Hansjoachim Tiedge (* 24. Juni 1937 in Berlin; † 6. April 2011 nahe Moskau) war ein deutscher Nachrichtendienstbeamter und Überläufer. Er trat 1966 in die Dienste des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV) in Köln und war bis 18. August 1985 zuständig für die Abwehr der DDR-Spionage, bevor er in die DDR überlief.
Tiedge war Jurist. Getrieben von erheblichen psychischen Problemen, die durch Alkoholmissbrauch, hohe Schulden und den Tod seiner Frau ausgelöst wurden, floh Tiedge am 19. August 1985 mit dem Interzonenzug in die DDR. Am Grenzübergang Helmstedt-Marienborn stellte er sich den DDR-Grenztruppen. Vier Tage später gab die DDR-Nachrichtenagentur ADN den Übertritt Tiedges bekannt. In den anschließenden Verhören verriet Tiedge sein gesamtes Wissen über seinen ehemaligen Arbeitgeber, das Bundesamt für Verfassungsschutz, insbesondere über dessen Spionagetätigkeiten in der DDR. Tiedges ehemaliger Chef Heribert Hellenbroich, gerade zum Präsidenten des BND ernannt, trat zurück und wurde in den vorzeitigen Ruhestand versetzt. Hellenbroich waren die Alkoholprobleme und Schulden Tiedges bekannt, trotzdem beließ er ihn in seinem Amt. Nachfolger von Hellenbroich wurde Hans-Georg Wieck.
Im Zusammenhang mit der Flucht Tiedges flogen im gleichen Monat mehrere andere Spionagefälle („Sekretärinnenaffäre“) auf. Anfang August 1985 setzte sich Johanna Olbrich (alias Sonja Lüneburg), die Sekretärin von Bundeswirtschaftsminister Martin Bangemann, in die DDR ab, ebenso die Sekretärin Margarete Höke, die im Bundespräsidialamt beschäftigt war. In die DDR flüchteten auch die Chefsekretärin beim Bund der Vertriebenen Ursula Richter und ihr Freund Lorenz Betzing, der beim Bundeswehrverwaltungsamt beschäftigt war. In der DDR wurden der BfV-Agent Horst Garau und seine Frau Gerlinde verhaftet. Er wurde zu lebenslanger Freiheitsstrafe, seine Frau zu dreieinhalb Jahren verurteilt. Garau nahm sich 1988 im MfS-Gefängnis Bautzen durch Erhängen das Leben, allerdings unter „nie überzeugend geklärten Umständen“.[1] Für Tiedge erfand man die Legende, er sei bereits viele Jahre als „Kundschafter des Friedens“ tätig gewesen, um die Topagenten Joachim Krase (bis 1984 beim MAD) und Tiedges Kollegen Klaus Kuron nicht zu gefährden.
Kurz vor der politischen Wende in der DDR wurde Tiedge, der sich inzwischen Helmut Fischer nannte und in Prenden wohnte, 1988 an der Humboldt-Universität in Ost-Berlin mit einer Dissertation über die Abwehrarbeit des Verfassungsschutzes promoviert.
Nach der Wende 1989 lebte er zunächst noch unbehelligt in Prenden, bis ihn am 23. August 1990 schließlich der KGB in die Sowjetunion ausflog[2].
Tiedge, stets überzeugt von der Richtigkeit seines Handelns, lebte zuletzt abgeschottet in der Nähe von Moskau. Seit 2005 war in seinem Fall der Tatbestand des Landesverrats in Deutschland verjährt und eine diesbezügliche Strafverfolgung in Deutschland gegen ihn nicht mehr möglich[2][3].
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