Josef Helmut Reichholf (* 17. April 1945 in Aigen am Inn) ist ein deutscher Zoologe, Evolutionsbiologe und Ökologe.
Aufgewachsen ist Reichholf in Niederbayern am Inn, wo ihn schon als Kind die Natur und Wildnis des unteren Inns faszinierte.
Nach seinem Studium der Biologie, Chemie, Geografie und Tropenmedizin ermöglichte ihm ein Stipendium einen einjährigen Aufenthalt in Brasilien, wo er über die tropische Artenvielfalt forschte.
Zusammen mit Bernhard Grzimek, Horst Stern und Hubert Weinzierl gründete er Anfang der 70er Jahre in München die „Gruppe Ökologie“, eine Keimzelle des später gegründeten Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).[1]
Reichholf ist Honorarprofessor der Technischen Universität München und war von 1974 bis 2010 Sektionsleiter Ornithologie der Zoologischen Staatssammlung München.[2][3] Reichholf war Präsidiumsmitglied des WWF Deutschland.
2005 wurde er mit der Treviranus-Medaille des Verbands deutscher Biologen (vdbiol) ausgezeichnet, 2007 mit dem Sigmund-Freud-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung für seine allgemeinverständlichen Beiträge zur Ökologie.
Reichholf ist Autor zahlreicher Bücher über Natur und Naturschutz, Ökologie, Evolution, Klima- und Umweltschutz.
Reichholf gilt als Querdenker. In einer Vielzahl an Büchern, Vorträgen und Fernsehauftritten offenbart er seinen großen fachübergreifenden Wissensfundus.[4] In seinen Augen lebt Wissenschaft vom kritischen Dialog, sie muss sich ständig selbst überprüfen und beweisen, und auch lange als unumstößlich geglaubte Thesen gegebenenfalls neu überdenken (Selbstkorrektur). Schulterschlüsse von Wissenschaft mit Politik (am Beispiel Klimaschutz) oder Industrie sieht er kritisch, da sie die Unabhängigkeit der Wissenschaft gefährden.[5]
So kritisiert er zum Beispiel insbesondere am Klimaschutz die seiner Meinung nach ausgeprägte Dogmatik und Kritikunfähigkeit der Bewegung. Reichholf vertritt einen rationalen, nüchternen und begründbaren Umgang mit wissenschaftlichen Befunden. [6] Reichholf stellt sich daher gegen den in seinen Augen bei unter anderem Klimaschutz und Waldsterben praktizierten, alarmierenden „Katastrophismus“. Reichholf schlägt auch vor, „die falschen Propheten“ [7], deren (meist düstere) Prognosen nicht eintreffen, zur Rechenschaft zu ziehen, so sie denn überhaupt überprüfbar sind.[8]
Reichholf als Biologe widerspricht unter anderem auch in seinem Buch „Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrhunderts“ [9] der These, dass die Klimaerwärmung mit einem drohenden Artenverlust verbunden ist, da wissenschaftliche Ergebnisse im direkten Lebensraum der Individuen einen anderen Befund zeigten (Zu- und Abwanderung von Arten). So habe beispielsweise seit der Erfindung des Kunstdüngers eine immer massivere Überdüngung (Eutrophierung) des Landes stattgefunden, die zum Zuwachsen ganzer Landstriche, die früher „ausgeräumt“ und kahl waren, geführt hätten. Am Boden käme daher immer weniger Sonne an, so dass Befunde gar ein Abwandern wärmeliebender Arten zeigten. Damit schneidet Reichholf gleich sein weiteres Problem mit der Klimabewegung an: Sie lenke ab von weitaus realeren und dringenderen Problemfeldern, die uns und die Natur direkter und unmittelbarer beträfen: Eutrophierung, Futtermittelimporte, Biodiversität, usw... Hier sei unmittelbarer Handlungsbedarf geboten.
Gerade im Naturschutz sieht Reichholf Handlungsbedarf, die selbst auferlegten Ziele und Mittel zu überdenken. In seinem Buch Naturschutz. Krise und Zukunft[10] favorisiert er gar die Idee, statt die Rote Liste gefährdeter Arten von Jahr zu Jahr immer länger und unüberschaubarer werden zu lassen, prinzipiell „jede Tierart zu schützen“ und nur bei begründeten Ausnahmen eine Aufhebung des Schutzes zu gewähren. Somit würde das bestehende System umgekehrt (bisher muss begründet werden, warum eine (Tier-)Art schützenswert ist) und ließe die moralische Grundposition der Gleichheit aller Arten zu. (Mit welcher Begründung sollten nur alle Singvögel geschützt werden und zum Beispiel Kleinsäuger nicht?)
Auch sieht Reichholf keinen Grund, sogenannte neue Tier- und Pflanzenarten (Neozoen, Neophyten) per se misstrauisch zu betrachten. Den Grund für deren Erfolg lieferten meist durch den Menschen verursachte Missstände (unter anderem Überdüngung), gegen die es vielmehr gelte vorzugehen, nicht gegen die Einwanderer. Zu diesem Thema gab es unter anderem auch ein Streitgespräch mit Tropenmediziner Rüdiger Disko in der Spiegel-Ausgabe 1/1999. [11]
Reichholf kritisiert auch, dass die an der Natur Interessierten aus Naturschutzgebieten ausgesperrt würden, während Jäger und Angler freien Zutritt und Besitzansprüche geltend machen könnten. Die Allgemeinheit, der steuerzahlende Bürger, müsse sich einer Ideologie (Gesetzen) unterwerfen, an denen nur eine kleine Minderheit ein Interesse hat (Jagd).[12]
Bekannt und vielfach in Presse und Fernsehen diskutiert unter dem Titel "Am Anfang war das Bier"[13] wurde auch Reichholfs These, dass der Ursprung von Ackerbau und Sesshaftwerdung des Menschen zunächst die Lagerhaltung und Verarbeitung von berauschenden Nahrungsmitteln gewesen sei. Im Osten beginne mit dem Mohn die „Opiumzone“, am Indischen Ozean sind es entsprechend Betelnuss und Khat, in Mittelamerika ist es der Peyote-Kaktus und in Südamerika der Koka-Strauch. Im Mittleren Osten sei die Bierbrauerei auf Basis des Gerstenanbaus lange vor der Erfindung der Brotbäckerei eine wesentliche Triebkraft gewesen. Bier als Nahrungsmittel war im Gegensatz zu Getreide lagerfähig und man konnte berauschende gemeinschaftliche Feste feiern. Die Aufbewahrung von Bier wie auch der Getreidevorräte und die dazu benötigten Tontöpfe und -fässer hätten die Mobilität der Jäger und Sammler verringert. Reichholf widerspricht der gängigen These, dass die Sesshaftwerdung des Menschen mit einer Verknappung von jagdbarem Wild einhergegangen war. [14]
Reichholf vertritt die These, dass die Produktivität der Natur (z. B. fruchtbare Böden) sowie das Klima den Bestand oder Niedergang von Kulturen und Weltreichen bestimmt haben. Er behauptet, dass sich viele sehr verschiedene Ereignisse der Menschheitsgeschichte durch Klimaveränderungen erklären lassen. So lassen sich ihm zufolge zum Beispiel die Kreuzzüge im Mittelalter und die Epoche der Romantik im 18. und 19. Jahrhundert letztlich auf das damalige warme Klima zurückführen.[15] Für die Bewältigung der Zukunft des Lebens auf der Erde müsse immer die Vergangenheit berücksichtigt werden. Reichholfs evolutionäre Betrachtung folgt drei Prinzipien:
Reichholf plädiert für „überlebensfähige Ungleichgewichte“. Gleichgewicht bedeute Stillstand, nur Spannung erzeuge Aktivität.
Reichholf hat sich auch zum Spannungsfeld von Naturwissenschaften und Glauben geäußert. Die Hauptfunktion des Glaubens ist für Reichholf die Reduktion der realen Komplexität, um sie verständlich zu machen. Glaube erfülle somit in sozialen Gruppen einen konkreten Zweck zur Ordnung innerhalb der Gruppen und stelle einen Vorteil für diese dar. Die Hinwendung eines bestimmten Anteils der Menschen zur Religion sei somit als durch Evolution entstandener Vorteil zu verstehen.
Reichholf ist mit seinen Ideen durchaus streitbar. Er tritt daher häufig als Gast in Diskussionsrunden auf oder hält bundesweit, zum Teil auch im Ausland, Vorträge. Im Oktober 2010 kritisierte Reichholf die Haltung von Gegnern des Großbauprojekts Stuttgart 21, die sich gegen das Fällen von Platanen aus Naturschutzgründen ausgesprochen hatten. Reichholf sah hierin eine Instrumentalisierung des Naturschutzes. Da die Platanen und die auf ihnen lebenden Juchtenkäfer nichtheimische Arten seien, müssten sie aus Gründen des Naturschutzes eher bekämpft als geschützt werden. Damit würde dem erklärten Ziel des Naturschutzes, nichtheimische Arten zu verfolgen, vielmehr entsprochen.[16]
Klimaforscher Stefan Rahmstorf warf Reichholf 2007 vor, in seinen Veröffentlichungen mit „falschen und irreführenden Klimakurven“ zu arbeiten und somit gegen die Regeln der „guten wissenschaftlichen Praxis“ zu verstoßen. Er ignoriere die im IPCC-Bericht dokumentierten Rekonstruktionen der Klimaentwicklung im letzten Jahrtausend und die aktuellen Forschungen in der Biologie zu den Auswirkungen der globalen Erwärmung auf Tier- und Pflanzenarten.[17] Reichholf bezeichnete Rahmstorfs Vorgehen als unseriös und unterstellte Rahmstorf bei den als persönlich und ungerechtfertigt empfundenen Angriffen politische Motive. [18] Die These, eine Erwärmung würde dem Artenreichtum abträglich sein, wäre angesichts der Befunde in den Eiszeiten völlig abstrus.
Anlässlich der Veröffentlichung des Buches Stabile Ungleichgewichte und eines begleitenden Essays[19] wurde Reichholf von Wolfgang Cramer, Professor für Globale Ökologie an der Universität Potsdam, vorgeworfen, er rechtfertige mit seiner These anthropogene Fehlentwicklungen als biologische Notwendigkeit. Reichholf stelle Raubzüge und Kriege als „menschliche Ungleichgewichte“ dar und verleihe ihnen damit einen ungerechtfertigten Platz im Ökosystem.[20]
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