Die Luftangriffe in Bagdad vom 12. Juli 2007 umfassten insgesamt drei Angriffe durch Kampfhubschrauber der US-Army vom Typ Hughes AH-64 in Bagdad. Dabei wurden etwa zwölf Personen getötet. Szenen der Originalaufnahmen des Angriffes wurden von WikiLeaks unter dem Titel Collateral Murder an die Öffentlichkeit gebracht und mit Untertiteln des Funkverkehrs sowie mit ergänzendem Material versehen.
Laut dem Nachrichtensender CNN wurden amerikanische Soldaten des 16. Infanterieregiments seit Beginn der Operation Ilaaj jeden Morgen mit Handfeuerwaffen und raketengetriebenen Panzerbüchsen[1] beschossen. Als am 12. Juli 2007 wieder in dem Gebiet Waffenfeuer wahrgenommen, aber nicht lokalisiert werden konnte, schickte die Army zwei Apache-Kampfhubschrauber dorthin. Diese verließen Camp Taji um 9:24 Uhr und kamen um 9:53 Uhr an, wo zu diesem Zeitpunkt die Koalitionstruppen von Aufständischen sporadisch angegriffen wurden.[2]
Angekommen am Einsatzort, nahmen die zwei Hubschrauberbesatzungen eine Gruppe von 15-20 Männern wahr. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich auch die zwei Reuters-Mitarbeiter Saeed Chmagh (auch: Said Chmar) und Namir Noor-Eldeen (auch: Namir Nur-Eldin) an diesem Ort. Eine Helikopterbesatzung war sich sicher, bei zwei Personen Waffen erkannt zu haben. Sie meldete eine Gruppe von fünf bis sechs Personen mit AK-47-Sturmgewehren und bat um Genehmigung zum Angriff.[3] Nach Erteilung der Genehmigung identifizierte die Besatzung bei einer Person einen Gegenstand als RPG (Reaktive Panzerbüchse) und meldete das.[3] Die Sicht auf die Gruppe war kurz durch ein Gebäude versperrt. Als die Gruppe hinter dem Gebäude wieder auftauchte, eröffneten beide Helikopter das Feuer aus ihren 30mm-Kanonen. Mehrere Männer, darunter Noor-Eldeen, wurden getötet und andere, darunter Chmagh, verwundet.
Ein kurz darauf vorbeifahrender Kleinbus hielt an und die unbewaffneten Insassen versuchten, den verletzten Saeed Chmagh zu retten. Die Hubschrauberbesatzung ging fälschlicherweise davon aus, dass die Businsassen Waffen bergen würden und bat bei der Einsatzleitung wieder um Feuererlaubnis.[1] Bei dem anschließenden Angriff auf den Van wurde Chmagh getötet. Zwei Kleinkinder, die sich im Bus befanden, überlebten schwer verletzt.[4]
Danach gibt es einen Zeitraum von 20 Minuten, von dem es keine Aufnahmen gibt. Laut offiziellen Angaben verfolgten die Helikopter eine Gruppe Aufständischer, von denen einige in ein Haus gingen. Als das Video wieder anfängt, sind zwei Personen zu erkennen, von denen eine bewaffnet zu sein scheint und in das Gebäude geht.[5] Bei der Einsatzleitung wurde wieder um Feuererlaubnis gebeten. Das Gebäude wurde von der Helikopterbesatzung erst als verlassen und dann als im Bau befindlich beschrieben. Nachdem eine Besatzung berichtete, dass sich mindestens sechs Personen mit Waffen in dem Haus aufhielten, wurde dieses mit drei Raketen des Typs AGM-114 Hellfire beschossen.[5]
Die Schätzungen über die Zahl der bei dem Angriff ums Leben gekommenen Menschen schwanken zwischen 12[6] und 18.[7]
Bereits einen Tag nach dem Tod der Reuters-Mitarbeiter veröffentlichte die New York Times einen Artikel, in dem interviewte Augenzeugen und Vertreter der irakischen Polizei den Tod der beiden Männer und ihrer Begleiter auf den Beschuss durch amerikanische Kampfhubschrauber zurückführten. Das US-Militär erklärte im selben Artikel, dass amerikanische Bodentruppen in dem Gebiet mit Panzerfäusten und Infanteriewaffen angegriffen worden seien und die Hubschrauber zur Unterstützung angefordert hätten. Im anschließenden Gefecht seien die beiden Reuters-Mitarbeiter und neun Aufständische getötet worden.[8]
Reuters forderte daraufhin die US-Streitkräfte zur Untersuchung der gewaltsamen Todesfälle auf, wobei insbesondere folgende Punkte angesprochen werden sollten:[9]
Diese Forderungen, die auf der Grundlage des Freedom of Information Act gestellt wurden, wurden allerdings mit Verweis auf die Sicherheit der Soldaten zurückgewiesen.
Die US-Streitkräfte hatten zu diesem Zeitpunkt bereits eine interne Untersuchung durchgeführt, deren Ergebnisse aber erst 2010 veröffentlicht wurden. Demnach hätten Saeed Chmagh und Namir Noor-Eldeen keinen erkennbaren Versuch unternommen, sich als Pressevertreter kenntlich zu machen und hätten durch die Nähe zu der Gruppe bewaffneter Aufständischer, in der sie sich bewegten und durch das verdächtige Handhaben der Kameraausrüstung auf die Besatzungen der angreifenden Kampfhubschrauber wie feindliche Kombattanten gewirkt.[10]
Am 5. April 2010 veröffentlichte WikiLeaks auf einer Pressekonferenz die an Bord der Apache-Hubschrauber aufgenommenen Videoaufnahmen des Vorfalls.[11] In Anlehnung an den euphemistisch verwendeten militärischen Begriff Kollateralschaden (engl.: collateral damage) wurde hierfür der Titel Collateral Murder gewählt.
Das 39-minütige Video war von der Zielkamera der Bordkanone aufgenommen worden. Es zeigt mehrere Personen, die nach Auffassung der US-Soldaten AK-47-Sturmgewehre und eine Panzerfaust (RPG) trugen. Bei einigen der vermuteten Waffen handelte es sich um die Kameras der Journalisten. Die Bordkamera zeigt, wie das Feuer auf die Gruppe eröffnet wird. Etwa zwölf Zivilpersonen, einschließlich der beiden Reuters-Mitarbeiter Saeed Chmagh and Namir Noor-Eldeen, wurden getötet.
Das veröffentlichte Video erhielt früh eine große Aufmerksamkeit in Blogs, bei Youtube und investigativen Journalisten. Später berichteten daraufhin auch Massenmedien international ausführlich über das Video und den Vorfall. Obwohl es auch Versuche gab, die gekürzte Version des Videos als manipulierend darzustellen, so wurde z. B. in The Weekly Standard berichtet, das Video sei irreführend geschnitten, wurde die Veröffentlichung überwiegend als glaubhaft eingeschätzt.[12]
Das US-Militär gab bekannt, das Video sei echt, zeige allerdings nicht den Kontext des Angriffs; so habe es in der Nähe Feuergefechte gegeben.[13] Das United States Central Command rechtfertigte den Einsatz damit, dass nach seiner Einschätzung einige Personen Waffen getragen hätten und die Journalisten aus der Entfernung nicht als Journalisten erkennbar gewesen seien.
In der Öffentlichkeit lösten besonders die Kommentare der Piloten (die davon ausgingen, dass sie Aufständische bekämpften) Empörung aus: Deren Funkverkehr war auf dem Video zu hören und nachträglich durch Untertitel ergänzt worden. Der Pilot kommentierte den Vorfall mit „Sieh dir diese toten Bastarde an!“, während ihm ein anderer Funkteilnehmer zu den „guten Schüssen“ gratuliert.[14]
Wikileaks-Mitarbeiter Julian Assange sagte, dass er nicht definitiv sicher sei, ob anwesende Personen tatsächlich Waffen getragen hätten (was im Irak allerdings nichts Ungewöhnliches sei), sie hätten jedoch die US-Truppen nicht angegriffen. Während z. B. Fox News der Interpretation des US-Militärs zustimmte, schätzte z. B. der Guardian ein, dass keine Waffen, jedoch die Kamera des Journalisten erkennbar gewesen sei.[15]
Collateral Murder war die erste Veröffentlichung von WikiLeaks, bei der nicht nur das Originalmaterial unkommentiert gezeigt wurde, sondern auch eine bearbeitete, kürzere Version ins Netz gestellt wurde, die vom damaligen Wikileaks-Sprecher Daniel Domscheit-Berg als journalistischer Beitrag bezeichnet wurde.[16] Zusätzliches Material wurde hinzugefügt, einschließlich Bilder der verletzten Kinder, des zerstörten Kleinbusses und der Angehörigen der bekannten Opfer. Auch die damals für die Soldaten gültigen Einsatzregeln wurden zusammen mit dem Video ins Netz gestellt. Damit gab Wikileaks erstmalig seine neutrale Position auf und positionierte sich offen gegen die Handlungsweise der US-amerikanischen Regierung. Im Zusammenhang mit anderen Veröffentlichungen über den Krieg in Afghanistan äußerte Assange: „Das Material wirft ein Schlaglicht auf die alltägliche Brutalität und das Elend des Krieges. Es wird die öffentliche Meinung verändern und auch die von Menschen mit politischem und diplomatischem Einfluss“.[17] Der isländische Journalist und WikiLeaks-Sprecher Kristinn Hrafnsson reiste mit dem Kameramann Ingi Ragnar Ingason[18] vor der Veröffentlichung des Videos nach Bagdad und interviewte die beiden überlebenden Kinder.[19][20] Im Abspann des Videos werden außer Assange und ihm auch Birgitta Jónsdóttir, Rop Gonggrijp und Daniel Domscheit-Berg sowie andere als Mitarbeiter benannt.
Nach einem Hinweis von Adrian Lamo wurde der amerikanische Soldat Bradley Manning als mutmaßlicher Informant im Mai 2010 festgenommen. Manning wurde zunächst im Camp Arifjan in Kuwait festgehalten, Ende Juli 2010 in ein Gefängnis auf der Marine Corps Base Quantico und im April 2011 nach Fort Leavenworth, Kansas verlegt.[21][22] Ein Prozess fand noch nicht statt. Es drohen ihm lebenslange Haft oder die Todesstrafe.[23] Der deutsche Whistleblower-Preis ging 2011 auch an die unbekannte Person, die das Video der Öffentlichkeit zugänglich machte.[24]
33.313744.512
Koordinaten: 33° 19′ N, 44° 31′ O
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