Islamfeindlichkeit bezeichnet die kategorische Abwertung und Benachteiligung von Muslimen und die Feindseligkeit ihnen gegenüber, die mit der Zugehörigkeit der Betroffenen zum Islam begründet und gerechtfertigt wird. Die Islamfeindlichkeit konstruiert ein Negativbild des Islams und der Muslime sowohl theoretisch als auch praktisch, indem sie in einen Diskurs verschiedene Vorstellungen über Muslime und den Islam transportiert und gleichzeitig in – von allen Beteiligten oft als alltäglich empfundenen – Handlungen dazu beiträgt, dass diese Vorstellungen umgesetzt werden. Damit schafft die Islamfeindlichkeit eine Wirklichkeit, in der es als normal gilt, Muslime als grundsätzlich verschieden von Nichtmuslimen anzusehen und sie folglich auch ungleich zu behandeln.[1]
Islamfeindlichkeit gilt als relativ junges Phänomen und hat erst seit den letzten Jahren mediale Aufmerksamkeit erfahren. Die Anfänge der modernen Islamfeindlichkeit reichen jedoch weit ins 20. Jahrhundert zurück und haben mehrere historische Vorläufer, etwa im mittelalterlich-christlichen Bild des Islams, aber auch im westlichen Orientalismus der Neuzeit.[2] Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Islamfeindlichkeit setzte vergleichsweise spät ein. Die erste umfassende Studie des Phänomens sowie der Versuch einer Definition stammen aus dem Jahr 1997. Benennung, Einordnung und Reichweite des Begriffes sind seitdem umstritten. Neben Islamfeindlichkeit existieren auch die konkurrierenden Bezeichnungen und Konzepte Islamophobie und antimuslimischer Rassismus, die jeweils unterschiedliche Schwerpunkte und Wertungen bei der wissenschaftlichen Betrachtung des Phänomens setzen. Umstritten bleibt auch, ob Islamfeindlichkeit als Form des Rassismus oder aber als eine nahe verwandte Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit betrachtet werden sollte.[3]
Chris Allen definiert Islamfeindlichkeit als eine Ideologie, die Muslime und den Islam als das negativ konnotierte „Andere“ konstruiert und damit von der Gruppe ausschließt, mit der man sich selbst identifiziert. Islamfeindlichkeit verbreite einseitig negative Sichtweisen über Islam und Muslime und diskriminiere Letztere gegenüber anderen Menschen. Dabei nehme sie stets Bezug auf die Zugehörigkeit der Betroffenen zum Islam. Muslime identifiziere sie anhand vermeintlicher oder tatsächlicher Merkmale und Eigenheiten des Islams, also nicht anhand des Selbstbildes der betroffenen Personen. Allen betont, dass Islamfeindlichkeit nicht immer explizit zum Ausdruck gebracht werde. Vielmehr sei sie auch in alltäglichen Praktiken und Diskursen vorhanden, ohne dass sich die darin involvierten notwendigerweise als islamfeindlich verstehen müssen. Die Diskriminierung von Muslimen äußere sich folglich auch in Handlungen und Äußerungen, die von allen Beteiligten als selbstverständlich wahrgenommen werden. Islamfeindlichkeit ziele darauf ab, negative Wahrnehmungen von Muslimen und Islam als „Wissen“ zu etablieren, also als für objektiv wahr gehaltene Aussagen. Gleichzeitig strebe sie auch eine politische und soziale Benachteiligung von Muslimen in der Gesellschaft an. Allen versteht Islamfeindlichkeit als das Zusammenwirken der negativen Bewertung von Islam und Muslimen sowie der sozialen Konstruktion des nichtmuslimischen „Wir“ und der muslimischen „Anderen“ und schließlich der Praktiken und Diskurse, die dafür notwendig sind. Alle drei Komponenten stünden in einer Wechselwirkung und bedingten und verstärkten einander. Laut Allen seien konkrete Inhalte deshalb auch von geringerer Bedeutung, da sie über die Zeit durch andere ersetzt werden könnten und Islamfeindlichkeit wandelbar sei – abgesehen von der negative Bewertung des Islams und der Muslime an sich. Dennoch seien historische Kontinuitäten empirisch beobachtbar. [4]
Allen bezeichnet Islamfeindlichkeit dabei als eine dem Rassismus verwandte Ideologie, die aber nicht mit diesem identisch ist. Er begründet diese Haltung damit, dass die Rassismusdefinition für eine Verortung der Islamfeindlichkeit innerhalb des Rassismus von biologischen auf kulturelle Argumentationsmuster ausgeweitet werden müsse. Ein solcher Kultureller Rassismus sei nicht nur problematisch, weil er innerhalb der Rassismusforschung umstritten sei. Die „Kulturalisierung“ von Islam und Muslimen trage überdies dazu bei, dass beide als homogen und monolithisch gesehen würden. Da man bei der Definition einer islamischen Kultur von einer bestimmten Ausprägung des Islam beziehungsweise Verfassung der Muslime ausgehen müsse, nehme man in Kauf, sowohl die Religion als auch die Menschen über deren Kopf hinweg zu kategorisieren. [5] In dieser Haltung findet Allen bei Robert Miles und Malcolm D. Brown Zustimmung, die in ihren Publikationen ebenfalls die Unterschiede zwischen Rassismus und Islamfeindlichkeit betonen: Zwar gebe es inhaltliche und funktionelle Überschneidung zwischen beiden Phänomenen, beide seien jedoch genauso voneinander zu trennen wie von Sexismus oder Homophobie, wenn man eine Inflation des Rassismuskonzepts vermeiden und die historischen Eigenheiten der Islamfeindlichkeit berücksichtigen wolle. [6][7] Im Gegensatz dazu haben vor allem Rassismustheoretiker wie Étienne Balibar und David Theo Goldberg die Ansicht vertreten, dass Islamfeindlichkeit ebenso wie moderner Antisemitismus lediglich eine von vielen Formen des Rassismus sei. Sie argumentieren dabei damit, dass es sich sowohl bei Kultur als auch bei Rasse um sozial konstruierte Kategorien handele, denen keine reale Essenz zugrunde liege. Gleichzeitig betonen sie die Verschmelzung religiöser Aspekte mit klassischen biologisch-rassistischen Diskursen. [8][9]
Die englischen beziehungsweise französischen Begriffe „islamophobia“/„islamophobie“ lehnen sich an den dem griechischen entlehnten Begriff „Xenophobia“ (Fremdenfeindlichkeit) an. Diese Bezeichnung gilt als problematisch, weil der Wortbestandteil der Phobie auf eine krankhafte beziehungsweise psychische Ursache des Phänomens hindeutet und es damit pathologisiert.[10] Teile der deutschsprachigen Forschung bevorzugen den (an Fremdenfeindlichkeit) angelehnten Begriff der Islamfeindlichkeit, um diesem Dilemma zu entgehen, nehmen dabei aber in Kauf, dass es sich dabei um eine international weniger anschlussfähige Bezeichnung handelt. Problematisch bei beiden Begriffen ist der Fokus auf den Islam statt auf die Muslime als eigentliche Betroffene. Yasemin Shooman befürwortet aus diesem Grund die Verwendung der Bezeichnung „antimuslimischer Rassismus“ beziehungsweise „anti-Muslim racism“. Damit sollen die Parallelen zu klassischen Rassismen unterstrichen und Muslime ausdrücklich als Opfer des Phänomens benannt werden. [11] Allen weist ähnliche Vorschläge nicht nur mit Verweis auf die Unterschiede zwischen Islamfeindlichkeit und Rassismus zurück, sondern auch mit dem Hinweis, dass keiner der Begriffe in der Lage sei, die komplexen Strategien zu erfassen, in denen Muslime indirekt über den Islam angegriffen würden oder der Islam als ganzes, nicht aber Muslime, im Fokus der Feindseligkeit stünden. Als Konsequenz argumentiert er dafür, vorerst bei den etablierten Begriffen zu bleiben. [12]
Islamfeindlichkeit kann – je nach zeitlichem, regionalem und politischem Kontext – sehr verschiedene Formen annehmen. Ihre vordergründigen Inhalte können sich leicht wandeln, ohne dass dabei der anti-islamische und anti-muslimische Kern der Islamfeindlichkeit angetastet würde. Sie zeigt jedoch, ausgehend von der ideologischen Grundannahme der Islamfeindlichkeit, stets ähnliche Funktionen und Wirkungsweisen. [4]
Für die Islamfeindlichkeit spielen äußere Zeichen und Symbole eine wichtige Rolle. Sie dienen nicht nur der Identifikation von Muslimen, etwa einer Kopftuchträgerin als Muslima, sondern auch der Repräsentation von Muslimen und Islam. Eine Moschee ist für die Islamfeindlichkeit beispielsweise nicht nur ein architekturelles Symbol für die Anwesenheit von Muslimen, sondern sie trägt auch alle negativen Eigenschaften des Islams und der Muslime in sich. Chris Allen bezeichnet die Moschee in diesem Fall als „Zeichen“, während die Negativbilder von Muslimen und Islam das „Bezeichnete“ beziehungsweise die Bedeutung darstellen. Die Islamfeindlichkeit kennt eine Vielzahl solcher Zeichen, etwa Hidschabs, Halal Food oder den Koran, die alle die gleiche Funktion erfüllen. Sie werden in einer „konzeptuellen Landkarte“ verortet, auf der ihnen eine spezifische Rolle in der Negativdeutung von Muslimen und Islam zukommt. Über diese Landkarte können, einzelne Zeichen in den bestehenden ideologischen Kontext eingeordnet werden, mittels einzelner Zeichen können aber auch negative Vorstellungen zu ihrem Träger, dem Muslim, transportiert werden. [13]
Chris Allen zieht einen Vergleich zwischen Islamfeindlichkeit und Rassismus gegenüber Schwarzen: Die Religion der Muslime, der Islam, habe einen ähnlichen Stellenwert wie die Hautfarbe für schwarze Männer. Beide würden primär durch die Brille dieses äußeren Zeichens verstanden, und zwar als homogene Gruppe. Damit würden negative Bedeutungen, die mit diesem Zeichen verbunden sind, auf alle seine Träger übertragen. Als eine Folge würden die betroffenen Gruppen diskriminiert: Während man etwa schwarze Männer unter den Generalverdacht der Kriminalität stelle und deshalb die Unschuldsvermutung missachte, würden Muslime durchweg als potentielle Terroristen gesehen und damit strengeren Sicherheitsvorkehrungen unterworfen als andere Menschen. nach Allen bedeutet dies, dass weniger die diskriminierenden Praktiken islamfeindlich seien, sondern eher die Deutungsmuster, die ihnen zugrunde liegen und als Legitimation für die Diskriminierung herangeführt werden. Dieser Behandlung können Angehörige der betroffenen Gruppen nicht entgehen, ohne sich aller äußerlichen Zeichen zu entledigen, weil sie über diese stets auf die eine, negative Deutung ihrer selbst reduziert werden. Die Akzeptanz der Ungleichbehandlung mit Verweis auf die negativ konnotierten Deutungen macht Muslime somit zu einer äußeren, einer „anderen“ Gruppe, die sich essentiell von allen anderen Menschen unterscheidet. Im gleichen Zug wird die Eigengruppe positiv aufgewertet – sei es, weil ihr die negativ konnotierten Zeichen der muslimischen Außengruppe fehlen oder weil sie über positiv konnotierte Zeichen verfügt, die den Muslimen fehlen. So dient etwa der Hidschab im Kopftuchstreit dazu, seine muslimischen Trägerinnen als unemanzipiert und ihre Ehemänner und Väter als frauenfeindlich und rückwärtsgewandt zu brandmarken. [14]
Was als Zeichen fungiert und was nicht, unterliegt stets einer Fluktuation und lässt sich deshalb nicht von vornherein festlegen. Die Zeichen lassen sich jedoch von außen stets durch ihren postulierten Bezug zum Islam identifizieren, auch wenn dieser Bezug nicht explizit formuliert werden muss. [15]
Die Frage, ob Islamfeindlichkeit mit der mittelalterlichen Aggression des christlichen Europas gegen die muslimischen Reiche in Europa, Nordafrika und Asien identisch ist, wird in der Forschung kontrovers diskutiert. Ähnliches gilt für den Orientalismus des 19. und 20. Jahrhunderts. Konsens ist aber, dass die zeitgenössische Islamfeindlichkeit viele Motive aus der Zeit der Kreuzzüge, der Türkenkriege und des Orientalismus übernommen hat. Zu den wichtigsten dieser Elemente gehören die Darstellung von Muslimen als gewalttätig, übersexualisiert und unzivilisiert und ein angeblicher Antagonismus zwischen christlich-aufgeklärtem Westen und einem romantisierten und ursprünglichen, aber auch irrationalen muslimischen Orient. Da Islamfeindlichkeit auch innerhalb von gleichen Zeiträumen sehr unterschiedliche Formen annehmen kann, fällt es schwer, klare Start- oder Endpunkte für ihre Entwicklung festzulegen. Allerdings lassen sich grob zwei Phasen – spätes 20. und frühes 21. Jahrhundert – festmachen. [16]
Die häufige Behauptung, die Geburtsstunde der modernen Islamfeindlichkeit seien die Anschläge vom 11. September 2001 gewesen, lässt sich so nicht halten. Die einschneidenden Ereignisse für die heutige Form der Islamfeindlichkeit liegen vielmehr in den 1970er und 1980er Jahren und sind sowohl in den westlichen Gesellschaften als auch der politischen Entwicklung der muslimischen Staaten zu suchen. Zu ersten Konflikten zwischen islamisch und westlich geprägten Staaten kam es im Israelisch-Palästinensischen Konflikt und während der Ölkrisen ab 1973. Beide Ereignisse wurden aber damals noch nicht primär in religiösen, sondern in nationalen Kategorien verstanden. [17] Für Aufsehen in der westlichen Öffentlichkeit sorgte aber vor allem die Iranische Revolution von 1979, bei der die iranische Bevölkerung den vom Westen gestützten Reza Schah Pahlavi stürzte. In der Folge setzte sich ein radikal islamistisches Regime unter Ruhollah Chomeini an die Spitze des Staates. Von den westlichen Medien wurde die Revolution vor allem als Konflikt zwischen westlichen Werten und Interessen und denen des Islam interpretiert und dargestellt. Gleichzeitig wurde der Islam in dieser Berichterstellung mit den gleichen Attributen versehen wie bereits im Orientalismus: Rückständig, gewaltbereit, unaufgeklärt; eine Religion, die vor allem durch das Schwert verbreitet werde. Dieser aufkommende Antagonismus zwischen Westen und Islam blieb aber zunächst wenig wirkmächtig, unter anderem weil er von der kapitalistisch-kommunistischen Konfrontation im Kalten Krieg überdeckt wurde. 1988 erschien Salman Rushdies Buch Die satanischen Verse, in dem er auf die „Satanischen Verse“ Bezug nahm und den Propheten Mohammed auftreten ließ. Von vielen Muslimen wurde das Werk als blasphemisch und als Herabwürdigung des Islam interpretiert. Zwar verbot der Staat Indien das Buch als erstes, die größte Aufmerksamkeit erregte aber 1989 die Fatwa Chomeinis gegen Rushdie, in der er zu dessen Tötung aufrief. Rushdie musste untertauchen, Übersetzer des Buches wurden von Angreifern ermordet oder schwer verletzt. Weltweit kam es von Protesten gegen die Satanischen Verse. Eine angebliche öffentliche Verbrennung des Buches durch eine Gruppe muslimischer Briten wurde von den Medien aufgegriffen und mit den Bücherverbrennungen der NS-Zeit verglichen. Damit wurden nicht nur die Negativbilder des Islams befeuert, die zehn Jahre zuvor aufgekommen waren. Die christlich geprägten Mehrheiten im Westen entwickelten auch das erste Mal ein Bewusstsein dafür, dass Muslime nicht nur in Asien und Nordafrika, sondern auch in den nationalen Gesellschaften Europas und Nordamerikas lebten. Gleichzeitig wurden in der medialen Darstellung alle Muslime gleichgesetzt und in die Nähe Chomeinis gestellt. [18]
Etwa im gleichen Zeitraum kam es zu einem Wandel im Selbstbild vieler Minderheiten in Westeuropa. Gastarbeiter, Auswanderer aus den ehemaligen Kolonien und deren Nachkommen lebten in großer Zahl in westlichen Staaten. Sie hatten sich selbst lange Zeit anhand nationaler oder ethnischer Kategorien definiert. Dies entsprach nicht immer der Wahrnehmung von Behörden und Regierungen; so wurden beispielsweise muslimische Pakistanis, buddhistische Singhalesen oder hinduistische Inder im Vereinigten Königreich seit den 1950er Jahren unterschiedslos zunächst über Hautfarbe (colour), Rasse (race) und schließlich „Blackness“ definiert und zusammengefasst. Alle diese Kategorien hatten gemein, dass sie von außen aufgeprägte Bezeichnungen waren und dem Selbstbild der bisweilen miteinander im Konflikt stehenden Gruppen widersprachen. Viele aus Südasien stammende Minderheiten verstanden sich nie als Schwarze und fühlten sich in diesem Minderheitendiskurs missachtet. Auch wenn die britische Rassendefinition später auch auf „monoethnische“ Religionsgemeinschaften ausgedehnt wurde (etwa Sikhs oder Juden), fanden etwa aus Pakistan stammende Briten weder als Pakistanis noch als Muslime oder gar Briten im eigentlichen Sinn Anerkennung. Gleichzeitig verabschiedete sich der rassistische Diskurs ab den 1970er Jahren von klassischen rassistischen Argumentationsmustern und zielte auch auf Eigenschaften und Merkmale von Minderheiten, die sich nicht mit einem biologistischen Rassismus deckten. Sowohl das Bedürfnis der Minderheiten, sich selbst entsprechend ihrer politischen Bedürfnisse zu definieren als auch das Aufkommen des „Neuen Rassismus“ führte dazu, dass sich Pakistanis, Bangladeshis oder Inder zunehmend entlang ihrer Religion definierten. Aus „Asians“ wurden so Muslime, Hindus und Sikhs. [19] Diese Redefinition zunächst der britischen Minderheiten ging in den westlichen Medien zeitlich mit der Wahrnehmung des Islams als äußere Bedrohung einher. Die Protestakte kleiner, radikaler Gruppen wurden als Haltung „des Islams“ beziehungsweise „der Muslime“ interpretiert und damit die nationalen muslimischen Minderheiten mit islamistischen Fundamentalisten gleichgesetzt. Ähnliche Entwicklungen spielten sich wenige Zeit später in Frankreich ab, wo die aus den ehemaligen Kolonien stammenden muslimischen Bevölkerungsgruppen zunehmend als Teil eines globalen, homogenen Islams wahrgenommen wurden. [20]
Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks fiel der Kommunismus als imaginierte Bedrohung der westlichen Welt und als gemeinsamer Feind des Westens und islamistischer Bewegungen weg. Der Fokus verlagerte sich damit auf den vermeintlichen Gegensatz zwischen westlicher und islamischer Kultur. Dazu trugen auch Werke wie Samuel P. Huntingtons Kampf der Kulturen bei, das die Welt in monolithische, religiös-kulturell definierte und unvereinbare Blöcke einteilte und die Zunahme von Konflikten zwischen diesen Weltteilen voraussagte. Auseinandersetzungen wie der Zweite Golfkrieg, der Bosnienkrieg oder der erste Tschetschenienkrieg wurden zunehmend als Kampf zwischen christlichem Westen und islamischem Osten interpretiert. [21]
Obwohl die Stereotypen und Bilder aus diesem Diskurs an Bedeutung gewonnen hatten, standen sie bis zum Ende des 20. Jahrhunderts nicht im Zentrum öffentlicher und politischer Wahrnehmung. Die Kriege im Irak, auf dem Balkan und in Tschetschenien waren auf beiden Seiten stark ethnisch und politisch dominiert, Religion spielte nicht notwendigerweise eine dominante Rolle. Dies änderte sich mit den Anschlägen vom 11. September 2001. Die Attacken islamistischer Terroristen schufen nicht nur ein Bewusstsein für die Existenz eines religiös motivierten Terrorismus. Sie boten in der Folge auch den Rahmen für einen Diskurs, in dem dieser Terrorismus, der Islam und die Muslime weltweit gleichgesetzt oder zumindest in eine große ideologische Nähe zueinander gesetzt wurden. Tendenzen dazu hatte es schon früher gegeben,[22] aber erst durch die enorme mediale Wirkung der Anschläge von 2001 gelangten diese Interpretationsmuster ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit. Die Terroranschläge dienten nicht nur als Legitimation für Militäreinsätze gegen vermeintlich oder tatsächlich islamistische Regimes und Terrorgruppen in der Welt. Sie boten über die Gleichsetzung des Islams mit dem Terrorismus auch die Grundlage für einen islamfeindlichen Diskurs in den westlichen Staaten, der sich um die nationalen Minderheiten drehte. [23]
Rechtsextreme und rechtspopulistische Parteien in Westeuropa wandten sich Muslimen als neuem Feindbild zu und forderten ihre Entfernung aus der Gesellschaft, während ihnen in den 1990er Jahren noch Asylbewerber und Arbeitsmigranten als zu bekämpfendes Übel gegolten hatten. Der islamfeindliche Diskurs hielt aber auch in die etablierte Politik und in die Mainstream-Medien Nordamerikas, Australiens und Europas Einzug. So wurde die Frage nach der Vereinbarkeit des Islams und damit der Muslime mit den Grundsätzen westlicher Gesellschaften gestellt. Über Minderheiten wurden nicht länger als Albaner, Marokkaner oder Pakistanis gesprochen, sondern als Muslime. Die Darstellung islamisch geprägter Länder als unterentwickelt, das Bild des Islam als antiliberale Ideologie und die Vorstellung von Muslimen als tendenziell reaktionär und frauenfeindlich eingestellten Menschen wurden von vielen Medien unreflektiert übernommen und diskutiert. Muslime wurden als potentielle Terroristen gesehen und etwa im Flugverkehr verschärften Sicherheitskontrollen unterworfen. Im Zuge der Mohammed-Karikaturen kam es 2005 zu einer Empörung und gewalttätigen Ausbrüchen seitens einiger muslimischer Gruppen, die von der westlichen Medien mehrheitlich als Ausdruck eines Angriffs auf Meinungs- und Religionsfreiheit dargestellt wurde. Die Islamfeindlichkeit beschränkte sich nach 2001 nicht nur auf Worte, es kam zu Schändungen von Moscheen, Morden wie dem an Marwa El-Sherbini oder den Anschlägen von Anders Behring Breivik, der die „Islamisierung Europas“ als Grund für seine Taten angab. Die Opfer solcher Angriffe waren nicht nur Muslime, sondern auch Menschen, die für solche gehalten wurden, etwa Sikhs in Großbritannien. Der islamfeindliche Diskurs wurde dadurch befördert, dass er nicht auf erfundenen Ereignissen oder Haltungen basierte, sondern auf wirklich vorhandene Islamisten und Terroranschläge verweisen konnte. Er konnte weitgehend unwidersprochen behaupten, dass die Ablehnung und Bekämpfung von Muslimen aus ihren Taten resultiere und somit die Muslime selbst für die Islamfeindlichkeit verantwortlich seien. Dies begann sich erst durch die Anstrengungen islamischer Verbände, antirassistischer Organisation und staatlicher Stellen zu ändern, die Islamfeindlichkeit nicht nur als Diskriminierung anprangerten, sondern auch ihre wissenschaftliche Erforschung forderten und förderten. Dessen ungeachtet ist Islamfeindlichkeit weiterhin in allen Teilen der westlichen Gesellschaften verbreitet und wird nach Ansicht vieler Wissenschaftler immer noch nicht ausreichend bekämpft. [24]
Die erste Verwendung des Begriffs „Islamophobie“ stammt aus dem Jahr 1921. In ihrem Werk L'Orient vu par L'Occident kritisierten Étienne Dinet und Sliman Ben Ibrahim die Mohammed-Biographie des Jesuitenpaters Henri Lammens, in der dieser das Leben des Propheten einseitig negativ und in Verkennung der historischen Quellen dargestellt habe. Die Unterstellung Lammens, Mohammed sei ein verschlagener Lügner gewesen, der einem Dolchmörder gleich gehandelt hätte, bezeichneten Dinet und Ben Ibrahim als „Anfall eines islamophoben Fieberwahns“ (französisch „accès de délire islamophobe“) und unterstellten Lammens damit eine persönliche Abneigung gegen den Islam beziehungsweise Mohammed.[25] Angeblich benutzten die iranischen Mullahs den Begriff „Islamophobie“ in den 1980er Jahren, um säkular orientierte Oppositionelle als unislamisch zu brandmarken; sie lehnten Verordnungen wie das Verhüllungsgebot aufgrund einer Abneigung gegen den Islam ab. Im heutigen sozialwissenschaftlichen Kontext wurde der Begriff wohl zuerst Ende der 1980er Jahre von Tariq Modood, einem muslimischen Forscher am britischen Policy Studies Institute. Wahrscheinlich stammt er aber aus den britischen muslimischen Gemeinschaften selbst, die damit am Anfang der 1980er Jahre die ihnen entgegenschlagende Abneigung und Diskriminierung bezeichneten. Der antirassistische britische Runnymede Trust war 1994 die erste nichtmuslimische Instanz, die den Begriff aufgriff und Islamfeindlichkeit in dem Bericht A Very Light Sleeper: The Persistence and Dangers of Anti-Semitism als dem Antisemitismus ähnlich einstufte. Dieser Bericht bildete unter anderem die Basis für die Schaffung der Commission on British Muslims and Islamophobia (CBMI), die mit dem Phänomen der Islamfeindlichkeit beschäftigen sollte. [26]
1997 erschien schließlich mit Islamophobia: A Challenge for Us All. Report of the Runnymede Trust Commission on British Muslims and Islamophobia die erste wissenschaftliche Publikation, die sich vorrangig mit der Definition, Beschreibung und Verortung von Islamfeindlichkeit beschäftigte.[27] Herausgeber des meist kurz Runnymede Report genannten Berichts waren der Runnymede Trust und die CBMI. Der Bericht kam zu dem Schluss, dass Islamfeindlichkeit auf einer „geschlossenen Weltsicht“ beruhe. Damit nahm der Bericht auf ein Konzept des US-amerikanischen Sozialpsychologen Milton Rokeach; eine Herangehensweise, die nicht nur wegen ihres Hangs zum Behavioralismus kritisiert wurde. Chris Allen bemängelte unter anderem auch die fehlende historische Verortung, die vorgefassten Urteile der Studie und fehlende theoretische Grundlagen für die Herleitung der Islamfeindlichkeits-Definition. Weiterhin kritisierte er latent islamfeindliche Positionen in der Studie selbst, die Muslimen unterstelle, für Islamfeindlichkeit mitverantwortlich zu sein. [28] Der Runnymede Report wurde auch von vielen weiteren Soziologen kritisiert,[29] seine wegbereitende Rolle in der Erforschung der Islamfeindlichkeit gilt aber als unbestritten. Malcolm Brown nahm 2000 einen frühen Vergleich von Rassismus und Islamfeindlichkeit vor. Er kam zu dem Schluss, dass beide Phänomene unterschiedliche historische Wurzeln hätten. Sie seien zwar prinzipiell verschieden, beeinflussten sich aber gegenseitig. Brown kam zu dem Schluss, dass Rassismus und Islamfeindlichkeit getrennt voneinander analysiert werden sollten. Während Rassismus eine Erscheinung der Moderne sei, handele es sich bei Islamfeindlichkeit um einen Anachronismus aus vormoderner Zeit. [6] Browns Analyse wurde in seiner und Robert Miles’ Neuauflage des Standardwerkes Racism von 2003 aufgegriffen und vertieft. [30] Nach dem 11. September 2001 und den darauf folgenden politischen Entwicklungen stieg die Aufmerksamkeit für Islamfeindlichkeit. Folglich stieg auch die Zahl wissenschaftlicher Werke an, die sich mit dem Phänomen beschäftigten. Die meisten dieser Publikationen arbeiteten jedoch mit relativ vagen und theoretisch nur wenig fundierten Definitionen. In der Regel beschränkten sie sich auf die Geschichte des Phänomens oder aber sie analysierten nur aktuelle Erscheinungsformen. Erst 2010 legte Chris Allen eine umfangreichere Monographie vor, die sich speziell mit der Definition, den ideologischen Grundlagen und der Theorie der Islamfeindlichkeit widmete.[31]
Historische Studien für einzelne Staaten liegen für Frankreich mit Thomas Deltombes L’Islam imaginaire[32] und für die Vereinigten Staaten mit Islamophobia. Making Muslims the Enemy[33] von Peter Gottschalk und Gabriel Greenberg vor. Die Geschichte der Islamfeindlichkeit im Vereinigten Königreich hat Chris Allen in mehreren Publikationen nachgezeichnet.[34][35][36] Achim Bühl hat einen Band Islamfeindlichkeit in Deutschland verfasst.[37] Mit der aktuellen Situation in Deutschland beschäftigt sich unter anderem das Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung; in Österreich gibt Farid Hafez das Jahrbuch für Islamophobieforschung heraus.
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