Mit Intertextualität wird in der strukturalistisch und poststrukturalistisch geprägten Kultur- und Literaturtheorie das Phänomen bezeichnet, dass kein Bedeutungselement – kein Text also – innerhalb einer kulturellen Struktur ohne Bezug zur Gesamtheit der anderen Texte denkbar ist. In der Literaturwissenschaft werden auch konkrete Bezüge zwischen literarischen Einzeltexten als „Intertextualität“ bezeichnet.
Geprägt wurde der Begriff von der bulgarisch-französischen Psychoanalytikerin und Kultur- und Literaturwissenschaftlerin Julia Kristeva in ihrem Aufsatz Bakhtine, le mot, le dialogue et le roman (1967), in dem sie Michail Bachtins Dialogizitäts-Modell auf den textuellen Status von Literatur im Ganzen übertrug. Bei Kristeva heißt es programmatisch:
Für Kristeva ist kein Text ein selbstgenügsames Gebilde; jeder Text besteht aus einem Bündel von Zitaten, ist ein Kreuzungspunkt anderer Texte und gibt für deren „Permutation und Transformation“ (Umstellung und Umwandlung) unter dem Einfluss seiner ideologischen Voraussetzungen den Schauplatz ab. Dabei umfasst der Begriff „Text“ nicht nur geschriebene Texte, sondern kulturelle Phänomene überhaupt, insofern sie Elemente einer Struktur sind. Ein solcher „Text“ ist somit nicht stabil und fest umrissen, sondern offen für Interpretationen, von denen keine davon Endgültigkeit beanspruchen kann. Bedeutung kann damit nicht mehr von einem Autor bzw. Schöpfer in einen Text hineingelegt werden, sondern wird erst von der Interpretation hervorgebracht, wobei der Interpret seinen eigenen Text natürlich genauso wenig kontrollieren kann wie der Verfasser des Ausgangstextes, so dass dieser Prozess der Semiose prinzipiell unendlich, ein Standpunkt außerhalb des Textes unmöglich ist.
Damit wird die Intertextualität ein wichtiges Moment der poststrukturalistischen Dekonstruktion des (Autor-)Subjekts, wie sie Roland Barthes in seinem programmatischen Essay Der Tod des Autors betreibt:
In Über mich selbst schreibt er: „Der Inter-Text ist nicht unbedingt ein Feld von Einflüssen; vielmehr eine Musik von Figuren, Metaphern, Wort-Gedanken; es ist der Signifikant als Sirene.“ [2], in Am Nullpunkt der Literatur: „[D]ie Literatur wird zur Utopie der Sprache“.
Auch Harold Blooms Theorien der Einflussangst (anxiety of influence) und der Fehllektüre (misreading) können als Intertextualitätstheorien angesehen werden. Bloom sieht die Literaturgeschichte als Schauplatz eines Kampfes der großen Dichter (struggle between strong poets). Jeder neue Schriftsteller, der sich in sie einreihen will, muss sich an seinen (bewusst oder unbewusst) gewählten Vorbildern abarbeiten, indem er sie nach seinen eigenen Vorstellungen uminterpretiert, also fehlliest.
Die Literaturwissenschaft verband Kristevas Modell mit den literarhistorischen Verfahren der Quellen- und Einflussforschung und gelangte so zu einem Intertextualitätsmodell, das die Universalität von Kristevas Texttheorie aufgab, um Formen der Bezugnahme zwischen literarischen Werken zu untersuchen. Der Bezug zweier Texte aufeinander wird dabei als Dialog angesehen, der sich auf der Ebene des Gesamttextes als Stil-Kopie und -Persiflage, Parodie, Cento oder Hypolepse zeigt oder sich punktuell in Zitaten und Anspielungen niederschlägt und der die Bedeutung beider Texte bereichert.
Besonders einflussreich wurde Gérard Genettes Versuch, die Erscheinungsformen von „Transtextualität“ – so nennt Genette die Intertextualität – zu kategorisieren („Palimpsestes. La littérature au second degré“, 1982). Genette unterscheidet fünf verschiedene Formen intertextueller bzw. transtextueller Beziehungen:
Allgemein gesagt ist Intertextualität die Beziehung zwischen Texten, wobei man die Einzeltextreferenz (Integration eines Textes in einen anderen, beispielsweise durch Zitat, Anspielung, als Parodie, Pastiche, Travestie usw.) von der Systemreferenz (Beziehung zwischen einem Text und allgemeinen Textsystemen, beispielsweise bestimmten literarischen Gattungen) unterscheidet. Problematisch wird die Analyse von Intertextualität dann, wenn Autoren zwar intertextuell arbeiten, jedoch keine Kennzeichnung (durch Anführungszeichen oder Kursivschrift oder Namensnennung) vornehmen. Hier ist die Grenze zum Plagiat dann fließend.[3] Andererseits besteht natürlich die Möglichkeit, dass ein Autor unbewusst intertextuelle Bezüge herstellt, die durch die Lektürekenntnisse des Lesers zum Vorschein kommen. In diesem Fall verlagert sich die Intertextualitätsforschung von der Autor-Text-Beziehung zur Text-Leser-Beziehung. Das Problem Intertextualität gehört zu den interessantesten und wichtigsten Forschungsgegenständen der Komparatistik, da es den Textbegriff erweitert hat und größeren Aufschluss darüber gibt, was einen literarischen Text in seinem Wesen ausmacht, wodurch er zu einer spezifischen künstlerischen Tätigkeit des Menschen wird.
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