Wie Martin Heideggers Verhältnis zum Nationalsozialismus zu beurteilen ist, wird bis heute in den Medien und von Historikern und Philosophen heftig diskutiert. Hier wird ein Überblick über den Stand der Forschungskontroverse und einschlägige Aussagen Heideggers sowie einiger Zeitgenossen gegeben. Zu den historischen Geschehnissen siehe die Biographie Heideggers.
Heideggers Verhalten in der Zeit des Nationalsozialismus ist Gegenstand einer breiten Debatte, in deren Zentrum das Verhältnis der drei Momente Person, Werk, nationalsozialistische Ideologie und Politik steht. Hierbei werden vor allem zwei Aspekte untersucht:
In äußerst grober Darstellung lassen sich, Dieter Thomä folgend, acht verschiedene Positionen so zusammenfassen:[1]
Rainer Thurnher resümiert in seinem Artikel über Heidegger: „Die dokumentierten Appelle und Reden – darunter auch die vieldiskutierte Rektoratsrede – zeigen Heidegger auf einem Niveau, das tief unter dem seiner denkerischen Bemühungen – der vorangegangenen wie der nachfolgenden – liegt.“[24] Den Grund für Heideggers begeistertes Engagement sieht er in einer „Fehleinschätzung“ des politischen Geschehens.
Rüdiger Safranski beschreibt Heideggers Jugendhaltung zu Juden mit einem Begriff Sebastian Haffners als „Konkurrenzantisemitismus“. Diese damals in akademischen Kreisen weit verbreitete Form des Antisemitismus sieht in den Juden eine besondere Gruppe, die im akademischen Bereich eine führende, ihrem proportionalen Anteil an der Gesamtbevölkerung nicht entsprechende Rolle einnimmt.[25] In diesem Zusammenhang steht auch 1916 in einem Privatbrief Heideggers einzige Warnung vor der „Verjudung“ der Wissenschaft. Heidegger hat andererseits auch jüdische Kollegen in Schutz genommen und antisemitische Protestaktionen von Studenten verhindert[26]. Trotz allem ist er zu jüdischen Kollegen auf Distanz gegangen. Safranski betont jedoch, dass bei Heideggers Haltung nicht von einem rassischen Antisemitismus gesprochen werden kann. Heidegger kam es mehr auf die Entscheidungen an, die ein Mensch traf, nicht auf seine Abstammung. In Heideggers Worten: der Entwurf war ihm wichtiger als die Geworfenheit. Was Heideggers damalige Begeisterung für den Nationalsozialismus betrifft, so kommt Safranski zu dem Urteil, Heidegger habe seine frühe Philosophie auf den Nationalsozialismus projiziert. Später hat Heidegger, so Safranski, sein Verhältnis zum Nationalsozialismus grundlegend geändert und in diesem nicht mehr einen möglichen Widerstand zur Moderne entdeckt, sondern ihn als deren konsequentesten Ausdruck gesehen: technische Raserei, Herrschaft und Organisation, totale Mobilisierung. Heidegger hat ebenso die Bedrohung betonen wollen, die vom Rassismus ausgeht, und den real existierenden Nationalsozialismus als Verrat an der Revolution – die eine metaphysische, keine politische sein sollte – verstanden.[27]
Auch Dieter Thomä urteilt, dass nicht von einem biologischen Rassismus Heideggers gesprochen werden kann – schon weil dies mit Heideggers Philosophie im Widerspruch steht. Zwar treten einzelne antisemitische Äußerungen auf, z. B. die Warnung vor der „Verjudung“ und „Gefährlichen internationalen Verbindungen der Juden“ (diese aber nur laut Karl Jaspers). Insgesamt stößt man jedoch auf sich durchkreuzende Diskurse für und gegen den Antisemitismus.[28] Heideggers Begriff des Volkes, der nun ab 1933 verstärkt auftrat, ist dabei nicht durch ein biologisches Privileg ausgezeichnet, sondern durch die Hingabe an ein „Geschick“ (Schicksal). Hierin erfüllte sich für Heidegger die Aufgabe, dass das deutsche Volk „sein eigenes Wesen behalte und rette“, so Heidegger am 10. November 1933.[29] Dabei spielt das Prinzip der Führerschaft eine wesentliche Rolle: „Das Wesen der nationalsozialistischen Revolution“, so erläuterte Heidegger am 15. August 1934, „besteht darin, daß Adolf Hitler jenen neuen Geist der Gemeinschaft zur gestaltenden Macht einer neuen Ordnung des Volkes erhöht und durchgesetzt hat.“[30] „Der Führer selbst und allein ist die heutige und künftige deutsche Wirklichkeit und ihr Gesetz.“ (Oktober 1933)[31]
Bruno Altmann, der 1943 als ausgebürgerter Deutscher jüdischer Herkunft in KZ Majdanek ermordet wurde, schrieb 1938 im französischen Exil:
„Über Heideggers Entwicklung sind viele Witze gerissen worden: den schlechtesten hat er selbst gemacht, als er nach allem Nationalsozialist wurde.“[32]
Dass er sich nach dem Krieg kaum über seine Beziehung zum Nationalsozialismus äußerte, erklärte Heidegger selbst damit, dass er sein Denken vor billigen Einwänden ad personam schützen wolle. Hierdurch wolle er Ersatzhandlungen vorbeugen, die statt das Denken den Denkenden angreifen. Ob eine solche Trennung von Person und Denken jedoch möglich ist, ist – zumindest für die Zeit um 1933 – umstritten.[33] Heidegger selbst sah sich für die Gräuel des Nationalsozialismus in keiner Form in Verantwortung, da er Kernthesen der nationalsozialistischen Ideologie nie akzeptiert habe, urteilt der Heidegger-Forscher Otto Pöggeler:
„Als 1945 die Tore der Konzentrations- und Vernichtungslager geöffnet wurden, konnte Heidegger sich sagen, daß er mit den Urhebern der Unmenschlichkeit dort nichts gemeinsam gehabt habe. In der Tat hatte er nie akzeptiert, was sich doch als Kern des Nationalsozialismus herauskristallisiert hatte: den Rassengedanken, den Kampf um die Weltherrschaft von einem totalitären System aus. So schrumpfte für Heidegger die eigene Beteiligung an der nationalsozialistischen Bewegung auf einen kurzen Irrtum zusammen.“[34]
Pöggeler betont, dass sich Heidegger mit seiner von 1936 bis 1940 in Freiburg gehaltenen Nietzsche-Vorlesung vom Nationalsozialismus absetzt, wenn dort die rationalitas der nationalsozialistischen „totalen Mobilmachung“ aus dem animal rationale laut Heidegger bloß noch in die brutalitas führt. Auch mit seiner Vorlesung „Hölderlins Hymne »Der Ister«“ habe Heidegger für die damalige Zeit verhältnismäßig deutliche Worte in der Öffentlichkeit geäußert, die seine Abkehr vom nationalsozialistischen Gedankengut deutlich machen. So lehnt Heidegger hier vor allem die Idee einer geschlossenen Weltanschauung ab, die für ihn Erstarrung bedeutet und das Ende alles Fragens. Der Politisierung aller Lebensbereiche im Nationalsozialismus hält er die antike Polis entgegen. 1938 schrieb er deutlich :
"Daher gehören in das vom unbedingten Machtwesenbestimmte Zeitalter die großen Verbrecher. Sie lassen sich nicht nach sittlich-rechtlichen Maßstäben beurteilen. Man kann dastun, aber man erreicht so niemals ihr eigentliches Verbrechertum. Auch gibt es keine Strafe, die groß genug wäre, solche Verbrecher zu züchtigen. Jede Strafe bleibt wesentlich hinter ihremVerbrecherwesen zurück. Auch die Hölle und dergleichen ist zuklein im Wesen gegen das, was die unbedingten Verbrecher zuBruch bringen. Die planetarischen Hauptverbrecher sind sich ihrem Wesennach zufolge ihrer unbedingten Knechtschaft gegenüber derunbedingten Ermächtigung der Macht völlig gleich. Historisch bedingte und als Vordergrund sich breitmachende Unterschiededienen nur dazu, das Verbrechertum ins Harmlose zu verkleidenund gar noch sein Vollbringen als »moralisch« notwendig im »Interesse« der Menschheit darzutun. Die planetarischen Hauptverbrecher der neuesten Neuzeit, inder sie erst möglich und notwendig werden, lassen sich gerade an den Fingern einer Hand abzählen."[35]
Trotz allem bleibt Heidegger nach Pöggeler in alten Denkmustern, die für Deutschland eine geschichtliche Sonderposition zwischen »amerikanischem System« und »Bolschewismus« darstellt. Die Idee vom »Land der Dichter und Denker« für das eine Sonderrolle als »Kulturnation« gesehen wurde, bestimme auch noch Heideggers Denken.[36]
Heideggers Mitgliedschaft in der NSDAP und seine Weigerung, zum Holocaust Stellung zu nehmen, belastete seine Freundschaften unter anderem mit Karl Jaspers, Karl Löwith, Hans Jonas, Paul Celan und Hannah Arendt. Arendt nahm 1950 wieder brieflichen und persönlichen Kontakt auf, der – nach erneuten Unterbrechungen – erst mit ihrem Tod endete. In dem zuerst 1969 veröffentlichten Text „Martin Heidegger ist achtzig Jahre alt“ preist Arendt die Qualität von Heideggers Denken, unter der Hommage ist jedoch der Hinweis auf Heideggers Kompromittierung durch seinen Versuch, sich auf die Politik einzulassen, kaum versteckt.[37][38] Arendt liegt jedoch nichts ferner, als dies aus dem spezifischen Denken Heideggers zu erklären. Vielmehr vergleicht sie Heidegger und Platon, die beide "ihre Zuflucht zu Tyrannen und Führern nahmen." Hierbei handelt es sich um eine "déformation professionelle" großer Denker.[39] Ihre Achtung vor Heidegger beruhe darauf, dass er aus seinem Fehler gelernt und sich fortan auf die Domäne des Denkens beschränkt habe.[40] Neben Jaspers hielt Arendt Heidegger für den größten zeitgenössischen Philosophen, attestierte ihm jedoch 1949 in einem Brief an Jaspers Charakterlosigkeit, in dem Sinne, „daß er buchstäblich keinen hat, bestimmt auch keinen besonders schlechten.“ Sie setzte jedoch hinzu: „Dabei lebt er doch in einer Tiefe und mit einer Leidenschaftlichkeit, die man nicht vergessen kann.“[41] Und sie meinte: „Heidegger selbst korrigierte seinen eigenen 'Irrtum' schneller und radikaler als viele derjenigen, die später zu Gericht über ihn saßen.“[42]
Jean-Michel Palmier berichtet, wie er einmal mit Ernst Jünger über Heideggers Schweigen zum Rektorat gesprochen habe. Jünger habe damals die boshafte Auskunft gegeben: Heidegger habe sich für seinen politischen Irrtum deshalb nicht entschuldigen wollen, weil er von seinem Standpunkt aus eher hätte erwarten müssen, dass Hitler wiederauferstünde und um Verzeihung bäte, ihn, Heidegger, irregeführt zu haben.[43]
1987 flammte mit der Veröffentlichung des Buches „Heidegger et le nazisme“ von Victor Farías eine neue, bis heute nicht abgeschlossene Diskussion auf. Farías veröffentlichte Mitschriften von Vorlesungen, die eindeutig nationalsozialistisches Gedankengut enthalten. Dabei ist zu bedenken, dass es sich nicht um autorisierte Veröffentlichungen handelt. Das Buch erfuhr jedoch scharfe Kritik, wobei vor allem die mangelnde philosophische Kompetenz des Autors gerügt wird. Dies wirkt sich wiederum disqualifizierend auf die von Farías angestrebte Verknüpfung von Biographie und Philosophie aus.[44]. Der bedeutendste Heidegger-Schüler Hans-Georg Gadamer urteilte entsprechend: „Es ist zu bedauern, daß das Buch von Farías (…) auch seinen Informationen nach gänzlich äußerlich und längst überholt ist und daß es dort, wo es Philosophisches berührt, von grotesker Oberflächlichkeit ist und von Unkenntnis geradezu strotzt.“[45] 1988 erschien das Buch „Heidegger – anatomie d'un scandale“ von François Fédier, der den Untersuchungen von Victor Farías am deutlichsten widersprach. 2005 und 2006 entbrannte dieselbe Diskussion in Frankreich nochmals, diesmal zwischen Emmanuel Faye und François Fédier, die in diesem Zusammenhang auch in einer TV-Diskussion Februar 2007 beim Sender PublicSénat auftraten.[46] Besonders Faye hatte sich mit Vehemenz dafür eingesetzt, zwischen Heidegger und dem Nationalsozialismus eine tiefgreifende und ungebrochene Verbindung herzustellen. Dafür hatte sich Faye auch auf Materialien und Schriften Heideggers berufen, die noch nicht veröffentlicht waren und nur ihm vorlagen. Nach der Veröffentlichung erwiesen sich viele Aussagen von Faye als bewusste Verstellung und ihm wurde „polemische Verschleierung“, Unwahrheit und Unwissenschaftlichkeit vorgeworfen.[47]
Jürgen Habermas sieht im Werk vor 1933 eher Potentiale für antifaschistischen Widerstand. Derrida hielt hingegen die Schriften nach 1945 aufgrund ihrer radikalen Lösung von der traditionellen Metaphysik für antifaschistisch. Trotz allem kritisierte er Heidegger harsch, nicht ohne die Notwendigkeit zu betonen, ihn zu lesen. Medard Boss bezeichnet ihn in seinem Vorwort des Buches „Zollikoner Seminare“ der Gesamtausgabe als den Menschen, der am gründlichsten verleumdet wurde.
Nach der Niederlegung des Rektorats lassen sich, so Silvio Vietta, zahlreiche Passagen seiner noch zu NS-Zeiten gehaltenen Vorlesungen als implizite Kritik am Nationalsozialismus erkennen.[48] Der ehmalige Student Georg Picht zum Beispiel erzählt:
„Wie Heidegger selbst sich diese Revolution vorstellte, wurde mir bei einer denkwürdigen Gelegenheit deutlich. Es war angeordnet worden, daß zum Zweck der politischen Erziehung jeden Monat ein Vortrag gehalten werden sollte, der für sämtliche Studenten obligatorisch war. Kein Raum in der Universität war groß genug; es wurde der Paulus-Saal gemietet. Zum ersten dieser Vorträge lud Heidegger, der damals Rektor war, den Schwager meiner Mutter, Victor von Weizsäcker, ein. Alle waren ratlos, denn daß Weizsäcker kein Nazi war, wußte jeder. Aber Heideggers Wort war Gesetz. Der Student, den er als Leiter der philosophischen Fachschaft eingesetzt hatte, fühlte sich bemüßigt, die Veranstaltung mit einer programmatischen Rede über die nationalsozialistische Revolution zu beginnen. Nach wenigen Minuten scharrte Heidegger mit den Füßen und rief mit seiner scharfen, in der Erregung überschnappenden Stimme: , Dieses Geschwätz hört jetzt auf'.' Total vernichtet verschwand der Student von Podium. Er mußte sein Amt niederlegen. Victor von Weizsäcker aber hielt einen makellosen Vortrag über seine medizinische Philosophie, in dem von Nationalsozialismus mit keinem Wort, wohl aber von Siegmund Freud die Rede war."[49] Nach Pichts Erinnerung kommentierte sein Onkel Weizsäcker im Nachgang zu seinem Vortrag die für Picht verwunderliche Haltung Heideggers zum Nationalsozialismus: „Ich bin ziemlich sicher, daß das ein Mißverständnis ist – so etwas gibt es in der Geschichte der Philosophie noch öfter. Aber eines hat Heidegger von allen voraus: er merkt, daß hier etwas vor sich geht, von dem die anderen keine Ahnung haben.“[50]
In einem Brief an seine spätere Frau Elfriede schrieb Heidegger 1916:
„Die Verjudung unserer Kultur u. Universitäten ist allerdings schreckerregend u. ich meine die deutsche Rasse sollte noch soviel innere Kraft aufbringen um in die Höhe zu kommen.“[51]
In einem Brief an Hannah Arendt, datiert 1932/33 , wehrte sich Heidegger gegen Gerüchte über seine Einstellung zu Juden:
„Die Gerüchte, die dich beunruhigen, sind Verleumdungen […] und üble Nachrede […]“
Er zählte Juden auf, die bei ihm promovierten und sich habilitierten, und fuhr ironisch fort:
„Im Übrigen bin ich heute in Universitätsfragen genauso Antisemit wie vor 10 Jahren und in Marburg, wo ich für den Antisemitismus sogar die Unterstützung von Jacobstal und Friedländer fand. Das hat mit persönlichen Beziehungen zu Juden, (z. B. Husserl, Misch, Cassirer und anderen) nichts zu tun. Und erst recht kann es nicht das Verhältnis zu Dir berühren.“[52]
Wenige Monate später trat er in die NSDAP ein. In seiner Antrittsrede vom 27. Mai 1933 heißt es:
„...die geistige Welt eines Volkes ... ist die Macht der tiefsten Bewahrung seiner erd- und bluthaften Kräfte als Macht der innersten Erregung und weitesten Erschütterung seines Daseins.[53]“
Zahlreiche Kommentatoren, beispielsweise Wolfgang Röd[54] oder Tom Rockmore[55], haben hier Anklänge an die nationalsozialistische Blut und Boden-Rhetorik gesehen. Ähnlich[56] auch in folgender Passage einer Freiburger Vorlesung dieser Zeit:
„Blut und Boden sind zwar mächtig und notwendig, aber nicht hinreichende Bedingung für das Dasein eines Volkes.[57]“
Heidegger selbst hat in einer späteren Rechtfertigung zur Rektoratsrede die Rede von "erd- und bluthaften Kräften" unterschlagen und beansprucht, eine zur Ideologie Alfred Rosenbergs gegenteilige Position vertreten zu haben.[58]
In einem Brief an Heidegger vom 23. September 1933 schrieb Jaspers, der sich für den Erhalt der authentischen Fassung der Rektoratsrede bedankte:
„… Mein Vertrauen zu Ihrem Philosophieren, das ich seit dem Frühjahr und unseren damaligen Gesprächen in neuer Stärke habe, wird nicht gestört durch Eigenschaften dieser Rede, die zeitgemäß sind, durch etwas darin, was mich ein wenig forciert anmutet und durch Sätze, die mir auch wohl einen hohlen Klang zu haben scheinen. Alles in allem bin ich nur froh, dass jemand so sprechen kann, dass er an die echten Grenzen und Ursprünge rührt.“[59]
Kurz danach brach der Kontakt zwischen den beiden Philosophen ab, bis zum Ende der nationalsozialistischen Herrschaft.
Heidegger scheute sich auch nicht, seinen philosophischen Gegner, Richard Hönigswald, mit dem zeitgemäßen Jargon zu diffamieren und aktiv zu dessen Verdrängung aus dem Amt beizutragen. Reinhold Aschenberg spricht von einem „im Text des Machwerks offen evozierten germanofaschistischem Diskurskontext.“[60] Für Dr. Einhauser, einen Oberregierungsrat im Bayerischen Kultusministerium, schrieb Heidegger in einem erbetenen Gutachten am 26. Juni 1933:
Heidegger wirkte bei dem Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat, das am 11. November 1933 bei einem Festakt in Leipzig abgelegt wurde, an führender Stelle mit; er war Mitglied des Präsidiums und hielt (nach der Begrüßung durch den örtlichen Rektor) die Eröffnungsrede: Keiner kann fernbleiben am Tage der Bekundung dieses Willens,...Heil Hitler. Für die Übersetzung des Machwerks, das er als "Markstein" bezeichnet, in mehrere Sprachen und für den Druck sammelte er als Rektor Geld bei den Freiburger Dekanen; sein Schreiben dazu vom 13. Dezember 1933 endet mit: Es bedarf keines besonderen Hinweises, dass Nichtarier auf dem Unterschriftenblatt nicht erscheinen sollen. Dieses Blatt sollte Faksimiles der Unterschriften aller Bekennenden abbilden.[62]
Heidegger äußerte sich nie ausführlich oder eindeutig über seine Parteimitgliedschaft während des Dritten Reichs. In einem Brief an Karl Jaspers Anfang 1950 drückte er seine Scham darüber aus, dass er die Beziehungen während der Zeit des Nationalsozialismus abgebrochen habe.[63]
Widersprüchliche Aussagen gibt es bezüglich Heideggers Verhalten gegenüber Husserl in den 1930er Jahren; Heidegger selbst sprach hier von rein philosophisch-sachlichen Streitigkeiten, die nichts mit 1933 zu tun haben:
„Die Differenzen in sachlicher Hinsicht verschärften sich. Husserl hat anfangs der dreißiger Jahre eine öffentliche Abrechnung mit Max Scheler und mir gehalten deren Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ.“[64]
Wegen seines Nichterscheinens bei Husserls Krankenbett und dessen Beisetzung gestand er gegenüber Husserls Ehefrau Malvine Husserl „menschliches Versagen“ ein und bat um Entschuldigung. Als Heideggers Hauptwerk: „Sein und Zeit“ 1941 in der 5. Auflage neu aufgelegt wurde, fehlte die Widmung für Edmund Husserl auf Vorschlag und Wunsch des Verlegers Hermann Niemeyer, hingegen blieb die Fußnote auf Seite 38 bestehen, wo Heidegger seinem Lehrer Husserl seinen Dank aussprach. Ein möglicher Grund für die Entfernung auf der ersten Seite ist, dass es wohl mit der Widmung an den Juden Edmund Husserl im nationalsozialistischen Deutschland nicht erneut aufgelegt hätte werden können. In der 4. Auflage 1935 sowie in der 6. Auflage 1949 waren die Widmungen vollständig. Dass Heidegger Husserl den Zutritt zu Bibliothek verwehrt habe, ist ein Gerücht. Heidegger selbst wies es scharf als Verleumdung zurück.[65]
Noch 1953 ließ Heidegger über den Nationalsozialismus die Phrase von der „inneren Wahrheit und Größe dieser Bewegung“ drucken.[66] In einem Brief vom 18. März 1968 an Herrn S. Zernach in Jerusalem schrieb er hierzu:
„… Aus der 1935 gehaltenen und 1953 wörtlich genau veröffentlichen Vorlesung 'Einführung in die Metaphysik' wird immer wieder der eine Satz S. 152 herausgegriffen und das Ganze der Vorlesung übergangen, aus dem hervorgeht, dass meine Stellung zum Nationalsozialismus in jener Zeit bereits eindeutig gegnerisch war. Die verständigen Hörer dieser Vorlesung haben daher auch begriffen, wie der Satz zu verstehen sei. Nur die Spitzel der Partei, die – wie ich wusste – in meiner Vorlesung saßen, verstanden den Satz anders, sollten es auch. Man musste diesen Leuten hier und da einen Brocken zuwerfen, um sich die Freiheit der Lehre und Rede zu bewahren. … Schließlich möchte ich auf meine Nietzsche-Vorlesung verweisen von 1936 bis 1940, die jeder Hörer eindeutig als grundsätzliche kritische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus verstanden hat.“
Heidegger erklärte nachträglich im September 1966 im Interview mit dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel:
„Ich sah damals keine Alternative. Bei der allgemeinen Verwirrung der Meinungen und der politischen Tendenzen von 32 Parteien galt es, zu einer nationalen und vor allem sozialen Einstellung zu finden, etwa im Sinne des Versuchs von Friedrich Naumann.“[67]
In dem viel beachteten Interview, das auf Heideggers Wunsch erst nach seinem Tod im Mai 1976 veröffentlicht wurde, sagte er im Zusammenhang mit der Deutung der Technik:
„Ich sehe gerade die Aufgabe des Denkens darin, in seinen Grenzen mitzuhelfen, dass der Mensch überhaupt erst ein zureichendes Verhältnis zum Wesen der Technik erlangt. Der Nationalsozialismus ist zwar in die Richtung gegangen; diese Leute aber waren viel zu unbedarft im Denken, um ein wirklich explizites Verhältnis zu dem zu gewinnen, was heute geschieht und seit drei Jahrhunderten unterwegs ist.“
Heideggers erste öffentliche Äußerung nach dem Krieg erfolgte 1949 in einer Vortragsreihe in Bremen (Manuskripte in GA 79). Hier finden sich mehrere Sätze zum Holocaust, wie im Vortag über „Das Gestell“, in den er die Juden aber nicht erwähnt. Ackerbau sei jetzt motorisierte Ernährungsindustrie, „im Wesen dasselbe“ wie die Fabrikation von Leichen in Gaskammern und Vernichtungslagern, dasselbe wie die Blockade und Aushungerung von Ländern, dasselbe wie die Fabrikation von Wasserstoffbomben.[68] Dieser Vortrag wurde von Heidegger später in stark umgearbeiteter Form noch einmal gehalten, diesmal unter dem Titel „Die Frage nach der Technik“ (GA 7). Hier findet sich nur noch der Satz „Ackerbau ist jetzt motorisierte Ernährungsindustrie.“ In einem anderen Bremer Vortrag ("Die Gefahr") sprach Heidegger nochmals vom Holocaust, den er dabei erneut in einen anderen Beziehungszusammenhang stellte und mit fragwürdigen Zahlenangaben verband: „Hunderttausende sterben in Masse. Sterben Sie? Sie kommen um. Sie werden umgelegt. Sterben Sie? Sie werden Bestandsstücke eines Bestandes der Fabrikation von Leichen. Sterben Sie? Sie werden in Vernichtungslagern unauffällig liquidiert. Und auch ohne Solches – Millionen verelenden jetzt in China durch den Hunger in ein Verenden. Sterben aber heißt, diesen Austrag vermögen. Wir vermögen es nur, wenn unser Wesen das Wesen des Todes mag. Doch inmitten der ungezählten Tode bleibt das Wesen des Todes verstellt.“[69]
An Jaspers schrieb er am 8. April 1950, dass „von Jahr zu Jahr, je mehr das Bösartige herauskam, auch die Scham wuchs, jemals hier unmittelbar und mittelbar mitgewirkt zu haben.“[70]
Viele von Heideggers ehemaligen Schülern bedrückte sein Schweigen nach 1945. In einem Brief bat Herbert Marcuse, der ursprünglich bei Heidegger habilitieren wollte, diesen 1947 darum, Stellung zu beziehen und sich öffentlich vom Nationalsozialismus zu distanzieren. Marcuse hatte sich bereits 1934 im Exil mit Heideggers Rektoratsrede auseinandergesetzt.[71] Heidegger antwortete hierauf:
„… Wenn ich Ihrem Brief entnehme, daß es Ihnen ernst ist mit einer richtigen Beurteilung meiner Arbeit und meiner Person, so zeigt mir gerade Ihr Schreiben, wie schwer ein Gespräch mit Menschen ist, die seit 1933 nicht mehr in Deutschland waren und die den Beginn der nationalsozialistischen Bewegung von ihrem Ende aus beurteilen. Zu den Hauptpunkten Ihres Briefes möchte ich folgendes sagen. 1. Zu 1933: ich erwartete vom Nationalsozialismus eine geistige Erneuerung des ganzen Lebens, eine Aussöhnung sozialer Gegensätze und eine Rettung des abendländischen Daseins vor den Gefahren des Kommunismus. Diese Gedanken wurden ausgesprochen in meiner Rektoratsrede (haben Sie diese ganz gelesen?), in einem Vortrag über 'Das Wesen der Wissenschaft' und in zwei Ansprachen an die Dozenten und Studenten der hiesigen Universität. Dazu kam noch ein Wahlaufruf von ca. 25/30 Zeilen, veröffentlicht in der hiesigen Studentenzeitung. Einige Sätze darin sehe ich heute als Entgleisung an. Das ist alles. 2. 1934 erkannte ich meinen politischen Irrtum, legte unter Protest gegenüber Staat u. Partei mein Rektorat nieder. Daß man n. 1. propagandistisch im In- u. Ausland ausnutzte, n. 2. aber ebenso propagandistisch verschwieg, kam mir nicht zur Kenntnis u. kann mir nicht zur Last gelegt werden. 3. Sie haben völlig recht, daß ein öffentliches, allen verständliches Gegenbekenntnis von mir fehlt; es hätte mich ans Messer geliefert und die Familie mit. Jaspers sagte dazu: Daß wir leben, ist unsere Schuld. 4. Ich habe in meinen Vorlesungen und Übungen von 1934/44 einen so eindeutigen Standpunkt eingenommen, daß von denen, die meine Schüler waren, keiner der Naziideologie verfiel. Meine Arbeiten aus dieser Zeit werden, wenn sie einmal erscheinen, dafür zeugen. 5. Ein Bekenntnis nach 1945 war mir unmöglich, weil die Nazianhänger in der widerlichsten Weise ihren Gesinnungswechsel bekundeten, ich aber mit ihnen nichts gemein hatte. 6. Zu den schweren berechtigten Vorwürfen, die Sie aussprechen 'über ein Regime, das Millionen von Juden umgebracht hat, das den Terror zum Normalzustand gemacht hat und alles, was ja wirklich mit dem Begriff Geist und Freiheit u. Wahrheit verbunden war, in sein Gegenteil verkehrt hat', kann ich nur hinzufügen, daß statt 'Juden' 'Ostdeutsche' zu stehen hat und dann genauso gilt für einen der Alliierten, mit dem Unterschied, daß alles, was seit 1945 geschieht, der Weltöffentlichkeit bekannt ist, während der blutige Terror der Nazis vor dem deutschen Volk tatsächlich geheimgehalten worden ist.“[72]
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