Ein Inoffizieller Mitarbeiter (kurz IM, oft auch als Informeller Mitarbeiter[1] oder Geheimer Informator oder auch Geheimer Informant bezeichnet) war in der DDR eine Person, die verdeckt Informationen an das Ministerium für Staatssicherheit (MfS oder „Stasi“) lieferte, ohne formal für diese Behörde zu arbeiten. Mit seinen zuletzt rund 189.000 Angehörigen deckte das Netz aus Inoffiziellen Mitarbeitern nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche der DDR ab und bildete somit eines der wichtigsten Repressionsinstrumente der SED-Diktatur.
Die Begriffe Inoffizieller Mitarbeiter bzw. Geheimer Informator wurden vom MfS absichtvoll gewählt, um sich vom früheren deutschen Polizeivokabular und dem Begriff V-Mann abzusetzen.[2]
Mit der Öffnung der Archive des MfS im Zuge der Deutschen Wiedervereinigung gelangten die Berichte und die Identität zahlreicher IM ans Tageslicht, was zur Aufklärung etlicher menschlicher Tragödien führte. Gleichzeitig zerbrachen viele Freundes- und Paarbeziehungen, nachdem die Spitzeltätigkeit einer der Personen gegen die andere bekannt wurde.
Seit der Wiedervereinigung wird dieser Begriff gelegentlich auch für Personen verwendet, die für andere Geheimdienste arbeiten.
Das MfS verfügte über ein Netz aus IMs in allen Bevölkerungsgruppen der DDR. Das Netzwerk der Inoffiziellen Mitarbeiter war ein tragendes Element des Überwachungssystems der DDR, da so auch eine Überwachung von Personenkreisen möglich war, zu denen offen als solche zu erkennende Mitarbeiter der Stasi keinen Zugang gehabt hätten. So gab es IMs in vielen regimekritischen Gruppen und Organisationen, wie etwa in Künstler- und in Kirchenkreisen, sodass der Staat über die meisten Aktivitäten sogenannter „feindlich-negativer Personen“ (Stasi-Fachausdruck) informiert war.
Im Laufe seiner Existenz führte das MfS rund 624.000 Menschen als Inoffizielle Mitarbeiter.[3] Ihre Zahl stieg im Kontext innergesellschaftlicher Krisen wie dem 17. Juni 1953, dem Mauerbau oder der deutsch-deutschen Entspannungspolitik sprunghaft an. Mitte der 1970er Jahre erreichte das IM-Netz mit über 200.000 Mitarbeitern seine größte Ausdehnung.[3] Das Einführen einer veränderten IM-Richtlinie zum Ziel einer weiteren Professionalisierung führte Ende der 1970er Jahre zu einer leicht sinkenden Anzahl von Inoffiziellen Mitarbeitern. Zuletzt beschäftigte das MfS noch 173.081 IMs (Stand: 31. Dezember 1988, ohne HV A).[4] 2010 errechnete eine Studie von Helmut Müller-Enbergs für das Jahr 1989 die Zahl von 189.000 inoffiziellen Mitarbeitern.[5] Somit kam auf 89 DDR-Bürger ein IM. Die Verteilung der IM fiel regional unterschiedlich aus. Die größte IM-Dichte wiesen die Bezirke Cottbus, Schwerin und Magdeburg auf, die geringsten Berlin, Halle und Leipzig.[6]
Der überwiegende Teil der Inoffiziellen Mitarbeiter war im Inland tätig. Über den Umfang des IM-Netzes im Ausland liegen nur Einzeldaten vor. So wird geschätzt, dass das MfS (einschließlich der HV A) zuletzt rund 3.000 Inoffizielle Mitarbeiter im „Operationsgebiet“ Bundesrepublik sowie 300 bis 400 IMs im westlichen Ausland beschäftigte.[3] Insgesamt wird die Zahl der Bundesbürger, die im Laufe seines Bestehens im Dienst des MfS standen, auf rund 12.000 geschätzt[3]. Von diesen waren viele ehemalige Bürger der DDR, die im Auftrag der Stasi in die Bundesrepublik Deutschland übersiedelten. Der Großteil dieser IMs war jedoch in der Bundesrepublik geboren und arbeitete aus Sympathie mit der DDR für das Ministerium für Staatssicherheit.[7]
Die IM waren überwiegend männlich (83 % der IM in der DDR, 72 % der IM in der Bundesrepublik) und gehörten mehrheitlich der SED an (rund jedes 20. Parteimitglied war IM). Besonders stark vertreten war die Gruppe der 25- bis 40-Jährigen (Anteil zwischen 30 und 40 %, gegenüber 24 % in der gesamten DDR-Bevölkerung), die Zahl der Rentner bzw. unter 25-Jährigen war vergleichsweise gering.[8]
Bei den Informationen handelte es sich in der Regel um Berichte über das Verhalten von Personen aus dem persönlichen oder beruflichen Umfeld des Inoffiziellen Mitarbeiters. Häufig wurden von Inoffiziellen Mitarbeitern auch engste Freunde und Familienangehörige bespitzelt. Nach der Wende wurden diese Fälle oft enthüllt und führten zur Beendung von Freundschaft oder Ehe. Ein Teil der Inoffiziellen Mitarbeiter handelte aus politischer Überzeugung, andere versprachen sich davon Vergünstigungen, oder sie wurden unter Druck gesetzt. Die Kooperationszeit währte durchschnittlich 6 bis 10 Jahre, konnte in Einzelfällen aber auch wesentlich länger dauern.[9]
Die Binnendifferenzierung zwischen den einzelnen Inoffiziellen Mitarbeitern war wichtig. Zwischen GMS (gesellschaftlicher Mitarbeiter Sicherheit, also dem öffentlich bekannten staatsloyalen Bürger), dem IMB (Informeller Mitarbeiter Beobachtung, für ausländische Nachrichtendienste) und dem IMS (Informeller Mitarbeiter Sicherheit) bestanden große Unterschiede. Unter dem Decknamen eines IM wurden auch Sammelakten geführt, die Berichte und Befragungen von Personen enthielten, die selbst keine IM waren. Dies konnten beispielsweise Nachbarn von sicherheitsrelevanten Objekten sein. Menschen, die vom MfS als hartnäckige politische Gegner eingestuft waren (Feindlich-negative Personen), wurden je nach ihrer Bedeutung mit mehreren angeworbenen IM aus ihrem persönlichen Umfeld überwacht.
In der von 1980 bis 1989 gültigen Richtlinie 1/79 des Ministers für Staatssicherheit, Erich Mielke, wurde die Arbeit der IM geregelt und folgende Kategorien festgelegt:
IMA wurden für „offensive“ Maßnahmen im „Operationsgebiet“ (also der Bundesrepublik) eingesetzt. Vorrangig betraf dies Kontakte zu bundesdeutschen Journalisten, um Informationen in die dortigen Medien zu lancieren. Diese Aufgaben konnten vom IMA dauerhaft, zeitweise oder einmalig durchgeführt werden. Zuletzt verfügte das MfS über 16 bundesdeutsche IMA.[10]
IMB waren besonders bedeutsame IM, die in direktem Kontakt zu vom MfS als feindlich eingestuften Personen standen und deren Vertrauen besaßen. Sie wurden direkt zur Arbeit an Operativen Vorgängen (OV) eingesetzt. Einzelne IMB konnten hierfür auch in die NSW-Staaten reisen, um dort Personen oder Objekte zu beobachten oder auszukundschaften. Zu diesem Zweck wurden sie mit Geheimdienstmaterialien und Devisen ausgestattet. Von besonderem Interesse für das MfS waren hierbei Personen, die oppositionellen Gruppen angehörten oder kirchliche Funktionen bekleideten. Als IMB wurden auch solche Bürger geworben, die für das MfS interessante Beziehungen zu Personen im NSW hatten. Das konnten Mitarbeiter von Vereinen, Organisationen, aber auch von Parteien sein. Interessant waren hierbei Personen, die verwandtschaftliche Beziehungen zu Mitarbeitern der Sicherheitsorgane der Bundesrepublik (beispielsweise in der Polizei, sowie dem Verfassungsschutz oder Bundesnachrichtendienst) hatten. Waren dem MfS solche Verbindungen bekannt, wurde versucht, die Person – ggf. auch mit Druckmitteln – in der DDR anzuwerben. Diese IM-Kategorie entstand 1980 aus der Zusammenlegung der IMF (Inoffizieller Mitarbeiter der inneren Abwehr mit Feindverbindungen zum Operationsgebiet) und IMV (Inoffizieller Mitarbeiter, der unmittelbar an der Bearbeitung und Entlarvung im Verdacht der Feindtätigkeit stehender Personen mitarbeitet). Bis 1968 wurden sie lediglich als Geheime Mitarbeiter (GM) bezeichnet. Zuletzt verfügte das MfS über rund 3.900 IMB.[11]
IME waren IM, die vom MfS für spezielle Aufgaben eingesetzt wurden. Sie besaßen besondere Kenntnisse (beispielsweise Experten-IM für Handschriftenerkennung oder Toxikologen), waren auf Beobachtungen und Ermittlungen spezialisiert oder in Schlüsselpositionen beschäftigt. Bis 1968 wurden sie auch als Geheime Mitarbeiter im besonderen Einsatz (GME) bezeichnet. 1988 beschäftigte das MfS 7.167 IME.[12]
IMK wurden vom MfS für verschiedene logistische Aufgaben eingesetzt. Je nach erbrachter Leistung erhielten sie ein zusätzliches Kürzel, welches die Art der Unterstützung näher angab. So erhielten Personen, die dem MfS Konspirative Wohnungen, Zimmer oder Objekte bereitstellten das Kürzel KW bzw. KO. Solche, die dem MfS Deckadressen oder Decktelefone lieferten, wurden als IMK/DA bzw. IMK/DT bezeichnet. Personen, die durch sonstige Sicherheitsleistungen die Konspiration gewährleisteten, erhielten die Bezeichnung IMK/S. 1989 verfügte das MfS über insgesamt 30.500 IMK.[13]
IMS waren in sicherheitsrelevanten Bereichen (Betrieben, gesellschaftliche Einrichtungen, Forschungs- und Bildungsstätten sowie staatliche Institutionen) beschäftigte Personen, die ohne besonderen Anlass über das Verhalten von Personen berichteten. Sie sollten Verdachtsmomente frühzeitig erkennen, vorbeugend und schadensverhütend wirken und wesentliche Beiträge zur Gewährleistung der inneren Sicherheit in ihrem Verantwortungsbereich leisten. Bis 1968 wurden sie überwiegend unter der Bezeichnung Geheimer Informator (GI) geführt. Mit ihren zuletzt 93.600 Angehörigen bildeten die IMS die größte Kategorie inoffizieller Informanten.[14]
Die GMS waren in leitenden Positionen in der Wirtschaft und Verwaltung tätig und sollten offen „parteilich“ und „staatsbewusst“ auftreten. Sie wurden in der Informationsbeschaffung eingesetzt und sollten die anderen inoffiziellen Mitarbeiter entlasten. In der Regel wurden sie nicht zur direkten „Bearbeitung“ von „feindlich-negativen Personen“ eingesetzt. Gegen Ende des MfS gab es etwa 33.000 GMS.[15]
Zuverlässige, zur Menschenführung geeignete IM mit „Erfahrung in der operativen Arbeit“ konnten „im Auftrag des MfS ... unter Anleitung und Kontrolle eines operativen Mitarbeiters“ IM oder GMS führen. Bei der Auftragsvergabe und Verbindungshaltung konnten sie weitgehend selbstständig operieren. Bis 1968 wurden sie als Geheime Hauptinformatoren (GHI) bezeichnet. Zuletzt existierten 4.591 FIM. Zusätzlich setzte die Hauptverwaltung Aufklärung 26 FIM im Bundesgebiet ein.[16]
Eine Person, die mit dem Ziel der Gewinnung zur inoffiziellen Zusammenarbeit in einem Vorgang erfasst war und mit der Anbahnungsgespräche beabsichtigt oder geführt worden waren, die aber noch nicht angeworben war, wurde in den Akten als Vorlauf-IM (VL-IM oder V-IM) geführt.[17] Hierzu wurde ein IM-Vorlauf-Vorgang angelegt und zentral erfasst. Oftmals wurden die zu werbenden Personen zuvor einer operativen Personenkontrolle unterzogen. Wenn eine Werbung erfolgversprechend war, setzte die eigentliche Rekrutierungsphase ein und der IM-Vorlauf wurde nach Einverständniserklärung des Kandidaten in einen regulären IM-Vorgang umgewandelt. Andernfalls wurde der Vorgang abgebrochen und archiviert oder aber in einen so genannten "Operativen Vorgang" (OV) umgewandelt, in dem Material zur Druckausübung beigebracht oder andere IM zur Beeinflussung auf den Kandidaten angesetzt wurden.[18]
Bei der Einrichtung der BStU-Behörde wurden ganz offiziell auch zahlreiche hauptamtliche MfS-Mitarbeiter, aber unerkannt auch ungezählte Inoffizielle Mitarbeiter eingestellt. Letzteres war möglich, weil die Überprüfung der BStU-Mitarbeiter auf frühere Stasimitarbeit (im Gegensatz zu anderen Behörden) z. T. äußerst lax gehandhabt wurde. So erklärte beispielsweise die erste Leiterin der Schweriner BStU-Zweigstelle öffentlich ungeniert: "Wir waren übereingekommen, dass jeder sich selbst überprüft." 1998 stellte sich dann heraus, dass eine Informelle Stasimitarbeiterin (laut "Spiegel" IM "Delia") bis zu diesem Zeitpunkt das Aktenarchiv dieser Zweigstelle leitete. Ernsthafte Schlussfolgerungen wurden daraus nicht gezogen.
Bei der historischen Aufarbeitung der DDR-Geschichte ist es wiederholt zu Prozessen gegen Autoren gekommen, die ehemalige Inoffizielle Mitarbeiter beim Namen genannt haben. Die deutschen Gerichte haben in diesen Fällen zum Teil widersprüchliche Urteile gefällt. Zuletzt ist im Dezember 2010 „ein ehemaliger Stasi-Spitzel aus Erfurt in zweiter Instanz mit dem Versuch gescheitert, seine namentliche Nennung auf einer Internet-Seite zu unterbinden“.[19]
Auf Grund der großen Bandbreite an Umständen, die zu einer Zusammenarbeit mit dem MfS führten, gestaltet sich eine moralische Aufarbeitung der Spitzeltätigkeit als außerordentlich schwierig. So gab es Freiwillige, die aus Eigennutz, Wichtigtuerei oder aus dem Bedürfnis, über andere Macht auszuüben, eifrig und ohne moralische Bedenken dem MfS umfassend Bericht erstatteten. Andere glaubten aufrichtig, einen Staat, den sie für das bessere Deutschland hielten, vor feindlichen Angriffen schützen zu müssen, und arbeiteten aus diesem Grund mit dem MfS zusammen. Andere waren zuvor selbst Opfer mehr oder weniger schwerer Verfolgungen des Regimes geworden und daran zerbrochen oder zur Mitarbeit erpresst worden. Viele Informanten glaubten, durch ihre Bereitschaft andere, ihnen nahestehende Personen schützen zu können, indem sie ausschließlich Positives über sie berichteten. Zudem glaubten viele, dass sie jemandem, über den sie nichts Verdächtiges oder gar Strafbares berichteten, auch keinen Schaden zufügen würden. Dabei übersahen sie, dass die Stasi auch aus scheinbar harmlosen Informationen Nutzen für verdeckte Aktionen oder Verhöre ziehen konnte.
Ein weiteres Problem für die moralische Bewertung stellt auch die Mitwirkung bei der Aufklärung nicht politischer Kriminalität dar. So wird die Zusammenarbeit mit der Kriminalpolizei I, die zur Stasi gehörte, uneinheitlich bewertet.
Unwahr ist im Allgemeinen die verbreitete Meinung, wer seine Mitarbeit verweigerte und sich dekonspirierte, habe keine schwerwiegenden Folgen für sein Leben zu befürchten gehabt und hätte den Kontakt zur Staatssicherheit auf diese Weise zuverlässig abbrechen können. Auch Menschen, die unmissverständlich erklärten, für Spitzeldienste nicht zur Verfügung zu stehen, konnten dennoch über Jahre hinweg erpresserischen Anwerbeversuchen ausgesetzt sein. Nicht selten ging eine Dekonspiration mit der Zerstörung ihrer Erwerbsbiographie einher. Da diese vom MfS als Ausdruck einer „feindlich-negativen Haltung“ aufgefasst wurde, waren nicht selten sogenannte „Zersetzungsmaßnahmen“ die Folge.
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