phillips Lovecraft (* 20. August 1890 in Providence, Rhode Island; † 15. März 1937 ebenda; meist nur H. P. Lovecraft) war ein US-amerikanischer Schriftsteller. Er gilt als einer der weltweit einflussreichsten Autoren im Bereich der phantastischen und anspruchsvollen Horror-Literatur.
Howard Phillips Lovecraft wurde 1890 in Providence, Rhode Island geboren. Sein Vater, Winfield Scott Lovecraft, war Handelsreisender. Seine Mutter, Sarah Susan Phillips Lovecraft, konnte den Stammbaum ihrer Familie bis ins Jahr 1630 zurückverfolgen, als ihre Vorfahren die Massachusetts Bay erreicht hatten, um dort zu siedeln. Howard war das erste Kind seiner Eltern, die beide bereits über 30 Jahre alt waren, als er auf die Welt kam. Das Geburtshaus in der Angell Street 194 (heute 454) wurde 1961 abgerissen.
Als Howard drei Jahre alt war, erlitt sein Vater einen (angeblichen) Nervenzusammenbruch in einem Hotel in Chicago und wurde ins Butler Hospital in Providence gebracht, wo er bis zu seinem Tod fünf Jahre später blieb. Als Todesursache wurde „generelle Parese“ angegeben. Mit diesem Begriff wurden seinerzeit auch die Symptome einer fortgeschritten Syphiliserkrankung beschrieben, die sogenannte Neurolues. Es wurde daher vermutet, Lovecrafts Vater hätte an Syphilis gelitten.[1]
Howard wurde fortan hauptsächlich von seiner Mutter, seinem Großvater und zwei Tanten aufgezogen und zeigte bereits früh literarische Begabung. Als Kleinkind lernte er Gedichte auswendig und begann im Alter von sechs Jahren, eigene Gedichte zu schreiben. Sein Großvater unterstützte diese Neigung sowie Howards Interesse am Mysteriösen und Fantastischen, indem er ihm Bücher wie die Geschichten aus Tausendundeiner Nacht sowie Kinderausgaben von Klassikern wie der Odyssee und der Ilias zu lesen gab. Der Großvater erzählte Howard auch selbsterfundene Horrorgeschichten, teils zum Missfallen der Mutter, die sich um deren möglichen Einfluss auf den Jungen sorgte.
Lovecraft hatte im Schulalter sowohl körperliche als auch psychische Probleme, weshalb er bis zum Alter von acht Jahren nur sporadisch den Unterricht besuchte und dann ein Jahr später aufgrund seines aggressiven und undisziplinierten Verhaltens von der Schule genommen wurde. In dieser Zeit las Lovecraft viel und entwickelte eine große Begeisterung für die Geschichte Neu-Englands, Chemie und Astronomie und schrieb ab 1899 zu diesen Themen handschriftliche Zeitschriften wie The Scientific Gazette und The Rhode Island Journal of Astronomy, die er unter seinen Verwandten und Freunden verteilte.[2] Vier Jahre später, im Alter von 13, wurde Lovecraft wieder eingeschult, auf der Hope Street High School in Providence.
Howards Großvater verstarb 1904 und die Familie geriet alsbald in Armut, da die Hinterlassenschaft infolge von Misswirtschaft bald aufgebraucht war. Die Familie musste ihr Haus aufgeben und in eine Pension in der gleichen Straße ziehen. Howard litt so schwer an den Veränderungen, vor allem daran, sein Geburtshaus verloren zu haben, dass er eine Zeitlang Suizidabsichten hegte. 1908, kurz vor dem Ende seines letzten Schuljahres, erlitt Lovecraft einen Nervenzusammenbruch, sodass er nie einen High-School-Abschluss erwarb. Den Umstand, dass er nie seine Schullaufbahn beenden und auch nie, wie gewünscht, die Brown University besuchen konnte, empfand er selbst noch spät in seinem Leben als schmerzend und beschämend.
1914 wurde Lovecraft Mitglied der United Amateur Press Association (UAPA), einer Vereinigung von amerikanischen Hobbyautoren. Ziel der UAPA war die Förderung des Austausches unter den Autoren, zu diesem Zweck wurden auch Kongresse veranstaltet. Durch einen Leserbrief Lovecrafts im Pulp-Magazin The Argosy, in dem er sich über die fehlende „Würze“ bei den Liebesgeschichten beschwerte, war Edward F. Daas, der Präsident der UAPA, auf den jungen Schriftsteller aufmerksam geworden und hatte ihn eingeladen, dem Verband beizutreten. Lovecraft urteilte zurückblickend, dass dies einer der entscheidenden Schritte in seinem Leben gewesen sei. Er erfuhr im Miteinander mit Gleichgesinnten einen neuen Schwung, der ihn bestärkte. Er schrieb in dieser Zeit die Kurzgeschichten The Tomb und vor allem Dagon, die 1923 als seine erste professionelle Veröffentlichung in Weird Tales gedruckt wurde, einem Fantasy- und Horrormagazin.
Ab dieser Zeit begann er ein Netzwerk brieflicher Korrespondenz aufzubauen, das später kolossale Ausmaße annehmen sollte. Unter seinen Brieffreunden waren junge Autoren wie Forrest J Ackerman, Robert Bloch (Autor von Psycho) und Robert E. Howard, der Verfasser von Conan der Barbar. Letzterer beging später Suizid, was Lovecraft tief berührte.
1919 wurde Lovecrafts Mutter, so wie sein Vater zuvor, aufgrund psychischer Leiden ins Butler Hospital eingewiesen, wo sie nach sehr reger brieflicher Korrespondenz mit ihrem Sohn 1921 verstarb. Dieses Ereignis erschütterte Lovecraft ebenfalls sehr stark.
Kurze Zeit nach dem Tod seiner Mutter lernte Lovecraft auf einer Tagung junger Journalisten die sieben Jahre ältere Sonia Greene kennen. Die beiden heirateten 1924. Lovecrafts Tanten waren dagegen, denn sie hielten diese Ehe für eine Mesalliance: Sonia Greene kam aus der Ukraine, war Jüdin und hatte ein Hutgeschäft.
Das Ehepaar zog nach New York City. Anfänglicher Enthusiasmus über das Leben in Brooklyn verflog und finanzielle Schwierigkeiten bestimmten den Alltag der Lovecrafts. Sonia verlor ihr Geschäft und litt unter schlechter Gesundheit. Da Howard nicht alleine für beide sorgen konnte, suchte sie sich eine Arbeit in Cleveland und zog fort. Lovecraft musste viele Fehlschläge hinnehmen und war lange Zeit erwerbslos. In dieser Zeit steigerte sich nach Ansicht einiger Biographen sein allgemeiner Menschen- und speziell Fremdenhass, bis zur panischen Angst vor Einwanderern, die ihm in seinen Augen den Zugang zu Arbeitsplätzen versperrten.[3]
Einige Jahre später einigten sich die getrennt lebenden Sonia Greene und Lovecraft auf eine einvernehmliche Scheidung, die jedoch nie rechtswirksam vollzogen wurde.
Lovecraft kehrte zurück nach Providence und lebte dort wieder mit seinen Tanten. Dieser letzte Abschnitt seines Lebens war der produktivste. Nahezu sämtliche seiner bekannten Erzählungen, wie Der Fall Charles Dexter Ward oder Berge des Wahnsinns stammen aus dieser Zeit. Ein Großteil dieser Erzählungen wurde im Magazin Weird Tales veröffentlicht. Darüber hinaus lektorierte und überarbeitete er Werke anderer Autoren oder betätigte sich im Ausnahmefall als Ghostwriter, etwa für Harry Houdini, für den er Imprisoned with the Pharaos verfasste.
Seine zu Lebzeiten recht bescheidenen literarischen Erfolge waren mitverantwortlich dafür, dass Lovecraft immer mehr verarmte und schließlich gezwungen war, mit seiner Tante in eine billigere Unterkunft zu ziehen. Er betrachtete sich selbst als eine Art Aristokrat und hielt an einem Ehrenkodex fest, der ihn zeitweilig den Hunger einer niederen Arbeit vorziehen ließ. Sein Ehrgefühl umfasste auch seine literarische Arbeit: Er bemühte sich, künstlerisch anspruchsvolle, wirkungstechnisch ausgefeilte und oft komplex inszenierte Erzählungen zu verfassen, die „ehrliche“ Emotionen darstellen und auch erwecken sollten. Eine Tätigkeit als Lohnschreiber oder Verfasser billiger Groschenromane lehnte er von Herzen ab.
Lovecraft bezeichnete sich selbst als einen „Menschen des 18. Jahrhunderts“, da diese Epoche ihm mit ihren Ansichten, noblen Gesten und Umgangsformen als die beste erschien. Das 20. Jahrhundert hingegen erschien ihm als eine Zeit der Barbarei. Seine Briefe datierte er in der Regel 200 Jahre zurück, in die Kolonialzeit vor der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Diese Vorliebe für das Altertümliche findet sich in seinem Schreibstil und seiner Wortwahl wieder, die gewollt antiquiert erscheinen. Der selbsterklärte Anglophile bediente sich auch häufiger älterer englischer Ausdrücke und Bezeichnungen anstelle der amerikanisierten.
1936 wurde bei Lovecraft Darmkrebs diagnostiziert. Bis zu seinem Tode ein Jahr später litt er an ständigen Schmerzen und Unterernährung. Sein Name ist neben denen seiner Eltern auf dem Familiengrabstein eingemeißelt.
1977 setzten Verehrer seiner Werke Lovecraft einen eigenen Grabstein; außer den Lebensdaten enthält dieser den mehrdeutigen Spruch „I AM PROVIDENCE“, der aus einem seiner Briefe stammt. Öfters tauchen auf dem Grabstein auch Graffiti von Fans auf, allen voran ein Zitat aus The Nameless City: „That is not dead which can eternal lie, and with strange aeons even death may die.“[4] (Etwa: „Das ist nicht tot, was ewig liegt, bis dass die Zeit den Tod besiegt.“)
Auch wenn sich Lovecraft bisweilen nicht ganz einfach einem literarischen Genre zuordnen lässt, wird sein Prosawerk in der Regel dem „Supernatural Horror“, also der übernatürlichen Horrorliteratur zugeordnet. Seine späteren Werke, besonders sein Berge des Wahnsinns, in denen Lovecraft Science Fiction, Horror und soziale Utopie mischt, verdeutlichen, dass Lovecrafts Werke mitunter die klassischen Genregrenzen dehnen, ja sie beinahe überholt erscheinen lassen. Lovecraft selbst sah sich als Erben einer ehrwürdigen literarischen Tradition:
“The oldest and strongest emotion of mankind is fear, and the oldest and strongest kind of fear is fear of the unknown. These facts few psychologists will dispute, and their admitted truth must establish for all time the genuineness and dignity of the weirdly horrible tales as a literary form.”
„Die älteste und stärkste Emotion des Menschen ist Furcht, und die älteste und stärkste Form der Furcht ist die Angst vor dem Unbekannten. Diese Tatsachen wird kaum ein Psychologe bestreiten, und sie begründen ein für allemal Echtheit und Rang der übernatürlichen Horrorgeschichte als literarische Form.“
– H. P. Lovecraft: Supernatural Horror in Literature, S. 12
Der Titel seines Essays Supernatural Horror in Literature sollte nicht darüber täuschen, dass er zu den Vorläufern des Cosmic Horror nicht nur die Klassiker des englischen Schauerromans, sondern auch Werke wie Henry James’ The Turn of the Screw oder Byrons Childe Harold zählte.[5]
Lovecrafts Schaffen lässt sich grob in drei Kategorien unterteilen: traditionelle Schauergeschichten, Traumweltgeschichten und die Mythosgeschichten. Dazu kommen viele Gedichte und unzählige Briefe.
Hierzu zählen viele der frühen Kurzgeschichten; sie sind stark inspiriert von den Schriften Edgar Allan Poes, dessen Stil und unheimliche, teils makabre Erzählungen einen großen Einfluss auf den Lovecraft der jüngeren Schaffensperiode hatten. Typische Schauplätze sind Friedhöfe und verlassene, unheimliche Häuser. Die Geschichten sind durch keinen Hintergrund miteinander verbunden; Lovecraft wurde allerdings oft von Albträumen inspiriert, und in einigen dieser Erzählungen lassen sich bereits Motive ausmachen, die später in meisterhaft ausgeführten Erzählungen wiederkehren sollten.
Dies ist eine Reihe von mystischen und mythischen Kurzgeschichten, die von dem von Lovecraft verehrten Autor Lord Dunsany inspiriert wurden. Fremdartige Landschaften, exotische Städte, verbotene Berge, geheimnisvolle Götter – mit all diesen Phänomenen ist die Traumwelt ausstaffiert, die dieser Reihe von Geschichten als gemeinsamer Hintergrund dient; dazu kommen Ghoule, Ghasts, Dryaden und weitere bizarre Wesen. Auch Katzen, denen Lovecraft ebenso wie Poe zugetan war, sind bevorzugte Bewohner dieser Traumwelt. Es gibt zudem einige mehrfach wiederkehrende Charaktere wie einen gewissen Kuranes – im Traum ein König, im wachenden Leben ein Nichts – oder etwa den berüchtigten Traumreisenden Randolph Carter, quasi ein Alter Ego des Autors.
Dies ist der lose zusammenhängende Kreis von Kurzgeschichten und Erzählungen, auf denen Lovecrafts heutiger Ruhm und Status als Kult-Autor zum größten Teil beruht; mit ihnen fand der Autor zu „seinem“ großen Thema. Sie mögen beeinflusst sein von Arthur Machen, mit seinen sorgfältig konstruierten Geschichten vom Überleben eines uralten Übels und der verborgenen Mystik, die hinter der Realität steht.
Die Geschichten bilden die Basis für den Cthulhu-Mythos, der von anderen Autoren erweitert wurde. Lovecraft selbst sprach vom Arkham Cycle, da in vielen seiner Geschichten die fiktive neuenglische Stadt Arkham vorkommt; andere Namen für den Kreis lauten Yog-Sothoth-Zyklos oder Cthulhu-Zyklus, nach der prominentesten Schöpfung Lovecrafts, die im ersten wirklichen Vertreter des Zirkels mit The Call of Cthulhu 1926 ihr Debüt hatte. Die Gottheit Cthulhu erwies sich als so populär, dass 1981 ein nach dieser Kurzgeschichte benanntes Rollenspiel, Call of Cthulhu, herauskam, das bis heute recht erfolgreich ist. 2005 erschien das Computerspiel Call of Cthulhu: Dark Corners of the Earth, welches in das Genre Survival-Horror/Ego-Shooter fällt und auf dem Cthulhu-Mythos aufbaut.
Obwohl Lovecraft durch seine Erzählungen bekannt wurde, bestand der überwiegende Teil seiner schreibenden Tätigkeit im Verfassen von umfangreichen Briefen, in denen er sich zu allen möglichen Themen äußert, wie der fantastischen Literatur, Kritiken, Politik und Geschichte. S. T. Joshi schätzt, dass Lovecraft zwischen 1912 und seinem Todesjahr 1937 etwa 87.500 Briefe verfasst haben muss. Ein bekannt gewordener Brief an Woodburn Harris umfasste 70 Seiten.
Dabei war Lovecraft in jungen Jahren kein sehr eifriger Briefeschreiber. 1931 bemerkte er: „In meiner Jugend schrieb ich kaum einen Brief. Jemandem schriftlich für ein Geschenk zu danken, war für mich eine derartige Qual, als müsste ich einen 250-seitigen Hirtenbrief oder eine 20-seitige Abhandlung über die Saturnringe schreiben.“ Sein Interesse am Schreiben von Briefen wurde durch die Korrespondenz mit seinem Cousin Phillips Gamwell geweckt. Sein späterer umfangreicher Schriftverkehr war die Folge seines Engagements für den Amateurjournalismus.
Lovecraft bekannte, dass sein brieflicher Austausch mit zahlreichen unterschiedlichen Menschen mit am meisten dazu beitrug, seine Weltanschauung zu formen und seinen Horizont zu erweitern: „Ich sah mich dutzenden von unterschiedlichen Gesichtspunkten gegenüber, die mir ansonsten nie in den Sinn gekommen wären. Mein Verständnis und meine Sympathien wuchsen und viele meiner sozialen, politischen und wirtschaftlichen Ansichten änderten sich als Folge meines wachsenden Wissens.“
Teile von Lovecrafts Briefverkehr wurden von mehreren Verlagen veröffentlicht. So brachte Arkham House eine Auswahl seiner Briefe als fünfbändige Ausgabe unter dem Titel Selected Letters heraus.
Lovecrafts umfangreiche Gedichte sind heute so gut wie unbekannt. Er sah sich nach eigenem Zeugnis in erster Linie als Dichter und erst in zweiter Linie als Prosaautor. Seine Liebe zur Vergangenheit und seine intensive Beschäftigung mit der Literatur verflossener Jahrhunderte schlug sich beispielsweise in langen Lehrgedichten im Stil des 18. Jahrhunderts nieder, die heute wohl als misslungen gelten. Es existieren auch Gedichte, die den Hintergrund seiner Mythoserzählungen aufgreifen. Diese erschienen unter dem Titel Fungi from Yuggoth.
Der Cosmicism ist eine literarische Philosophie, die von H. P. Lovecraft begründet und oft von ihm als Bezeichnung für seine weird fiction verwendet wurde. Davon ausgehend, dass die moderne, in seinen Augen von der Wissenschaft durchwirkte und deterministisch bestimmte Weltsicht keine Wunder mehr bieten kann, versetzte Lovecraft die Quelle des Schreckens vorzugsweise in die Vergangenheit oder in die Tiefen des Weltalls. Aus diesen zwei bodenlosen Abgründen der Zeit und des Raumes erheben sich kosmische Kräfte und dringen in das alltägliche Leben der im Vergleich mit ihnen völlig unbedeutenden Menschen ein, in der Regel in der vertrauten und beschaulichen Umgebung, in der der Autor aufwuchs. Die Vergangenheit der Erde birgt mehrere den Menschen weit überlegene Rassen, von denen z.T. in entlegenen Gebieten noch Spuren und Relikte künden; aus dem All und aus anderen, „äußeren“ Dimensionen drohen Furcht einflößende kosmische Gottheiten, deren alleiniger Anblick schon genügt, sterbliche Menschen dem Wahnsinn anheimfallen zu lassen.
Diese Erzählungen sind durchweg präzise konstruiert und laufen in der Regel nach einem ähnlichen Schema ab. Als Bekenntnis, Brief oder Tagebuch angelegt, schildern sie mit vielen Vordeutungen das Einbrechen des übermächtigen Fremden in das Leben gewöhnlicher Menschen, oftmals ausgelöst durch Nachforschungen oder Expeditionen, die es besser nie gegeben hätte. Dabei sind die menschlichen Charaktere dem Übernatürlichen fast durchweg schutzlos ausgesetzt und verfallen regelmäßig dem Wahnsinn, wenn sie schließlich die Augen gegenüber der Wahrheit nicht mehr verschließen können.
Lovecraft zog die Ausstrahlung seiner Erzählungen aus Themen und Ängsten, die ihn tief bewegten: die moderne Weltsicht, die den Menschen aus dem Zentrum der Schöpfung reißt und zu einem Staubkorn im All reduziert; die Liebe zur Vergangenheit mit ihren zugedeckten Geheimnissen; die Angst vor Inzucht, Degeneration, Dekadenz, kulturellem Zerfall und nicht zuletzt „rassischer Verunreinigung“. Eine ganz spezifische Abscheu vor Meeresgetier hat in zahlreichen Geschichten tiefe Spuren hinterlassen.
Seine Erzählungen spielen dabei in der Regel in seiner Heimat, dem Neu-England des 20. Jahrhunderts, doch sind auch Ausflüge in entlegene Regionen (Antarktis, Australien, Afrika, Arabien, Europa, Südamerika) und die lokale Vergangenheit darunter. Gerade in der Kombination des alltäglich Vertrauten mit dem unsagbaren Schrecken aus weiter Vergangenheit oder kosmischen Tiefen liegt einer der besonderen Reize seiner Texte.
Durch die Implementierung werksübergreifend wiederkehrender Versatzstücke erreichte Lovecraft eine höchst eigene Gesamtwirkung. Dazu zählen fiktive Orte wie das Plateau von Leng ebenso wie zahlreiche fiktive Bücher voll von verbotenem Wissen. Das bekannteste dieser Werke ist das Necronomicon, eine Schrift, die vorgeblich von dem verrückten Araber Abdul Alhazred verfasst wurde. Bis heute regt dieses Buch die Fantasie von Lovecrafts Lesern an, und die Spekulationen, es gebe dieses Buch wirklich oder habe es einmal gegeben, reißen nicht ab und füllen ihrerseits ganze Bücher. Lovecrafts Biograph Lyon Sprague de Camp berichtet, der Name Alhazred sei von Lovecraft schon als Kind während seiner Tausendundeine-Nacht-Phase verwendet worden und spiele scherzhaft auf eine befreundete Familie an.[6] Lovecraft selbst schrieb, er habe sich so genannt, wenn er Araber spielte.[7] Als Jugendlicher schrieb Lovecraft regelmäßig eine astronomische Kolumne für eine Lokalzeitung und erwähnte hier häufiger das antike Lehrgedicht Astronomicon des Marcus Manilius. In Anlehnung an diesen Titel könnte der Titel Necronomicon entstanden sein. Lovecraft verwendete in seinen Geschichten häufig Namen aus seiner direkten Umgebung oder wandelte diese leicht ab. Ein anderes fiktives Buch, das von Lovecraft des Öfteren erwähnt wird, ist von Junzts Unaussprechliche Kulte.
Vor allem jedoch durch die Schaffung wiederkehrender kosmischer Quasi-Gottheiten entsteht eine Intertextualität, die eine beklemmende Kohärenz erzeugt. August Derleth bemühte sich später, diese Wesen – mit Namen wie Cthulhu, Yog-Sothoth, Tsathoggua, Azathoth und Nyarlathotep – in ein manichäisches Raster zu zwängen und überdies ein komplettes Pantheon aus ihnen zu bilden; darunter hat sein Ansehen bei vielen heutigen Anhängern schwer gelitten.
Kritiker bemängeln Lovecrafts übermäßigen Gebrauch von Adjektiven und seinen oft archaischen Stil,[8] während wohlmeinende Rezensenten darauf hinwiesen, seine Sprache sei präzise und auf Wirkung berechnet. Lieblingswörter wie „blasphemisch“, „zyklopisch“ und „abscheulich“ stets wiederholend und sich zum bombastischen Finale steigernd, verbinden diese Stilelemente, zusammen mit dem oft abgefeimt konstruierten Handlungsgerüst, den ritualistisch wiederholten Versatzstücken, geheimnisvollen Andeutungen und der offensichtlichen Sorgfalt und Liebe zu seinem Thema zu einem Ganzen, das bis heute viele Leser in den Bann zieht.
Viele spätere Schöpfer von Horrorliteratur oder -filmen und Künstler wurden von Lovecraft beeinflusst, darunter Clive Barker und H. R. Giger. Autoren wie Clark Ashton Smith, August Derleth, Neil Gaiman, Alan Moore, Ljubko Deresch, Wolfgang Hohlbein, Stephen King und Brian Lumley verfassten Geschichten, die in Lovecrafts „Universum“ angesiedelt sind.
Als literarische Nachfahren Lovecrafts können Robert Bloch, Clark Ashton Smith und Frank Belknap Long angesehen werden. Auch Autoren wie H. C. Artmann (der auch einige Geschichten ins Deutsche übersetzt hat), Jorge Luis Borges, Michel Houellebecq und Colin Wilson sowie die US-Comic-Künstler Richard Corben und Mike Mignola wurden von seinem Werk beeinflusst.
In Deutschland hat Arno Schmidt Lovecrafts Geschichten in Julia, oder die Gemälde verwendet. Er sah zwischen Lovecraft und sich eine Art Verwandtschaft. Michael Marrak schuf 2002 mit Imagon eine aktualisierte, recht freie Analogie zu Berge des Wahnsinns, die im Grönland der Gegenwart spielt und 2003 mit dem Kurd-Laßwitz-Preis ausgezeichnet wurde.[9] Der Künstler Reinhard Kleist hat einige von Lovecrafts Geschichten als Comic umgesetzt.
Das sich direkt auf Lovecrafts Welt beziehende amerikanische Pen-and-Paper-Rollenspiel Call of Cthulhu (Chaosium) gilt als eines der einflussreichsten Rollenspiele überhaupt, weil es mit den „übermenschlichen“ Fähigkeiten der klassischen Fantasyrollenspiele brach und stattdessen normale Menschen in den Mittelpunkt stellte, die den Ungeheuern des Cthulhu-Mythos fast immer hoffnungslos unterlegen sind. Call of Cthulhu war auch Pate für verschiedene Brett- und Kartenspiele, die bis heute sehr populär sind, so zum Beispiel das Sammelkartenspiel Call of Cthulhu und das kooperative Brettspiel Arkham Horror. Auch im Bereich der Computerspiele sind mehrere Lovecraft-Umsetzungen zu nennen, zum Beispiel die Spiele Shadow of the Comet, Prisoner of Ice und Dark Corners Of The Earth.
Die Werke Lovecrafts wurden oft verfilmt. Manche Filme halten sich eng an die Vorlage, meist werden jedoch nur einige Themen oder Figuren aufgegriffen. Die größte Zahl dieser Filme sind als B-Movies oder Genrefilme für Freunde des Horrorfilms einzuordnen. Ähnlich wie Versuche seiner literarischen Epigonen arbeiten sie sich am Vorbild ab und verfehlen doch das Ziel weit.
Als drei der besseren Verfilmungen gelten etwa Re-Animator von 1985, Hemoglobin von 1997 und Dagon von 2001. Eine werkgerechte Verfilmung der Erzählung The Call of Cthulhu wurde im Jahr 2005 von der HPL Historical Society (HPLHS) herausgebracht. Dabei handelt es sich um einen Schwarz-Weiß-Stummfilm im Stil der 1920er-Jahre (die Originalstory stammt aus dem Jahr 1926).[10] Vorbild für die Darsteller und die zur Anwendung kommende Tricktechnik ist der expressionistische deutsche Film. 2010/11 wurde Die Farbe aus dem All (Filmtitel: Die Farbe) als eine deutsche Independent-Verfilmung umgesetzt.[11] 2011 folgte die Verfilmung von The Whisperer in Darkness.[12] Beide Fanfilme wurden aus Eigenmitteln produziert.[13]
1967 gründete sich zudem in Chicago (USA) eine Psychedelic-Rockband unter dem Namen H. P. Lovecraft. Die Mitglieder verarbeiteten in verschiedenen Musikstücken einige Geschichten und Elemente aus Lovecrafts literarischem Werk. Zu diesen zählen etwa The White Ship, At the Mountains of Madness und Mobius Trip.
Neben Aleister Crowley und Friedrich Nietzsche gehört Lovecraft zu den meist zitierten Personen im Metal-Bereich. Zum Beispiel veröffentlichte die Metal-Band Metallica auf ihrem Album Ride the Lightning das Instrumental The Call of Ktulu. Außerdem basieren ihre Lieder The Thing That Should Not Be von dem Album Master of Puppets und der Titel All Nightmare Long von Metallicas neuestem Album Death Magnetic auf Lovecrafts Werken. Dies liegt zum größten Teil daran, dass der damalige Bassist Cliff Burton sich intensiv mit den Werken Lovecrafts beschäftigte.
Die britische Metal-Band Cradle of Filth setzt den Cthulhu-Mythos auf ihrem Album Midian in dem Lied Cthulhu Dawn um, und die Gothic-Metal-Band The Vision Bleak verarbeitet in ihren Texten vorwiegend Stoffe von Lovecraft. Auch in der US-amerikanischen Death-Metal-Szene finden sich Einflüsse Lovecrafts. So handeln zum Beispiel die Lieder Von Unaussprechlichen Kulten und What Can Be Safely Written der Band Nile von Cthulhu. Außerdem heißt ein Lied der Deathcore-Band The Acacia Strain Cthulu. Die Band Morbid Angel nimmt ebenfalls oft Bezug: Ihr Lead Gitarrist nennt sich selber Trey Azagthoth, und in ihrem Song Angel of disease heißt es beispielsweise:
oder
Im Gothic Rock bilden Anleihen aus Lovecrafts Werken natürlich besonders oft die textliche Grundlage, so beispielsweise bei Bands wie Fields of the Nephilim, Beyond the Wall of Sleep oder Garden of Delight (letztere u. a. auf den Alben Necromanteion IV und Lutherion III). Die Band Whispers in the Shadow bezieht sich auf ihrem 2008 erschienen Album Into the Arms of Chaos mehrmals auf Lovecraft. So wurde der Song Down by the Sea stark von der Geschichte Schatten über Innsmouth inspiriert. Das Musikprojekt Janus verarbeitete in seinem Konzeptalbum Vater in dem Stück Der Flüsterer im Dunkeln die Traumatisierung von H. P. Lovecraft durch den Tod seines Vaters.
Auch in der zeitgenössischen Musik war Lovecrafts Werk Anregung für Kompositionen. In Österreich ist vor allem die Komponistin Olga Neuwirth zu nennen, mit Stücken wie etwa Cthulhu-Ludium – Vor der Dunkelheit (1991) für Orchester. In Deutschland vertonte Moritz Eggert Lovecrafts Geschichte The Outsider (Der Außenseiter) als Melodram (Der Andere) und komponierte das Chorstück Celephais, angeregt von jener Stadt in den von Lovecraft beschriebenen Traumlanden.
Lovecraft hinterließ aufgrund seines relativ frühen Todes ein eher schmales belletristisches Werk, das zudem in unzähligen Zeitschriften verstreut war, sowie eine sehr umfangreiche Korrespondenz. Weniger bekannt sind seine Essays, Teile seiner Rezensionen, seine Theaterstücke und Gedichte. Dank seiner Freunde und Kollegen August Derleth und Donald Wandrei, die seine Werke sammelten, im eigens dafür gegründeten Verlag Arkham House veröffentlichten und somit vor dem Vergessen bewahrten, gilt Lovecraft heute als einer der großen Meister der Horrorliteratur.
Prosafragmente
Prosagedichte
Einen kaum bekannten Aspekt des lovecraftschen Schaffens stellen die lyrischen Arbeiten dar. Besonders in seinem unheimlich-makabren Gedichtzyklus Funghi from Yuggoth (deutscher Titel: Saat von den Sternen) klingt der Schrecken an, den er bereits so virtuos in seiner Prosa beschwor.
Lovecraft lebte in bescheidenen Verhältnissen und bestritt seinen Lebensunterhalt hauptsächlich mit dem Redigieren von Manuskripten anderer Verfasser. Die meisten dieser Texte wurden zunächst nur in Amateurzeitschriften abgedruckt. Einige Geschichten konnten jedoch (nach mehrfacher Überarbeitung) auch in seriösen Zeitschriften veröffentlicht werden. Seine Bearbeitungen beschränkten sich meist auf die Korrektur von Syntax, Sprache und Interpunktion. Doch gab es auch Manuskripte, die ihn so sehr interessierten, dass er aktiv daran mitwirkte. Manche Geschichten wurden von ihm so überarbeitet, dass man sie eigentlich als eigene Werke einstufen müsste. Nur Thema und Grundhandlung wurden vom ursprünglichen Fremd-Manuskript übernommen. Lovecraft sah sich hier eher als Co-Autor denn als Lektor. Viele der mit anderen Autoren verfassten Werke enthalten seine eigenen Ideen, sind aber stilistisch und inhaltlich von sehr unterschiedlicher Qualität. Einige von Lovecrafts eigenen Werken wurden postum durch andere Autoren bearbeitet.
In Zusammenarbeit mit Robert H. Barlow
In Zusammenarbeit mit Elizabeth Neville Berkeley
In Zusammenarbeit mit Zelia Bishop
In Zusammenarbeit mit Robert Bloch
In Zusammenarbeit mit Wilfried Blanch Talman
In Zusammenarbeit mit Donald Burleson
In Zusammenarbeit mit Lin Carter
In Zusammenarbeit mit Adolphe de Castro
In Zusammenarbeit mit Anna Helen Crofts unter dem Pseudonym Henry Paget-Low
In Zusammenarbeit mit August Derleth
In Zusammenarbeit mit C. M. Eddy
In Zusammenarbeit mit Sonia Greene
In Zusammenarbeit mit Hazel Heald
In Zusammenarbeit mit E. Hoffmann Price
In Zusammenarbeit mit Frank Belknap Long
In Zusammenarbeit mit William Lumley
In Zusammenarbeit mit Duane W. Rimel
In Zusammenarbeit mit Richard F. Searight
In Zusammenarbeit mit Henry S. Whitehead
In Zusammenarbeit mit Kenneth Sterling
Es existieren viele unterschiedlich konzipierte Ausgaben von Lovecrafts Werken. Als maßgeblich gilt die bei Arkham House ab 1963 erschienene, von S. T. Joshi herausgegebene Ausgabe des erzählerischen Werkes. Der Verlag Arkham House wurde nach dem Tod von Lovecraft von August Derleth und anderen mit dem Ziel gegründet, Lovecrafts Werk als gebundene Ausgaben zu veröffentlichen, was ihm von der Lesergemeinde als großes Verdienst angerechnet wird. Meistens folgen Herausgeber der von August Derleth geschaffenen Textgestalt und -anordnung.
Derleth teilte die Prosatexte in drei Bände auf. Chronologische oder thematische Kategorien spielten dabei offensichtlich keine große Rolle:
Weitere Bände enthalten sogenannte Kollaborationen von H.P. Lovecraft und August Derleth:
Tatsächlich handelt es sich um Werke Derleths unter Verwendung von Notizen und Entwürfen Lovecrafts.[14]
Die Gedichte Lovecrafts erschienen in zwei Auswahlbänden:
Eine chronologisch angelegte Auswahl aus dem umfangreichen Briefwechseln von Lovecraft:
Die ersten deutschen Übersetzungen von Erzählungen erschienen 1965 unter dem Titel 12 Grusel-Stories in der Reihe der Heyne-Anthologien. Eine nennenswerte Lovecraft-Rezeption in Deutschland begann jedoch erst mit den Lovecraft-Bänden, die im Rahmen der von Kalju Kirde herausgegebenen Bibliothek des Hauses Usher ab 1968 im Insel-Verlag und in der Folge als Suhrkamp-Taschenbuch erschienen. Zu dem Erfolg trugen auch die namhaften Übersetzer bei:
Seit 2005 veröffentlicht der Verlag Edition Phantasia eine auf Vollständigkeit angelegte Ausgabe der Werke in deutscher Übersetzung (überwiegend lizenziert aus den Bänden der Bibliothek des Hauses Usher, jetzt bei Suhrkamp). Die bereits erschienenen Teile umfassen das erzählerische Werk. Weitere Bände sind in Vorbereitung.
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