Hans Wollschläger (* 17. März 1935 in Minden; † 19. Mai 2007 in Bamberg) war ein deutscher Schriftsteller, Übersetzer und Literaturkritiker, der vor allem durch seine Übersetzung von James Joyces Roman Ulysses sowie seine Karl-May-Biografie bekannt geworden ist.
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Wollschläger wurde 1935 in eine Pastorenfamilie geboren. Er wuchs in Herford, Essen und Bonn auf. 1955 legte er am humanistischen Friedrichs-Gymnasium das Abitur ab. Anschließend begann er an der Nordwestdeutschen Musikakademie (heute Hochschule für Musik) in Detmold ein Musikstudium (Orgel und Kontrapunkt) und arbeitete ab 1957 als Lektor im Karl-May-Verlag, Bamberg.
An der Musikakademie hatte Wollschläger Kompositionsunterricht bei Wolfgang Fortner und privaten Dirigierunterricht bei Hermann Scherchen.[1] Seit damals beschäftigt sich Wollschläger mit Leben und Werk Gustav Mahlers, dessen Fragment gebliebene 10. Sinfonie Wollschläger Ende der 1950er Jahre vervollständigen wollte, was er später als „unstatthaft“[2] bezeichnete.
Nach eigenen Angaben schrieb Wollschläger drei abendfüllende Sinfonien, die aber unveröffentlicht geblieben sind, da er sie rückblickend als „eklektizistisch“ und für „durchweg ohnmächtige Versuche eines Zuspät-Geborenen eingeschätzt hat. […] Technisch gingen diese Versuche darauf hinaus, eine komplexe tonale Struktur hinzukriegen, in der sich keine einzige Note ohne strikte Materialbindung befand“.[2]
Die Begeisterung für Gustav Mahler verband Wollschläger mit Theodor W. Adorno, mit dem er Ende der 1950er Jahre als Vorsitzender der Deutschen Sektion der „Internationalen Gustav Mahler Gesellschaft“ (IGMG) zunächst in brieflichen Kontakt kam und mit dem er schließlich 1960 in Wien zusammentraf.[3] Wollschläger erklärte, Adorno sei einer der beiden Großen gewesen, die er als seine „geistigen Väter“ betrachte.[4] In Moments musicaux (2005) schildert Wollschläger seine Wiener Tage mit TWA und legt dar, wie sehr ihn Adornos Sicht auf Mahlers Werke und deren Aufführungsstil beeinflusst habe. Aber auch Differenzen kommen zu Wort, zum Beispiel die unterschiedliche Bewertung und Einordnung von Mahlers 8. Sinfonie.[5]
Der zweite geistige Vater ist der Schriftsteller und Übersetzer Arno Schmidt. Ihn lernte Wollschläger in seiner Eigenschaft als freier Mitarbeiter des Karl-May-Verlages kennen, wo er zwischen 1957 bis 1970 arbeitete. In dieser Zeit bekam er Zugang zu Karl Mays unveröffentlichten bzw. unbearbeiteten Schriften. Schmidt war zeitlebens begeisterter Karl-May-Leser und entschiedener Kritiker des Bamberger Karl-May-Verlages. Die gemeinsame Vorliebe für Karl May führte Schmidt und Wollschläger oft zusammen, woraus ein Lehrer-Schüler-Verhältnis entstand, das durch gemeinsame Projekte, etwa die Übersetzung von Edgar Allan Poes Werken, ergänzt wurde.
Von großer Bedeutung für Wollschläger war, dass Schmidt ihn in der Arbeit an den Herzgewächsen bestärkte und deren singuläre Neuartigkeit lobte: „Darüber kann Niemand hinweg, daß hier gewichtiges, noch nie gesagtes Neues, en masse und with a lavish hand, deponiert wurde!“[6]
Um 1968 schränkte Schmidt, der sich der Niederschrift seines Magnum opus Zettels Traum widmete, den persönlichen Kontakt zu Wollschläger, den er immer wieder erfolglos zur schriftstellerischen Arbeit angetrieben hat, deutlich ein. Ende 1968 bedauerte Schmidt, etwa in einem Brief, dass Wollschläger trotz eines Verlagvorschusses nicht mit seinem neuen Romanprojekt vorankomme und schloss resigniert, dass da niemand helfen könne.[7] Am Ende eines Besuches des Ehepaares Wollschläger in Bargfeld sagte Schmidt Monika Wollschläger, dass Wollschläger ihn nicht mehr brauche und ließ in der Folge die langjährige Beziehung einschlafen.
Wollschläger pflegte den Kontakt mit Schmidts Frau Alice, der Anfang der 1970er Jahre gleichfalls endete, aber nach der erfolgten Ulysses-Übersetzung Mitte der 1970er Jahre wieder aufgenommen und nach Arno Schmidts Tod 1979 deutlich intensiviert wurde. Als Alice Schmidt am 1. August 1983 Hans und Monika Wollschläger in Bamberg besuchen wollte, starb sie vor der Fahrt zum Bahnhof in der Früh neben ihren gepackten Koffern.[8]
Wollschlägers Verhältnis zu Arno Schmidt bringt der Schmidt- und Joyce-Spezialist Friedhelm Rathjen auf folgenden Punkt:
„Hans Wollschläger schreibt eleganter als Schmidt; er ist im eigentlichen Sinne ein begnadeter Stilist […] Hier zeigt sich, dass Wollschläger von Haus aus ganz andere Schreibanlagen mitbringt als Schmidt und dessen Werk in der produktiven Anverwandlung unter gänzlich anderen Bedingungen verwertet; genau dies ist die Voraussetzung für die Eigenständigkeit der Wollschlägerschen Prosa trotz des immensen Einflusses, den Schmidt darauf genommen hat.[9]“
Wollschlägers erste eigene Buchveröffentlichung war 1965 eine Rowohlt-Bildmonographie über Karl May, die seither in diversen Verlagen Neuauflagen erlebt hat. Arno Schmidt bezeichnete diese „erste solide Biographie“ Karl Mays als „Vorfrühling der May=Forschung“ und als „Pseudo=Erstling“ wegen der „ununterdrückbaren Fähigkeit des Verfassers zu eleganten Formulierungen“ und der „unverkennbar bereits trainierte[n] Kunst der Materialkomprimierung“.[10]
In den 1970er Jahren folgten Die bewaffneten Wallfahrten gen Jerusalem, die sich mit den Kreuzzügen auseinandersetzen, und Die Gegenwart einer Illusion, die sich unter Berufung auf Sigmund Freuds Die Zukunft einer Illusion kritisch mit den christlichen Kirchen beschäftigt.
1982 erschien das Erste Buch von Wollschlägers experimentellem Roman Herzgewächse oder Der Fall Adams, dessen abschließendes Zweites Buch 1984 veröffentlicht werden sollte. Diesen Roman hatte Wollschläger 1959 Arno Schmidt vorgelegt und war dessen Rat gefolgt, den Roman neu zu bearbeiten und dabei die Erkenntnisse des Etym-Verfahrens zu verwerten. Die in diese zweite Fassung eingefügten Etym-Notationen tilgte Wollschläger in der nun veröffentlichten dritten Fassung allerdings weitgehend wieder.[11][12] 1987 wurde unter dem Titel Enuma elisch … ein Kapitel aus dem unveröffentlichten Zweiten Buch der Herzgewächse erstveröffentlicht[13], das Hans Wollschläger im Jänner 1994 in Wien erstmals öffentlich vorgelesen hat.
Die äußere Handlung der Herzgewächse lässt sich knapp referieren: Der Schriftsteller Michael Adams, Jahrgang 1900, geboren in dem Karl May’schen Schicksalsort Aden, kehrt 1950 in seine Heimatstadt Bamberg zurück (nachdem er schon 1948 aus der Emigration nach Frankfurt übersiedelt ist). Er begleitet seine Bamberger Erlebnisse mit Tagebuchnotizen, die sich mit Erinnerungen vermischen, die in frühere Zeiten und seelische Tiefen reichen. Hier in Bamberg wird W sein Schüler. W ist eine Fiktion des jungen Hans Wollschläger, der später als fiktiver Herausgeber H.W. die Notizen Adams’ als Fragmentarische Biographik in unzufälligen Makulaturblättern veröffentlicht. Im Vorwort jenes Herausgebers H.W. aus dem Jahr 1982 werden Lesehinweise erteilt: unter anderem derjenige, dass die hier erstmals veröffentlichten Aufzeichnungen Adams’ sich zu dessen bereits publizierten Schriften wie ein „unsichtbare[r] Grundtext“ verhielten. Schließlich wird der Leser auf den zunehmenden Zerfall des „Ichs“ der Aufzeichnungen vorbereitet, indem von den „Selbstzeugnissen eines Lebens, das zuletzt der Obsorge der Psychiatrie überlassen werden mußte“, die Rede ist.[14]
„Der faszinierende Roman hat es faustdick hinter den Worten. Wollschläger zeigt Satz für Satz, wie viel er von seinen Vorbildern (Adorno, Chandler, Freud, Joyce, Kraus, Mahler, Nietzsche, Poe, Schopenhauer, Schmidt …) gelernt hat. Aber als guter Schüler unterscheidet er sich von seinen Lehrern, denen er nacheifert, ohne sie nachzuahmen. Dieses faustische Streben, es Göttern gleich zu tun, ist auch ein Hauptmotiv der Herzgewächse – die Konsequenz wird im Nebentitel angedeutet: Höllensturz, Sündenfall und Teufelspakt werden tiefenpsychologisch als Bewußtseinsspaltung dargestellt und bieten den Rahmen, eine wissenschaftliche Theorie als mitreißenden Kriminalfall zu präsentieren. Als absolute Literatur reden die Herzgewächse bewußt in sich von sich mit sich selbst, wodurch sie zugleich ihre eigene Sekundärliteratur sind. Überhaupt ist Wollschlägers restliches Schaffen primär Kommentar zu diesem Über-Lebenswerk.“
– Andreas Weigel: Hans Wollschlägers Herzgewächse[15]
Wollschlägers Interpretationen der Werke seiner Lieblingsautoren erweisen sich als hilfreiche Schlüssel bei dem Versuch, die Inhalte der äußerst facettenreichen Herzgewächse mit ihrer Auffächerung des Ichs in verschiedene Personen, den unterschiedlichen zeitlichen Ebenen und den ins Auge fallenden Unterschieden der Schriftgrößen und -stile[16] zu analysieren.
Mit seinem ebenso fundierten wie engagierten Tierschutz-Essay „Tiere sehen dich an“ oder das Potential Mengele trat Wollschläger 1987 so Maßstab setzend gegen den gewissenlosen Umgang mit Nutz- und Versuchstieren auf, dass sein Werk inzwischen zu einem Standard der Tierrechtsbewegung geworden ist.[17] Auslöser für seine intensive Auseinandersetzung mit den vielfältigen Aspekten des Querschnitt-Themas Tierschutz war Wollschlägers Besprechung von Endzeit für Tiere von Gisela Bulla und Sina Walden.[18][19]
Die mit Wollschläger befreundete Sina Walden hat daher in ihrem Nachruf vor allem die besondere Bedeutung betont, die Wollschlägers Werk für die gesamte Tierrechtsbewegung hat:
„Zu ergänzen ist leider, dass Hans Wollschläger als Autor (und darüber hinaus) nicht nur zu den ersten Parteigängern der neuen Tierrechtsbewegung gehörte, sondern auch – mit Ausnahme von Helmut Kaplan und Karlheinz Deschner – der einzige geblieben ist aus der Gilde der Schriftsteller und Dichter, der Berufsphilosophen und Berufsethiker, der Feuilletonisten, Kulturspezialisten und Alles-Besprecher. Sie haben seinen Paukenschlag 'Das Potential Mengele' mit der gleichen Indifferenz hingenommen wie sie die schaurigen Tatsachen selbst hinnehmen. Dass Hans Wollschläger in diesem festgemauerten Überbau speziesistischer Selbstgerechtigkeit keine größere Bresche schlagen konnte, auch das gehört zu seiner Tragik. […] Von seinem Humanismus, der die Anthropozentrik hinter sich gelassen hatte, ist kaum die Rede. Und so müssen wir das nachholen und ihn in die Ehrengalerie der großen Vordenker der Tierrechte stellen, nicht weit von Plutarch, Montaigne und Leonardo da Vinci.“
– Sina Walden: Nachruf[20]
Gemeinsam mit Arno Schmidt und anderen arbeitete Wollschläger an der Neuübersetzung der Gesammelten Werke von Edgar Allan Poe. Zuvor hatte er Robert Govers Kitten-Trilogie übersetzt, Bücher, die in den Jahren 1965 ff. auch in Deutschland Bestseller waren. Später wurde er durch seine Übersetzungen der Kriminalromane von Raymond Chandler und Dashiell Hammett bekannt. Wollschlägers Ruhm als Übersetzer entstand mit seiner hochgelobten und mehrfach ausgezeichneten Übertragung des „Jahrhundertromans“ Ulysses von James Joyce, an der er mehrere Jahre lang arbeitete. Auch seine Übersetzung des Kapitels Anna Livia Plurabelle aus Joyce’ Finnegans Wake gilt als eine bedeutende schöpferische Nachdichtung.
In den letzten zwei Jahrzehnten seines Lebens war Wollschläger gemeinsam mit Hermann Wiedenroth Herausgeber der historisch-kritischen Ausgabe der Werke Karl Mays und gemeinsam mit Rudolf Kreutner der Gesammelten Werke Friedrich Rückerts (1788–1866). Im Rückert-Jahr 1988 erschien Wollschlägers Ausgabe von Rückerts Kindertodtenlieder. „Zum ersten Mal [wurde] die unverfälschte Lektüre dieser entstehungsgeschichtlich begrenzten, thematisch und lebensgeschichtlich geschlossenen dichterischen Leistung möglich.“[21]
„Hans Wollschläger erweist in seiner Neuausgabe der Kindertodtenlieder Rückert nun jene Reverenz, die diesem durch Mahler zugewachsen ist. In seiner Einleitung untersucht er an Rückert das Phänomen der Kreativität, das er vom Geburtstrauma ableitet und als nahen Verwandten der Psychose auffaßt: ‚Rückerts eigentliche Gesellschaft bildeten die kleinen Zettel, die er immer, bei allen Weltgängen, in der Rocktasche bei sich trug – oberflächlich um Beobachtetes zu notieren, in Wahrheit um sich jederzeit an seinen Texten als dem ihm einzig möglichen, nicht-fremden Mit-Ich festhalten zu können.‘ Daneben unternimmt er eine Neubewertung des als zweitrangig beurteilten Lyrikers Rückert, bei der er m(it)unter jegliches kritische Maß vernachlässigt, was zu einer sprachlich und gedanklich gediegenen Verklärung Rückerts führt. Daß Rückerts literarische Bedeutung nicht nur von der Fachwelt als zweitrangig eingestuft wird, beweist auch Gustav Mahler, der an Rückert gerade das Unvollkommene geschätzt hat. Denn Mahler kam es ‚wie Barbarei vor, wenn Musiker es unternehmen, vollendet schöne Gedichte in Musik zu setzen. Das sei so, als wenn ein Meister eine Marmorstatue gemeißelt habe und irgend ein Maler wolle Farbe darauf setzen‘.“
– Andreas Weigel: Friedrich Rückerts „Kindertodtenlieder“[22]
Die weltgeschichtliche Katastrophe des Zweiten Weltkriegs, den er als Kind erlebte, betrachtete Wollschläger nicht nur unter dem Gesichtspunkt der humanen Opfer und materiellen Schäden, sondern vor allem als „den bisher brutalsten Angriff auf die Zivilisation“. Um diese „einzigartige“ Epoche zu verstehen, las er schon während seiner Schulzeit unter anderem Heine, Schopenhauer, Nietzsche und vor allem den Autor, in dem diese Tradition in der Sicht Wollschlägers kulminierte: „Freud … vielleicht das grösste Geschenk des Weltgeistes an dieses barbarische Jahrhundert, das sich uns dadurch verstehbar machte.“[23]
Freud und die Psychoanalyse grundieren und durchsetzen Wollschlägers gesamtes Werk. Wenn er als Motto seines Magnum opus Herzgewächse den Satz, der über dem Eingang zur Platonischen Akademie stand, abwandelte in „Niemand, der sich nicht auf die Psychologie versteht, möge hier eintreten“, so meinte er die Psychoanalyse. Er versuchte in späteren Jahren selbst, psychoanalytische Techniken konventionell und in kleinen Gruppen mit dem Ziel der „nachholenden Ich-Entwicklung“ anzuwenden;[24] doch primär schätzte er an Freud nicht den Psychiater oder Kliniker, sondern den Religionskritiker, der die Religion als „universelle Zwangsneurose“ diagnostizierte, und den Philosophen, der die „Bausteine einer künftigen Ethik der Vernunft“ bereitgestellt habe.[25]
Eine weitere Passion hatte Wollschläger für den 1934 von Freud verstoßenen Psychoanalytiker Wilhelm Reich. Sie datiert aus den 1960er Jahren[26] und bezieht sich ausdrücklich auf den späten Reich. In den 1970er Jahren experimentierte Wollschläger zusammen mit einem befreundeten Medizinstudenten mit Reichs Orgonakkumulator.[27] Im Jahre 2005 trat er erstmals öffentlich für Reich bzw. dessen Spätwerk ein, das zu Unrecht als „bloßes Kuriosum der Forschungsgeschichte“ angesehen werde. Doch obwohl Wollschläger „die Brisanz seiner [Reichs] Gedanken“ bewunderte, fand er noch immer nicht den Ort, „auf sie differenziert einzugehen“.[27] So entging er dem Dilemma, sich zwischen Freud und Reich zu entscheiden; denn während er Freuds „Unbehagen in der Kultur“ als „überragenden Gipfel von Freuds wissenschaftlicher Altersphilosophie“[28] hochschätzt, berichtet Reich, eben dieses Buch habe Freud, ohne Reichs Namen zu nennen, als Abwehrschrift gegen ihn verfasst.[29] Wenige Jahre später, 1934, erfolgte denn auch, von Freud veranlasst, der Ausschluss Reichs[30] aus der Psychoanalytischen Gesellschaft. Wollschläger hat sich zu Freuds Gegnerschaft zu Reich, die – Jahre vor dessen Wendung zur „Orgonomie“ – zu einer veritablen Verfemung Reichs führte,[31] nicht geäußert.
Jörg Drews berichtet in seinem Nachruf auf Hans Wollschläger, dass dieser neben dem „große[n] Buch über Johann Sebastian Bach, für das er schon enorm viel Material gesammelt hatte“, auch eine „Monografie zu dem Psychoanalytiker Wilhelm Reich“ geplant hat.[32]
Zahlreiche an Wollschläger verliehene Kultur- und Literaturpreise sowie die Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Bamberg zeigen, dass sein schriftstellerisches, übersetzerisches und kulturkritisches Schaffen öffentlich anerkannt und gewürdigt wurde.
Die Bekanntheit und Rezeption der Werke hat gegen Ende der 1990er Jahre allerdings deutlich abgenommen, obwohl das „Erste Buch“ der Herzgewächse als die „literarische Sensation“[15] des Jahres 1982 bald Thema mehrerer österreichischer und deutscher Diplomarbeiten[33] und Dissertationen.[34][35] war.
Die Geschichte von Wollschlägers Rezeption ist für den Herzgewächse-Interpreten Andreas Weigel unter mehreren Aspekten bemerkenswert. Seines Erachtens betraf die vehementeste Kritik weniger das geschriebene, als vielmehr das ungeschriebene Werk und sie erfolgte weniger durch Worte als durch Taten. Zahlreiche Leser, die für die Lektüre bzw. die Diskussion das „Zweite Buch“ der Herzgewächse abwarten wollten, hätten ihre Herzgewächse-Exemplare aus Enttäuschung über das Ausbleiben der Fortsetzung in die Antiquariate getragen. Bei vielen habe der nicht erfolgte Abschluss der Herzgewächse zum Desinteresse an Wollschlägers weiterem Schaffen geführt. Diese Abwendung großer Teile einer eingeschworenen Lesergemeinde erinnere an vergleichbare Vorgänge in Bob Dylans Wirkungsgeschichte, als dieser wegen seiner Hinwendung zum religiösen Sektierertum von seinem Stammpublikum nahezu ein Jahrzehnt lang nicht einmal mehr ignoriert wurde.[8]
„Die lange geschürte Erwartung, dass das ‚Zweite Buch’ der Herzgewächse hält, was das ‚Erste’ verspricht, wurde enttäuscht. Als halbfertige Faust-Bearbeitung werden die Herzgewächse von der Literaturgeschichte nicht für voll genommen werden. Der fehlende Abschluss hat viel von dem Lob, das Wollschläger für das ‚Erste Buch’ erhalten hat, zu Vorschusslorbeeren entwertet“, schließt Andreas Weigel auch im Hinblick auf seine eigene zweibändige Herzgewächse-Monographie[36] und bedauert, „dass Wollschläger ausgerechnet die ‚Herzgewächse’, die sein literarisches Ansehen als Romanautor begründet haben und gesichert hätten, unvollendet liegen ließ, um sich statt dessen der Edition der Werke von Karl May und Friedrich Rückert zu widmen.“[8]
Wollschläger war neben Karlheinz Deschner der bekannteste deutsche Kirchen- und Religionskritiker. Eine Auswahl seiner einschlägigen Schriften fasste er zu einem Buch mit dem bezeichnenden Untertitel Reden gegen ein Monstrum zusammen. Seine historische Untersuchung über die Kreuzzüge, die er „bewaffnete Wallfahrten gen Jerusalem“ nannte, schloss er mit der Hoffnung, dass „einmal, vielleicht erst in ein paar hundert Jahren, die vernünftigen, human empfindlichen Völker der Welt sich gegen die Christliche Kirche zusammenschließen könnten, gegen die Institution und gegen die Lehre, die sie trägt …, und sie vor einen Internationalen Gerichtshof laden könnten und sie, aufgrund ihrer Geschichte, der so langen, entsetzlichen, menschheitsverderblichen, zu dem erklären könnten, was sie dann endgültig war: – zur Verbrecherischen Organisation …?“
Vor dem Hintergrund seiner kirchenkritischen Schriften, die ein entschiedenes Urteil über Gegenwart und Vergangenheit der christlichen Kirchen sprechen, hat die von Karlheinz Deschner überlieferte Nachricht, dass Wollschläger nach christlichem Ritus bestattet wurde,[37] die meisten Wollschläger-Leser überrascht.
Ulrich Raulff, der Direktor des Deutschen Literaturarchivs Marbach, berichtete Anfang Juli 2007 in einem FAZ-Interview, dass das Auktionshaus Christie’s dem Marbacher Literaturarchiv zu Lebzeiten Wollschlägers dessen Vorlass für eine Million Euro angeboten habe.[38]
Im Jahr 2011 wurde Wollschlägers Wunsch entsprechend nahezu sein vollständiges Archiv (nicht seine Bibliothek) der Staatsbibliothek Bamberg übereignet. Allein die Originalbriefe Arno Schmidts an Hans Wollschläger waren 2010 an die Arno-Schmidt-Stiftung in Bargfeld veräußert worden, die den lange angekündigten Briefwechsel zwischen Schmidt und Wollschläger im Rahmen der Bargfelder Ausgabe veröffentlichen wird. Da von Schmidts Briefen an Wollschläger Kopien vorliegen, befindet sich die gesamte Korrespondenz (Kopien von Schmidts sowie Durchschläge von Wollschlägers Briefen) dennoch auch im Wollschläger-Archiv der Staatsbibliothek Bamberg.
Wollschlägers musikalische Kompositionen – so weit erhalten[39] – befinden sich gleichfalls im Nachlass, ferner das einzig erhaltene Exemplar der 1962 verfassten, vollständigen Version seines Romans Herzgewächse oder Der Fall Adams, die in den 1960er Jahren von Arno Schmidt mehreren bundesdeutschen Verlagen zur Veröffentlichung empfohlen wurde und als Abschluss von Wollschlägers Schriften in Einzelausgaben erscheinen soll.
Derzeit entsteht im Wallstein-Verlag Göttingen eine Werkreihe mit dem Titel Hans Wollschläger – Schriften in Einzelausgaben. Bisher sind erschienen:
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