Joseph Wulf (* 22. Dezember 1912 in Chemnitz; † 10. Oktober 1974 in Berlin-Charlottenburg) war ein deutsch-polnisch-jüdischer Historiker und Holocaust-Überlebender.
Geboren als Kind einer aus Polen stammenden jüdischen Familie, wuchs Wulf in Krakau auf. An der dortigen Jüdischen Hochschule machte er eine Ausbildung zum Rabbiner.
Nach der deutschen Besetzung Polens im Zweiten Weltkrieg wurde die Familie ins Ghetto Krakau deportiert. Dort schloss sich Wulf einer jüdischen Widerstandsgruppe an. 1941 wurde er ins KZ Auschwitz gebracht, das er überlebte, weil er kurz vor Kriegsende bei einem der berüchtigten Todesmärsche fliehen konnte.
Nach Kriegsende blieb Wulf zunächst in Polen, wo er von 1945 bis 1947 Exekutivmitglied der Zentralen Jüdischen Historischen Kommission war. Im Sommer 1947 emigrierte er nach Paris und gründete dort zusammen mit Michał Borwicz – der ebenfalls Mitglied der Exekutive der „Zentralen Jüdischen Historischen Kommission“ in Polen war und zusammen mit Wulf nach Paris emigrierte – das „Centre pour l’Histoire des Juifs Polonais“.
Später versuchte er (er lebte seit 1952 in Berlin) als Mitarbeiter der „Bundeszentrale für Heimatdienst“ in Bonn (der heutigen Bundeszentrale für politische Bildung) als einer der ersten, die bundesdeutsche Gesellschaft über die Verbrechen des Nationalsozialismus und den Holocaust umfassend zu informieren. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher. Vor allem seine Dokumentationen zu bestimmten Themenbereichen des „Dritten Reiches“ waren bahnbrechend und sind auch heute gern genutzte Quellen. 1965 startete er Aktivitäten, im Berliner Haus der Wannsee-Konferenz ein Dokumentationszentrum zu errichten. Allerdings verweigerte der Berliner Senat jegliche Unterstützung für dieses Vorhaben. Selbst unter ehemaligen Gegnern des NS-Regimes war das Projekt nicht unumstritten. So sprach sich beispielsweise auch der prominente Berliner Propst Heinrich Grüber - ihm wurde ein Jahr nach Joseph Wulf (1964) die Carl-von-Ossietzky-Medaille verliehen - gegen den Standort der Wannsee-Villa aus.
In der Gesellschaft der Wirtschaftswunderzeit stieß Wulf trotz einiger Auszeichnungen wie dem Leo-Baeck-Preis (1961), dem Heinrich-Stahl-Preis (1967) und der Verleihung der Ehrendoktorwürde der FU Berlin auf wenig Resonanz; von keinem akademischen Institut wurde er zur ständigen Mitarbeit auf seinem Gebiet berufen. Für die offiziösen Forscher über das Dritte Reich blieb er ein Außenseiter. Man warf ihm vor, er sei befangen, weil er zu den Opfern des Dritten Reiches gehört habe. Erst nach seinem Tode in den siebziger Jahren fand seine Arbeit Anerkennung bei den NS- Forschern und dem Lesepublikum. Vor allem seine Dokumentationen wurden immer wieder aufgelegt.
Besonders konfliktträchtig war sein Verhältnis zum Münchner Institut für Zeitgeschichte und dessen Direktor Martin Broszat gewesen. Von den Lagererfahrungen zutiefst traumatisiert, nach dem Tode seiner Frau vereinsamt und enttäuscht vom fehlenden Interesse beging Wulf am 10. Oktober 1974 Suizid, indem er aus dem Fenster seiner Berliner Wohnung sprang. In seinem letzten Brief an seinen Sohn David vom 2. August 1974 hatte er eine Liste seiner Enttäuschungen niedergeschrieben, zum Beispiel „9. Ich weiß, daß Ilja Ehrenburg nach 1945 ein ‚In memoriam‘ für die ermordeten Juden verfaßt hat und man erlaubte in der Sowjetunion nicht, daß das Buch erschien“ und „Ich habe hier 18 Bücher über das Dritte Reich veröffentlicht, und das alles hatte keine Wirkung. Du kannst dich bei den Deutschen tot dokumentieren, es kann in Bonn die demokratischste Regierung sein – und die Massenmörder gehen frei herum, haben ihr Häuschen und züchten Blumen.“ Einige Jahre später fanden seine Bücher viel Zuspruch und erlebten regelmäßig neue Auflagen.
Erst seit wenigen Jahren wird Wulfs Vorreiterrolle in der NS-Forschung angemessen gewürdigt, so trägt die Mediathek des 1992 endlich eingerichteten Dokumentationszentrums zur Wannsee-Konferenz seinen Namen. Auch im Jüdischen Museum in Berlin wird seiner gedacht. Hier wird sein letzter Brief präsentiert.
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