Matriarchat bezeichnet einen hypothetischen Gesellschaftstyp [1], in dem alle sozialen und rechtlichen Beziehungen über die Abstammung der mütterlichen Linie organisiert sind, die religiösen Vorstellungen auf eine Ahnfrau oder Urgöttin zurückgeführt werden und Frauen eine zentrale Rolle in Gesellschaft und Religion einnehmen. Es wird dabei oft nicht unterschieden, ob die Stellung den Müttern oder Frauen allgemein zugeschrieben wird. Auch eine Gesellschaftsordnung, in der Frauen oder Mütter darüber hinaus exklusiv die politische Macht innehaben (herrschen), wird als Martiarchat bezeichnet.[2] Im populären Sprachgebrauch der Gegenwart wird unter Matriarchat eine Gesellschaftsordnung verstanden, die vorrangig von Frauen geprägt ist. Es gibt jedoch keine wissenschaftlich allgemein anerkannte Definition von Matriarchat. [3] Als Synonyme für matriarchal oder matriarchalisch oder auch in Abgrenzung dazu sind gebräuchlich: mutterrechtlich und gynäkokratisch (Johann Jakob Bachofen), matrizentrisch (Erich Fromm, Marija Gimbutas), matristisch (Wilhelm Reich, Carola Meier Seethaler) und gylanisch (Riane Eisler, Marija Gimbutas). "Seit ihrer ersten Erwähnung sind diese Begriffe immer wieder mit anderen Vorstellungen und Inhalten aufgeladen und entsprechend verwendet worden." [4] Davon unterschieden beschreiben die verwandtschaftsethnologischen Begriffe matrilinear, matrilokal, uxorilokal Abstammungs- und Wohnsitzregeln. Mit Matrifokalität wird in der Ethnologie eine zentrale Rolle von Müttern in matrilinearen, patrilinearen oder anderen Verwandschaftssystemen beschrieben.[5]
Der Terminus Matriarchat ist ein Kunstwort, das im deutschen Sprachraum erstmals Ende des 19. Jahrhunderts[6] auftauchte, in Anlehnung an die bis dahin gebräuchlichen Begriffe Mutterrecht und Gynaikokratie.[7] Es setzt sich zusammen aus lateinisch mater (Mutter) und altgriechisch archein (herrschen) oder auch arché (Beginn, Ursprung).
Die Anfänge der Theorien zu Matriarchaten entstammen rechtshistorischen und ethnologischen Beiträgen des 18. und des 19. Jahrhunderts.[8] Der historische Materialismus (aber auch schon Bachofen) versteht das Matriarchat als eine allgemeine und notwendige Stufe der Gesellschaften der Ur- und Frühgeschichte.[9] Im zwanzigsten Jahrhundert gehörten sie zum Bestand marxistisch orientierter Kulturwissenschaften.[10] Dabei wurden auch schwärmerische Elemente mit historischen Tatsachen verbunden, um einen Gegenentwurf zur patriarchalischen Struktur westlicher Industriegesellschaften zu gewinnen. Das Patriarchat wurde weitgehend für soziale Zustände und moralische sowie psychologische Haltungen und Zwänge verantwortlich gemacht und das Matriarchat dabei positiv als utopischer Urzustand der Gesellschaft oder abwertend als rückschrittliche Kulturstufe gedeutet.[11]
Die These der Existenz einer allgemeinen vorgeschichtlichen matriarchalen Kulturstufe oder zumindest eines Kults einer Großen Göttin wurde vom Ende des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts vor allem in der englischen Urgeschichte und Archäologie relativ häufig vertreten. Deutschsprachige Prähistoriker hatten in den 1930er Jahren die Nähe zum Nationalsozialismus gesucht. Ein herausragender Vertreter war Oswald Menghin, der mit seinem Buch Die Weltgeschichte der Steinzeit (1931) die Meinung vertrat, dass vor allem die neolithischen Kulturen durch ein Matriarchat geprägt waren. Als Folge übte die Ur- und Frühgeschichte in der BRD nach 1945 eine dezidierte Zurückhaltung im Bereich Theoriebildung.[12] In der sowjetischen Archäologie machte sich die marxistische Deutung der Urgeschichte (vergl. Engels) bemerkbar: die in den 1920er und 30er Jahren entdeckten paläolithischen Venusfiguren galten als Belege für ein urkommunistisches Matriarchat.[13]
Während in allen einschlägigen Fachwissenschaften der Rückgriff auf den Matriarchatsbegriff als ungeeignet für die Erforschung von sozialen Systemen und der ihnen innewohnenden Macht- und Geschlechterverhältnisse abgelehnt wird,[14] erfolgte ab Ende der 1970er Jahre eine Aneignung durch Vertreterinnen der essentialistischen Zweige des Second Wave-Feminismus. Sie gehen – wie Bachofen – davon aus, dass das Matriarchat im besonderen eine Zeit der Ur- und Frühgeschichte war, in der vor allem Frauen kulturschöpferisch und -prägend waren, aber nicht geherrscht haben. Es ist weitgehender Forschungskonsens, dass „sich das Matriarchat als Mutterherrschaft spiegelbildlich zum Patriarchat historisch nicht nachweisen läßt“[15]
In den Fachwissenschaften und auch in sonstigen Publikationen wurden und werden unterschiedlichste Präzisierungen des Begriffs „Matriarchat“ vorgeschlagen.
Johann Jakob Bachofen und in dessen Rezeption u.a. Friedrich Heiler[16] sahen als konstitutive Merkmale einerseits das Bestehen mutterrechtlicher Institutionen, andererseits
Birgit Heller umreisst den Matriarchatsbegriff wie folgt: „Gemeint ist meistens eine Ges[ellschafts]-Form, die durch die Dominanz der Mutter bzw. Frau gekennzeichnet ist, od[er] die Abstammungs- u[nd] Erbfolge nach der Mutter, die sich mehr od[er] weniger günstig auf die Stellung v[on] Frauen auswirkt.“[18]
Angela Schenkluhn schlägt vor, kulturwissenschaftliche Begriffe wie Matrilinearität, Matrilokalität oder Matrifokalität, die sich auf die Organisation von Verwandtschaftsbeziehungen beziehen, strikt zu trennen von Matriarchatsbegriffen, die sich demgegenüber auf einen bestimmten Gesellschaftstyp beziehen. Da für einen solchen Gesellschaftstyp des „Matriarchats“ bisher weder historische noch archäologische Evidenzen existierten, sollte der Matriarchatsbegriff verstanden werden als „sozialer Mythos innerhalb bestimmter ideologischer Systeme“.[19] Als Basiselemente wichtiger Theorien zu "Matriarchaten" macht sie aus:
Cäcilia Rentmeister definierte als Erste (1980) Matriarchat ausdrücklich nicht als spiegelbildliche Umkehrung von Patriarchat, sondern als Mutter-Anfang oder Mutterprinzip und nimmt eine Merkmalsdefinition vor, mit der sie hervohebt, welche Vorteile diese Sozialform für Frauen und Mütter sowie für die Vermeidung von Gewalt gegen Frauen und die Bewältigung von Konflikten zwischen den Geschlechtern in den von ihr besuchten Ethnien (Minangkabau, Nayar) habe.
Heide Göttner-Abendroth setzt in ihren umstrittenen Beiträgen zu diesem Thema die Existenz von Matriarchaten in Vergangenheit und Gegenwart voraus[21] als von Frauen geschaffene und in allen Bereichen geprägte Gesellschaften mit "komplementärer Gleichheit", in denen die "Mutter als Prototyp" gelte, denn vom mütterlichen Verhalten seien die tragenden Werte der Gesellschaft abgeleitet.[22] Diesen hypothetischen Gesellschaftstyp definiert sie auf vier Ebenen:
Kein Konsens besteht darin, ob es bei strenger Anwendung aller vorbenannten Kriterien derzeit Matriarchate gibt (bei Konversionenen zu Islam oder Christentum, Aufgeben der Clanhäuser und somit Abkehr von der Matrilokalität, Abkehr von Subsistenzwirtschaft etc.). Bei selektiver Anwendung einzelner Kriterien ist die Identifikation derart umschriebener Sozialformen unstrittiger. Fraglich ist, ob dann von einem "Matriarchat" gesprochen werden kann.
„In der Ethnologie, Anthropologie, Archäologie und Religionswissenschaft steht man ihrer [Göttner-Abendroths] Theorie meist eher ablehnend gegenüber, da die Existenz des von ihr beschriebenen Matriarchats mit ihrer Methode nicht nachgewiesen werden kann [...].“
– Stefanie Knauß [26]
In Matriarchatstheorien, einigen älteren Publikationen[27] als auch mitunter im populären Sprachgebrauch wird von Matrilinearität oder Matrilokaltität auf den Gesellschaftstyp des "Matriarchats" geschlossen oder damit gleichgesetzt. Einige indigene Autorinnen wie Ifi Amadiume[28] und Martha Harroun Foster [29], die die Geschichte ihrer eigenen Ethnien erforschen, verwenden ebenfalls den Begriff "Matriarchat". Sie heben damit die Andersartigkeit gegenüber westlichen Gesellschaftsmodellen und eine starke Rolle der Frauen vor der Kolonisierung und Missionierung hervor und verleihen ihren politischen Schlussfolgerungen auf diese Weise Nachdruck. Von feministischen Ethnologinnen wurde der Matriarchatsbegriff jedoch seit Mitte der 1970er Jahren mehrheitlich verworfen.[30] In der neueren Ethnologie und Anthropologie gilt der Rückgriff auf den Matriarchatsbegriff als unwissenschaftlich.
Der Terminus Matrilinearität beschreibt "die soziale Definition der Verwandtschaft und der daraus abgeleiteten individuellen Rechte und Pflichten, insbesondere auch der Erbansprüche, sowie der sozialen Gruppenzugehörigkeit nach der Deszendenz aus der mütterlichen Linie."[31] Der Terminus Matrilokalität beschreibt die soziale Norm, dass "Töchter im Hause ihrer Mutter" wohnen, "während die Söhne im Hause ihrer Ehefrauen bzw. deren Mutter wohnen" [31] (Uxorilokalität)
Unilineare Abstammungssysteme (Eingrenzung auf die mütterliche oder väterliche Linie) finden sich in vielen Gesellschaften, in denen es wichtige Güter (Land, Vieh) aufzuteilen und zu vererben gilt. [32]Eine relevante Korrelation von Ackerbau und Matrilinearität existiert jedoch nicht.[33]
Die Ethnologin Gabriele Herzog-Schröder weist darauf hin, dass die Grundidee der Deszendenz in ihren Ausprägungen Matrilinearität und Patrilinearität aus einer Zeit stamme, "[...] als die Anthropologie von Mutmaßungen über die Evolution der Beziehungen zwischen den Geschlechtern beherrscht wurde." Die Sozialstruktur einer Gesellschaft sei nicht zwingend von dem Deszendenzmodell abhängig.[34]
Gegenwärtig existieren auf allen außereuropäischen Kontinenten Ethnien mit matrilinearem Abstammungssystem, von welchen einige zusätzlich die Matrilokalität praktizieren, darunter:
Aufgrund von Kolonisierung und Missionierung, Interaktionsprozessen mit angrenzenden Nationen oder anderen gesellschaftlichen Prozessen weisen diese Ethnien nur noch selten alle Züge ihrer vermuteten ursprünglichen Kultur auf, wie es am Beispiel der Minangkabau gezeigt werden kann, deren Geschichte und gegenwärtige Situation gut belegt ist.[35][36]. Mit insgesamt über drei Millionen Menschen sind die Minangkabau auf Sumatra die größte bekannte matrilineare Bevölkerungsgruppe der Welt. Die Minangkabau sind Moslems, tradieren jedoch auch das Adat, ihr ungeschriebenes Gesetz, und integrieren dessen Regeln in ihren Alltag. Ursprünglich praktizierten sie matrilokale Wohnsitzregeln, heute jedoch sind Kernfamilien eine gängige Lebensform.
Entgegen den Vermutungen von Matriarchatsautorinnen sind Gesellschaften mit matrilinearen oder matrilokalen Sozialformen nicht zwingend friedlicher oder gewaltloser als patrilineare. So waren die Nayar eine Kriegerkaste, Irokesen und Huronen bildeten Kriegsbünde, die matrilinearen Bororo im zentralbrasilianischen Hochland und die Munduruku im Amazonasgebiet, eine Gesellschaft mit patrilinearem Abstammungssystem und matrilokalem Residenzmuster [37], galten wegen ihrer kriegerischen Aggressivität als gefürchtet [38], die Garo gingen auf rituelle Kopfjagden [39].
Das Verwandtschaftssystem sagt noch nichts über die politische Machtverteilung in einer Kultur aus. Insbesondere lässt sich vom Befund matrilinearer Verwandtschaftsorganisation nicht darauf schließen, dass Frauen politische Macht innehaben. In vielen Gesellschaften matrilinearer und matrilokaler Sozialform werden politische und repräsentative Aufgaben außerhalb der Kerngruppe von einem Mann, in der Regel dem Mutterbruder, wahrgenommen, wie z.B bei den Minangkabau.
In Gesellschaften mit matrilinearem Verwandtschaftssystem wird häufig die Verantwortung für Ämter auf zwei Personen zu verteilt, die nicht selten denselben Aufgabenbereich zu betreuen haben (→Dyarchie). Wenn weiblichen Häuptlingen oder Clan-Vorständen jeweils männliche gegenüberstehen, ergibt sich daraus ein allgemeines Prinzip der Ämterdoppelung. Wie Lewis Henry Morgan für die Irokesen feststellte, resultiere daraus ein Zwang zu Absprachen und zu einem regelmäßigen Wechsel der Führungsrolle. Das Prinzip der Ämterteilung entspreche der Übereinkunft auf allen gesellschaftlichen Ebenen, wo sich jeweils reziproke Hälften gegenüberstehen. Solche dualen Institutionalisierungen sind jedoch keine Eigenheit matrilinearer Sozialformen, sondern werden z.B. von Claude Lévi-Strauss auch bei patrilinearen Gesellschaften beschrieben.[40]
Gemäß weitestgehendem fachwissenschaftlichem Konsens gibt es gegenwärtig zwar matrilineare und matrilokale Gesellschaftsformen, es gibt aber keine anthropologischen oder archäologischen Belege für die Idee einer allgemeinen „matriarchalen Phase“ menschlicher Gesellschaften. Matrilinearität, d.h. die Abfolge der Verwandtschaftlinie von Mutter zur Tochter, wird – beispielsweise von Sarah Blaffer Hrdy[41] – interpretiert als ein Effekt tribaler Hortikultur, in der Frauen das Land bebauen.[42]
Während ältere Publikationen versuchten, paläolithische Figuren heranzuziehen, um die Idee einer Existenz von Matriarchaten zu stützen, wird dieses Vorgehen seit Mitte des 20. Jahrhunderts fachwissenschaftlich weithin als unhaltbar zurückgewiesen.[43] Über die „Venus von Willendorf“, eine berühmte Frauenstatuette aus dem Jungpaläolithikum, von deren sakraler Bedeutung und Bedeutung als Beweisstück für eine matriarchale Kosmologie der spirituelle Feminismus überzeugt ist, schreibt die Ur- und Frühgeschichtlerin und Ethnologin Bärbel Auffermann[44]:
„[…] eines werden wir nie erklären können: Warum die Figur angefertigt wurde. Die Antwort auf diese Frage ist seit Jahrzehntausenden von Jahren verstummt. Jeder heutige Versuch einer Antwort bleibt Spekulation.“
Für weibliche Statuetten, wie sie aus vordynastischen Kulturen Ägyptens, dem neolithischen Kreta und griechischen Festland sowie dem prähistorischen Nahen Osten bekannt sind, gibt es insbesondere keine Belege einer religiösen Funktion.[45] Von Fachwissenschaftlern wird zudem verneint, dass mit archäologischen Methoden überhaupt Aussagen dieser Reichweite über Gesellschaftsstrukturen zu gewinnen sind.[46] Umstritten ist auch die Anwendung von ethnologischen und anthropologischen Daten auf die Auswertung archäologischer Funde und vergleichende Annahmen von heute existierenden Ethnien mit prähistorischen Kulturen, wie es ein Vorgehen des kulturellen Evolutionismus des 19. Jahrhunderts war. Im universitären Wissenschaftsbetrieb werden zudem zahlreiche Hypothesen und Methoden insbesondere von Klassikern der Matriarchatsforschung abgelehnt, wie beispielsweise eine historische Spekulation auf der alleinigen Basis der Interpretationen von Mythen.[47]
Als Reaktion darauf schlagen einige Autoren, die an der Matriarchatsidee festhalten, vor, eine komplexere Methodologie zu befolgen. Dabei sollen Fachdisziplinen wie Archäologie, Ethnologie, Religionswissenschaft, Volkskunde und „Oral History“, Geschichte, Soziologie u. a. kombiniert werden.[48] Auch Mythen, Legenden und Märchen werden als Überreste einer matriarchalen Gesellschaftsordnung zu interpretieren versucht.[49]
Stefanie Knauß – wie auch andere Autoren – stimmt der Notwendigkeit interdisziplinärer Methoden für die Erforschung des Zusammenhangs von Gesellschaftsform, Religion und Geschlecht zu. Zu den Schriften Göttner-Abendroths merkt sie jedoch kritisch an, dass diese Matriarchatsforschung aus dem Sammeln und Zusammenfügen von Mosaiksteinchen aus verschiedensten Quellen und Gesellschaften bestehe, und es fraglich bleibe, ob diese Quellen vergleichbar sind.[50]
„[…] aus einer Sammlung bunter Steine können schließlich sehr verschiedene Bilder entstehen. Dass in diesem Fall das Bild der idealen matriarchalen Gesellschaft entsteht, liegt […] an der Vorannahme, […] dass Matriarchate existierten und 'nur noch' im Detail beschrieben werden müssen.“
Neben dem Paläolithikumm gilt in Matriarchatstheorien das Neolithikum als matriarchal geprägt. Dabei wird von einer einheitlichen matriarchalen Entwicklung Europas ausgegangen, obwohl für das nord-westliche Europa Funde weiblicher Statuetten fehlen. Insbesondere Heide Göttner-Abendroth verbreitet die Annahme eines neolithischen Matriarchats als geschichtliche Wirklichkeit.[51] Der matriarchale Gesellschaftstyp soll nach ihrer Auffassung in der Jungsteinzeit (Neolithikum) global entstanden und am Ende der Bronzezeit gewaltsam abgelöst worden sein.[52] Mit dieser Vorannahme interpretieren Anhänger der Matriarchatsidee alle neolithischen Fundorte als matriarchal und im Zirkelschluss als archäologischen Beweis einer matriarchalen Vorzeit. Diese Überzeugung speist sich nach Meret Fehlmann aus archäologischen Werken, „die nicht mehr den neuesten wissenschaftlichen Stand abbildeten und davon zeugten, dass eine Reihe großer Namen, vor allem der englischsprachigen Archäologie (v.a. Jacquetta Hawkes, James Mellaart, dem Entdecker von Çatalhöyük in den frühen 1960er Jahren, und Marija Gimbutas) nicht nur mit streng wissenschaftlichen Werken hervortrat, sondern auch Bücher publizierte, die sich an ein weiteres Publikum richteten.“ Hierdurch sei die Vorstellung der matriarchalen Vorzeit popularisiert worden. Die Resultate ihrer Arbeiten und Ausgrabungen wurden vom spirituellen Feminismus und der feministischen Matriarchatsforschung vereinnahmt und weiter popularisert.[53]
Als matriarchale Kulturen in Europa und Vorderasien werden demnach diskutiert:
Die Vorstellung eines neolithischen Matriarchats wird u.a. damit zu begründen versucht, dass archäologische Befunde aus dieser Zeit angeblich keine Anzeichen für Gewalt, Krieg und soziale Unterschiede ergäben. Seit den 1980er Jahren sind jedoch vermehrt archäologische Befunde entdeckt worden, wie die Massaker von Talheim in Baden-Württemberg,[54][55] von Asparn an der Zaya in Oberösterreich, von Schletz in Niederösterreich und weitere, die dieses Bild gewaltfreier neolithischer Gesellschaften erschüttern. „Wie in Thalheim sind die Täter (in Schletz) mit unglaublicher Brutalität vorgegangen, die auch vor Kindern aller Altersstufen nicht halt machte. Alle Schädel tragen Anzeichen massiver Gewalteinwirkung […] Auch in diesem Fall schlugen die Täter weiter auf ihre Opfer – und zwar vorzugsweise auf die Köpfe – ein, als sie bereits wehrlos am Boden lagen.“ [56] Der Tübinger Ur- und Frühgeschichtler Jörg Petrasch hat methodenkritisch versucht, die Rate der Gewalttätigkeiten auf die Gesamtpopulation in der Bandkeramik hochzurechnen und kommt zu dem Schluss, dass solche Massaker keine singulären Ereignisse gewesen sein können. Demnach müssen Gewalttätigkeiten in den bandkeramischen Gesellschaften regelmäßig, wenn auch selten, vorgekommen sein. Abgesehen von solchen tödlich endenden Gewalttätigkeiten werden in den anthropologischen Veröffentlichungen zu bandkeramischen Skeletten Hinweise auf regelmäßig physische Auseinandersetzungen beschrieben, die von den Opfern überlebt wurden. [57][58]
Die Prähistorikerin Eva-Maria Mertens weist anhand der Bandkeramiker nach, dass diese Kultur keine friedliche im Sinne der Matriarchatsanhänger war. In ihrer Studie kommt sie zu dem Schluss:
„Wenn die These der Matriarchatsforscherinnen stimmt, dass die Zeit des Neolithikums von Matriarchaten bestimmt war, dann war es trotz der Frauenherrschaft keine friedliche Zeit. Wenn aber die Kernprämisse für den Nachweis eines Matriarchats Gewaltlosigkeit bzw. Friedlichkeit ist, dann ist am Ende der Bandkeramik nicht von einem Matriarchat zu sprechen. “
Mertens betont, dass solche Hinweise auf Gewalt nicht nur Kennzeichen der ersten Ackerbauern in Mitteleuropa sind. Auch aus den vorhergehenden Wilderbeuterkulturen im Spätmesolithikum (ca. 6000 v.Chr.) gibt es regelhaft Hinweise auf gewaltsam zu Tode gekommene Menschen. [59]
Mit dem Neolithikum ging als Folge der mit Ackerbau und Viehzucht verbundenen Sesshaftigkeit ein Anwachsen der Bevölkerung einher und die Herausbildung erster sozialer Unterschiede und Hierarchien. Anhand der Skelettfunde lässt sich eine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung nachweisen, wobei hauptsächlich die weiblichen Skelette Handarthrosen und andere Abnutzungserscheinungen aufweisen, die auf das Mahlen des Getreides in knieender Haltung hinweisen, außerdem „werden weibliche Skelette zusehends kleiner und zierlicher“. Verletzungen und Krankheiten, die sich am Skelett nachweisen lassen, nehmen drastisch zu (es gibt Hinweise auf ernährungsbedingte Krankheiten, bspw. nachgewiesen bei der Hälfte der Bewohner von Çatalhöyük); und nicht nur bei den Bandkeramikern finden sich Skelette – Frauen und Männer –, die auf einen gewaltsamen Tod schließen lassen. Ebenso ist die Vorstellung eines friedlichen Umgangs mit der Natur wahrscheinlich falsch, „die ersten Bauern wiesen vermutlich allen Ressourcen – Pflanzen, Tieren, Menschen – gegenüber eine ausbeuterische Haltung auf.“[60]
Auch weitere Annahmen, die die Idee eines neolithischen Matriarchats stützen sollen, werden fachwissenschaftlich zurückgewiesen, gelten in der Archäologie als widerlegt und methodisch als unwissenschaftlich, z.B. die Bedeutungskontinuität von Symbolen über Jahrtausende, die von Matriarchatstheoretikern als Sprache der Urzeit und vereinfacht als Symbole der Göttin verstanden werden sowie die pauschale Deutung weiblicher oder anthropomorpher Darstellungen als Göttinnen und Ausdruck einer religiösen Kontinuität vom Paläolithikum zum Neolithikum (und darüber hinaus), einem Zeitraum, der mehr als 20.000 Jahre umspannt und mit tief greifenden sozialen und kulturellen Veränderungen verbunden war.
„The common practice of jumping from Bronze Age European figurines to Paläolitic Venuses and back again to neolithic material is in itself unscientific […]“
– Peter J. Ucko[61]
Für viele Vertreter der These von der Existenz historischer Matriarchate, aber auch utopischer Matriarchatsvorstellungen war die Idee eines Kults der Großen Göttin zentral. Bereits Johann Jakob Bachofen vertrat diesbezüglich spekulative Vermutungen, einflussreiche und bekannte Hypothesen über Religion und Kult historischer Matriarchate haben Robert Graves und Göttner-Abendroth vorgelegt.
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