Hans Christian Andersen
Leben
Jugend und Ausbildung

Das wahrscheinliche Geburtshaus Andersens in Odense

Andersens Kindheitsheim in Odense
Hans Christian Andersen wurde als Sohn des verarmten Schuhmachers Hans Andersen (1782–1816) und der alkoholkranken Wäscherin Anne Marie Andersdatter (ca. 1775–1833) geboren[1]. Nach dem Tod seines Vaters ging er mit 14 Jahren nach Kopenhagen und bemühte sich, dort als Schauspieler zum Theater zu kommen. Nachdem ihm das jedoch nicht gelang, versuchte er sich ebenso vergeblich als Sänger und verfasste schon erste kleine Gedichte. Schließlich nahm ihn Konferenzrat Jonas Collin, der damalige Direktor des Königlichen Theater Kopenhagen (Det Kongelige Teater), in seine Obhut und in sein Haus auf. Dort fühlte er sich besonders zu dem Sohn seiner Gasteltern, Edvard Collin, hingezogen, den diese Zuneigung jedoch eher befremdete und der diese nicht erwiderte. Eine enge Freundschaft verband ihn mit der jüngsten Tochter Louise Collin. Von der Theaterdirektion unterstützt und durch König Friedrich VI. gefördert, konnte er von 1822 bis 1826 bei Rektor Simon Meisling eine Lateinschule in der kleinen Provinzstadt Slagelse besuchen, von 1826 bis 1828 eine weitere Lateinschule in Helsingør und anschließend die Universität Kopenhagen.
Erste Werke und Reisen
Am Ende seiner Schulzeit entstand das Gedicht „Das sterbende Kind“, in dem der Autor die Welt aus den Augen eines kleinen Kindes beschrieb. Diese Perspektivwahl wurde später typisch für sein literarisches Schaffen. Das Gedicht wurde in mehreren Sprachen veröffentlicht.
Andersen verliebte sich in Riborg Voigt, die Schwester seines Studienfreundes Christian Voigt. Allerdings war sie bereits einem anderen Mann versprochen. Ihren Abschiedsbrief bewahrte er zeitlebens in einem Ledersäckchen auf, man fand ihn nach seinem Tod beim Autor.
Nach der Heirat Riborgs unternahm Andersen mehrere Reisen nach Deutschland, England, Italien, Spanien und in das Osmanische Reich. Unter dem Einfluss der italienischen Landschaft entstanden die ersten Vorformen der „Kleinen Meerjungfrau“. Die Beschreibung der Welt in dem gleichnamigen Märchen zeigt deutlich die italienischen Einflüsse.
Auf seinen insgesamt 30 großen Reisen kam er 32 Mal nach Dresden und 15 Mal nach Maxen bei Dresden, wo er seine Freunde, die Mäzenen Friederike und Friedrich Anton Serre besuchte. Dort schrieb er auch: „Des Herzens Sonnenschein in Sachsen, er strahlt am schönsten doch in Maxen“.
Spätere Jahre
In seinen späten Jahren war er mit vielen bekannten Frauen befreundet: Henriette Wulff († 13. September 1858 beim Brand der SS Austria), Tochter des Kommandeurs und Gönners P. F. Wulff, ferner Sophie Ørsted, Tochter des Entdeckers des Elektromagnetismus Hans Christian Ørsted, und Jenny Lind, auch „die schwedische Nachtigall“ genannt, die er sehr verehrte. Allerdings blieb er lebenslang unverheiratet. Mit Edvard Collin verband ihn jedoch auch nach dessen Heirat im gegenseitigen Einvernehmen eine Freundschaft auf Distanz.
In der Wissenschaft wird kontrovers diskutiert, ob Andersen homosexuell gewesen sei. Diese Diskussion begann schon im 19. Jahrhundert und wurde 1901 mit dem Artikel „Hans Christian Andersen: Beweis seiner Homosexualität“ von Carl Albert Hansen Fahlberg (unter dem Pseudonym Albert Hansen, siehe hier [1]) in Magnus Hirschfelds „Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen“ erstmals vertieft. Jüngere Untersuchungen haben versucht, in Andersens Märchen und Romanen insbesondere das Thema der homoerotischen Maskierung herauszuarbeiten.[2]
Wenige Monate vor seinem Tod empfing der Dichter den Fotografen C. Weller der Firma Hansen, Schou & Weller, um Aufnahmen von sich in seinen Privaträumen anfertigen zu lassen.[3] Andersen starb siebzigjährig als international verehrter und anerkannter sowie hochdekorierter Künstler am 4. August 1875 in Kopenhagen und wurde dort auf dem Kopenhagener Assistenzfriedhof beigesetzt.
Andersen schrieb mehr als 160 Märchen in acht Bänden. Dabei bearbeitete er Volksmärchen, bis sie seinen literarischen Ansprüchen genügten und von Kindern verstanden werden konnten.
Werke

Hans Christian Andersen, 1860

H.C. Andersen Statue im Central Park (New York City, USA)
Berühmt wurde Hans Christian Andersen durch seine zahlreichen Märchen; die folgende Aufzählung orientiert sich an der Reihenfolge in den zwei Bänden Gesammelte Märchen.[4]
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- „Erlenhügel“
- „Die roten Schuhe“
- „Der Springer“
- „Die Hirtin und der Schornsteinfeger“
- „Holger Danske“
- „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“
- „Die Nachbarsfamilien“
- „Der kleine Tuk“
- „Der Schatten“
- „Das alte Haus“
- „Der Wassertropfen“
- „Die glückliche Familie“
- „Die Geschichte von einer Mutter“
- „Der Kragen“
- „Unterschiede müssen sein“
- „Die schönste Rose der Welt“
- „Die Geschichte des Jahres“
- „Es ist ganz gewiß“
- „Das Schwanennest“
- „Herzeleid“
- „Alles an seinen rechten Platz“
- „Das Heinzelmännchen beim Speckhöker“
- „Unter dem Weidenbaum“
- „Fünf aus einer Erbsenschote“
- „Sie taugte nichts“
- „Zwei Jungfern“
- „Am äußersten Meer“
- „Das Geldschwein“
- „Ib und die kleine Christine“
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- „Tölpel-Hans“
- „Der Flaschenhals“
- „Suppe von einem Wurstspeiler“
- „Etwas“
- „Der letzte Traum der alten Eiche“
- „Die Tochter des Schlammkönigs“
- „Die Schnelläufer“
- „Die Glockentiefe“
- „Der Wind erzählt von Waldemar Daae und seinen Töchtern“
- „Kindergeschwätz“
- „Ein Stück Perlenschnur“
- „Das Kind im Grabe“
- „Der Hofhahn und der Wetterhahn“
- „Eine Geschichte aus den Dünen“
- „Der Mistkäfer“
- „Was Vater tut, ist immer recht“
- „Der Schneemann“
- „Die Eisjungfrau“
- „Der Schmetterling“
- „Der Bischof auf Börglum und seine Sippe“
- „In der Kinderstube“
- „Die Teekanne“
- „Das Heinzelmännchen und die Madam“
- „Verwahrt ist nicht vergessen“
- „Der Sohn des Pförtners“
- „Des Paten Bilderbuch“
- „Die Lumpen“
- „Was die Distel erlebte“
- „Die Wochentage“
- „Der Gärtner und die Herrschaft“
- „Der Krüppel“
- „Griechenland und der Orient – eine märchenhafte Reise“
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Die Märchen erschienen bereits um 1840 in unterschiedlichen deutschen Übersetzungen. Angelehnt an dänische, deutsche und griechische Sagen und historische Begebenheiten, dem Volksglauben verbunden und inspiriert von literarischen Strömungen seiner Zeit, schuf Andersen so die bedeutsamsten Kunstmärchen des Biedermeier. Andersens Märchen sind nicht nur zeitlos; sie gehören mittlerweile zur Weltliteratur.
Weniger bekannt sind viele seiner 156 weiteren Märchen. Auch die autobiografischen Texte, Novellen, Dramen, Gedichte und Reiseberichte, die von seinem Schaffensreichtum zeugen, führen ein Schattendasein. Auch als Romancier ist Andersen kaum bekannt: 1835 erschien sein erster Roman „Der Improvisator“, den er während eines Italien-Stipendiums schrieb, 1848 „Die beiden Baroninnen“, eine Waisenkind-Geschichte.
In den dreißiger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts fand der junge Dichter in Deutschland größere Anerkennung als in seinem eigenen Vaterland. Sein Roman „Der Improvisator“ (1835) erschien bald in deutscher Übersetzung. Obwohl Andersen immer Dänisch schrieb, wurde die erste seiner veröffentlichten Autobiografien, übersetzt als Das Märchen meines Lebens ohne Dichtung, 1846 auf Deutsch herausgegeben. (Erst 1855 erschien seine große dänische Autobiografie, Mit Livs Eventyr.)
Ein Band mit mehreren kleineren Prosaschriften, deren dänische Originaltexte erst später gedruckt wurden, erschien 1860 in Leipzig als Aus Herz und Welt.
Auf einer Deutschlandreise im Jahre 1831 lernte Andersen den Dichter und Naturforscher Adelbert von Chamisso kennen, der ein eigenes Gedicht in Andersens Stammbuch schrieb[5] und später einige Gedichte Andersens ins Deutsche übersetzte:[6]
- Improvisatoren, Roman 1835 (dt. Der Improvisator, 1835)
- Eventyr, fortalte for Børn, Kunstmärchen 1835–1848 (dt. Märchen, für Kinder erzählt, 1839)
- O.T., Roman 1836 (dt. O.T., 1837)
- Kun en Spillemand, Roman 1837 (dt. Nur ein Geiger, 1847)
- Den nye Barselstue, Komödie 1845 (dt. Die neue Wochenstube, 1853)
- Ahasverus, Epos 1847 (dt. Ahasver, 1847)
- De to Baronesser, Roman 1849 (dt. Die zwei Baronessen, 1848)
- I Sverrig, Reisebuch 1851 (dt. In Schweden, 1851)
- Historier, Erzählungen und Märchen 1852 (dt. Geschichten, 1909)
- Mit Livs Eventyr, Autobiographie 1855 (dt. Das Märchen meines Lebens, 1847)
- Lykke-Peer, Roman 1870 (dt. Glücks-Peter, 1871)
Andersen-Preise
Museen
Verfilmungen
- 1902: The Little Match Seller England, Regie: James Williamson
- 1928: Das Mädchen mit den Schwefelhölzern (La petite marchande d’allumettes), Regie: Jean Renoir
- 1948: Die roten Schuhe (The Red Shoes), Regie: Michael Powell und Emeric Pressburger)
- 1948: Der Kaiser und die Nachtigall (Císařův slavíc), Regie: Jiří Trnka
- 1950: Das Märchen meines Lebens, Regie: Ronald Haines
- 1952: Hans Christian Andersen und die Tänzerin (Hans Christian Andersen)
- 1952: Der König und der Vogel (Le roi et l'oiseau), Regie: Paul Grimault
- 1957: Die Schneekönigin (Snezhnaya koroleva), Regie: Lew Atamanow
- 1959: Das Feuerzeug, Regie: Siegfried Hartmann
- 1962: Die wilden Schwäne (Dikiye lebedi), Regie: Mikhail Tsekhanovsky, Vera Tsekhanovskaya
- 1964: Die Schneekönigin, Regie: Wolfgang Spier
- 1966: Die Schneekönigin (Снежная королева)
- 1968: Ein uraltes Märchen (Старая, старая сказка)
- 1976: Die kleine Meerjungfrau, Regie: Karel Kachyna
- 1976: Die traurige Nixe (Russalotschka)
- 1976: Die Prinzessin auf der Erbse (Prinzessa na gorosching)
- 1977: Die wilden Schwäne (Hakucho no Oji)
- 1980: Die Nachtigall (Соловей)
- 1986: Die Schneekönigin (Lumikuningatar), Regie: Päivi Hartzell
- 1987: Die Schneekönigin, Regie: L. Čapek
- 1986: Galoschen des Glücks (Galose Stastia), Regie: Juraj Herz
- 1988: Der Reisekamerad (Vandronik), Regie: Ludvík Ráza
- 1988: Der große und der kleine Klaus, Regie: Dusan Trancik
- 1988: Die elf Schwäne (Дикие Лебеди), Regie: Helle Karis
- 1993: Des Kaisers neue Kleider, Regie: Juraj Herz
- 1998: Der Schatten (Stín), Regie: Ludvík Ráza
- 2001: Hans Christian Andersen - My life as a fairytale, Regie: Philip Saville
- 2006: Andersen. Das Leben ohne Liebe (Андерсен. Жизнь без любви), Regie: Eldar Rjasanow)
- 2009: Die wilden Schwäne (De vilde Svaner), Regie: Peter Flinth und Ghita Nørby
- 2010: Die Prinzessin auf der Erbse, Regie: Bodo Fürneisen
- 2010: Des Kaisers neue Kleider, Regie: Hannu Salonen (TV)
Bilder
Wichtige Illustrationen zu den Märchen von Andersen gestalteten Arthur Rackham, Edmund Dulac, Kay Nielsen, Ivan Bilibin, Paul Hey, Elsa Beskow, Artuš Scheiner, Sulamith Wülfing, Franz Wacik, Heinrich Lefler, Yan' Dargent, Vilhelm Pedersen und Hugo Steiner-Prag.
Theater
- Um die Lebensgeschichte von Hans Christian Andersen geht es in Johann Kresniks Tanzstück HANS CHRISTIAN ANDERSEN, das im Dezember 2005 in der Bonner Oper uraufgeführt wurde.
- Die Markus Zohner Theater Compagnie brachte 2005 das Musiktheaterstück „Hans Christian Andersen-Das Doppelleben eines seltsamen Poeten“ in der Regie von Patrizia Barbuiani heraus. Das Stück erzählt in farbreichen Szenen und Bildern das Leben Hans Christian Andersens, von seiner Geburt in Odense, seine Ausbildung in Kopenhagen und Slagelse, über seine Reisen und wichtigen Begegnungen bis zu seinem Tod.
Musik
- Das Mädchen mit den Schwefelhölzern (Den lille Pige med Svovlstikkerne) – Oper von August Enna, Uraufführung: 1897, Kopenhagen
- Die Seejungfrau. Fantasie für Orchester von Alexander von Zemlinsky (1902/03; UA Wien 1905)
- Das Mädchen mit den Schwefelhölzern – Oper (1988–1996) von Helmut Lachenmann
- Die Schneekönigin – Musical von Sascha Böddecker, Uraufführung: 2004, Tecklenburg
- Die kleine Meerjungfrau - Musical - Musik-Bühne Mannheim
Hans Christian Andersen und seine Werke auf deutschen Briefmarken
Siehe auch
Einzelnachweise
- ↑ Hans Christian Andersen - Books and Biography
- ↑ Heinrich Detering: Das offene Geheimnis. Zur literarischen Produktivität eines Tabus von Winckelmann bis zu Thomas Mann, Göttingen [1995], S. 175–232.
- ↑ * Ane Grum-Schwensen, Kuratorin des H. C. Andersen Hus: The Study at Nyhavn: (engl.)
- ↑ Hans Christian Andersen:Gesammelte Märchen Band 1 und Band 2; Manesse Verlag, Conzett & Huber - auf Grund älterer Übersetzungen herausgegeben u. z. T. neu übersetzt von Fl. Storrer-Madelung mit einem Nachwort von Martin Bodmer; Zürich o. A.
- ↑ In Andersens Stammbuch – Adelbert von Chamisso – Kalliope
- ↑ Der Soldat – Adelbert von Chamisso – Kalliope
- ↑ Museum in Solvang
Literatur
- Andersens Märchen, Knaur Verlag, ISBN 3-426-66111-X
- Hans Christian Andersen/Gerda Raidt (Illustrationen): Der Tannenbaum. Nach der Übersetzung von Thyra Dohrenberg, Düsseldorf 2007, ISBN 978-3-7941-5162-2
- Hans Christian Andersen: Bilderbuch ohne Bilder. Gedichte in Prosa. Aus dem Dänischen von Heinrich Detering. Philipp Reclam jun., Stuttgart 2009, ISBN 978-3-15-010714-0
- Jens Andersen: Hans Christian Andersen. Eine Biographie, Frankfurt 2005, ISBN 3-458-17251-3
- Heinrich Detering: Das offene Geheimnis. Zur literarischen Produktivität eines Tabus von Winckelmann bis zu Thomas Mann, Göttingen [1995], ISBN 3-89244-070-0, wo S. 175−232 zu Andersen
- Heinrich Detering: Andersen und andere. Kleine dänisch-deutsche Kulturgeschichte Kiels, Heide 2005, ISBN 3-8042-1159-3
- Lothar Bolze: Hans Christian Andersen in Dresden und Maxen, Maxen 2005, ISBN 3-9808477-7-2
- Ulrich Sonnenberg: Hans Christian Andersens Kopenhagen, Frankfurt: Schöffling, 1996, ISBN 3-89561-549-8
- Frederike Felcht: Heimkehr wohin? Hans Christian Andersens Orientreise, in: Helge Baumann, Michael Weise et al. (Hg.): Habt euch müde schon geflogen? Reise und Heimkehr als kulturanthropologische Phänomene. Marburg 2010. ISBN 3-8288-2184-7
- Hans Christian Andersen. Tagebücher 1825-1875, Insel Taschenbuch 2886, Insel Verlag Frankfurt am Main und Leipzig, ISBN 3-458-34586-8
- Andersens Märchen, Vollständig überarbeitete und illustrierte Ausgabe speziell für digitale Lesegeräte. 50 Märchen, illustriert mit 124 Zeichnungen. 1. Auflage, Null Papier Verlag, Neuss 2011, ISBN 978-3-943466-11-9
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Diese Seite wurde zuletzt am 9. Mai 2012 um 15:54 Uhr geändert.