Ein Kofferwort, Schachtelwort oder Portmanteau ist ein Kunstwort, das aus mindestens zwei Wortsegmenten besteht, die zu einem inhaltlich neuen Begriff verschmolzen sind. Der zugrundeliegende Wortbildungsprozess wird als Amalgamierung oder Kontamination bezeichnet.
In Lewis Carrolls Geschichte Alice hinter den Spiegeln (1871) erklärt Humpty Dumpty Alice die seltsamen Wörter des Gedichts Jabberwocky. Sie seien wie Koffer: zwei Bedeutungen seien in ein Wort gepackt. Carroll nennt es portmanteau, ein zeitgenössisches englisches Wort für ‚Handkoffer‘ (wie auch in der Übersetzung 1923 verwendet). Dies ist wiederum abgeleitet vom französischen porte-manteau, zusammengesetzt aus porter für ‚tragen‘, und manteau für ‚Mantel‘, was zeitgenössisch ‚Kleidersack‘ bedeutete, heute bedeutet portemanteau ‚Kleiderbügel/-ständer‘. Im Vorwort zu The Hunting of the Snark (1876) gibt Carroll eine Art Einleitung zur Wortbildung ohne die formalen Bedingungen direkt anzusprechen.[1] Spätestens 1877 schreibt man von portmanteau words. Portmanteau wird inzwischen auch im Französischen verwendet und hat sich in allen drei Sprachen zu einem Oberbegriff für bewusst erstellte Kofferwörter entwickelt.
Hermann Paul prägte 1880 das Wort Kontamination (von lateinisch contaminare ‚in Berührung bringen‘). Er versteht darunter „den Vorgang, dass zwei synonyme oder irgendwie verwandte Ausdrucksformen sich nebeneinander ins Bewusstsein drängen, so dass keine von beiden rein zur Geltung kommt, sondern eine neue Form entsteht, in der sich Elemente der einen mit Elementen der anderen mischen“. Paul definiert Kontamination als versehentliche, individuelle und momentane Bildung, die allerdings durch Wiederholung und Personengruppen usuell werden kann. Bei der Verwandtschaft geht es ihm um Bedeutungsverwandtschaft und etymologische Herkunft. Damit wurde Kontamination auch zum Oberbegriff für unbewusste Wortbildungen. Nach Garland Cannon (2000[10]) ist Kontamination der heute im Deutschen übliche Terminus, der sich gegenüber Mischform und Vermischung durchgesetzt hat.[1]
Die Benennung ist im Deutschen sehr uneinheitlich, ebenso wie im Englischen, Französischen oder Spanischen, was häufig beklagt wird. Als erster wies 1933 Harold Wentworth darauf hin.[11][1] Bei den Begriffen wird häufig zwischen dem Vorgang und dem Produkt unterschieden.
Im Deutschen gibt es folgende, nicht immer eindeutig verwendete, und von manchen Autoren für Spezialfälle reservierte Bezeichnungen: „(Wort-)Kontamination“, „Port(e)manteau-Wort“ oder „Portmanteau-Bildung“, „Amalgam“ oder „Amalgamierung(sform)“, „Wortkreuzung“ oder „Kreuzungswort“, „Wortverschmelzung“, „Verschmelzungswort“, „Zusammenziehung“, „(haplologische) Wortzusammenziehung“, „haplologische (Wort-)Zusammensetzung“, „Kontraktion“, „Wortmischung“, „Wortvermischung“, „Mischwort“, „Kombi-Wort“, „Wortverschränkung“, „Klappwort“, „Kapselwort“, „Koppelwort“, „Teleskopwort“, „Tandemwort“, „Wortgebilde“, „Kontaminat“ und „Blending“ bzw. „Blend“ (engl. ‚Mischung‘).[1]
Bekannte Beispiele für Kofferwörter:
Etwa 70 Jahre nach Lewis Carroll schuf James Joyce in seinem Spätwerk Finnegans Wake Tausende von Portmanteaus. Auch das experimentelle Sprachwerk Fa:m’ Ahniesgwow des deutschen Autors Hans G Helms benutzt fast durchgängig die Portmanteau-Technik. Im Titel seines Romans Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch übersteigerte Michael Ende 1989 ein Portmanteau humorvoll.
Man kann das Kofferwort als eine Form der Abkürzung oder der Kurzwortbildung betrachten; diese Wortbildungsarten stellen Kurzformen sowohl von Langformen als auch von Syntagmen dar. Das Kofferwort unterscheidet sich von anderen Formen der Kurzwortbildung dadurch, dass es die Bedeutung der zugrundeliegenden Wörter zu einer neuen Bedeutungseinheit verbindet.
Am ehesten ist das Kofferwort in die Komposita einzuordnen, da es dem Kopulativkompositum sehr ähnelt. Anders als beim Kopulativkompositum, bei dem zwei Begriffe inhaltlich nebeneinander und gleichberechtigt stehen, verschmelzen beim Kofferwort zwei Begriffe inhaltlich zu einem neuen.
Eine Übersicht über dieses Thema bietet der Artikel Wortbildung.
In der sprachwissenschaftlichen Literatur gibt es Einigkeit über folgende morphologische Typen, die allerdings unterschiedlich benannt und erklärt werden und hier zusammengefasst dargestellt bzw. bezeichnet werden:
Es wird meist nur ein Vokal geändert wie bei: Dorf + Derp → Derf. Grund für diese sind häufig geographisch-bedingte Bildungen. Sie bilden einen sprachlichen Ausgleich zweier gleichberechtigter Begriffe (Synonyme) in einem mundartlichen Übergangsgebiet.
Eine gemeinsame Lautfolge wird zum gemeinsamen bzw. verbindenden Element wie bei: Hotelführer + Verführer → Hotelverführer. Siehe: Haplologie
Kofferwörter, die durch eine Wortüberschneidung entstehen, weisen keine gemeinsame Lautfolge auf wie zum Beispiel Mammut + Elefant → Mammufant. Meist entfallen hier dann von einer oder mehr Komponenten Wortsegmente.
Hier erfüllt die Assonanz keinesfalls die sonst übliche rhetorische Funktion, sondern stellt lediglich ein gemeinsames homophones oder homographes Segment dar, das die Ausgangslexeme verbindet.
Hans Ulrich Schmid beschreibt in einem Aufsatz von 2003 zehn weitere semantische Typen:
Markennamen sind mitunter als Kofferwort konstruiert, zum Beispiel Osram (Osmium und Wolfram), Tesa (Tesmer Elsa) oder Nescafé (Nestlé Café).
Neben den oben erwähnten Autoren James Joyce und Michael Ende arbeiten postmoderne Schriftsteller wie Elfriede Jelinek oder Walter Moers gerne mit dieser Technik.
Nicht zu verwechseln sind diese Bildungen mit den noch häufigeren Kunstwörtern in Form von Initialwörtern. So sind Wortschöpfungen wie Haribo (aus Hans Riegel Bonn), Milka (aus Milch und Kakao), Adidas (aus Adi Dassler), oder auch Persil (aus Perborat (Natriumperborat) und Silikat (Natriumsilikat)) Akronyme und keine Kofferwörter.
Kofferwörter können aus verschiedenen Gründen gebildet werden. Dies sind beispielsweise:
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